Unsere Kirche ist täglich von 8.00 - 18.00 Uhr geöffnet. Kommen Sie doch gerne vorbei, zünden Sie eine Kerze an oder holen Sie sich die Predigt oder andere Mutmach-Texte.

300. Kirchweih

17. Sonntag nach Trinitatis

26. September 2021

 

Festgottesdienst zu 300 Jahre Evangelische Kirche Mangersreuth 26.09.2021

 

Predigt zu Röm.10,9ff.

 

 

 

Liebe Festgottesdienstgemeinde!

 

Seit 300 Jahren steht hier in Mangersreuth diese Kirche. Ich freue mich, heute diese große runde Kirchweih mit Ihnen zu feiern.

 

Die Bibelworte des heutigen Sonntags passen. Sie zielen auf das, wozu Gotteshäuser da sind: Glauben pflegen und stärken. Schon im Evangelium, das wir gerade gehört haben, ruft Jesus bestärkend: „Frau, Dein Glaube ist groß!“

 

Auch im für den heutigen Sonntag vorgesehenen Predigttext, geht es um unseren Glauben. Ich lese aus dem Römerbrief, Kapitel 10, die Verse 9ff:

 

... wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht; und wer mit dem Munde bekennt, wird selig. Denn die Schrift spricht: „Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden“. Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen. Denn „wer den Namen des Herrn anruft, wird selig werden“.

 

 

 

Zu diesem Bibelwort will ich mit Ihnen drei Schritte gehen.

 

Der erste führt uns zunächst in eine andere Kirche – aber nur um dann die Besonderheit dieser Kirche hervorzuheben.

 

Unser erstes Urlaubsziel war dieses Jahr Hrastovlje in Slowenien. Dort steht in einem idyllischen Tal eine alte Wehrkirche. Sie ist über und über ausgestaltet mit alten Fresken. Besonders der gemalte Totentanz zieht in den Bann. Er ist auf der ganzen rechten Kirchenseite auf Augenhöhe zu sehen:

 

Da führt der Tod eine Polonaise an. Alle Figuren fassen sich an den Händen, aber jede zweite Gestalt ist ein Skelett. Das eine Skelett hat einen Bauern an der Hand, das andere eine feine Dame. Alle werden zum Tanz geführt, auch der König, auch der Papst auch ein Greis, auch ein Kind. Die Botschaft ist klar: Keiner kommt dem Tod aus - früher oder später.

 

Jahre zuvor war ich schon einmal in Hrastovlje und hatte mir diesen Totentanz angeschaut. Damals ging ich versunken in Gedanken zum Auto. Kurz vor dem Einsteigen rief ich meinem Mann zu: Ich muss nochmals in die Kirche. Und lief zurück. Und tatsächlich: In der Freskenreihe direkt oberhalb des Totentanzes war in Gegenrichtung der rettende Reigen dargestellt. Christus zieht die Menschen, die sich alle an den Händen fassten aus dem Grab. Er führte eine andere, eine zutiefst fröhliche Polonaise an. Er führt alle ins Leben. Freude strahlt aus allen Gesichtern.

 

Dieser erste Besuch in Hrastovlje ist mir darum so eindrücklich, weil ich diesen Rettungsreigen durch Christus völlig übersehen hatte. Der Totentanz auf Augenhöhe war so faszinierend, dass alles andere zurücktrat. Und in den touristischen Fremdenführern wird auch nur von diesem berühmten Totentanz berichtet - nicht vom Lebenstanz.

 

So ist es auch sonst in unserem Leben und in den Nachrichten: Der Totentanz, der sich um uns herum in dieser Welt ereignet, nimmt in den Bann. Wer erzählt bei all dem Totentanz vom Tanz ins Leben durch den Auferstandenen?

 

Ihre Kirche tut es. Dafür sind die Markgrafenkirchen bekannt, dass sie den auferstandenen Heiland mit dem Siegesfähnchen in den Blick rücken und Ihre Kirche tut dies besonders kraftvoll. Wenn man hereinkommt, schaut man unwillkürlich auf ihn. Und das ist so aufbauend, denn den Totentanz haben wir ja um uns herum:

 

Die Pandemie hat uns seit März letzten Jahres in den Blick gerückt, wie schnell wir dran sein können.

 

Vom 14-jährigen Jugendlichen in Würzburg bis zur 100-jährigen im Seniorenstift wanderten allzu viele ins Grab.

 

Dann die Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, der Wirbelsturm in Haiti oder auch die Eroberung Afghanistans durch die Taliban, die noch vielen Christen dort das Leben kosten wird - oder auch ein Tod von Verwandten, Freunden oder Nachbarn. Der Totentanz ist auf Augenhöhe und hat manchmal solch eine schreckliche Bindekraft, dass wir gar nicht auf die Idee kommen an den zu denken, der Leben schenkt. Wie gut, Ihr Mangersreuther, dass er in Eurer Kirche unübersehbar ist.

 

Diese Darstellung von Elias Ränz ist die künstlerisch wertvollste Ausstattung der Kirche und es ist die zentralste. Euer auferstandener Heiland sagt Euch: Das Grab ist nicht die letzte Station. Christus wird Euch im Tod an der Hand nehmen und ins Leben führen zu sich in sein Licht.

 

Darum, liebe Dorfjugend, finde ich es so gut, dass Ihr den Kirchweihtanz pflegt. Weiter so! Eure Kirche verkündigt die Auferstehung, die Grund zur Freude, zum Tanzen ist, mitten im Leben. Wir Christen werden ins Leben gehen an der Hand Christi.

 

Ich danke dem Kirchenvorstand und den Pfarrersleuten, Frau Weber und Herrn Rix, sehr herzlich, dass diese Kirche auch werktags offen steht. So kann diese Kirche auch bei einem kurzen Besuch wochentags sprechen und die stärkende, tröstende andere Wirklichkeit in den Blick rücken, die uns Paulus in unserem Bibelwort zuruft:

 

Wenn du glaubst in deinem Herzen, dass (Jesus) Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.

 

 

 

Zweiter Gedanke zu unserem Bibelwort: „wer den Namen des Herrn anruft, wird selig werden“.

 

 

 

Den Namen des Herrn finden Sie alle über sich in dieser Kirche. Über uns strahlt der Gottesname. Jahwe steht da in hebräischen Buchstaben. Hebräisch ist eine bedeutungsoffene Sprache. Übersetzt heißt Jahwe: Ich bin, der ich bin. Oder: ich werde sein, der ich sein werde. Oder: Ich bin da.

 

Ja, Gott ist da, in Gegenwart und Zukunft.

 

Gott ist auch jetzt hier. Welches Anliegen tragen Sie in sich? Sagen Sie es Gott. Er wird helfen. Welchen Weg er dabei geht, müssen wir ihm überlassen.

 

Dass Ihr Mangersreuther hier in der Kirche an dem schmiedeeisernen Gebetsbaum die Möglichkeit habt, zum Gebet eine Kerze anzuzünden als Bekräftigung des Gebets und der Hoffnung auf Gott, das ist nur gut. Gott wird auch in Zukunft da sein, wenn Ihr betet. Das sagt sein Name, der über Euch leuchtet.

 

 

 

Und drittens verheißt das Bibelwort: wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht; und wer mit dem Munde bekennt, wird selig - wir können auch sagen: glücklich - schon hier und im ewigen Leben.

 

Mancher mag sich vielleicht fragen: Reicht es, wie ich mich zu Jesus als dem Herr bekenne? Reicht das, was ich so an Glauben in mir habe um gerettet zu sein und selig zu werden?

 

Die Bibelworte des heutigen Sonntags wollen aber gerade nicht verunsichern, auf den Zahn fühlen und das Loch im Zahn finden, sondern die Brücke bauen zu uns unperfekten Menschen.

 

 

 

Die Syrophynizische Frau war eine von den Juden verachtete Heidin. Sie hatte den falschen Glauben. Aber in ihrer Not bittet sie Jesus um Hilfe. Das ist das Entscheidende: dass sie ihre Hoffnung auf Jesus setzt.

 

Und Paulus zählt in unserem Predigtwort keine frommen Leistungen auf.

 

Paulus will ja gerade vom Gedanken der frommen Leistung wegführen zur Mitte des Glaubens. Und die ist:

 

hörbar bekennen, dass Jesus der Herr ist und im Herzen an den Auferstandenen glauben.

 

Hörbar habt Ihr Euch gerade vorhin zu Jesus als Herrn bekannt. Gemeinsam haben wir im Wechsel gerufen: Kyrie eleison, Herr erbarme Dich, Christe eleison, Christe erbarme Dich. Und ihr habt Euch zur Auferstehung Jesu bekannt im Glaubensbekenntnis, das wir gesungen haben: Ich glaube an Gott den Vater und an Jesus Christus ... auferstanden von den Toten“.

 

Doch: Waren wir da auch mit dem Herzen dabei? Paulus sagt ja: wer mit dem Herzen glaubt wird gerecht.

 

Nicht immer sind wir bei allem was wir singen, beten und bekennen mit dem Herzen dabei. Das ist aber normal, das gibt keinen Minuspunkt bei Gott. Wenn wir heute nicht mit dem Herzen dabei waren als wir gesungen haben: Herr erbarme Dich, so ist doch die Grundhaltung wichtig, dass wir ersehnen, dass Christus sich unser erbarmt, eben unser mit unserem unperfekten Glauben.

 

 

 

Unsere Jubilarin ist übrigens auch nicht perfekt. Drei Beispiele:

 

12 ist die Zahl der Vollkommenheit. Aber um den Gottesnamen Jahwe fliegen 13 Engel. Auch der 13. ist bei Gott willkommen.

 

Und: Den Einheimischen fällt vielleicht schon gar nicht mehr auf, dass die Kirche unsymmetrisch ist. Das lag einfach daran, dass es bei der Erweiterung im Jahr 1491 statisch viel einfacher war, hangaufwärts zu erweitern als hangabwärts. Trotzdem lenkt diese unsymmetrische - in gewisser Weise also unperfekte Kirche - den Blick auf die Mitte unseres Glaubens, den Auferstandenen.

 

Diese Eigenheiten machen die Kirche doch besonders liebenswert. So wie auch Sie als Mensch mit Ihren Eigenheiten von Gott geliebt sind.

 

Darum als drittes Beispiel: Magister Goldner war der Motor zum Kirchbau. Ohne ihn wäre die Ruine vollends verfallen. Doch: Er war solch ein so kantiger, schwieriger Mann, dass er nach seiner Einweihungspredigt Predigtverbot erhielt. Nun, ich hoffe, dass mir das nach meiner Kirchweihpredigt erspart bleibt. Doch auch ihn hat Gott gebraucht. Diesen Gedanken nimmt auch Bernd Winkler in seiner neuen Chronik auf, auf die Sie sich freuen können.

 

Diese drei Beispiele von Unvollkommenheit können uns sagen, dass unser Gott uns trotzdem brauchen kann und will, uns mit unserem unperfekten Glauben. Frau, Dein Glaube ist groß. Mann, Dein Glaube ist groß. Geh den Weg des Vertrauens auf Jesus weiter.

 

Amen.

 

Predigt der Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner

 

 

 

 

 


16. Sonntag nach Trinitatis

Vorstellung der neuen Konfirmanden

19. September 2021

16. Sonntag nach Trinitatis        19.9.2021    Klgl 3,26-26.31-33

Unser Anfang geschehe im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes – Amen

Ich begrüße Sie unserem Gottesdienst am 16. Sonntag nach Trinitatis.
Einen schönen „Back-to-church“ Gottesdienst haben wir vor zwei Jahren am ersten Sonntag nach den Ferien gefeiert.
Den Back-to-church Gottesdienst wollten wir fest in unser Programm aufnehmen.
Doch dann kam Corona.
Darum feiern wir heute einen Back-to-church Gottesdienst im verkleinerten Rahmen für die jungen Menschen, die unsere Gemeinde in die Zukunft führen werden – nämlich für unsere Konfirmanden.
Herzlich willkommen zurück aus den Ferien zusammen mit Euren Angehörigen.

Weil der Himmel in unserer Kirche immer in einem freundlichen himmelblau leuchtet, darum dürfen wir nun das Lied singen „Gott des Himmels und der Erden…“
Endlich seit langer Zeit ohne Maske…


Eingangsgebet

Zu wunderbar empfinden wir, Gott, manchmal wie du hilfst.
Zu unglaublich, zu unwahrscheinlich kommt es uns vor.
So unwahrscheinlich, dass wir sagen: Glück oder Zufall.
Oder manchmal so nahe liegend, dass wir es als selbstver-ständlich auffassen.
Öffne unsere Ohren und unsere Herzen, Gott,
damit wir spüren, wie du als der gute Vater des Himmels mit uns durch das Leben gehst,
damit wir nicht aufhören dich zu loben,
weil du in Jesus Christus Mensch geworden bist und durch deinen Heiligen Geist für Menschlichkeit sorgst, heute und in Zukunft.
Amen



Das Predigtwort für diesen Gottesdienst steht bei den Klageliedern des Propheten Jeremia im dritten Kapitel

22 Von Gottes Güte kommt es, dass wir noch leben.
Sein Erbarmen ist noch nicht zu Ende,
23 seine Liebe ist jeden Morgen neu
und seine Treue unfassbar groß.
24 Ich sage:
Der HERR ist mein Ein und Alles;
darum setze ich meine Hoffnung auf ihn.
25 Der HERR ist gut zu denen, die nach ihm fragen,
zu allen, die seine Nähe suchen.
26 Darum ist es das Beste, zu schweigen
und auf die Hilfe des HERRN zu warten.

31 Der Herr verstößt uns nicht für immer.
32 Auch wenn er uns Leiden schickt,
erbarmt er sich doch wieder über uns,
weil seine Liebe so reich und groß ist.
33 Es macht ihm selbst keine Freude,
seinen Kindern Schmerz und Kummer zu bereiten.


Liebe Gemeinde,

ein Klagelied als Bibelwort zur Vorstellung unserer neuen Konfirmanden?
Ein Klagelied zum ersten Gottesdienst nach den großen Ferien, den wir nun endlich wieder ohne Masken feiern dürfen?
Ja, auch ich hätte mir gerne eine fröhlichere Bibelstelle gewünscht als die heutige, die mit den Worten beginnt:
>> Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind… <<
Doch wenn wir genauer hinschauen…
Wenn wir das Klagelied auf uns wirken lassen, dann merken wir sehr schnell…
Hier spricht einer zu uns, der ehrlich von seinem Glauben redet…
Einer, der uns nichts vorgaukelt …
Einer, der im Glauben von Gott hart geprüft wurde.

Und plötzlich spricht mich diese Bibelstelle an.

Da freut sich einer über seinen beruflichen Aufstieg – wie er meint.
Zehn Jahre lang arbeitet er bei der gleichen Firma, zwar auf einen sicheren Arbeitsplatz, aber irgendwie wiederholt sich alles, irgendwie befriedigt die Arbeit nicht mehr und eine Chance auf einen Aufstieg ist nicht in Sicht.
Da liest er die Anzeige in der Zeitung, bewirbt sich und wird angenommen.
Er freut sich, kniet sich hinein in die neue Aufgabe und gibt sein Bestes.
Einen Tag vor dem Ende der Probezeit ruft ihn der Chef zu sich.
Erwartungsfroh betritt er das Zimmer.
Er rechnet damit, gelobt zu werden für sein Engagement und einen festen Vertrag zu bekommen.
Doch dann kommt die böse Überraschung.
„Ab morgen können Sie zu Hause bleiben!
Wir haben es uns anders überlegt“!
Auftragseinbrüche, Corona und sonstige Ausreden werden bemüht.
Dann die wenig tröstlichen Worte…:
„Ich wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft“.
Da bricht für einen eine Welt zusammen.
Was wird die Frau sagen?
Das Haus ist nicht abbezahlt.
Der große Sohn kommt gerade ins Gymnasium.
Viele Schuljahre stehen ihm noch bevor.
Und danach dieses Wechselbad an Wut auf den Chef und Selbstvorwürfen:
War ich zu forsch, weil ich den sicheren alten Arbeitsplatz verlassen habe?
Oder habe ich zu wenig geleistet?
Wieso muss das gerade mir passieren?
Warum war mir kein glücklicher Neuanfang gegönnt?

Kennen Sie nicht auch die vermeintlich glückliche Familie aus der Nachbarschaft?
Silberhochzeit, ein rauschendes Fest.
Die Kinder haben die Ausbildung beendet und machen sich selbstständig.
Alle denken:
>> Na, die beiden habe es geschafft.
Die können sich jetzt ein paar schöne Jahre gönnen und einen Gang runterschalten. <<
Doch ein Jahr später gehen die ersten Gerüchte um.
Und dann wird es sichtbar.
Der Möbelwagen steht vor der Tür.
Er zieht aus, weil er eine Jüngere kennen gelernt hat, bei der er sich so viel wohler fühlt – wie er sagt.
Was wird da zerstört an Vertrauen, an Hoffnung und an Lebensplänen?

Endlos ließe sich die Liste fortsetzen.
Wohl jeder von uns weiß seine ganz persönliche Geschichte zu erzählen, in der es um Erfahrungen geht, die ihn an Gott zweifeln lassen.

Gerade aber im Zweifel gewinnt der Glaube an Tiefgang.
Wer von Gott vor eine scheinbar ausweglose Situation gestellt wird, der muss sich entscheiden, welchen Weg er einschlägt.
Er kann verbissen, mit Wut im Bauch, kämpfen und auf seine eigene Kraft vertrauen.
Er kann verzagen, die Hände in den Schoß legen und sein Schicksal bejammern.
Er kann fliehen in die Scheinwelt von Drogen, Tabletten oder Alkohol und sich dabei aus der Wirklichkeit ausklinken.
Er kann aber auch das tun, wozu uns die Klagelieder ermutigen.

Er kann die Hände zum Gebet falten und Gott um Hilfe bitten.

„Meine Seele sagt mir, dass du an mich denkst.
Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht völlig verloren sind, weil seine Barmherzigkeit nicht aufhört.
Seine Barmherzigkeit ist jeden Morgen neu und seine Treue groß.
Auf Gott kann ich mich verlassen, denn er steht zu mir.
Denn Gott ist freundlich zu jedem, der seine Hilfe erwarten kann und der nach ihm fragt.
Es ist gut, geduldig zu sein und auf Gottes Hilfe zu hoffen.
Auch wenn er uns Leiden schickt, erbarmt er sich doch wieder über uns, weil seine Treue zu uns so groß ist.
Denn für ihn ist es keine Herzensfreude, die Menschenkinder zu betrüben“.

Ehrlich wird da geredet, ehrlich vom Leben und ehrlich vom Glauben.
Ja, die Wenigsten können von einem Gott erzählen, der es ihnen immer gut hat gehen lassen.
Der „liebe Gott“ liebt uns wirklich.
Aber gerade weil er uns liebt, erspart er uns nicht die Mühe, bitteren Erlebnissen ausgesetzt zu sein und sie durchzustehen.
In jedem Gottesdienst hier in Mangersreuth blicken wir auf das Bild des knienden und bittenden Jesus, der seinen Leidensweg erahnt und seinen Vater bittet:
„Lass diesen Kelch an mir vorübergehen.
Aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“
Ja, Gott hat auch seinem Sohn das Leiden nicht erspart hat.
Machen wir uns bewusst, dass dieses Bild über dem Altar keinen Zierrat bildet, sondern uns spüren lässt, wie Gott da seinem eigenen Sohn die äußerste Belastungsprobe des Glaubens zumutet.
„Nicht mein, sondern dein Wille geschehe…“ so hat Jesus in dieser Stunde gebetet.
Doch er hat dieses Gebet nicht gesprochen, wie einer die kalten Fanatiker, die an eine Ideologie oder eine rechthaberische Lehre glauben.
Jesus hat den, dessen Wille geschehen soll, als Vater angeredet.
„Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe…“
So dürfen auch wir Menschenkinder beten, wenn Gott uns Erfahrungen zumutet, die uns an seiner Liebe zweifeln lassen.
Gott, der Vater Jesu, führt uns nicht zu einem Kinderglauben, auf weichen Polstern und bequemen Kissen.
Gott, der Vater Jesu, setzt uns Wind und Wetter aus, damit sich unser Glaube bewährt, auch in den Stürmen des Lebens.
Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie die Kirche, die in ihrer Geschichte so oft durchgebeutelt wurde, gerade aus den Zeiten der Bedrängnis gestärkt hervorging.
Es ist doch immer wieder überraschend, wie viele Kinder wir in den vergangenen Wochen taufen durften, weil die Eltern Vertrauen in den Gott haben, der ihren Kindern auch dann beisteht, wenn die Eltern nicht an der Seite ihrer Kinder sein können.
Auf Gott können wir uns verlassen, auf den Gott, er nicht nur ein Schönwettergott ist, sondern ein Gott der Zuversicht, ein Gott des Ausharrens, ein Gott der Hoffnung und ein Gott der Auferstehung.
Dieser Gott begleitet uns – in Höhen und Tiefen,
in Freud und Leid,
in Stunden des Erfolgs ebenso wie in Stunden der Enttäuschung.
Jeder von uns hat gelernt, dass nicht alles, was wir uns wünschen, Wirklichkeit geworden ist.
Wir haben aber auch erfahren dürfen, wie Gott sich über uns erbarmt.
Er vertraut uns junge Christen an, die sich auf ihre Konfirmation vorbereiten.
Ihr als kommende Konfirmanden habt in den letzten beiden Jahren auf vieles verzichten müssen, was lange als selbstverständlich galt.
Doch mit einer bewundernswerten Disziplin habt Ihr mit Euren Familien das Beste aus dieser Situation gemacht und dabei vieles hinzugelernt, was Ihr nun nicht mehr missen möchtet.

Dafür wollen wir dankbar sein.
Denn Gottes Barmherzigkeit ist neu – alle Morgen.
Und seine Güte ist groß.


Amen

Es grüßt Sie Ihr Pfarrer Jürgen Rix

 


15. Sonntag nach Trinitatis

12. September 2021

Lukas 17, 5.6, 15. Sonntag nach Trinitatis

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Heute haben wir einen Predigttext wie ein Senfkorn so klein:

Die Apostel sprachen zu dem Herrn: „Stärke unseren Glauben!“ Der Herr aber sprach: „Wenn euer Glaube nur so groß ist wie ein Senfkorn, könnt ihr diesem Maulbeerbaum befehlen: Zieh deine Wurzeln aus der Erde und verpflanze dich ins Meer – und er wird euch gehorchen.“

 

Liebe Gemeinde, was suchen Sie hier eigentlich? Ich hoffe mal, dass Sie jetzt nicht innerlich antworten „Ja, das frag ich mich auch!“, sondern ja schon konkrete Erwartungen haben. Ich behaupte mal, dass die meisten wohl schon erwarten, dass hier in der Kirche über den Glauben nachgedacht wird. Das kann man auch erwarten, denn Glauben – das ist ja gar nicht so einfach festzumachen. Was ist Glauben?

Einige würden jetzt sicher sagen: „Glaube, das ist etwas ganz Wichtiges für mich. Ohne Glauben, ohne Gott kann ich mir mein Leben gar nicht vorstellen!“

Andere würden vielleicht eher sagen: „Na ja, so einen großen Glauben hab ich, glaub ich, gar nicht. Beten tu ich auch nicht dauernd. Ob er wohl reicht, mein Glaube?“

Und noch andere würden es vielleicht so auf den Punkt bringen: „Na ja, manchmal glaube ich schon ganz fest und spüre Gottes Nähe in meinem Leben. Und manchmal ist das alles weit weg und dann zweifle ich eher an Gottes Existenz!“

Oft hängt unser Glaube auch von der Lebenssituation ab:

Wenn wir spüren, dass wir feste und liebevolle Beziehungen haben, wenn eine Freundschaft uns beglückt oder wenn jemand, um den wir gebangt haben, wieder gesund aus dem Krankenhaus entlassen wird, wenn ein Kind gesund geboren wird – in solchen Situationen erklärt sich das Leben sozusagen selbst. Es passt. Und würde dann jemand nach unserem Glauben fragen, so würde man wahrscheinlich von Zufriedenheit sprechen und von Dankbarkeit, dass man solch kostbare Dinge erleben darf.

Es gibt allerdings auch hier noch eine andere Seite: Wozu braucht man Glauben, wenn doch alles läuft, man alles im Griff hat. Manchmal fällt der Glaube gerade dann aus dem Leben der Menschen heraus, wenn es ihnen gut geht.

Ganz anders, wenn das Leben aus dem Ruder läuft und Leid und Schmerz zur Realität werden. Leiden in seinen vielfältigen Formen hat schon immer den Glauben herausgefordert - und auch wieder in Frage gestellt. Auch in schlechten Zeiten haben viele schon ihren Glauben aufgegeben: Wenn die Welt nicht so ist, wie man sie will und wenn Gott anscheinend nichts tut dagegen – wozu sollte man dann Gott brauchen; das ist auch hier die Frage.

Glauben – ja, er kann groß, er kann klein sein. Und oft wechselt das ganz schnell hin und her. Den Jüngern ging es anscheinend genauso, denn sie bitten Jesus, dass er ihnen ihren Glauben stärken soll. Und da antwortet Jesus mit dem Senfkornwort:

„Wenn euer Glaube nur senfkorngroß ist“, so sagt er, „dann könnt ihr damit Berge versetzen und Bäume ausreißen.“

Geht’s mir gerade gut, denke ich: „Ja, genau so ist es!“ Geht’s mir gerade schlecht, denke ich: „Da bin ich aber weit davon entfernt!“

Ich möchte Ihnen heute ein paar Senfkorngeschichten erzählen, die ich gelesen habe über andere Menschen und die von guten Zeiten und schlechten Zeiten erzählen, von großem Glauben und kleinem Glauben, der wachsen konnte.

 

Die erste Geschichte handelt von einer alten Dame. Sie erzählt, wie ihre Leidenschaft, als sie noch jung war, ganz dem Ballett gehörte. Viele, viele Stunden trainierte sie, bis ihr Körper ganz und gar durchtrainiert war. Und das Tanzen und Springen machte ihr unendlich viel Freude. Dann wurde sie krank. Kinderlähmung. Ein Mittel gab es damals noch nicht. Sie spürte, wie ihr Körper mehr und mehr von der Lähmung ergriffen wird. Viele bemühen sich um sie und versuchen sie zu ermutigen. Auch der Pfarrer kommt oft und lässt sie Bibelsprüche ziehen. Und immer wieder las sie „Der Herr hilft mir.“ Aber es wurde immer schlimmer mit ihr. Schließlich lag sie im Bett und konnte nicht mal mehr die Augen öffnen. Da hörte sie, wie einer der Ärzte von ihr als „der Sterbenden“ sprach. Und es ergriff sie ein ungeheurer Zorn, verbunden mit dem Gedanken: „Aber der Herr hilft mir.“ Ist’s der Zorn gewesen oder vielleicht doch Gott: Alle Kräfte in ihr mobilisieren sich, die Ärzte sehen es voller Erstaunen und tun noch mal ihr Möglichstes – und unglaublich, eines Morgens kann sie ihre Zehen wieder bewegen. Recht erklären kann man es nicht. Mit eiserner Energie trainiert sie ihren Körper und lernt wieder laufen. Weil die gelähmten Stellen im Körper günstig verteilt sind und weil sie durch das Ballett gestählt ist, merkt ihr später kaum jemand an, dass sie zu Teilen gelähmt ist.

Senfkornhoffnung in dieser Geschichte, großes Leid, großer Zorn und ein Satz aus der Bibel „Aber der Herr hilft mir.“

 

Eine zweite Geschichte: Da erzählt jemand, wie er einst seine Noten vom Examen erfuhr – und die waren nicht so toll. Er muss in drei von vier Fächern eine gute, ja, sehr gute mündliche Prüfung schaffen, damit er noch bestehen kann. Aussichtslos, so sah er das. Aber da ergreifen seine Freunde die Initiative. Sie sind überzeugt: Du schaffst das. Und sie reden nicht nur, sondern lernen mit ihm. Reihum, sozusagen Tag und Nacht. Sie stecken ihn an mit ihrem Glauben, machen ihm Mut und bleiben dran, wochenlang. Während der Prüfungen sitzen immer zwei Freunde vor der Tür und beten für ihn. Und an vielen anderen Orten tun das andere auch. Er sagt: „So viele haben in dieser Zeit an mich geglaubt, haben für mich gehofft, gebetet, auf mich gesetzt und auf den lieben Gott vertraut - ich glaube, da konnte sich keiner entziehen, ich nicht, und der liebe Gott anscheinend auch nicht.“ Am Ende hat er es tatsächlich geschafft.

Senfkornhoffnung; viele treue Freunde, die sozusagen stellvertretend für ihren Freund mitglauben.

 

Die dritte Geschichte hätte auch so ein Ende verdient, geht aber ganz anders aus. Eine 17-jährige wird im Hospiz eingeliefert. Sie ist schwer krank und wird sterben. Als Begleitung möchte sie jemand, der ähnlich jung ist wie sie. Aber die älteste Mitarbeiterin ist schon 45. Da fragen die MitarbeiterInnen herum und tatsächlich, die beiden Söhne einer Frau, 15 und 17 Jahre alt, völlig unerfahren in diesen Dingen, machen mit.

Die Jugendlichen mögen sich spontan und dann werden es noch intensive, sogar schöne letzte Wochen im Leben des Mädchens. Bevor sie stirbt, knöpft sie sich die beiden noch einmal vor: „He“, sagt sie, „ihr macht beide euer Abitur, klar?“ Sie hat nämlich von der Schulunlust der Beiden etwas mitbekommen. „Macht es für mich mit“, bittet sie, „ich wäre so froh, wenn ich noch Abi machen könnte.“

Ein Jahr später hat der Ältere tatsächlich sein Abitur in der Tasche. Auf dem Friedhof vor ihrem Grab zieht er es heraus und zeigt es ihr: „Schau, ich hab’s geschafft“, sagt er, „aber leicht war’s nicht!“ Senfkornglaube, große Hoffnung, dennoch der Tod, und sicher mindestens Zwei, die etwas gelernt haben über Glauben und über Treue.

 

Eine letzte Geschichte. Mittelalter. Ein Mönch namens Martin Luther. Erfüllt von panischer Angst. Gott ist so streng. So unbarmherzig. Wie soll man nur gerecht vor ihm werden können. Martin Luther probiert alles, gibt sein altes Leben auf, wird Mönch, betet und fastet bis zum Umfallen. Aber die Angst bleibt. Ein guter Freund verdonnert ihn dazu, die Bibel zu studieren – und dann entdeckt er den barmherzigen und freundlichen Gott, der uns Glauben schenkt – und uns damit gerecht macht. Gar nicht mehr so lange hin, dann ist Reformationstag. Wir wissen, was aus dem von Panik erfüllten, zweifelnden, mit Gott hadernden Mönch geworden ist. Senfkornglauben, Senfkornhoffnung – groß geworden.

 

Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Großer Glaube, kleiner Glaube. Ein Gott, der unser Flehen erhört und ein Gott, der es scheinbar nicht tut.

Lebensfragen nach dem Woher, Wohin, Warum. Keine Patentantworten, aber ein ganz winziger Glaube genügt, den wir selber haben oder den andere stellvertretend für uns haben, nur ein Spinnwebfaden, der uns verbindet mit Gott. Auch unser Zorn, auch unsre Zweifel, auch unsere Verzweiflung, sogar der Tod vermag solch ein Spinnwebfaden hoch in den Himmel sein. Genau wie unsere Freude, unsere Dankbarkeit und Zufriedenheit und die Freundschaft und Liebe derer, die an uns glauben und für uns glauben, wenn wir es gerade nicht können. Hauptsache, wir bleiben in Verbindung mit Gott, im Lachen und Weinen, im Leben und Sterben, im Hoffen und Zweifeln. Denn ein winziges Körnchen genügt, um alles neu und alles möglich werden zu lassen. Genau darin ist unser Gott ein Spezialist, dass aus Kleinstem Großes werden kann, aus dem Tod das Leben wächst und aus der Verzweiflung die Hoffnung. Unser Glaube muss nicht riesig und ohne Zweifel sein; ein bisschen was genügt – den Rest tut eh Gott. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser menschliches Begreifen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Ihre Pfarrerin Bettina Weber

 

Kleines Senfkorn Hoffnung

 

Kleines Senfkorn Hoffnung, mir umsonst geschenkt, werde ich dich pflanzen, dass du weiter wächst, dass du wirst zum Baume, der uns Schatten wirft, Früchte trägt für alle, alle, die in Ängsten sind.

 

Kleiner Funke Hoffnung, mir umsonst geschenkt, werde ich dich nähren, dass du überspringst, dass du wirst zur Flamme, die uns leuchten kann, Feuer schlägt in alle, alle, die im Finstern sind.

 

Kleine Träne Hoffnung, mir umsonst geschenkt, werde ich dich weinen, dass dich jeder sieht, dass du wirst zur Trauer, die uns handeln macht, leiden lässt mit allen, allen, die in Nöten sind.

 

Kleine Münze Hoffnung, mir umsonst geschenkt, werde ich dich teilen, dass du Zinsen trägst, dass du wirst zur Gabe, die uns leben lässt, Reichtum selbst für alle, alle, die in Armut sind.

 

(Text: Alois Albrecht, Melodie: Ludger Edelkötter; Rechte: KiMu Verlag GmbH, Essen)

14. Sonntag n. Trinitatis

5. September 2021

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Der Predigttext für heute steht im 1. Thessalonicherbrief, Kap. 5, Verse 14-24:

Wir ermahnen euch aber: Weist die Nachlässigen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig mit jedermann. Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach, füreinander und für jedermann.

Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.

Den Geist löscht nicht aus. Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt.

Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für das Kommen unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist er, der euch ruft; er wird’s auch tun.

 

Liebe Gemeinde,

das sind eine ganze Menge Aufforderungen, die Paulus uns da zu hören gibt. „Die kann man ja unmöglich alle erfüllen!“ – mag unser erster Gedanke dazu sein. Ich kann das jedenfalls unmöglich alles im Detail predigen, sonst würde es etwas länger als gewohnt dauern. Deshalb habe ich beispielhaft drei Verse ausgewählt, die mir besonders im Kopf herumgegangen sind. Der erste heißt „Seid dankbar in allen Dingen.“ Der zweite: „Betet ohne Unterlass!“, der dritte „Löscht den Geist nicht aus“.

Seid dankbar in allen Dingen: Das hat mich an ein Kalenderblatt erinnert, das ich viele Jahre lang aufgehoben habe, weil es mich so angesprochen hat. Da sitzt eine Frau, gekleidet mit einem Sari, in der Hocke auf dem Boden, vor ihr ein Haufen trockener Reis. Die Frau ist dabei, Steinchen und Spreu aus dem Reis heraus zu sortieren. Unter dem Bild steht:

„Wer ein Kind sieht, soll an den denken, der uns das Leben schenkt.

Wer Reis in der Schüssel hat, soll an den denken, der die Pflanze gehegt hat.

Wer Obst isst, soll an den denken, der den Baum gepflanzt hat.

Wer Wasser trinkt, soll an den denken, der den Brunnen gebohrt hat.“

 

Mit diesem Spruch wird deutlich, dass das Danken nicht einfach nur eine Höflichkeitsfloskel sein sollte, schnell nebenher einfach heruntergebetet, sondern dass das Danken vielmehr mit gründlichem Denken zu tun hat. Danken ist Denken. Bald werden wir wieder überall in den Kirchen Erntedank feiern. In vielen Kirchen werden dann wieder wahre Kunstwerke aufgebaut werden und ein Feuerwerk an Farben wird einem entgegenleuchten: Kohlköpfe und Äpfel, Kürbisse und Karotten, Zwetschgen und Sonnenblumen, Getreideähren und Blumen.

Und das alles soll uns zum Danken, aber eben auch zum Denken anregen. Danken heißt Zusammenhänge bedenken. Wenn wir das tun, erkennen wir, wie sehr wir angewiesen sind auf andere Menschen. Ohne unsere Eltern wären wir gar nicht geboren: Sie haben uns das Leben geschenkt. Ohne Menschen, die uns beim Erwachsenwerden begleitet haben, wären wir nicht die, die wir sind. Ohne unsere Landwirte/Landwirtinnen gäbe es nichts, was wir zum Essen verarbeiten könnten. Ohne die vielen engagierten Menschen von den Pflegediensten könnte manch älterer Mensch nicht mehr zuhause bleiben. Ohne Freunde wäre das manchmal schwere Leben noch schwerer.

Wir verdanken unser Leben, so wie wir es lieben und auch gewohnt sind, oft anderen und wer dem nach-denkt, wird 1000 Anlässe finden, um dankbar zu sein.

Schön wäre es, wenn wir Christen an der Dankbarkeit sogar auch erkannt werden würden. „Seid dankbar in allen Dingen“ – so schreibt es Paulus. Dankbarkeit als Visitenkarte sozusagen. Denn wer nachdenkt über sein Leben und über diese Welt, der wird auch immer wieder ankommen bei dem, dem wir alles verdanken. Letztlich zielt unser menschliches Denken immer auf den Grund allen Seins und wir Christen sagen: Dieser Grund, das ist unser Gott, der sich in Jesus Christus gezeigt hat und der sich als Mensch und Bruder an unsere Seite gestellt hat. Viel Grund, sehr viel Grund, um zu danken.

Dankbar sein – das fällt nicht schwer, wenn es uns gut geht. Es fällt nicht schwer, wenn ein gesundes Kind geboren wird. Es fällt nicht schwer, wenn wir uns selber guter Gesundheit erfreuen können. Es fällt nicht schwer, wenn man eine Eins oder Zwei in der Schule geschrieben hat. Es fällt nicht schwer, wenn die Wohnung warm und der Kühlschrank voll ist und ein Auto in der Garage steht.

Paulus sagt aber: „Seid dankbar für alles!“ – Für alles danken, was uns so begegnet? Was denkt sich Paulus denn dabei? Soll ich danken für die miese Laune eines Menschen, der mir damit auch den Tag verdirbt? Soll ich danken für Misserfolge, für zerbrochene Beziehungen, für Mobbing in der Schule, für so grausige Erkrankungen wie Krebs oder Corona? Soll ich danken für Ungerechtigkeiten und Terror und Lügen – für all das, was ich täglich um 20.00 Uhr im Fernsehen sehe? Also ehrlich, da vergeht mir in der Regel jeglicher Dank. Da packt mich eher das pure Entsetzen oder tiefe Resignation. Nein, denke ich, nein, Paulus, da liegst du falsch – für alles dankbar sein, das geht nicht!

Aber lassen wir es trotzdem grad mal so stehen und gehen zum nächsten Vers, der mit seinem Anspruch ebenso heraussticht: „Betet ohne Unterlass, ohne Unterbrechung.“ Das klingt irgendwie wie eine Anordnung, die man erfüllen soll. Und wenn man sie erfüllt, dann passt’s. So ähnlich wie diese Gesundheitsratschläge, die man überall um die Ohren bekommt. An apple a day keeps the doctor away: Der tägliche Apfel hält den Arzt fern. Oder: Putz mindestens zweimal täglich die Zähne. Oder: Beweg dich jeden Tag mindestens eine Viertelstunde an der frischen Luft.

Bete ohne Unterbrechung!

Irgendwie seltsam, oder? Also, ich kann einen Menschen ja durchaus fragen, ob er heute schon einen Apfel gegessen hat oder schon draußen war und wenn nicht, kann ich es ihm empfehlen, damit er gesund bleibt. Aber kann ich fragen: „Hast du heute schon gebetet?“ Oder noch besser: „Vergiss fei ned, ständig zu beten!“

Ständig beten – wie soll das gehen. Da wär ja für nichts anderes mehr Zeit.

Wir merken schon, so kann es nicht gemeint sein. Ständig beten meint vielmehr tatsächlich auch nicht eine einzelne Handlung, sondern vielmehr eine ganze Lebenshaltung, meint ein Leben vor Gott. Da geht es nicht ums Reden, Formulieren, um Worte oder dass man eine bestimmte Gebetsposition einnimmt, niederkniet, die Hände faltet und dazu womöglich auch noch einen besonderen Ort, z.B. eine Kirche aufsuchen muss. Das lässt sich nicht dauernd durchführen – und es ist eben auch so nicht gemeint. Es geht vielmehr um ein sich immer wieder Bewusstmachen, dass wir unser ganzes Leben mit Gott in Verbindung bringen sollen. Vorhin hab ich gesagt, dass sich Gott als unser Bruder an die Seite gestellt hat. Mir hilft das oft, wenn ich mir das ganz konkret vorstelle und diesen Bruder an meiner Seite dann einbeziehe in meinen Alltag. In meinen Alltag. Das ist das Stichwort. Alltag bedeutet, dass sich ganz normale Dinge mit ganz besonders schönen Dingen und ganz besonders schlimmen Dingen abwechselt. Genau da will Gott drin sein, will er neben uns stehen. Genau da können wir ihn ansprechen wie eben einen guten Freund. Mit einem wirklichen Freund/einer wirklichen Freundin reden wir ja auch immer: Mit Freunden lachen wir und weinen wir. Bei Freunden können wir mal Dampf ablassen oder über etwas klagen oder auch schweigen. Genau so sollen wir beten, immer, in allen Lebenssituationen. Beten heißt nicht nur danken, sondern eben auch klagen, fragen, schweigen oder murren.

Beten ist so auch eine Form des Denkens, des an Gott Denkens und eben nicht nur mal eine Stunde in der Kirche, sondern immer und immer wieder. Diese Art des Betens, diese Lebenshaltung, soll uns in Fleisch und Blut übergehen, vergleichbar mit dem Atmen. Wir erinnern uns ja auch nicht bewusst daran zu atmen, so in dem Sinn „ich sollte es mal wieder tun“, sondern wir tun es einfach. Wir müssen es tun, sonst sterben wir. So soll es auch mit dem Beten, dem Reden mit Gott sein: Es einfach zu tun, immer und immer wieder, regelmäßig, völlig unabhängig davon, in welcher Situation oder an welchem Ort wir gerade sind. Und tun wir es nicht, so löst sich unser Leben von Gott; drastisch gesagt: Dann sterben wir den geistlichen Tod und das wirkt sich auf unser ganzes Leben aus.

Aber wenn es gelingt, das Beten mehr und mehr zu einer Lebenshaltung werden zu lassen, dann wird es irgendwann ganz selbstverständlich sein, dass wir es dann eben auch nicht nur tun, wenn wir gerade Grund zum Danken haben, sondern immer im Leben - und das eröffnet oft Türen und Möglichkeiten, die vorher gar nicht sichtbar, geschweige denn planbar sind. Der Geist Gottes weht wann und wo er will, warum also gerade nicht in einem geseufzten, geklagten, geschrienen Gebet. Gerade diese Gebete kommen doch von Herzen.

Und weil der Geist gerade schon aufgetaucht ist, noch ein paar Gedanken zum V 19, wo es heißt: „Löscht den Geist nicht aus“.

Auslöschen: Man löscht ein Feuer aus oder Erinnerungen werden gelöscht. Und dann ist etwas weg. Den Geist auslöschen würde bedeuten, dass wir unsere Erinnerungen an Gott löschen, indem wir uns z.B. mit der Bibel nicht mehr beschäftigen. Wenn wir nicht mehr wissen, was da drin steht, wenn wir es nicht mehr unseren Kindern und Enkeln weitererzählen – wenn wir das machen, legen wir eine der wichtigsten Quellen des Trostes und der Zuversicht trocken, die wir haben. Es ist das genaue Gegenteil zum ständigen Reden mit Gott. Jeder entscheidet das für sich, wie er oder sie leben möchte, aber die nachfolgenden Generationen haben das Recht, wenigstens davon zu hören.

Gott sei Dank, und damit möchte ich schließen, hat das letzte Wort aber immer Gott selbst. Wir können uns ihm verschließen, aber den Geist auslöschen, so richtig, dass er weg wäre, das können wir nicht. Das haben schon ganz andere versucht, indem sie Jesus mundtot machten, auf grausamste Weise, aber den Geist konnten sie nicht töten. Das kann niemand. Und das macht Mut. Wir müssen nicht alles aus uns selbst nehmen. Das Wichtigste wird uns geschenkt.

Seid dankbar, auch dafür. Redet immer mit Gott und haltet die Erinnerung an ihn lebendig. Das alles verhilft zu einem guten Leben, für sich selbst und andere. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles menschliche Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Chr. J. Amen.

 

                               Einen schönen Sonntag wünscht Ihnen Ihre Pfarrerin Bettina Weber

 

Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren,

 meine geliebete Seele, das ist mein Begehren.

 Kommet zuhauf, Psalter und Harfe, wacht auf,

 lasset den Lobgesang hören.

 

Lobe den Herren, was in mir ist, lobe den Namen.

 Alles, was Odem hat, lobe mit Abrahams Samen.

 Er ist dein Licht! Seele, vergiss es ja nicht.

 Lobende, schließe mit Amen!

 

                                                                                                                                                      (EG 317, 1.5, Text Joachim Neander)

 

13. Sonntag n. Trinitatis

29. August 2021

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

der PT ist heute aus dem Alten Testament, dem 1. Buch Mose. Es ist die Geschichte von Kain und Abel. Diese Geschichte gehört zu den sogenannten Urgeschichten. Urgeschichten sind quasi das Vorwort vor der eigentlichen Heilsgeschichte, die dann mit Abraham beginnt. In diesem Vorwort werden die Grundfragen der Menschheit bedacht. Zu diesen Grundfragen gehören z.B. Fragen wie „Wer hat die Welt erschaffen“ oder „Woher kommt das Böse in der Welt?“ oder eben auch „Was ist typisch Mensch?“ Leider ist es nicht nur typisch Mensch, dass er zu Liebe und Mitgefühl fähig ist, sondern eben auch zu Gleichgültigkeit und Hass. Die Geschichte von Kain und Abel beschäftigt sich mit solch einer negativen Seite des Menschseins. Wir hören aus 1.Mose 4, die Verse 1-16:

Adam schlief mit seiner Frau Eva. Sie wurde schwanger und brachte Kain zur Welt. Da sagte sie: „Mithilfe des Herrn habe ich einen Sohn bekommen. Danach brachte sie seinen Bruder Abel zur Welt. Abel wurde Hirte und Kain wurde Ackerbauer.

Eines Tages brachte Kain dem Herrn von dem Ertrag seines Feldes eine Opfergabe dar. Auch Abel brachte ein Opfer dar: die erstgeborenen Tiere seiner Herde und ihr Fett. Der Herr schaute wohlwollend auf Abel und sein Opfer. Doch Kain und sein Opfer schaute er nicht wohlwollend an. Da packte Kain der Zorn und er blickte finster zu Boden. Der Herr fragte Kann: „Warum bist du so zornig, und warum blickst du zu Boden? Ist es nicht so: Wenn du Gutes planst, kannst du den Blick frei erheben. Hast du jedoch nichts Gutes im Sinn, dann lauert die Sünde an der Tür. Sie lockt dich, aber du darfst ihr nicht nachgeben!“

Kain sagte zu seinem Bruder Abel: „Lass uns aufs Feld gehen!“ Als sie auf dem Feld waren, fiel Kain über seinen Bruder Abel her und erschlug ihn. Da sagte der Herr zu Kain: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Kain antwortete: „Das weiß ich nicht. Bin ich dazu da, auf meinen Bruder achtzugeben?“ Der Herr entgegnete ihm: „Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit vom Ackerboden zu mir. Verflucht sollst du sein, verbannt vom Ackerboden, den deine Hand mit seinem Blut getränkt hat. Wenn du ihn bearbeitest, wird er dir künftig keinen Ertrag mehr bringen. Du wirst ein heimatloser Flüchtling sein und von Ort zu Ort ziehen.“

Kain erwiderte dem Herrn: „Die Strafe ist zu schwer für mich. Du verjagst mich jetzt vom Ackerland und verbannst mich aus deiner Gegenwart. Als heimatloser Flüchtling muss ich von Ort zu Ort ziehen. Jeder, dem ich begegne, kann mich erschlagen.“

Der Herr antwortete: „Das soll nicht geschehen! Wer Kain tötet, an dem soll es siebenfach gerächt werden.“ Der Herr machte ein Zeichen an Kain. Niemand, der ihm begegnete, durfte ihn töten. Kain zog fort, weg vom Herrn, und ließ sich im Land Nod nieder. Das liegt östlich des Gartens Eden.

 

Liebe Gemeinde,

der 13. Sonntag nach Trinitatis steht unter dem Thema „Liebe und Barmherzigkeit“. Und dann hören wir als Lesung eine Geschichte, in der es um einen Raubüberfall mit versuchtem Totschlag geht und im Predigttext hören wir von Mord. Das ist ganz schön heftig, zumal die beiden Geschichten auch noch unterschiedlicher kaum sein könnten. Bei der Geschichte vom Barmherzigen Samariter wird uns der helfende und mitfühlende Mensch als Vorbild hingestellt und es heißt „Handle genauso!“ Bei der Geschichte von Kain und Abel darf man das ja nun gerade nicht sagen, sondern das Gegenteil: Handle nicht so!

Bleiben wir beim Predigttext, der uns in die erste Familiengeschichte der Bibel mithineinnimmt. Adam und Eva sind Eltern geworden und haben zwei Söhne bekommen. Über die wissen wir fast nichts, außer dass der erstgeborene Sohn Kain ein Ackerbauer wurde und der zweitgeborene Sohn Abel ein Hirte. Beide werden uns als Menschen geschildert, die eine Beziehung zu Gott haben, denn beide bringen ihm ein Opfer als Zeichen ihres Dankes: Kain opfert von den Früchten des Feldes und Abel opfert von den erstgeborenen Tieren seiner Herde. Im PT heißt es dann sehr sachlich: Gott sieht gnädig auf Abel und sein Opfer. Aber auf Kain und sein Opfer sieht er nicht gnädig. Woran die beiden Brüder das erkennen, wissen wir nicht. Ich erinnere mich an Zeichnungen dazu, die wir im Kindergottesdienst angeschaut haben, wo der Rauch des Opfers von Abel mit schönen weißen Wölkchen kerzengerade in den Himmel steigt und der Rauch von Kains Opfer als schwarzer Qualm über dem Feuer bleibt. Davon steht in der Bibel aber nichts. Wir wissen es nicht, warum Abel sich von Gott wahrgenommen und angeschaut fühlt und Kain das Gefühl hat, dass Gott ihn nicht sieht, sozusagen kein Interesse an ihm hat.

Und damit sind wir mitten in den typischen Fragen der Menschen drin. Wir können Gott als ungerecht wahrnehmen. Und das lässt uns tatsächlich fragen: Warum geht es manchen Menschen so unverschämt gut und anderen so unglaublich schlecht? Warum müssen manche einen Schicksalsschlag nach dem anderen hinnehmen und andere können machen, was sie wollen: Es geht immer gut aus. Warum bekommen die einen so viel und die anderen so wenig?

Im AT wurde, um diese Fragen irgendwie beantworten zu können, der Tun-Ergehen-Zusammenhang ins Spiel gebracht: Der, der gut handelt, dem geht’s gut und der, der Schlimmes erfährt, der muss auch irgendetwas Schlimmes getan haben und wird dafür bestraft. Aber, das ist unschwer zu erkennen: So verlockend dieser Erklärungsversuch auch sein mag, er stimmt so einfach nicht. Es ist meiner Meinung nach auch nur ein Versuch, von der eigentlichen Thematik abzulenken, nämlich von der, ja, bitteren Erkenntnis, dass sich Gott uns nicht immer als gerecht zeigt. Wir hätten aber gern einen gerechten Gott und zwar in dem Sinn gerecht, dass wir das auch immer als 100%  nachvollziehbar erkennen können. Aber das funktioniert eben nicht. Gott mutet uns zu, dass wir ihn nicht zu 100% verstehen. Und das muss tatsächlich ausgehalten werden.

Kain versteht Gott nicht. Er versteht nicht, warum Gott ihn ungnädig anblickt, woraus auch immer er das schließt. Und nun geschieht das eigentlich Schreckliche. Kain fühlt sich nicht gerecht behandelt und dadurch entstehen Neidgedanken und Rachegedanken, aber nicht Gott gegenüber, sondern seinem Bruder gegenüber.

Und hier schon, nicht erst nach dem Mord, nein, hier schon spricht Gott Kain an: „Warum bist du zornig? Warum senkst du deinen Blick? Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, kannst du deinen Blick erheben. Wenn du nicht fromm bist, lauert die Sünde vor der Tür. Pass auf, sie will dich beherrschen! Du aber herrsche über sie!“

Hier können wir ganz deutlich erkennen, was uns als Menschen von Gott geschenkt wurde: Wir können nachdenken, wir können uns etwas bewusst machen. Nur mal als Unterschied: Wenn vor einer Katze eine Maus vorbeirennt, dann wird die Katze diese Maus jagen. Und wenn sie sie hat, wird sie nicht denken: „Ach, die ist aber süß. Und bestimmt hat sie Kinderchen daheim, die auf sie warten. Und eigentlich habe ich auch gar keinen Hunger. Ich lass sie mal laufen, die Maus!“ Eine Katze kann nicht so denken, ihre Instinkte lassen sie so handeln, wie sie handeln muss. Sie wird jagen und töten. Sie kann nicht anders.

Gott warnt Kain. Er sagt: „Pass auf! Da lauert was vor deiner Herzenstür, was Tod und Verderben bringen kann. Es ist Neid. Wut. Rachegedanken. Aber du musst diese Tür nicht aufmachen. Du bist nicht deinen Instinkten ausgeliefert. Du kannst als Mensch bewusst denken und dich entscheiden!“

Hier hätte sich die Geschichte drehen können. Kain hätte sagen können: „Abel ist doch mein Bruder. Wir können zusammen für unser Auskommen sorgen. Und damit auch für unsere Eltern sorgen. Ich kann auch mit ihm sprechen und ihm sagen, dass ich mich gerade benachteiligt fühle. Vielleicht kann er mir helfen, mit diesem Gefühl umzugehen. Vielleicht trinken wir ein Bier zusammen und legen damit eine gute Erfahrung über eine nicht so gute. Und das öffnet neue Türen.“

Aber all das geschieht nicht. Kain lässt sich nicht ansprechen und nicht warnen. Und genau damit öffnet er der Sünde die Tür. Seine Wut über sein vermeintliches Von-Gott-Zurückgewiesen Sein wird immer größer. Und schließlich entlädt sie sich, aber nicht gegenüber Gott, sondern gegenüber seinem vermutlich ahnungslosen Bruder. Er lockt ihn aufs Feld und schlägt ihn tot. Ich höre die Sünde lachen und Gott weinen.

Wieder spricht Gott ihn an: „Wo ist dein Bruder?“ Kain antwortet schnippisch: „Woher soll ich das wissen? Soll ich meines Bruders Hüter sein?“

„Ja“, sagt Gott, „das sollst du. Das musst du. Weil nur du als Mensch das kannst. Nur du kannst dich bewusst dafür entscheiden, das eine zu tun und das andere zu lassen! Nur du. Du hast die Verantwortung.“

Noch mal: Es gibt in der ganzen Geschichte keinen einzigen Anhaltspunkt dafür, dass Gott sauer auf Kain ist, weil er so fühlt, wie er fühlt. Das darf er. Aber er darf nicht so handeln, wie er handelt. Und nur deswegen muss Kain die Folgen seiner Tat tragen. Das Blut des Bruders entweiht gleichsam den Ackerboden, auf dem und von dem der Ackerbauer Kain lebt. Seine Tat verdirbt seine Lebensgrundlage.

Jetzt traut sich Kain erstaunlicherweise seine Gefühle auszudrücken und sagt: „Diese Strafe ist zu schwer. So kann ich nicht leben und jeder, der mir begegnet, kann mich totschlagen!“

Und hier zeigt sich, dass Gott Gott ist. Weil, wo wir vielleicht denken würden „Tja, verdient hast du’s!“, da nimmt Gott diesen schuldigen Menschen doch wieder in seine Fürsorge und verleiht dem Kain das Kainszeichen. Es ist kein Zeichen des Makels, sondern ein Schutzzeichen und bedeutet „Dieser Mensch steht unter Gottes Schutz. Dieser Mensch ist und bleibt Gottes Geschöpf und wer sich an diesem Menschen vergreift, der vergreift sich an Gott!“

Dass Gott uns unter sein Zeichen nimmt, das erleben wir übrigens in jedem Gottesdienst. Das Wort „segnen“ heißt wörtlich „unter ein Zeichen setzen“. Beim Segnen wird das Kreuz, das Zeichen von Jesus, über der Gemeinde gemacht und es heißt: Ihr steht unter Gottes Gegenwart.

Kain, so lesen wir es als Abschluss der Geschichte, ging hinweg vom Angesicht des Herrn und wohnte im Land Nod, d.h. übersetzt „Ruhelosigkeit, Heimatlosigkeit“.

Wie gut, dass Jahwe der mitgehende Gott ist, der dann, wie eingangs schon erwähnt, den Abraham berufen hat, um mit ihm ein ganz neues Kapitel der Geschichte aufzumachen. Eine Geschichte des Heils und der Versöhnung, die mit Jesus Christus ihren Höhepunkt gefunden hat. Jesus hat, wie kein anderer von Gott erzählt mit echt tollen Geschichten. Der Barmherzige Samariter ist eine davon – und so schließt sich hier doch wieder ein Kreis.

Ich fasse zusammen: Nur der Mensch hat die Wahl. Er ist von Gott so erschaffen worden, dass er sich bewusst entscheiden kann. Wir können ganz sicher nicht immer verhindern, welche Gedanken vor unserer Herzenstür lauern, aber wir können es uns bewusst machen und dadurch vielleicht Schlimmeres verhindern. Vor allem können wir Gott immer und immer wieder bitten, dass er uns das Richtige denken, fühlen, sagen und  tun lässt. Und da er uns immer als seine Kinder liebt, wird er uns helfen, auch als solche leben zu können. Das glaube ich ganz fest. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser menschliches Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Es grüßt Sie herzlich und wünscht Ihnen einen schönen Sonntag Ihre Pfarrerin Bettina Weber

 

Gebet

Gott, wir leben von deiner Barmherzigkeit. Wir danken dir, dass du uns mit deinen Gaben beschenkst und uns mit deiner Kraft erfüllst. Mach uns bereit, unsere Gaben und unsere Zeit mit denen zu teilen, die es besonders brauchen. Wir bitten dich für alle, die unter Krieg, Gewalt und Bedrohung leiden: Sei ihnen besonders nahe und lass Menschen da sein, die ihnen zu helfen versuchen. Mach uns bereit, alles zu tun, was wir tun können, um auch unseren Teil zu einem guten Leben miteinander beizutragen. Behüte uns alle und schenke uns deinen Geist des Friedens und der Versöhnung.

Amen.


12. Sonntag nach Trinitatis

22. August 2021

12. Sonntag nach Trinitatis        Eph 2, 4 – 10             22.8.2021

Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes – Amen

Der HERR sei mit Euch!

Ich begrüße Sie zu unserem Gottesdienst am 12. Sonntag nach Trinitatis.
Schon den vierten Sonntag in den Sommerferien dürfen wir heute erleben – zum Glück auch wieder mit sommerlichem Wetter.
Schön ist das – freie Zeit zu haben und diese freie Zeit in Frieden und Sicherheit genießen zu dürfen insbesondere dann, wenn wir auf die schrecklichen Ereignisse in vielen Ländern der Erde schauen.
Die Bibelworte für diesen Sonntag ermutigen uns dazu, die guten Gaben, die uns der Gott der Liebe in den Schoß legt, einfallsreich zu entfalten,
zum eigenen Nutzen,
zum Nutzen anderer
und zum Lob Gottes in der Gemeinschaft der Kirche
Danken wir darum Gott für die Vielfalt des Lebens in unserer Heimat mit dem Paul-Gerhardt-Lied:
„Geh aus, mein Herz und suche Freud“
503, 1. 7 – 9

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Eingangsgebet

Danke, Gott, für diesen Morgen, danke für diesen neuen Tag.
Danke auch, dass wir zu dir kommen dürfen so, wie wir sind:
Voller Lebensfreude, Vertrauen und Hoffnung - die einen
Die anderen aber bedrückt, voller Sorgen, Trauer, Ängsten, belastet mit Sorgen und Problemen.
Vor dir, Gott, müssen wir uns nicht verstellen, dürfen wir uns zeigen wie wir sind.
Dir dürfen wir alles sagen, alles anvertrauen.
Denn du machst uns frei von allem, was uns belastet.
Darum bitten wir dich für uns in diesem Gottesdienst:
Öffne unsere Ohren für dein Wort, unsere Herzen für deine Liebe und unseren Geist für die Kraft der Barmherzigkeit.

Amen

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Das Predigtwort Epheser 2, 4 -10

4 Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat,
5 auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr gerettet geworden –;
6 und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus,
7 damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwäng-lichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus.
8 Denn aus Gnade seid ihr gerettet geworden durch Glauben, und das nicht aus euch:
Gottes Gabe ist es,
9 nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.
10 Denn wir sind sein Werk,
geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken,
die Gott zuvor bereitet hat,
dass wir darin wandeln sollen.

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Liebe Gemeinde,

Von einem Gott der Barmherzigkeit, von einem Gott der Liebe predigt Paulus zu Menschen, die Gott bisher nur als einen harten Richter kennen gelernt haben.
Der Mensch der Antike verband mit dem Begriff Gott:
- Strenge Regeln, die ihm vorschreiben, was er zu tun und zu lassen hat;
- Rechthaberische Priester, die sich in das Leben der Menschen einmischen und ihnen ständig ein schlechtes Gewissen einreden;
- Eine Religion, die Druck auf jeden Menschen ausübt und ein moralisches Regelwerk entwickelt hat, das bis in den hintersten Winkel des Lebens reicht
Gott – ein mächtiger Herrscher, der seine Untertanen – die Menschen also, unterwirft und von ihnen Gehorsam fordert.

In einer solchen Zeit hat es die Menschen sehr erstaunt, als die ersten Apostel auftraten und von einem Gott mit menschlichem Gesicht predigten,
… von einem Gott, der die Menschen liebt,
… von einem Gott, der barmherzig ist,
… von einem Gott, zu dem wir also kommen können, so wie ein kleines Kind, das im Schoß der Mutter Trost und Liebe sucht, wenn es bei den ersten Laufversuchen hingefallen ist und sich weh getan hat.
Von einem Gott der Liebe erzählten also die ersten Christen.
Und darum verwundert es nicht, dass die frühe Kirche mit dieser Botschaft bei den Menschen der damaligen Zeit auf offene Ohren stieß und auf sehnsuchtsvolle Herzen, die sich gerne dem neuen Evangelium anschlossen.

Einem Gott der Liebe und der Barmherzigkeit – dem kann man vertrauen.
Ich habe Ihnen ein Bild vom letzten „normalen Kirchentag“ 2019 austeilen lassen.
Corona war damals noch kein Thema.
Wir sehen da Menschen, die fröhlich und frei in aller Öffentlichkeit ihren Glauben feiern.
„Was für ein Vertrauen…“, so hieß das Motto des Kirchentages damals.
Was würde Paulus zu so einem Bild sagen?

„Davon haben wir damals geträumt, als wir angefangen haben mit dem Evangelium…
- davon, dass Menschen einen fröhlichen Glauben unbeschwert in großer Runde leben.
- davon, dass Menschen nicht mehr Knechte der Mächtigen sind, sondern freie Zeit haben, eine freie Zeit, in der sie von weit her anreisen können, um die Gemeinschaft des Glaubens auf einem Kirchentag mit anderen zu feiern."

Machen wir ihn uns doch einmal bewusst – den Reichtum an Möglichkeiten, aus denen jeder Mensch in unserem Land schöpfen kann, um seine Freude am Leben und am Glauben auszudrücken!
* Da gibt es die hilfsbereiten Lesepaten, die an vielen Nachmittagen mit ausländischen Kindern die deutsche Sprache einüben und ihnen bei den Hausaufgaben zur Seite stehen.
* Da finden sich rüstige Rentner in den Dörfern zusammen, um den Friedhof zu pflegen oder den Gemeindegarten in Ordnung zu halten.
* Hochbetagte Ältere machen sich auf in den Seniorenkreis und freuen sich am gemeinsamen Gespräch bei Kaffee und Kuchen. Sie machen sich chic dafür und bringen sich engagiert ein bei den Themen, die ein Referent oder der Pfarrer behandeln.
* Junge Mütter schätzen die Zeit mit den neugeborenen Kindern als wertvoll und treffen sich mit anderen zur Krabbelgruppe, statt möglichst schnell wieder in den Beruf einzusteigen.
* Eben Konfirmierte bieten sich an, um bei der Freizeit für die nächsten Konfirmanden als Betreuer mitzuwirken.

In Freiheit dürfen wir unseren Glauben leben und uns von den vielfältigen Möglichkeiten unserer Zeit dazu inspirieren lassen, die uns geschenkte Zeit so zu nutzen, dass jeder einzelne von uns dabei seine Erfüllung findet und gleichzeitig seine Mitmenschen im Blick hat.

Für jeden Menschen in jedem Alter gibt es eine Möglichkeit, um sich zu entwickeln, um sich zu entfalten und um teilzuhaben an der Fülle des Lebens.
Ideenreiche und kluge Köpfe haben sich vieles einfallen lassen, damit fast jeder Mensch etwas aus sich machen kann.
Zum Glück dürfen all diese ideenreichen und klugen Köpfe in unserem Land frei handeln, ohne dass ein anderer sie daran hindert.
Weil viele Menschen, an vielen Orten zu vielen Herausforderungen gute Ideen haben, darum gelingt es uns Menschen des christlichen Abendlandes eine bislang einzigartige Vielfalt von Lebensstilen zu entfalten.

Freuen wir uns also des Lebens – freuen wir uns darüber, dass die Kinder nun Ferien haben und ihre Ferien in Frieden, Freiheit und ohne allzu große Coronaeinschränkungen genießen können.
Paulus jedenfalls würde einstimmen in das Lob über die vielen Möglichkeiten, die uns unsere moderne Zeit bietet.

Oder um es mit den Worten des Apostels zu sagen:
Gottes Werk sind wir,
geschaffen in Jesus Christus zu guten Werken,
damit wir darin wandeln sollen.

Amen

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Fürbittengebet

Unser HERR, Jesus Christus, hab Dank, dass du uns zu einem Glauben in Freiheit und Liebe berufst.
Du bist in unsere Mitte gekommen, damit deine Barmherzigkeit unsere Herzen ergreift und verwandelt.
Wir bitten dich:
Mache uns zu Werkzeugen deines Friedens,
zu Werkzeugen deiner Vergebung
und zu Werkzeugen deiner Liebe.

So bitten wir dich für die Menschen, die jetzt Urlaub oder Ferien haben:
Schenke ihnen Zeit, um auszuruhen, Zeit, um Neues zu entdecken, Zeit, um gute Erfahrung in den Alltag hinüberzuretten.

Wir bitten dich für die Menschen, die wir liebhaben:
Lass uns erkennen, dass Du es bist, der sie uns an die Seite stellt und dass wir in ihrer Treue und Liebe deine Treue und Liebe spüren dürfen.

Wir bitten dich auch für die Menschen, die trauern, sich ängstigen und Sorgen in ihrem Herzen tragen.
Ermutige sie mit deinem Wort und schicke ihnen treue Freunde und Zuhörer, die sie durch die schwere Zeit hindurch begleiten mit der Hoffnung des Glaubens.

Amen

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Segen           

Gott schenke dir, was du brauchst für deine Gesundheit an Leib und Seele.

Er schenke dir lohnende Aufgaben und fröhliches Feiern.

Er schenke dir die Kraft, auch Schweres durchstehen zu können.

Möge Gottes großzügige, verzeihende Liebe zu dir nie aufhören.

Mögen dir von seinem Geist her immer neue Kräfte zuwachsen, damit du ein Segen bist für andere und mit deinem Leben Gott die Ehre gibst.

So segne dich der gütige Gott,
der Vater, der Sohn und der Heilige Geist

Amen



Evang-luth. Kirchengemeinde Kulmbach-Mangersreuth

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