Unsere Kirche ist täglich von 8.00 - bis zum Dunkelwerden geöffnet. Kommen Sie doch gerne vorbei, zünden Sie eine Kerze an oder holen Sie sich die Predigt oder andere Mutmach-Texte.

15. Sonntag nach Trinitatis

Kirchweih - Kerwa

25.9.2022

Die Sehnsucht nach dem Himmel

Das Leben…     eine Last?!
Ein Mensch kann unter den Lasten seines Lebens in die Knie gehen und bewegungslos werden.
Menschen können sich aber die Lasten des Lebens gegenseitig abnehmen.
Wo der gute Geist Gottes Menschen inspiriert, da schleppt nicht jeder für sich an seiner Last, sondern da helfen sie sich, die Lasten gemeinsam zu tragen.
Was dabei rauskommt, wenn Menschen sich gegenseitig helfen, ihre Lasten zu tragen, das hören wir bei Paulus aus dem Brief an die Galater

Galater 5,26 – 6,10

25 Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln.
26 Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, einander nicht herausfordern und beneiden.
Mahnung zur Brüderlichkeit
1 Liebe Brüder und Schwestern,
wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid;
und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest.
2 Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.
3 Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst.
4 Ein jeder aber prüfe sein eigenes Werk; und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht gegenüber einem andern.
5 Denn ein jeder wird seine eigene Last tragen.
6 Wer aber unterrichtet wird im Wort, der gebe dem, der ihn unterrichtet, Anteil an allem Guten.
7 Irret euch nicht!
Gott lässt sich nicht spotten.
Denn was der Mensch sät, das wird er ernten.
8 Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten.
9 Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden;
denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen.
10 Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an denen, die im Glauben mit uns verbunden sind.

 

Liebe Gemeinde,

Warum gehen Menschen in die Kirche?
Was suchen sie da?
Warum investieren sie in regelmäßigen Abständen mehrere 100.000€, um ein Gebäude zu erhalten, das bestenfalls 10 Stunden in der Woche zu Gottesdiensten genutzt wird?
Die Antwort darauf, kann man gerade in unserer Mangersreuther Kirche sehen.
Wenn Sie Ihre Augen nach oben rollen, dann sehen Sie den Himmel.
Ja, die Menschen glauben an den Himmel.
Die Menschen schätzen ihre Kirche, weil sie in ihr etwas vom Himmel hören und weil sie für ihre himmlischen Erlebnisse hier auf der Erde Gott danken.
Der Himmel…
Wie können wir ihn uns vorstellen?
Wie geht es da zu?
Christen im Orient erzählen sich dazu folgende Geschichte:

Ein Mensch wird im Himmel von Gott empfangen.
Gott fragt den Menschen:
„Kennst du den Unterschied zwischen Himmel und die Hölle?“
„Na ja“, antwortet der Mensch, …
„im Himmel soll’s schön sein, in der Hölle aber schrecklich. So jedenfalls sagt man auf der Erde.“ –
„Möchtest du den Unterschied sehen?“ fragt Gott.
„Ja, geht das denn?“ wundert sich der Mensch.
„Komm mit mir“, sagt Gott…
„und was möchtest du zuerst sehen?
Den Himmel oder die Hölle?“
Der Mensch zögert etwas und antwortet dann ganz verunsichert:
„Zuerst bitte die Hölle.“

Gott führt ihn zu einem Fenster.
Sie blicken hinab in einen großen Saal.
Da stehen lange Tischreihen.
Festlich sind sie eingedeckt; kostbares Essen steht auf dem Tisch.
Kerzen beleuchten den Saal.
„Ich hatte mir die Hölle viel schlimmer vorgestellt“, sagt der Mensch.
„Warte ab“, erwidert Gott.
Denn da öffnen sich die Saaltüren, und eine Menschenmenge stürmt in den Saal.
Kaum am Platz, beginnt ein Hauen und Stechen um die Speisen.
Aber keiner wird satt.
Jetzt bemerkt der Mensch, dass die Messer, die Löffel und die Gabeln viel zu lang sind.
Man kann sie nicht zum Mund führen – alle verletzen nur sich selbst und die Nachbarn.
Keiner bekommt auch nur einen einzigen Bissen in den eigenen Mund.
Alle schreien, fluchen, weinen und wimmern wild durcheinander.

„Mein Gott, das ist ja schrecklich“, stöhnt der Mensch,
„darf ich jetzt den Himmel sehen?“
Gott und Mensch gehen zu einem anderen Fenster und blicken hindurch.
Das gleiche Bild und auch das gleiche Besteck.
„Nanu, im Himmel sieht es ja genauso aus wie in der Hölle!“, wundert sich der Mensch.
„Warte ab“, erwidert Gott.
Denn da öffnen sich die Türen zum Himmelssaal für eine große Menschenmenge.
Aber niemand drängelt, niemand schreit.
Alle nehmen Platz, alle greifen zum überlangen Besteck – und alle füttern sich gegenseitig, bis alle satt sind.
Sie lassen sich Zeit beim Essen, reden miteinander und haben eine fröhliche Gemeinschaft.
„Siehst du den Unterschied?“ fragt Gott.

Ein wunderbares Gleichnis für das, was wir „Himmel“ nennen wird uns da erzählt.
Im Himmel, da ist alles festlich zubereitet.
Die Himmelsbewohner achten aufeinander.
Sie gehen einfühlsam miteinander um.
Einer ernährt den anderen und in der Zeit am gemeinsamen Tisch, da tauschen sie sich fröhlich untereinander aus über ihre Erlebnisse, ihre Sorgen und Nöte und natürlich auch über ihre Erfolge.
Bleiben wir ein wenig bei diesem Bild:
Es gibt kaum ein empfindsameres Körperteil als den Mund und den Rachen.
Wenn Menschen sich mit einem überlangen Besteck gegenseitig füttern, dann müssen sie sehr achtsam miteinander umgehen.
Sie müssen einander in die Augen sehen.
Sie können nicht beiläufig dem anderen die Gabel in den Mund schieben und anderswohin schauen oder mit einem anderen reden.

Da also ist Himmel – wo Menschen ganz aufeinander ausgerichtet sind, wo Menschen füreinander da sind und wo Menschen sich gegenseitig satt machen.
Den Himmel – den gibt es nicht nur nach dem Tod in der Auferstehung…
Gott sei Dank!
Wie im Himmel, so auf Erden…
So beten wir…
Denn den Himmel dürfen wir oft genug schon hier in unserem Leben spüren.

Wenn ein neugeborenes Kind ganz instinktiv die Brust der Mutter sucht, sich daran satt saugt und die Mutter darüber staunt, dass die Natur alles so wunderbar einrichtet, dann kommt der Himmel für zwei Menschen auf die Erde, weil da zwei Menschen ganz intim aufeinander bezogen sind.
Und hoffentlich weiß die Mama es dann auch zu schätzen, dass das eine ganz besondere Gelegenheit ist.
Hoffentlich läuft beim Stillen nicht der Fernseher.
Hoffentlich „whatsappt“ sie nicht dabei, sondern widmet sich ganz dieser wunderbaren Erfahrung des sich gegenseitig Ergänzens mit ihrem Kind.
Denn wer als Kind mit der himmlischen Erfahrung in diese Welt startet, dass die Mutter beim Stillen ganz auf mich bezogen ist, für den ist der Himmel mehr als ein Wort, mehr als nur eine Wunschvorstellung.
In diesen Momenten des Stillens da wird das Urvertrauen gebildet, das wir „Glauben“ nennen.
Ja, der Himmel kommt auf die Erde überall da, wo Menschen einander in den Blick nehmen, wo sie sich gegenseitig ergänzen und weiterhelfen und wo sie sich gegenseitig bereichern.
Ja, wir Menschen, wir können einander bereichern, wenn wir zusammenarbeiten.
Dieser Reichtum der Zusammenarbeit ist viel wertvoller als der Reichtum, den Menschen anhäufen, die sich gegenseitig ausstechen und bekämpfen.

Ich bin in einem Stadtteil groß geworden, der ein Kind der Not und des Elends ist.
„Pressather Wald“… der Name sagt schon alles.
Nach dem Krieg war da einfach ein schütterer Kiefernwald auf kargem Sandboden.
Hunderte von Vertriebenen aus dem nahen Sudetenland ließen die Stadt aus allen Nähten platzen.
Doch die Flüchtlinge wollten nicht Flüchtlinge bleiben, sondern sich eine neue Heimat schaffen.
Ausrangierte Eisenbahnwaggons dienten vielen als erste Unterkunft.
Andere haben sich notdürftige Baracken errichtet.
Menschen, die sich den Tschechen gegenüber als „Herrenmenschen“ aufgeführt haben, waren jetzt bettelarm und ohne Heimat.
>> Wir müssen uns etwas Neues einfallen lassen.
Wir brauchen einen neuen Geist, den Geist des Miteinanders, den Geist der Demut, dann kann’s was werden. <<
So haben sich die im Wald Gestrandeten miteinander verständigt.
Und dann ging es los.
Keller wurden ausgehoben mit Pickel und Schaufel.
Jeder hat mit seinem Handwerk dem anderen geholfen.
Einer trug „des anderen Last“, zentner- und tonnenweise, denn jeder Stein und jeder Mörtelkübel musste mit den Händen oder auf dem Rücken nach oben getragen werden.
Jeder hat sich auf seine Weise, sein neues Zuhause geschaffen.
Aber weil die Menschen einander geholfen haben, ist da eine Gemeinschaft gewachsen, die bis heute den Menschen das Gefühl gibt:
„Wir gehören zusammen. Wir helfen uns, wenn einer den anderen braucht.
Und darum ist’s bei uns fast wie im Himmel.“

Die Vertriebenen von damals hatten nichts außer dem guten Geist, es jetzt besser und anders zu machen als vorher.
Dieser Geist hat den Menschen Handlungsspielräume eröffnet, die sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht hätten vorstellen können.

Ja, der Geist und der Himmel – sie gehören zusammen, so wie Ehepaar, das die Goldene Hochzeit feiert.
Der gute Geist des Miteinanders setzt ungeahnte Kräfte frei.
Wo Menschen diese Kräfte so einsetzen, dass sie sich gegenseitig helfen und freundlich miteinander umgehen, da können Wunder wahr werden…
Das Wunder, dass Vertriebene eine neue Heimat finden, …
das Wunder, dass vermeintliche Herrenmenschen ihre Fehler einsehen und einander lieber dienen, statt über andere herrschen zu wollen, …
das Wunder, dass die Saat eines liebevollen Geistes hundertfache Frucht bringt.
In unseren Siedlungen hier in Kulmbach, da können die Menschen wohl ganz ähnliche Geschichten erzählen wie ich.
Denn auch in diesen Siedlungen hat derselbe Geist des Zusammenhalts dafür gesorgt, dass sich nicht jeder hinter seinen Mauern verschanzt, sondern die Türen öffnet für das gemeinsame Gespräch und für die gegenseitige Hilfe.

Hier in dieser Kirche mit dem einladenden blauen Himmel, da kommen die Menschen zusammen, um für ihre Himmelserfahrungen zu danken.
Hier in dieser Kirche, da vertrauen Menschen darauf, dass Gottes guter Geist sie anspricht, ihr Herz ergreift und sie schließlich mit jener Kraft ausstattet, die dazu ermutigt, sich gegenseitig zu helfen und sich gegenseitig satt zu machen.
Gottes guter Geist lädt den Akku unseres Glaubens immer wieder neu auf, sooft wir uns hier versammeln, miteinander singen, füreinander beten und uns freuen über jeden, der mit mir zusammen Gottesdienst feiert.

Gottes guter Geist als Ladestation für den Akku meines Glaubens, für den Akku meiner Liebe und für den Akku meiner Hilfsbereitschaft.

Heute an der Kerwa erinnern wir uns daran, dass wir glauben, weil schon andere vor uns hier ihren Akku aufgeladen haben.
Diese Menschen haben uns ihren Glauben vorgelebt und uns damit das Samenkorn des Glaubens ins Herz und in die Seele gelegt.
Heute an der Kerwa machen wir uns bewusst, dass wir deshalb glauben, weil andere uns mit der Kraft ihres Glaubens elektrisiert und angesteckt haben.

Seit mehr als 300 Jahren begeistert Gottes guter Geist die Menschen hier in Mangersreuth dafür, die Gemeinschaft zueinander zu suchen und sich gegenseitig den Frieden Gottes erlebbar zu machen.
Zuerst war es die Sehnsucht danach, aus einer Ruine wieder eine Kirche entstehen zu lassen, in die es nicht hineinregnet.
Nach der kurzen Bauzeit haben die Menschen von Rohr bis Weiher hier eine Heimat für ihren Glauben gefunden.
Sie sind im Glauben zusammengewachsen zu einer Gemeinschaft, die bis heute hier ihre Sehnsucht nach dem Himmel stillt.
Kehren wir noch einmal zurück zur Geschichte mit dem langen Besteck.
Ja, da ist Himmel…
Wo Menschen achtsam miteinander umgehen…
Wo Menschen sich gegenseitig sättigen mit dem, was einer dem anderen zu geben vermag.
Hier in unserer Gemeinde, da dürfen wir etwas spüren von der belebenden Kraft eines Geistes, der uns zu hilfsbereiten und liebevollen Menschen macht, nicht nur im Himmel, sondern auch auf Erden.


Amen

 


10. Sonntag nach Trinitatis

Israelsonntag

21. August 2022

 

Das Bibelwort für den "Israelsonntag", Matthäus 5,17-20        Jesu Stellung zum Gesetz

Jesus lehrte seine Jünger und sprach:
17 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen;
ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.
18 Denn wahrlich, ich sage euch:
Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.
19 Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich;
wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.
20 Denn ich sage euch:
Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

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Liebe Gemeinde,

am Israelsonntag erinnern wir uns daran, dass der Jude Jesus mit seinen jüdischen Jüngern durch Israel gezogen ist.
Der Jude Jesus hat jüdisch gelebt und geglaubt.
Das bedeutet:
Er hat die jüdische Bibel - das Alte Testament gelesen und seinen Glauben daran ausgerichtet.
Ein Wesensmerkmal des jüdischen Glaubens ist es, sein Leben und seinen Lebensweg an den Geboten zu orientieren.
Gott gab seinem Volk die Gebote auf dem Weg von der Sklaverei in Ägypten zur selbstbestimmten Freiheit im „Gelobten Land“.
Darum geht es Gott mit seinen Geboten für sein Volk:
Um die Freiheit.
Um eine Freiheit, bei der nicht jeder tut, was er will.
Um eine Freiheit, die das friedliche Zusammenleben der Gemeinschaft zum Ziel hat.
Die Gebote sind dazu da, damit die Israeliten ihr Zusammenleben so gestalten, dass der Starke den Schwachen mitkommen lässt und ihm dazu hilft, seine eigenen Stärken zu entdecken und seine Schwäche zu überwinden.
Die Gebote sind dazu da, dass der Schwache nicht wehleidig über seine Benachteiligungen klagt, sondern sich bewusst wird:
>> Auch ich bin ein Kind Gottes.
Gott hat auch mit mir etwas Großes vor.<<
Die Gebote…:
Sie sollen für Recht und Gerechtigkeit sorgen.
Das unterstreicht Jesus auch gegenüber seinen Jüngern.
„Wer die Gebote achtet und sie lehrt, der wird ‚groß‘ heißen im Himmelreich.“
Freilich, Jesus hat sich mächtig daran gerieben, wie die Schriftgelehrten und die Pharisäer die Gebote ausgelegt haben.
Der erhobene Zeigefinger kann als Symbol dafür verstanden werden.
Die Pharisäer und Schriftgelehrte verstehen sich als eine hervorgehobene Gruppe im Volk, die mit ausgestrecktem Finger den Leuten sagt, was sie zu tun haben und wie sie zu leben haben.
Sabbat – ein freier Tag in der Woche.
Ja, so will es Gott.
An einem Tag in der Woche, da sollen die Menschen seines Volkes frei sein von allen Pflichten.
Doch die Pharisäer und Schriftgelehrten erlassen ein kompliziertes Regelwerk, das genau bestimmt, was ein Jude am Sabbat zu tun und zu lassen hat.
Es darf nicht gekocht werden.
Die Anzahl der Schritte, die man gehen darf, wird genau geregelt.
Alles, was nach Arbeit aussieht, darf nicht verrichtet werden.

Wir kennen die vielen Geschichten, in denen sich Jesus mit dieser Reglementierung des freien Tages auseinandersetzt.
Jesus heilt am Sabbat.
Und sofort meinen die Pharisäer und Schriftgelehrten, ihn dafür zurechtweisen zu müssen.
Mit erhobenem Zeigefinger natürlich!
Wir wissen’s besser!
Nach uns hast du dich zu richten!

Um die bessere Gerechtigkeit geht es Jesus bei seinem Verständnis der Gebote.
Dem Leben und dem Zusammenleben der Menschen sollen die Gebote dienen.
„Leben und leben lassen“, darum ging es ihm.
Die Gebote versteht er als Ermutigung zur Freiheit und eben nicht als ein Regelwerk, das den Menschen ihren Tagesablauf vorschreibt.
Um die bessere Gerechtigkeit geht es Jesus.
Und wir – seine Jünger – wir sollen diese bessere Gerechtigkeit mit Leben erfüllen.
Und vor allem:
Wir sollen die Stimme laut erheben, wenn die Gerechtigkeit mit Füßen getreten wird.
Sind Sie auch schon einmal mit Ihren Füßen auf diese Steine in der Kulmbacher Langgasse getreten?

 

„Stolpersteine“ werden sie genannt.
Sie erinnern uns daran, dass genau vor 80 Jahren die jüdische Familie Davidsohn aus ihrem Haus getrieben und ins KZ nach Böhmen deportiert wurde, wo alle fünf Familienmitglieder getötet wurden.
Ja, es waren die Nazis, die so mit der Familie Davidsohn umgesprungen sind.
Aber diese Nazis waren zum großen Teil Menschen, die christlich getauft und auch konfirmiert worden sind.
Keine Ausreden also!
Keine Ausreden auch im Blick auf meine eigene Familie.
Allesamt sind sie mitgeschwommen auf dieser braunen Soße.
Es war ihnen egal, was mit den Juden geschehen ist.
Sie haben ganz einfach weggeschaut.
Weggeschaut, so wie wohl auch die anderen Nachbarn in der Kulmbacher Langgasse.
An der besseren Gerechtigkeit, die Jesus von seinen Jüngern erwartet, an dieser besseren Gerechtigkeit, da sind wir gescheitert, allesamt.
Bis zum bitteren Ende haben wir nicht die Kraft und den Mut aufgebracht, der menschenverachtenden Ideologie der Nazis die Stirn zu bieten.
Noch in den letzten Kriegstagen vollzogen die Nazis die Todesstrafe an Dietrich Bonhoeffer nach einem Urteil, das sie als ihr Recht verstanden.

Ja, wir haben versagt an dem, was der der Jude Jesus als die bessere Gerechtigkeit vorgelebt hat und dann auch von uns – seinen Jüngern erwartet hat.
Und dann?
Dann haben wir Evangelische zwar im Stuttgarter Schuldbekenntnis unsere Schuld bekannt.
Aber es hat lange gedauert, bis wir dazu fähig wurden, dieses Versagen nicht nur zu verdrängen, sondern uns daran zu machen, wirklich daraus zu lernen und unsere Einstellung zu anders denkenden, anders lebenden und anders glaubenden Menschen zu verändern.
Doch inzwischen haben wir viel gelernt – das dürfen wir uns gerade am Israelsonntag zu Gute halten.
Überall in Deutschland werden neue Synagogen gebaut.
Viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion leben inzwischen bei uns und haben die jüdischen Gemeinden inzwischen wieder fast so stark gemacht wie vor der Machtergreifung der Nazis.
Ja und auch das ist wahr – Gott sei Dank!
Es ziehen sogar Juden aus Israel zu uns nach Deutschland, weil ihnen das immer reglementiertere Leben in Israel zu eng wird.
Juden lieben die Freiheit.
Und darum leben sie auch gerne dort, wo sie sich frei entfalten können.
Schön, dass sogar Deutschland in den Augen vieler Juden ein solcher Platz ist, an dem sie sich gerne wieder niederlassen.
Eine besondere Wesensart des jüdischen Lebens vermissen wir besonders stark.
Den jüdischen Witz.
Ein Beispiel:
Ein Rabbi sagt zu Gott:
„Hilfe, mein Sohn ist Christ geworden, was soll ich bloß tun?“
Gott antwortet:
„Mach dir nichts draus, mein Sohn ist auch Christ geworden.“
Rabbi: „Und was hast du getan?“
Gott: „Ich habe ein neues Testament geschrieben.“

Ja, Gott hat ein neues Testament geschrieben.
Zum Glück haben wir gelernt, dieses Neue Testament neu zu lesen und neu mit Leben zu erfüllen.
Zum Glück arbeiten wir daran, als Brückenbauer unterwegs zu sein, statt als Rechthaber.
Zum Glück arbeiten wir daran, von anders denkenden und anders glaubenden Menschen lieber zu lernen als uns von ihnen abzugrenzen.
Zum Glück wächst und blüht die Ökumene – ganz besonders hier bei uns in Kulmbach mit einem katholischen Stadtpfarrer, der sich etwas traut, mehr als ihm eigentlich erlaubt ist.
Zum Glück leben wir als zeitgenössische Christen unseren Glauben nicht mit den erhobenen Zeigefingern der „Besserwisser“.
Zum Glück hat auch der Humor und die Lebensfreude Einzug gehalten in das Leben unserer Kirche.
Ja, am Israelsonntag, da dürfen wir auch den Humor zu uns sprechen lassen…
Den Humor, den jüdische Menschen so meisterhaft pflegen.
„Mimi“, fragt Vater Rosenzweig streng.
„Woher willst du wissen, dass Ephraim will dich heiraten?“
– „Nu“, sagt Mimi, „wenn ich mit ihm gehe einkaufen, findet er immer die billigsten Kleider nett.“

Ist doch nett, oder?
So nett, dass wir viel von diesem Humor lernen können, gerade am Israelsonntag.

Amen

Einen geistreichen Humor - auch bei ernsthaften Anlässen - wünscht Ihnen, Ihr Pfarrer Jürgen Rix


9. Sonntag nach Trintatis

Schön, dass Gott uns Talente schenkt

14. August 2022

Das Predigtwort für diesen Sonntag:    Matthäus 25,14-30

Jesus sprach:
Mit dem Reich Gottes ist es…
14.… wie mit einem Menschen, der außer Landes ging:
Er rief seine Knechte und übergab ihnen sein Vermögen;
15 dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort.
16 Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu.
17 Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu.
18 Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.
19 Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und begann ein Gespräch mit ihnen.
20 Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach:
Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut;
siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen.
21 Da sprach sein Herr zu ihm:
Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen;
geh hinein zu deines Herrn Freude!
22 Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach:
Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut;
siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen.
23 Sein Herr sprach zu ihm:
Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen;
geh hinein zu deines Herrn Freude!
24 Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach:
Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist:
Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast;
25 und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine.
26 Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm:
Du böser und fauler Knecht!
Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe?
27 Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen.
28 Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat.
29 Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.
30 Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus;
da wird sein Heulen und Zähneklappern.

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Liebe Gemeinde,

Beschenkt werden ist oft eine heikle Angelegenheit.
Manche einflussreichen Menschen schenken anderen etwas, damit sie die Beschenkten von sich abhängig machen oder sie in ihrem Sinne beeinflussen.
Ein alter Trick der Mafia ist das.
Der Padrone schickt seine Arbeiter kostenlos auf die Baustelle eines Beamten in der Bauverwaltung.
Und schon hat er ihn am Haken.
Denn schließlich wäscht eine Hand die andere.

„Vielen Dank für die ansprechenden Beerdigung meiner Mutter“, sagte ein Mann aus einer Gemeinde zu mir, in der ich eine Vertretung übernommen habe.
„Nehmen Sie diesen Umschlag. Es sind 100 Euro drin. Machen Sie sich damit einen schönen Tag mit Ihrer Familie.“
Sicher hat er es gut gemeint mit mir dieser Mann.
Er war einfach dankbar für meinen Dienst.
Ich unterstelle ihm nicht, dass er mich in eine Falle locken wollte.
Dennoch habe ich ihn darauf hingewiesen, dass ich in dienstlichen Zusammenhängen keine Zuwendungen an mich und meine Familie annehmen darf.
Wir kamen dann überein, dass ich das Geld wie jede andere Spende der Gabenkasse zuführe.

Im Evangelium für den heutigen Sonntag, da geht es um drei stattliche Geschenke, die ein Herr seinen Dienern macht.
Wohlgemerkt, es handelt sich um Geschenke und nicht um einen Kredit, auch nicht um ein leihweises Ausborgen.
Ein Zentner Silber das entspricht etwa 30 Jahresgehältern einer durchschnittlichen Familie.
In heutigen Zahlen reden wir also von 30mal 30.000 €, also von 900.000 €, die der Diener geschenkt bekommt, der am wenigsten erhält.
Der andere bekommt 1.800.000 € anvertraut, der nächste 4,5 Millionen €.

Für Zentner lesen wir im griechischen Urtext das Wort „Talent“.
Diese Gewichtseinheit ist auch in unseren Sprachgebrauch eingedrungen.
Wenn wir vom „Talent“ eines Menschen reden, dann meinen wir damit eine Begabung, die ihm geschenkt ist.
Ein Talent kann man sich nicht so einfach antrainieren – man muss es einfach haben.

1 Talent Silber, 900.000€ also, gibt der HERR dem Knecht, dem er am wenigsten zukommen lässt.
Eine gewaltige Summe,     einfach so.
Was würden Sie denken, wenn Ihr Chef Sie mit derartigem Reichtum überschüttet?

Würden auch Sie ins Grübeln kommen und ihm unterstellen, dass er etwas damit im Schilde führt – so wie der dritte Knecht aus den Jesusgleichnis?

„Ich weiß, dass du ein harter Mann bist.
Du erntest, wo du nicht gesät hast.
Und du sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast.“

Der dritte Knecht traut seinem Herrn nicht, obwohl doch der Herr so großes Vertrauen in ihn gesetzt hat.
Er vergräbt sein Vermögen in der Erde und gibt es ungebraucht zurück, obwohl der Herr gar nicht die Rückgabe fordert.

Im griechischen Text steht nicht:
„der Herr fordert Rechenschaft.“
Sondern wir lesen:
„Der Herr möchte bei seiner Rückkehr ins Gespräch kommen mit seinen Knechten.“
Er möchte ganz einfach, dass die drei beschenkten Knechte ihm erzählen, was sie mit ihrem Reichtum – ihren Talenten also –  angefangen haben.
Als der erste freudestrahlend zu den 4,5 Millionen oder 5 Zentnern weitere 4,5 Millionen dazulegt, sackt der Herr das vermehrte Vermögen nicht ein.
Im Gegenteil:
Er lobt den Knecht für sein Geschick, seinen Fleiß und seine Arbeit:
„Du tüchtiger und treuer Knecht.
Du bist über wenigem treu gewesen.
Ich will dich über viel setzen.
Geh hinein zu deines Herrn Freude.“

Haben wir da richtig gehört?
„Du bist über wenigem treu gewesen?
4,5 Millionen,     … wenig?
Mit welchen Maßstäben wirtschaftet dieser erstaunliche Herr.
Und noch etwas fällt beim Übersetzen aus der griechischen Ursprache des Matthäusevangeliums auf.
Für das Eigenschaftswort „treu“ lesen wir „pistos“ und „pistos“ kann auch übersetzt werden mit „gläubig“.

Der Knecht, der 4,5 Millionen dazu gewinnt, er glaubt an seinem Herrn.
Er glaubt ihm, dass sein Herr nichts Böses mit dem riesigen Geschenk gegen ihn im Schilde führt.
Lange genug hat er doch mit ihm zusammengearbeitet und dabei erfahren, wie gut der Herr es mit ihm meint.
Und darum überlegt er nicht lange, nimmt, was ihm anvertraut wurde und beginnt damit zu arbeiten und zu wirtschaften.
Gott legt seinen Segen auf die Arbeit des ersten und des zweiten Knechts und darum gelingt es ihnen, das anvertraute Gut zu verdoppeln.

Ganz anders der dritte Knecht.
Er unterstellt dem Herrn böse Absichten und rührt das anvertraute Gut nicht an.
„Mit diesem Reichtum will ich nichts zu tun haben.
Dieses Geschenk vergrabe ich in der Erde.
Ich behandle es, als wäre es tot.“

Einer, der nicht glauben kann und nicht glauben will, redet da zu uns.
Einer, der nicht glauben kann an das Gute, sondern hinter allem einen Fallstrick vermutet.

„Meinen Glauben kann jeder haben“, hat ein Mann einmal zu seinem Pfarrer gesagt, weil er ihm spüren lassen wollte, dass er von der Kirche nichts hält.
„Meinen Glauben kann jeder haben, denn der ist völlig unbenutzt.“
Wie arm ist er doch dran dieser Mensch, der da prahlt mit seinem Unglauben!
Kann er nicht sehen, dass das Leben ein großartiges Geschenk aus Gottes Hand ist?
Kann er sich nicht freuen, am Licht, an der Wärme der Sonne, an allem, was wächst und gedeiht und an all den Menschen, die ihn bisher begleitet haben?
„Mir hat Gott noch nie etwas geschenkt“, sagen manche Menschen in ihrer Undankbarkeit.
Kann ein Mensch, der mit wachen Augen auf sein Leben blickt, so etwas wirklich behaupten, wenn gleichzeitig Kinder, Enkel und eine treue Ehefrau sein Leben begleiten?

Freilich, keinem von uns hat Gott bisher 900.000 € oder gar 4,5 Millionen in die Hand gedrückt.
Doch ist nicht jeder von uns überreicht beschenkt mit Talenten, mit Fähigkeiten und guten Anlagen, die wir nur wahrnehmen und entfalten müssen?

Freilich, etwas machen aus unseren Talenten, das müssen wir schon selber.
Gott traut uns zu, dass wir an uns glauben und dass jeder etwas aus sich und seinen Begabungen macht, seine Talente also entfaltet, statt sie verkümmern zu lassen oder sie zu vergraben.

Gott freut sich jeden Tag, über die vielen Talente, die die Menschen um uns herum einsetzen und weiterentwickeln.
Machen wir uns das doch einmal bewusst:
Wir leben in einem Land ohne Rohstoffe.
Zu den Eisheiligen Mitte Mai kann es noch Frost geben und wenn’s dumm kommt, kehrt der Frost schon im Oktober zurück.
Trotz des trockenen Sommers ernten unsere Bauern so viel, dass es zumindest für uns reicht.
Da muss vieles Hand in Hand gehen.
Da müssen viele Menschen ihre Talente klug einsetzen, dass so etwas gelingen kann.
Schön ist das, in einem Land leben zu dürfen, in dem Menschen ihre Talente mit viel Fleiß und Phantasie zum Wohle aller einsetzen.
In vielen Ländern läuft das anders.
Da werden Menschen gegängelt, bevormundet und daran gehindert, ihre Talente zu entfalten.

Hand aufs Herz!
Sind wir nicht reich beschenkt hier, an in unserem Land?
Ist es nicht ein unendlicher Reichtum, dass Menschen einander annehmen als gute Nachbarn, in Frieden zusammenleben und in Freude ihrer Arbeit nachgehen?
Geht ein zu des HERRN Freude, spricht Gott zu uns in einer Zeit, in der Russland die Ukraine verwüstet und China den Taiwanesen den Krieg androht.
Geht ein zu des HERRN Freude…
Denn der HERR, unser Gott, freut sich über uns, die wir die Freiheit verteidigen und den Opfern der Kriege Schutz bieten.
Der HERR, unser Gott, lässt uns so vieles gelingen, weil freie Menschen, es schaffen, mit ihren Talenten, sich von den Machtbesessenen unabhängig zu machen.

Ja, unzählig viele Talente schlummern in uns.
Wie gut, dass wir sie in Freiheit und mit Selbstbewusstsein entfalten dürfen.
Wir dürfen hineingehen zu unseres HERRN Freude.
Und als Menschen die in der Freude des HERRN leben und arbeiten, sind wir dazu ermutigt, unsere Freiheit selbstbewusst zu verteidigen gegenüber all denen, die ihren Völkern die Freiheit immer weiter einschränken.
Denn der HERR legt seinen Segen auf die, die seinen Frieden verbreiten und nicht auf die, die den Frieden und die Freiheit bedrohen.
Der HERR lässt die Sonne scheinen und den Wind wehen.
Nutzen wir also unsere Talente und machen wir was draus, dann wir es in unseren Stuben warm und hell bleiben, auch ohne das Gas von Kriegstreibern.

Amen

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen, Ihr Pfarrer Jürgen Rix


8. Sonntag nach Trinitatis

Glaube heißt vertrauen können

7. Juli 2022

8. Sonntag nach Trinitatis    7.7.2022        Markus 12,41-44

Mk 12,41-44

41 Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten.
Und viele Reiche legten viel ein.
42 Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein;
das macht zusammen einen Pfennig.
43 Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen:
Wahrlich, ich sage euch:
Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben.
44 Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt;
diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt,
alles, was sie zum Leben hatte.

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Liebe Gemeinde,

Diesmal ist Jesus nicht im Tempel, um zu beten oder um zu reden.
Diesmal schaut er sich die Leute an, die in den Tempel kommen, um zu spenden.
Klug haben sie sich das ausgedacht, die Tempelmanager in Jerusalem.
Einen Opferkasten haben sie aufgestellt an einem markanten Ort, deutlich sichtbar für jeden.
Und gleich gegenüber haben sie Sitzplätze angebracht, von denen aus man beobachten kann, was die Leute einlegen.
Wer vorbeigeht an diesem Opferkasten, der kann damit rechnen, dass er ein Publikum vorfindet, …
… ein Publikum, das zusieht, was der eine oder der andere gibt.
So schafft man sich Öffentlichkeit, so betreibt man „fund-raising“, wie wir heute sagen.
Die Spenden fließen reichlich.
Viele Reiche legen viel ein – so lesen wir.
Doch plötzlich kommt sie – die arme Witwe, die einen scharfen Kontrast in die Hitliste der Großspender bringt.
Wo andere Beträge geben, die dem Monatslohn eines Arbeiters entsprechen, da lässt die Frau ihr Scherflein in den Kasten fallen, zwei Cent – nicht mehr und trotzdem alles, was sie hat.
Bei eben dieser Frau verweilt Jesus.
Er lobt ihr Vertrauen oder ihren Glauben – denn Vertrauen ist ein anderes Wort für Glaube.
Die arme Witwe scheut sich nicht, sich in die Reihe der wohlhabenden Spender einzugliedern.
Sie schämt sich nicht mit ihrem unbedeutenden Scherflein vor den Blicken der Zuschauer.
Selbstbewusstsein spricht aus dieser Haltung.
Die Witwe verkriecht sich nicht in ihrer Armut und jammert über ihr Dasein.
Trotz ihres Mangels geht sie aufrecht unter die Leute.
Bewundernswert sind sie – diese armen Frauen, die von einer Kleinstrente leben und es dennoch schaffen, ihr Leben in geordnete Bahnen zu bringen.
Ja, zur Selbstachtung, da braucht es nicht unbedingt Reichtum und eine gesicherte Existenz.
Selbstachtung strahlen doch gerade die Menschen aus, die mit sich und ihrem Leben im Reinen sind, …
… die Menschen also, die sich nicht ständig an anderen Mitmenschen orientieren, sondern zu sich und ihrem Lebensweg stehen.
Die arme Witwe hat gegenüber den Großspendern nichts vorzuweisen.
Dennoch strahlt sie eine Würde aus, …
… eine Würde, auf die Jesus sofort aufmerksam wird.
Mit zwei Scherflein vertraut sie sich Gott an, weil sie weiß, dass sie mit ihren geringen Ersparnissen ihr Leben sowieso nicht absichern kann.
Wie ein kleines Kind kann sie alles loslassen, weil sie darauf vertraut, dass Gott wie ein guter Vater für sie sorgen wird und ihr Gelegenheiten zum Handeln schicken wird, damit sie für sich sorgen kann.
„Wahrlich, ich sage euch:
diese Frau hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle anderen zusammen“ – meint Jesus.
Denn obwohl die Frau im Mangel lebt, strahlt sie Zuversicht und Selbstachtung aus.
Auch ein Leben im Mangel kann als ein erfülltes Leben empfunden werden, wenn das Wenige im Dank empfangen und geteilt wird.
Gibt es solche Menschen noch, wie diese arme Witwe, heute im Jahr 2022?

Ja, es gibt sie – solche Menschen – und nicht einmal wenige!
Wenn ein Urlauber in Bergnot gerät, dann lassen die Helfer der Bergwacht alles stehen und liegen, um den Verunglückten zu retten.
Nicht selten setzen sie dabei ihr eigenes Leben aufs Spiel.

Immer wieder finden sich Menschen, die eine Niere spenden, um das Leben eines anderen Menschen zu retten.
Als in Japan der Reaktor von Fukushima durchgebrannt war, haben sich dutzendweise freiwillige Helfer gemeldet, sie bereit waren, sich einer tödlichen Strahlendosis auszusetzen.
Sie taten das nicht deswegen, weil sie Helden sein wollten oder sich einen Orden verdienen wollten.
Die Helfer haben sich dazu entschlossen, das Äußerste zu geben, weil es ihnen wichtig erschien, ihren Beitrag zu leisten, damit durch das Opfer Weniger das Leben und die Zukunft Vieler gerettet werden kann.

Die Witwe gibt alles, was sie zum Leben hat dahin, ebenso wie die freiwilligen Helfer in Japan.
Mit ihrem Opfer möchte die Witwe nicht prahlen.
Vielmehr drückt sie mit ihrem Opfer ihren Dank gegenüber Gott aus, …
… den Dank dafür, dass der Glaube ihr den inneren Halt gibt, auch mit „nichts in der Hand“ zu überleben.
Als Glaubende glaubt sie daran, dass Gott selbst für sie sorgt, weil Gott ihr das tägliche Brot zukommen lässt, jeden Tag neu, auf wundersame Weise immer wieder.

Das ist doch frommes Gerede, wird nun mancher einwenden!
Wer nichts hat, der muss eben verhungern!
So ist das Leben nun mal!
Stimmt das wirklich?
Wer nichts hat, der muss verhungern!!??

Denken wir doch an die vielen Flüchtlinge des Jahres 1945, die im Hungerwinter überall einquartiert wurden.
Sie hatten nichts.
Dennoch durften sie erleben, dass die meisten Einheimischen ihr karges Brot auch mit ihnen geteilt haben.
Menschen in Not sind oft zu erstaunlichen Leistungen und oft zu erstaunlicher Hilfebereitschaft fähig.
Immer wieder dürfen wir das erleben.
Auch heute noch im Jahr 2022.

Jesus erzählt diese Geschichte nicht, um uns aufzufordern, dass jeder von uns genauso wie die Witwe handeln müsste.
Nein, Jesus ruft seine Jünger zu sich, um ihnen am Beispiel der Witwe zu zeigen, zu welch großartigem Vertrauen ein lebendiger Glaube fähig macht.
Die Witwe aus unserer Geschichte legt ihr Leben in die Hände Gottes.
Denn sie vertraut darauf, dass Gott ihr geben wird, was sie zum Leben braucht, …
das tägliche Brot…
… und was noch wichtiger ist…
… das Brot des Lebens, das die Seele satt macht – auch dann, wenn es kärglich ausfällt.

Amen

 

Es grüßt Sie, Ihr Pfarrer Jürgen Rix


7. Sonntag nach Trinitatis

Geteiltes Brot, das satt macht

31. Juli 2022

Johannesevangelium Kapitel 6 -  Die Speisung der Fünftausend

1 Jesus fuhr weg über das Galiläische Meer, das auch See von Tiberias heißt.
2 Und es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.
3 Jesus aber ging auf einen Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern.
4 Es war aber kurz vor dem Passa, dem Fest der Juden.
5 Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, dass viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus:
Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben?
6 Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte.
7 Philippus antwortete ihm:
Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, dass jeder ein wenig bekomme.
8 Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus:
9 Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das für so viele?
10 Jesus aber sprach:
Lasst die Leute sich lagern.
Es war aber viel Gras an dem Ort.
Da lagerten sich etwa fünftausend Männer.
11 Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, soviel sie wollten.
12 Als sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern:
Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt.
13 Da sammelten sie und füllten von den fünf Gerstenbroten zwölf Körbe mit Brocken, die denen übrigblieben, die gespeist worden waren.
14 Als nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie:
ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll.
15 Als Jesus nun merkte, dass sie kommen würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf den Berg, er selbst allein.

5000 Menschen folgen Jesus - mehr als auf unserem Bierfest Platz finden

Liebe Gemeinde,

Preisfrage am Beginn des Kulmbacher Bierfestes:
Warum wird unser Festbier aus Gerstenmalz gebraut und nicht aus Weizen?

Genau:
Bis weit in die 70er Jahre war es die absolute Ausnahme, Weizenbier zu trinken.
Denn der Weizen diente zum Brotbacken oder zur Herstellung von Nudeln.
Nur wenige Brauereien hatten ursprünglich das königliche Privileg, aus Weizen Bier zu brauen.
Weihenstephan zum Beispiel, weil es praktischerweise dem Staat und damit dem König gehörte.
Der kostbare Weizen war zu schade zum Bierbrauen.
Für das Bier griff man auf die Gerste zurück.
Denn aus Gerste kann man kein Brot backen, wie ich vom „Grünwehrbeck“ gelernt habe.
Gerste hat keine Klebeanteile – kein Gluten also – deswegen würde Gerstenbrot beim Backen gar nicht fest werden.
Es bliebe eine weiche Masse – ein „Baatz“ wie man in Bayern sagen würde.
Man kann einen Brotteig maximal mit 20% Gerste strecken, so habe ich bei meiner Recherche für diese Predigt vom Bäckermeister erfahren – alles andere würde missraten.
Und damit sind wir mitten in der Situation, von der das Evangelium für diesen Sonntag berichtet.
Von fünf Gerstenbroten – gestreckten, minderwertigen Broten geht da nämlich eine Bewegung aus, die viele tausend Menschen zum Staunen bringt.

Jesus fährt über das Galiläische Meer und dennoch erwartet ihn am anderen Ufer schon eine riesige Menschenmenge…
5000 Männer, wie wir lesen, dazu viele Frauen und Kinder.
Auf dem gesamten Areal unseres Festplatzes hier in Kulmbach kommen wir auf 5000 Sitzplätze, der Bierstadel ist auf 3000 Sitzplätzen ausgelegt.
Jesus wirkt wie ein Zuschauermagnet.
Er hat viele „Follower“ wie wir heute sagen würden.
Warum folgen all diese Menschen dem Jesus?
Was hat er ihnen zu bieten?
Jedenfalls keine Show-Band, keine Bratwürste, keine Ochsenbraterei, keine „Göggerla“, kein Bier und keinen Wein…
Jesus hat nichts anderes zu bieten als sich selbst…
Wegen seinen Worten folgen die Leute ihm nach.
Sie sind begeistert von dem, wie er spricht und vom Glauben an den Gott redet, den er seinen Vater im Himmel nennt.
Wegen seinen Wundern folgen ihm die Menschen.
Jesus heilt Menschen von unheilbar scheinenden Krankheiten und Behinderungen.
Auch die Geschichte mit der Samariterin am Brunnen hat sich herumgesprochen, zu der er gesagt hat:
„Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten.
Denn das Wasser, das ich ihm gebe, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“
Dieser Jesus ist anders als alle anderen, die vor ihm gekommen sind.
Das verstehen die Menschen und darum folgen sie ihm…
Wegen seiner Persönlichkeit also…
Wegen seiner Einzigartigkeit.
Darum lassen sie alles liegen und stehen.
Und sie lauschen…
Stellen wir uns das einmal vor…
Der gesamte Kulmbacher Festplatz voller Menschen und dann dieser eine Jesus mit seinen 12 Jüngern.
Lauter orientalische Leute, die sonst wild und laut durcheinanderplappern, Leute, für die Disziplin ein Fremdwort ist.
Der ganze Festplatz lauscht, ist mucksmäuschen still, damit ja keine Silbe aus seinem Mund im Gebrummel untergeht.
Denn Jesus hatte nur seine natürliche Stimme und keine Lautsprecheranlage.
Von diesem Menschen Jesus muss also eine einzigartige Faszination ausgegangen sein.
Und Jesus?
Er spricht zu all den Menschen kein Wort.
Nur den Jünger Philippus fragt er:
„Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben?“
Philippus prüft die Reisekasse der 12 Jünger…
200 Silbergroschen – also 200 Tagelöhne.
Nicht gerade wenig, so in etwa 20.000€.
Offensichtlich war die „Jüngertruppe“ um Jesus gar nicht so arm wie wir oft denken.
Aber 20.000€ sind dennoch für 5000 Männer und mindestens genauso viele Frauen und Kinder ein unzureichendes Kostgeld.

Und da kommt ein Kind ins Spiel – eines von den Kindern, über die Jesus sagt:
„Wenn ihr das Reich Gottes nicht empfangt wie ein Kind, dann werdet ihr nicht in Gottes Reich hineinkommen.“
Dieses Kind hat etwas in der Hand:
Fünf Gerstenbrote – gestrecktes, minderwertiges Brot…
Und zwei Fische – ein Nahrungsmittel, das man umsonst aus dem See fischen kann.
Fünf Gerstenbrote und zwei Fische.
Nichts für so viele, so scheint es…
Aber für Jesus und das Kind genug, dass er den Jüngern aufträgt:
„Sorgt dafür, dass sich die Menschenmasse setzt!“
Und tatsächlich – die Menschen setzen sich…
Geräuschlos, still, voller Erwartung…
Fast unvorstellbar.
Jesus spricht ein Dankgebet über den fünf Broten und den zwei Fischen und beginnt sie auszuteilen.
Jeder nimmt so viel er mag.
Und…?
Alle werden satt…!
Ja, das gibt es!
Jesus teilt das Wenige an die Vielen und jeder von den Vielen spürt, dass er nicht der Einzige ist.
Darum nimmt nicht jeder möglichst viel für sich, sondern offensichtlich nur so viel, dass auch der Nächste noch etwas im Korb vorfindet.
Und so geschieht das Wunder, dass am Ende alle satt sind und zudem 12 Körbe mit Brotbrocken gefüllt werden können.
Wie dieses Wunder zustande gekommen ist, darüber wird nichts berichtet.

Kann sein, dass Jesus das Brot auf wundersame Weise vermehrt hat so wie er auf wundersame Weise einen Gelähmten und den sterbenskranken Sohn eines königlichen Beamten geheilt hat.

Kann aber auch sein, dass es die Herzen der Menschen angerührt hat, als sie sahen, wie Jesus das Wenige wirklich vollständig an alle weitergibt.
Dann könnten die so angerührten Menschen in ihre Umhängetaschen gegriffen und ihre Brotbrocken in die Körbe gelegt haben.
Wer weiß…

Möge jeder sich darauf seinen eigenen Reim machen.
Jedenfalls fühlen sich am Ende alle satt – wohl auch deshalb, weil sie eine einzigartige Gemeinschaft erlebt haben.
Jeder gibt weiter.
Jeder achtet darauf, dass für den Nächsten auch noch etwas übrigbleibt.
Diese Erfahrung sprengt das sonstige Erleben und Verhalten der Menschen, die da in so großer Zahl zu Jesus gekommen sind.
Diese Menschen benutzen sonst auch ihre Ellbogen und denken zuerst an sich und an ihren eigenen Bauch.
Jetzt aber – in diesem Moment, da verhalten sie sich anders.
Und am Ende, da staunen sie nicht nur über Jesus, sondern auch über sich selbst.
>>, Dass ich nicht zuerst an mich selbst denke, sondern genauso an meinen Nachbarn, das kenne ich sonst nicht von mir.
Oh Augenblick verweile, du bist so schön! <<

Doch der Augenblick verweilt nicht.
Die Menschen, die das erlebt haben, wollen mehr davon.
Sie wollen Jesus zu ihrem König machen.
Sie wollen, dass Jesus wie ein König, täglich dafür sorgt, dass Menschen sich immer so verhalten.
Aber Jesus entzieht sich diesem Wunsch nach dem „Mehr davon“.
Dass Menschen sich so verhalten wie an jenem Tag zu jener Stunde, das kann man nicht verordnen und organisieren.
Dazu braucht es den richtigen Moment und die richtige Stimmung.

Der Augenblick verweilt eben nicht, sondern er vergeht.
Aber die Erinnerung an eben diesen wunderbaren Augenblick, die lebt fort und sie ermutigt Menschen immer wieder dazu, sich in besonderen Situationen ganz besonders überraschend mitmenschlich zu verhalten.
Immer wieder erleben wir das, dass Menschen gerade in der Not und in den Krisen zusammenhalten und über sich selbst hinauswachsen mit Hilfsbereitschaft und Aufopferungsbereitschaft, wenn es brennt, bei Überflutungen, bei Unfällen oder bei terroristischen Angriffen.
Aber diese Hilfsbereitschaft, die lässt sich nicht verordnen von oben herab.
Man kann sie den Menschen auch nicht anerziehen.
Jesus weiß das.

Und darum lässt er die Menschen, die das von ihm erwarten allein.
Er lässt sie allein, weil er ihnen etwas zutraut und ihnen gleichzeitig etwas zumutet.
Jesus traut den Menschen zu, dass sie auch weiterhin noch so viel Herz aufbringen, um sich in besonderen Situationen außergewöhnlich zu verhalten.

Und Jesus mutet ihnen zu, selber in der Not der Erste zu sein, der den Verunglückten aus dem Auto zerrt und ihn aus den Flammen rettet.
Ja, Jesus mutet jedem von uns zu, der Erste zu sein, der anpackt, hilft und weitergibt.
Jesus mutet uns zu, dass wir nicht darauf warten, dass ein anderer für uns einspringt, während wir unbeteiligt und ungerührt herumstehen oder besserwisserisch daherreden.
Jesus rührt mit seinen Worten und mit seinem Verhalten das Herz der Menschen an.

Ja, wir Menschen haben ein Herz!
Dass das Herz unser Handeln bestimmt…
Darauf vertraut Jesus.
Dass das Herz unser Handeln bestimmt…
Das mutet uns Jesus auch zu, heute, gestern und übermorgen.

Amen

 

Es grüßt Sie, Ihr Pfarrer Jürgen Rix


3. Sonntag nach Trinitatis

Vorstellung der neuen Konfirmandinnen und Konfirmanden

3. Juli 2022

3. So.n.Trin     Konfirmandenvorstellung Lk 15, 1 – 3. 11 -32 3.7.2022

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Angehörige unserer Konfirmanden, liebe Gemeinde,

eine ewige Geschichte beschäftigt uns heute, an dem Tag, an dem wir unsere neuen Konfirmanden der Gemeinde vorstellen.
Die ewige Geschichte von Eltern und Kindern, …
… die ewige Geschichte des Umgangs von Geschwistern miteinander.
Wir beschäftigen uns aber auch mit der Liebe, …
mit der Liebe, die zu feiern versteht, …
mit der Liebe, die den Versager annimmt …
und mit der Liebe, die den Schmerz des anderen spürt.
Das Gleichnis dieses Sonntags erzählt von einem Vater, der zwei Söhne hat.
Der Jüngere möchte sein Glück in der Welt versuchen.
Er drängt den Vater, zu übergeben und lässt sich sein Erbteil auszahlen.
In Israel stand jedem Sohn der gleiche Erbteil zu, nur der Älteste bekam das Doppelte der anderen Söhne, weil er auch die Pflicht hatte, für die Mutter zu sorgen.
In unserem Fall also sah es so aus, dass der Ältere 2/3 des Besitzes bekam, der Jüngere 1/3.
Wir können davon ausgehen, dass es ein beachtliches Erbe war, das dem Jüngeren anvertraut wurde, weil ja davon berichtet wird, dass auf dem Hof des Vaters viele Knechte arbeiten.

Der Vater lässt seinen Sohn ziehen.
Er hindert ihn nicht daran, weil er wohl weiß, dass einer, der ausbrechen will, sich nicht festhalten lässt.
Freilich dürfen wir vermuten, dass der Vater in vielen Gesprächen seinem Sohn ins Gewissen geredet hat.
Wir dürfen auch vermuten, dass er den Sohn nicht mit seinem Segen hat ziehen lassen, sondern dass sie im Streit auseinander gegangen sind.
Denn am Ende der Geschichte heißt es ja:
„Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden.
Er war verloren und ist wiedergefunden worden“.
Wenn ein Vater sagt, dass sein Sohn für ihn „tot“ ist, dann muss es zu schweren Auseinandersetzungen gekommen sein.
Doch trotz intensiver Gespräche und Diskussionen hat sich der jüngere Sohn wohl von seinem Weg nicht abbringen lassen.
Er will es wissen und geht seinen Weg auch, wenn dieser Weg schnurstracks in den Abgrund führt.
Es spricht für die Weisheit dieses Gleichnisses, weil es mit wenigen Worten versteht zu beschreiben, wie dieser Weg in den Abgrund aussieht:


Der Weg in den Abgrund beginnt damit, dass einer zu viel Geld hat,
so viel Geld, dass er nicht unbedingt arbeiten muss.
Wer sich nicht nach seiner Decke strecken muss, der sieht auch keinen Grund dazu, sich mit mühsamer Arbeit eine Existenz aufzubauen.
Stattdessen macht sich der jüngere Sohn „ein schönes Leben“, wie wir oft recht oberflächlich sagen.
Dieses „schöne Leben“ sieht dann so aus, dass er nachts ausgiebig zecht,
dass er am Morgen nicht aufsteht,
dass er sich umgibt mit Leuten, die dem „lockeren Lebensstil“ zusprechen.
Viele Freunde macht sich der jüngere Sohn in der Fremde, weil er „es krachen lässt“ und weil er sich vieles leisten kann, an dem andere gerne teilhaben.

So sieht er also aus, der Weg in den Abgrund:
* Da hat einer zuerst zu viel Geld.
* Er muss deshalb nicht unbedingt arbeiten
* Dann gerät er an die falschen Freunde.
* Und schließlich ist der große Reichtum schneller verprasst als man meint.

Wenn dann das Geld fort ist, dann schleichen auch die falschen Freunde sehr schnell fort.
Da ist der fröhliche Zecher plötzlich auf sich alleine gestellt.
Er, der sich daran gewöhnt hat, ohne Arbeit zu leben, er muss sich nun gezwungenermaßen wieder eine Arbeit suchen.
Doch wer nimmt einen, von dem sich herumgesprochen hat, dass er ein Prasser und ein Nachtschwärmer ist?

Und eben jetzt beginnt das letzte Stück auf dem Weg zum endgültigen Absturz.
Statt seinen Fehler einzusehen,
statt zu seinen Eltern zurückzukehren,
nimmt er lieber eine niedrige Arbeit an, eine Arbeit, die ihn kaputt macht und auszehrt.
Er hängt sich wieder an den Verkehrten,
an einen „sogenannten Bürger“, der ihm eine Arbeit zuweist, von der er sich nicht einmal etwas zum Essen kaufen kann.
Der letzte Schritt zum Absturz ist also der Stolz,
der dumme Stolz, der einem Menschen, daran hindert zurückzukehren zu denen, bei denen man es guthatte.



Erst als es fast zu Ende geht mit dem jüngeren Sohn, …
erst als er den Schweinen ihren Fraß streitig machen muss, um überhaupt noch etwas in den Magen zu bekommen, …
erst dann besinnt sich der stolze, aber gescheiterte Lebemann auf sein Zuhause, in dem er es doch guthatte.

Erst kurz vor dem Verhungern, zwingt die Not zur Einsicht:
„Beim Vater musste ich zwar jeden Tag früh aufstehen und hart arbeiten.
Doch bei ihm hatte mein Leben eine Ordnung.
Ich hatte eine Heimat, ein Zuhause.
Ich war wer.
Und ich fand Bestätigung bei meiner Arbeit.
Und jetzt:
Jetzt bin ich ein Nichts, der letzte Dreck, den man wie Dreck behandelt.“

Er überlegt sich, wie er sich Einlass erbitten könnte in seinem Elternhaus, das ihn abgeschrieben hat und als tot betrachtet.
Und so überlegt er sich ein Sündenbekenntnis, ein Sündenbekenntnis, wie er es im frommen Haus seiner Eltern gelernt hat.
„Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.
Ich bin nicht wert, dass ich dein Sohn heiße!
Mache mich zu deinem Tagelöhner!“

Als der gescheiterte Sohn in die Sichtweite seines Elternhauses kommt, ist er wahrscheinlich so damit beschäftigt, sich eine Entschuldigung zurechtzulegen, dass er gar nicht geradeaus schaut.
Sein Vater ist darum der erste, der den heimkehrenden Sohn sieht.
Und nun geschieht das Wunderbare an dieser Geschichte, das Wunderbare, von dem wir niemals genug lernen können.

Statt seinem Sohn Vorhaltungen zu machen, sieht der Vater, wie es dem Sohn geht.
Er sieht, dass er halb verhungert und seelisch völlig heruntergekommen ist.
Da sticht es ihm ins Herz.
„Der, der für mich tot war, der ist und bleibt doch mein Fleisch und Blut.
Der, der für mich tot war, der ist doch der, der als kleines Kind auf meinem Schoß gesessen und mich angelacht hat.
Der, der tot war, lebt.
Und so wird für den Vater die Rückkehr des Sohns zu einem freudigen Ereignis, wie eine neue Geburt.

Ja, er liebt ihn noch, seinen Sohn.
Weil der Vater seinen Sohn liebt, trotz aller Enttäuschung, darum erkennt er, dass es jetzt nicht die Zeit ist, um abzurechnen, sondern um Schmerzen zu lindern.
Und so läuft er dem Sohn entgegen, fällt ihn um den Hals und küsst ihn mit den Tränen, die nur der weinen kann, dem das „Schmerzen stillen“ wichtiger ist als das Rechthaben.

In den Armen eines liebenden Vaters beginnt der Sohn sein Schuldbekenntnis zu sprechen.
Doch die Liebe des Vaters ist so groß, dass er ihn nicht einmal ausreden lässt.

Der Vater sorgt dafür, dass sein Sohn ordentlich bekleidet wird.
Und schließlich steckt er ihm einen Ring an, als Zeichen dafür, dass er mit ihm als Vater verbunden bleiben will.

Der Sohn, der tot war, lebt.
Der Sohn, der verloren war, ist wiedergefunden.
So wunderbar kann das Leben sein.
Wie sollte man über ein solches Wunder nicht fröhlich sein!
Der Vater ordnet an, dass nun alle Arbeit liegen bleibt und das Wunder ausgiebig gefeiert wird.

Doch da kommt der große Sohn von seiner Arbeit heim.
Und er sieht das altbekannte, für ihn ärgerliche Bild.
Der eine singt feiert und tanzt und er darf sich wieder einmal abplagen und kommt schweißgebadet von der Arbeit.

Das ärgert ihn und darum macht er seinem Vater Vorhaltungen.
Sie sind verständlich, die Vorhaltungen des Älteren.
Doch wie so oft spricht aus der bedächtigen Antwort des Vaters mehr Weisheit als aus den wütenden Vorhaltungen des Sohnes.

„Mein Sohn! Du bist allezeit bei mir.
Und was mein ist, ist auch dein“ sagt der Vater.
Das heißt doch:
* Du hast dich nicht umsonst geplagt.
* Der eine hat sein Erbe verprasst.
* Dein Erbe aber ist doch deine Arbeit noch gewachsen.
* Es wird nun nicht noch einmal verteilt.

Aber eines ist doch viel wichtiger:
Dein Bruder, mein Sohn lebt!
Freuen wir uns doch über das Leben, weil das Leben eben mehr zählt als der Tod und weil das Leben auch wichtiger ist als jedes Erbe.
Freuen wir uns, dass der, der verloren war, wieder bei uns ist und bei uns leben will!
Freuen wir uns darüber, dass unsere Familie Zuwachs bekommen hat und geben wir dem Heimkehrer nicht nur eine neue Chance, sondern unsere Liebe, denn die braucht er, so elend wie er beieinander ist.

Unser Glaube ermutigt uns zu einer Liebe, die den Schmerz des Anderen spürt.
Unser Glaube ermutigt uns zu einer Liebe, die nicht recht haben muss.
Und unser Glaube ermutigt uns dazu, einander zu verzeihen und einander das Leben zu gönnen, auch wenn einer in der Familie die anderen schwer enttäuscht hat.
Zum Leben ermutigt er – unser Glaube.
Zum Leben miteinander in der Familie, in der Gemeinde, in der Nachbarschaft und mit Freundinnen und Freunden.
Denn was gibt es Schöneres auf der Welt als das Leben – vor allem dann, wenn einer dem anderen das Leben gönnt.

Amen

Es grüßt Sie, Ihr Pfarrer Jürgen Rix


2. Sonntag nach Trinitatis

Silberne Konfirmation

26. Juni 2022

2. Sonntag nach Trinitatis    Silberne Konfirmation    Mt 11,25-30    26.6.2022

Matthäus 11,25-30     Jesu Lobpreis und Heilandsruf


Was lässt uns aufrecht und mit Mut in die Zukunft blicken?
Hören wir die frohe Botschaft unseres HERRN Jesus Christus für unser Leben als Menschen in der Mitte ihres Lebens aus dem Evangelium nach Matthäus im 11. Kapitel…

25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach:
Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart.
26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.

27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater;
und niemand kennt den Sohn als nur der Vater;
und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.
28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir;
denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig;
so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

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Liebe Silberne Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Festgemeinde,

>> Kommt her zu mir alle, die ihr erschöpft und belastet seid; ich werde euch eine Atempause gönnen ... <<

Erschöpft und belastet sein…
Drücken diese vier Worte nicht das Lebensgefühl von Menschen aus, die wie Sie – liebe Jubilarinnen und Jubilare in der Mitte des Lebens stehen?
Erschöpft und belastet sein…
Haben wir uns mit dieser Stimmung in der Magengegend aufgemacht zum Festgottesdienst im dritten Coronajahr und im fünften Kriegsmonat in der Ukraine.
Die Coronakrise und der Ukrainekrieg haben so ziemlich alles auf den Kopf gestellt haben, was für uns bisher als normal galt.

Erschöpft und belastet sein…
Das war schon vor Corona eine Grunderfahrung des Lebens in unserem digitalen Zeitalter.
Wir leben in einer Hochleistungsgesellschaft.
Es wird viel erwartet von uns, im Beruf, als Eltern von teils schon heranwachsenden Kindern, als Ehrenamtliche, die anspruchsvolle Aufgaben erledigen und als Menschen, die im Geflecht ihrer Familien eingebunden sind.
Freilich, mit dem, was Sie in, mit und für Ihre Familien leisten, erleben Sie auch Erfolge, Erfolge, die Sie bestätigen und die Ihnen die Kraft geben zu neuen Anstrengungen.
Viele von Ihnen haben es geschafft, beruflich eine ordentliche Position zu erlangen.
Nicht wenige wohnen im eigenen Haus oder der eigenen Wohnung.
Schön ist das, wenn man in der Mitte des Lebens auf etwas zurückblicken kann, das man sich geschaffen hat.
Doch Corona, der Ukrainekrieg und die steigenden Preise bringen wohl gerade bei Menschen wie Ihnen, den Jubilaren, so manchen Lebensplan durcheinander.

Sicher durften manche von Ihnen in der Coronazeit ihren Beruf nicht ausüben.
Menschen, die immer gern selbstständig für sich gesorgt und ihr Leben in die eigene Hand genommen haben, mussten plötzlich Unterstützungsanträge ausfüllen, ewig auf Antworten warten und sich vielleicht noch verdächtigenden Nachfragen aussetzen.
All das zehrt an den Nerven und der Stimmung.
Und da kommt Jesus und bringt uns auf gang andere Gedanken:

>> Kommt her zu mir alle, die ihr erschöpft und belastet seid; ich werde euch eine Atempause gönnen ... <<

Zeit zum Ausschnaufen schenken…
Eine Atempause verschaffen …
Wie macht Jesus das?
Der Glaube an Jesus kann das Virus nicht unschädlich machen.
Der Glaube kann den Krieg nur dann beenden, wenn sich der Kriegsherr im Kreml besinnt, wofür die Chancen schlecht stehen.

Aber der Glaube an Jesus ändert die Blickrichtung all der Menschen, die belastet, abgehetzt und erschöpft sind.
Ich habe Ihnen ein Bild mitgebracht.
Darauf sehen wir ein Männlein, das unter der schweren Last eines Fingerabdrucks ächzt.

Was will dieses Bild uns sagen?
Ein Mensch kann zum einen leiden an den Aufgaben, die er sich selber stellt…
- Weil er den für ihn falschen Beruf gewählt hat;
- Weil er in einer Firma arbeitet, in der Klima nicht passt;
- Weil er sich mit Menschen umgibt, die eigentlich nicht zu ihm passen.
Ein Mensch kann aber auch leiden daran, dass andere ihm ihren Fingerabdruck aufpressen…
- Weil sie ständig mehr von ihm fordern;
- Weil sie ihm ganz bewusst Aufgaben zuweisen, denen er nicht gewachsen ist.
Ganz egal, worunter ein Mensch ächzt, auf dem Bild, da leidet er daran, dass sein Weg vorgegeben ist.
Das Männchen auf dem Bild schaut nicht geradeaus nach vorn.
Es sieht nicht, was es links und rechts auch noch gäbe.
Und vor allem: es nimmt keinen Horizont mehr wahr.
Der Blick ist nach unten gerichtet, ein Schritt ist so schwer wie der andere, ein Tag gleicht dem anderen, immer dasselbe…

Und da kommt Jesus mit seinem leichten Joch ins Spiel.
Früher haben Menschen sich ein Joch über die Schulter gelegt, wenn sie schwere Lasten tragen mussten.
Wassereimer zum Beispiel oder Mörtelkübel auf dem Bau.
Die Last ist da. Sie wiegt schwer.
Aber wenn man sie mit einem Joch trägt, dann geht man aufrecht durchs Leben.
Man schaut gerade aus, links und rechts und vor allem: man erkennt das Ziel und den Horizont.
Eine Konfirmandin hat das Wort vom leichten Joch als Konfirmationsspruch gewählt und dazu dieses Holzkreuz gestaltet.

Durch die ausgeschnittenen Flächen im Kreuz kann ein Mensch mit seinem Kopf und der Schulter schlüpfen wie durch ein Joch.
Und dann kann er seinen Weg gehen…
Geradeaus, mal steil nach oben, mal eben dahin, mal nach rechts und mal nach links.
Und auf seinem Weg da sieht dieser Mensch mit der leichten Last des Glaubens die Farben des Regenbogens…
Sie sind ein Symbol für die Vielfalt des Lebens und dafür, dass jeder Tag, jedem Menschen unendlich viele Gelegenheiten begegnen lässt, auf denen er das tun und entdecken kann, was zu ihm passt.
Jesus hat das Joch, von dem er redet selber getragen.
Jesus war kein stromlinienförmiger Mensch, keiner, der nur das getan hat, was andere von ihm erwarten.
Jesus, hat nach vorne geschaut und vor allem oft nach oben:
Zum Himmel eben…
Und vom Himmel her, da hat er sich zu dem inspirieren lassen, wozu sein himmlischer Vater ihn berufen hat.
Und so ist Jesus seinen Weg gegangen…
Einen Weg, der den Mitmenschen in den Blick genommen hat…
Einen Weg, der ihm den Mut gegeben hat, sich eine eigene Meinung zu bilden, sie dann auch auszusprechen und den einen oder anderen Konflikt selbstbewusst durchzustehen.
Jesus wollte auf seinem Weg nicht reich an Geld und stark an Macht werden.
Aber mit seinem Weg hat er den Menschen einen viel wichtigeren Reichtum geschenkt.
* Den Reichtum des Selbstbewusstseins,
* den Reichtum des Selbstvertrauens,
* den Reichtum der Liebe,
* den Reichtum des Vertrauens auf die Gemeinschaft mit den Mitmenschen und den Reichtum des Glaubens, der „danke“ sagen kann für alles Gute und Schöne, der aber auch die Kraft gibt, schwere Zeiten gemeinsam mit anderen durchzustehen.
Aus diesem Reichtum des Glaubens haben viele Menschen in den zurückliegenden Monaten oft unbewusst geschöpft wie aus einer nie versiegenden Quelle.
Eine Frau in Ihrem Alter hat mir erzählt:
„Ja, die vergangen Monaten waren nicht einfach.
Aber wir haben uns als Familie ganz neu entdeckt.
Wir sind nicht wie sonst aneinander vorbeigehuscht.
Wir haben viel miteinander unternommen.
Gerade in den dunklen Wintermonaten haben wir mal wieder den Spielekoffer hervorgeholt und wertvolle gemeinsame Stunden erlebt.“

Ja, auch so können die bunten Farben des Regenbogens und das leichte Joch des Glaubens der Seele von Menschen guttun.

Ja, liebe Jubilarinnen und Jubilare, Jesus legt Ihnen ein Joch auf.
Er möchte Ihr Leben nicht in eine Richtung lenken, die er ihnen aufzwingt.
Jesus ermutigt Sie dazu, auf sich selber zu blicken, …
auf Ihre Seele zu hören …
und sich von der eigenen Seele sagen zu lassen, wohin Sie Ihr Weg führen soll.
Und auf diesem Weg, da dürfen Sie darauf vertrauen:
Er wird bunt, vielfältig und abwechslungsreich sein – so wie die Farben des Regenbogens.
Denn Gott hat Ihnen vielfältige Gaben und Begabungen ins Herz gelegt.

Und mit seinem guten Geist mit wird Gott sie daür begeistern begeistern auf andere Menschen zu wirken.

    Amen

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Ein gesegneten Sonntag und Festtag wünscht Ihnen, Ihr  Pfarrer Jürgen Rix


1. Sonntag nach Trinitatis

19. Juni 2022

1. Sonntag nach Trinitatis    19.6.2022    Lukas 16, 19 – 31    

Vom reichen Mann und armen Lazarus

19 Es war ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.
20 Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren
21 und begehrte sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre.
22 Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.
23 Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.
24 Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen.
25 Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet und du wirst gepeinigt.
26 Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.
27 Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus;
28 denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual.
29 Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören.
30 Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun.
31 Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.


Liebe Gemeinde,

was waren das noch für Zeiten als der arme Lazarus und der reiche Mann lebten!
Reich und Arm begegneten sich im gleichen Haus.
Die Enge der Stadtmauer zwängte die Menschen zusammen und verhinderte, dass sich die Reichen in abgeschotteten Stadtteilen dem Anblick des Elends entziehen konnten.
Heute ist das anders:
Die Reichen in unseren Millionenstädten leben entweder in Luxusvierteln weit vor den Toren der Stadt oder in Stadtteilen, die sich nur Reiche leisten können.
Ins Zentrum lassen Sie sich in abgedunkelten Limousinen von ihren Chauffeuren fahren.
Sie bekommen nichts mit von denen, die in den Abfallkörben nach Pfandflaschen suchen.
Reiche und Arme leben in weitgehend getrennten Welten.
Der arme Lazarus aus der Zeit Jesu lagert vor der Tür des Palastes, in dem der Reiche wohnt.
Der Reiche hätte sehen können, wie schlecht es dem Lazarus geht.
Doch er übersieht ihn.
Er schaut über ihn hinweg, obwohl das Elend des Lazarus sinnenfällig ist.
Man hat seine ausgemergelte Gestalt sehen können.
Man hat hören können, wie er bettelt und um Hilfe bittet.
Der Gestank seiner Geschwüre zwängte sich in die Nase jedes Vorbeigehenden.
Offensichtlich lag Lazarus so geschwächt und hilflos da, dass er sich nicht einmal der Straßenköter erwehren konnte, die an seinen Wunden leckten.
Wie können Menschen so herzlos sein, wie der Reiche aus unserer Geschichte und all die anderen Menschen, die ja auch vorübergingen und ihn hätten wahrnehmen müssen!
Was der Reiche tut und all die Menschen, die in seinem Haus wohnen, würden wir heute als unterlassene Hilfeleistung bezeichnen.
Aus dem Lukasevangelium kennen wir auch die Geschichte vom barmherzigen Samariter.
Auch dort wird davon berichtet, dass zwei gesetzestreue Menschen - ein Priester und ein Levit - an dem ausgeraubten und verletzten Mann vorübergingen und der sogenannte „gesetzlose“ Samariter sich liebevoll über ihn beugte und alles veranlasste, was zu seiner Rettung nötig war.
Der Reiche, der Priester und der Levit, ein Dreiklang von „Wegschauern…“
Eine Koalition von Gleichgültigen und Herzlosen…

Ein Lazarus vor unserer Kirchentür…
Ich behaupte, keiner von uns ginge da ungerührt vorüber.
Jeder würde sich zu ihm hinabbeugen, die Erstversorgung leisten und dann unser Netzwerk von Helfern einschalten, die sich um solche Menschen kümmern, den Rettungsdienst, den Notarzt, das Krankenhaus und schließlich das Pflegeheim.
Jeder Mensch hat bei uns Anspruch auf die Dienste der rettenden Netzwerke, egal ob er arm oder reich ist.
Auch die Gestrandeten des Lebens müssen im Kulmbach des Jahres 2022 nicht hungern.
Dutzende von hilfsbereiten Menschen klappern ehrenamtlich die Supermärkte und Marktstände ab, um genießbare Lebensmittel für die Menschen einzusammeln, die knapp bei Kasse sind.
Alles gut also bei uns?
Erzählt die Lazarusgeschichte ein Elend, das wir längst hinter uns gelassen haben?
Zunächst einmal gibt es da nur eine Antwort:
Ja, wir dürfen stolz darauf sein, wie bei uns auch Außenseiter als Menschen wahrgenommen werden, als Menschen, die Hilfe brauchen, als Menschen, die man mitnimmt und mitkommen lässt.
Augenfälliges Elend wie das des Lazarus gibt es bei uns nicht.
Ein erstaunlich einfallsreiches Netzwerk an hilfsbereiten Menschen kümmert sich in unserem Landkreis um die Flüchtlinge aus Syrien und aus der Ukraine.
Sie öffnen ihnen die Türen ihrer Häuser.
Sie hören sich ihre Geschichten an, auch wenn die Verständigung schwierig ist.
Sie nehmen sich Zeit für sie und lassen ihnen spüren:

>> Wir wollen euch nahe sein, denn euer Unglück geht uns zu Herzen.
Ihr seid uns nicht egal, obwohl ihr einer anderen Kultur und Religion angehört. <<

Warum tun Menschen aus unserer Mitte all das?
- Weil sie nicht wie der Reiche aus unserem Gleichnis in die Hölle kommen wollen?
- Weil sie sich einen Platz im Himmel verdienen wollen?

Die Helfer aus Kulmbach würden auf solche Fragen wohl antworten:
Uns geht es nicht um den Himmel oder um die Hölle, sondern um die Menschen!

Gut so! – meine ich, denn genau mit dieser Einstellung zeigen unsere Helfer, dass das Evangelium für sie nicht nur Worte oder eine Lehre ist, sondern eine Lebenseinstellung.
Wir leben in einer glücklichen Zeit, in der Menschen das Gute nicht nur deshalb tun, weil sie sich vor der Hölle fürchten oder vor dem Gericht Gottes, wenn sie anders handeln würden.
Wir leben in einer Zeit, in der Menschen gerne den eigenen Wohlstand genießen, sehr wohl aber auch hinsehen und sich aus Mitmenschlichkeit oder Mitgefühl um die kümmern, die sich selbst nicht helfen können.
Dass viele Menschen so leben und handeln, das dürfen wir ruhig als die Frucht der Verkündigung des Evangeliums ansehen.
Von Jesus lernen wir, dass uns Gott nicht in erster Linie in Geboten, in Gesetzen oder in wundersamen Erscheinungen entgegenkommt, sondern in den Mitmenschen.
Martin Luther hat immer wieder davon gepredigt, dass ein Christ sich das Himmelreich nicht erkaufen oder erdienen kann.
Immer wieder hat er seine Hörer dazu ermutigt, den Gottesdienst im Alltag zu pflegen und hochzuschätzen.
Gottesdienst im Alltag heißt für Martin Luther den Menschen nicht nur auf den Mund zu schauen, sondern auch in ihre Augen zu blicken.
Der Gottesdienst im Alltag nimmt den Mitmenschen wahr.
Er freut sich mit den Erfolgreichen,
er achtet die Arbeit des Mitmenschen – auch wenn er nur die Straße kehrt,
er steht den Trauernden hilfreich zur Seite,
und er lässt alles liegen und stehen, wenn der Nachbar in Not gerät.
Viele Menschen in unserer Mitte leben eben nicht gleichgültig und eiskalt berechnend.
Im Gegenteil:
Viel größer ist die Zahl derer, die ihr Herz empfinden und ihre Hände handeln lassen.
Menschen aus unserer Mitte stehen benachteiligten Kindern bei der Hausaufgabenbetreuung bei.
Andere kümmern sich um die Flüchtlinge und erleichtern ihnen den Start ins Leben in unserem Land, in dem zum Glück alles seine Ordnung hat.
Die Nächsten besuchen im Hospizverein die Menschen, die sich auf den Tod vorbereiten und helfen ihnen, ihre Schmerzen zu ertragen.
Die Besuchsdienste unsere Gemeinde könnten ohne die ehrenamtlichen Mitarbeiter nicht in der gewohnten Fülle durchgeführt werden.
Endlos lang ließe sich diese Liste verlängern.
Freuen wir uns darüber, in einem solchen Land mit solchen Menschen leben zu dürfen und reden wir auch selbstbewusst davon, dass all das viel mit dem Evangelium unseres HERRN Jesus Christus zu tun hat.
Ja, Gott ist nahe.
Nicht als drohender Richter im Jenseits, sondern als der Mitmensch, der uns entgegenkommt.
Jesus – der Mensch gewordene Gott – lehrt uns, das Herz sprechen zu lassen und das Herz unser Handeln bestimmen zu lassen.
Viele Menschen haben das von ihm gelernt.
Danken wir dafür, dass wir als Kirche mit unserem Dienst an den Menschen einen Beitrag dazu leisten, dass viele Menschen an vielen Stellen hinsehen und gerne mit anpacken, wenn ihre Hilfe gebraucht wird.

Amen,       

Es grüßt Sie, Ihr Pfarrer Jürgen Rix





Trinitatis

Dreieinigkeits-Sonntag

12. Juni 2022

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Predigtwort: Welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat ihm zuvor etwas gegeben, dass Gott es ihm zurückgeben müsste?

Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

mit der Mathematik hatte ich schon immer meine Schwierigkeiten. Schon in frühester Jugend hat sich das abgezeichnet, dass ich wohl kein Mathegenie werden würde. So manches Mal, wenn ich mal wieder eine schlechte Note kassiert hatte, habe ich mit Gott gehadert und ihn gefragt, warum er mich, als es um Verteilung der mathematischen Talente ging, anscheinend vergessen hat. Vermutlich hatte er da schon im Sinn, mich anderweitig gebrauchen zu wollen und tatsächlich, jetzt, als Pfarrerin, kommt mir meine Begriffsstutzigkeit in Mathe durchaus zugute, denn mit der Trinität, der Dreieinigkeit Gottes, also dass eins und eins und eins EINS ergibt: Mit der tue ich mir nicht schwer. Wie gesagt: Ich nehme es schon lange hin, dass sich mir die Geheimnisse der Mathematik nicht offenbaren.

Dennoch ist der Trinitatis-Sonntag natürlich etwas, an dem man gedanklich herumtüftelt, denn dass wir an den einen Gott glauben, der sich in drei Entfaltungen zeigte und zeigt – das ist schon schwierig zu verstehen.

Der PT macht es einem dabei auf den ersten Blick zumindest auch nicht gleich verständlicher, aber im letzten Vers findet man dann doch gute Hilfen, wie man den heutigen Sonntag ins menschliche Begreifen hineinzubringen versuchen kann.

Der letzte Vers des PT heißt: „Denn von Gott und durch Gott und zu Gott sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit!“

In diesem „von ihm, durch ihn, zu ihm“ ist unser gesamtes Glaubensbekenntnis versteckt. Wir glauben an Gott, den Schöpfer, von dem wir alles haben.

Wir glauben an Jesus Christus, den Sohn, durch den Gott sich uns als unser Bruder offenbarte.

Wir glauben an den Heiligen Geist, so wie er jetzt bei uns ist und uns durch sein Wirken immer wieder zu Gott führen möchte.

Unser Gott ist ein Gott der Beziehung. Sein ganzes Wesen ist Beziehung. Gott ist der Schöpfer, der aus freien Stücken heraus, aus dem Nichts, die Welt in ihrer ganzen unermesslichen Vielfalt und Schönheit erschuf. Und uns Menschen hat er sie anvertraut und stellte sie unter unsere Verantwortung: Wir sollen sie bebauen und bewahren. Die Schöpfung ist ein Geschenk der Gnade Gottes an uns. Und er hat sie uns eben auch nicht einfach gegeben, um sich dann zurückzuziehen. Er ist kein Weltenbauer, der sich nach vollbrachter Arbeit von seinem Werk abwendet, um sich womöglich Anderen, Wichtigerem zuzuwenden. Nein, er bleibt gegenwärtig, er bleibt da. Er bleibt auch dann und gerade dann da, wenn der Mensch meint, es viel besser zu wissen als Gott. Davon erzählen gleich am Anfang der Bibel die sogenannten Urgeschichten. Das sind die Erzählungen, die Typisches vom Menschen berichten und leider ist da gleich von Hochmut, von Lüge und auch vom ersten Mord zu berichten. Ich könnte es verstehen, wenn Gott sich da gleich mit Grausen abgewendet hätte, seine Welt ihrem Schicksal überlassen hätte. Sollen sie sich doch gegenseitig totschlagen.

Aber so dachte und denkt er eben nicht. Er blieb drin in dieser Welt, ging sogar noch mehr hinein, nämlich in Jesus Christus, der durch und durch Mensch wurde, so wie wir.

Gott offenbarte sich, zeigte sich als Vater, als Schöpfer in Jesus Christus, dem Sohn. Dort wurde er sichtbar, anfassbar, verletzbar.

Drei Jahre lang nahm er seine Jünger und Jüngerinnen in die Lehre und versuchte ihnen zu erklären, wie Gott sich Beziehung vorstellt. Jesus zeigte ihnen, wie man denken und leben muss, wenn Liebe und Barmherzigkeit unsere Beziehungen zueinander bestimmen. Er war ein Meister darin, Grenzen zu durchbrechen, indem er Menschen, die ausgegrenzt waren, ganz dicht zu sich heranholte und an ihnen die unbegrenzte Liebe Gottes deutlich machte. Wir kennen alle diese Geschichten vom Zachäus z.B. oder von der Ehebrecherin oder auch wie Jesus die Kinder und Frauen, die damals kaum Rechte hatten, in den Mittelpunkt stellte, um an ihnen das Reich Gottes zu erklären. Er hatte keinerlei Berührungsängste, auch nicht Kranken gegenüber, die an Leib oder Seele litten. Jesus kannte keine Distanz – genau das brachte ihn ans Kreuz, weil er sich eben nicht zurückzog in seine Göttlichkeit, sondern drin blieb in unserer Welt, bis zum bitteren Ende.

Aber auch dann – wieder zeigt sich Gott als ein Gott der Beziehung. Wieder zeigt er sich als einer, der Grenzen nicht akzeptiert, sondern sie durch seine Liebe durchbricht, auch die letzte Grenze, den Tod.

„Hinabgestiegen in das Reich des Todes“ ist Christus. Auch hier keine Distanz, kein Geschehen, irgendwie magisch vom Himmel herab, sondern mitten drin. Und so geschieht etwas, was nur der Schöpfung vergleichbar ist, etwas ganz Neues, nie Dagewesenes: Die Auferstehung.

Gott, der Schöpfer, besiegt durch Christus den Tod, für uns, damit wir zu ihm kommen können, im Leben wie im Tod.

In der Zeit zwischen Ostern und Himmelfahrt brauchten die Jünger und Jüngerinnen noch etwas Anschauungsunterricht, um das begreifen zu können, wortwörtlich „begreifen“ zu können. Christus, der Auferstandene, kam zu ihnen und sie konnten in dieser Zeit noch mit ihm reden, ihn sehen, ihn anfassen. Das brauchten sie, wie wir aus der Geschichte mit dem zweifelnden Thomas wissen: Er musste sehen, fühlen, hören, sonst hätte er es nicht erfassen können.

Aber diese Zeit war doch schon geprägt vom Abschied. Jesus ging zurück in den Himmel, zu seinem Vater. Allerdings bleibt er auch hier seinem Wesen treu: Das ganze Wesen Gottes ist Beziehung. Und so wie Gott der Schöpfung am Anfang seine Schöpfung nicht allein zurückließ, so hat auch Jesus uns nach seiner Heimkehr in den Himmel nicht allein zurückgelassen, sondern uns eine neue Form von sich selbst dagelassen: Den Heiligen Geist, über den wir am letzten Sonntag, an Pfingsten, nachgedacht haben.

Diese Person Gottes ist es, die in der Welt, in uns wirkt, bis Jesus wiederkommen wird, um sein Werk zu vollenden. Dieser Geist ist es, der zu Gott führen möchte, damit unser Leben wenigstens ansatzweise so sein kann, wie das Leben Christi war, geprägt von Liebe und Versöhnung.

Nun haben wir uns durchbuchstabiert durch die Heilige Dreifaltigkeit.

Wir haben uns damit auch durchbuchstabiert, wie die Sinnfragen unseres Lebens beantwortet werden können. Denn auf die Fragen „Wo komme ich her? Wozu bin ich da? Wo gehe ich hin?“  - lassen sich genau diese Antworten geben.

Du bist da, weil du von Gott geschaffen wurdest. Weil du von Gott ins Leben hineingerufen wurdest.

Dein Sinn in dieser Welt ist, dass Gott durch dich reden und wirken möchte – und das kann Dinge ins Rollen bringen, die du selber nie fertigbringen könntest.

Du gehst, wenn die Zeit gekommen ist, zurück zu Gott. Er, der dich ins Leben hineingerufen hat, er ruft dich auch wieder heraus. Und du darfst heim zu ihm gehen.

Woher, wozu, wohin? Von Gott, durch Gott, zu Gott: Mit dieser trinitarischen Formel kann das Leben eine große Gelassenheit und Sicherheit bekommen.

Unser Gott ist ein Gott der Beziehung. Wo wir begreifen, dass die Beziehung zu ihm nicht etwa abhängig macht, sondern einen reifen lässt, einen fähig werden lässt, aus Gottes Kraft heraus zu leben – überall dort wächst es, das Reich Gottes. Und es wird durch nichts aufzuhalten sein, bis Christus kommt.

Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen.

 Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser menschliches Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Es wünscht Ihnen einen gesegneten Sonntag Ihre Pfrin Bettina Weber  :-) 


Pfingsten

Gottes Geist macht frei

5. Juni 2022

Pfingstsonntag        5.6.2022    Röm 8,1-2.10-11

Röm 8,1-11

1 Es gibt keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.
2 Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.
10 Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen.
11 Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.



Liebe Gemeinde,

Gottes Geist macht lebendig.
Gottes Geist ermutigt uns dazu, ein lebendiges Leben zu führen und uns nicht einschnüren zu lassen von all den Pflichten, die wir uns oft ganz unbewusst auferlegen.

Mit diesen beiden Sätzen möchte ich das zusammenfassen, was wir gerade eben von Paulus in sehr gelehrten Worten über das Wirken des Heiligen Geistes gehört haben.
Zu einem lebendigen Leben möchte uns der Heilige Geist befreien, damit wir immer wieder unser Leben daraufhin durchforsten, ob wir uns zu Sklaven von Pflichten, Gewohnheiten und Ritualen machen lassen.
Wenn ein Mensch sich überfordert fühlt und Rat bei einem unbelasteten Mitmenschen sucht, dann wird im Gespräch der beiden oft sehr schnell deutlich, dass die meisten der vermeintlichen Pflichten selbst gewählte Einschränkungen der eigenen Freiheit sind.

Ich will ihnen dazu die Geschichte eines älteren Ehepaares erzählen.
Die beiden haben das große Glück, dass sie gemeinsam den Ruhestand erleben dürfen, was ja überhaupt nicht selbstverständlich ist.
Sie sind anscheinend gesund, kräftig und leistungsfähig.
Zudem leben sie als warmherzige Leute, die anderen gerne helfen und deshalb so gut wie nie „nein“ sagen.
Weil sie noch so fit sind, darum prägt ein straff organisierter Tagesablauf ihr Leben, … ein Tagesablauf, der den Ruhestand zu einem „Unruhestand“ macht.
Morgens um halb sieben ist bereits der Frühstückstisch gedeckt, …
nicht nur für die beiden, sondern auch für den Sohn, die Schwiegertochter und die beiden Enkelkinder.
Um kurz nach sieben verlassen der Sohn und die Schwiegertochter das Haus, weil sie beide zur Arbeit gehen.
Beide verdienen sie gut, haben leitende Positionen und klettern Jahr um Jahr weiter nach oben auf der Karriereleiter.
Stolz sind Oma und Opa auf die beiden, ebenso stolz wie auf ihre Enkel, weil sie in der Schule zu den Besten gehören.
Wenn die Enkel aus dem Haus sind, räumt Oma den Frühstückstisch auf, kümmert sich um die Wäsche aus beiden Haushalten, putzt beide Wohnungen und bügelt, weil Sohn und Schwiegertochter zu dieser Arbeit ja nicht kommen.
„Ach Vater, wir wollen doch die Garage erweitern für das neue Wohnmobil.
Kannst du nicht die Pläne zum Bauamt bringen?
Du weißt ja, ich müsste sonst extra Urlaub nehmen.
Ach ja, und diese Einkaufsliste hat die Inge noch zusammengestellt.
Du erledigst das doch oder…?“,
… so hat sich der Sohn früh vom Vater verabschiedet.
Bis der Opa all das abgearbeitet hat, bleibt noch ein bisschen Zeit, um den Garten in Ordnung zu halten.
Inzwischen steht seine Frau schon am Herd, weil ja bald die Enkel von der Schule kommen und sich auf ihre Leibspeise freuen, …
… den selbstgemachten Apfelstrudel, den niemand besser zubereiten kann als die Oma.
Am Nachmittag beaufsichtigen beide die Hausaufgaben und dann kommt das Auto aus der Garage, weil die eine zum Reitstall gefahren werden muss und der andere zum Klavierunterricht.
Inzwischen bereitet Frau „Unruhestand“ schon das Abendessen für die drei Generationen unter ihrem Dach vor.
„Die Jungen sind doch so abgehetzt, wenn sie heimkommen.
Da freuen sie sich, wenn schon alles fertig ist…“ sagt sie immer wieder zu ihrer Nachbarin.
Kaum ist das Abendessen verspeist, meint der Sohn:
„Ach ja, heute Abend hält der Professor Breitwieser aus Bochum einen interessanten Vortrag über ein neues Messverfahren. Da müssen wir unbedingt hin.
Ihr bringt doch die Kinder ins Bett?
Aber zuerst werden wir uns noch eine halbe Stunde ausruhen.
Der Tag heute hatte es wieder in sich.“

Natürlich sagen die beiden nicht nein.
Es ist ja so schön, dass die Jungen etwas aus sich machen!
Bis dann die Enkel die spannende Gute-Nacht-Geschichte gehört haben, die niemand so fesselnd erzählen kann wie der Opa, hat seine Frau im Sessel schon den Kopf zur Seite geneigt und döst, weil sie völlig erschöpft ist.
Er weckt sie auf, weil er doch endlich mal mit ihr in Ruhe über die letzte Diagnose der Ärzte reden will.
Bei ihr ist das Blutbild überhaupt nicht in Ordnung.
Und wegen seines Kreislaufs hat ihm der Arzt einige deutliche Worte mit auf den Weg gegeben.

„Naja, es ist schon ein bisschen zu viel, was wir jeden Tag leisten“, so fassen sie schließlich ihr Gespräch zusammen.
„Aber was sollen wir tun?
Wir wollen den Jungen ja den Weg nicht verbauen.
Wir verstehen uns doch so gut.
Und außerdem sind wir schon stolz auf das, was sie sich aufgebaut haben.
Einer muss die Arbeit ja machen. Was soll’s!“

So schlendern sie ins Bett und stehen morgens eher matt als gut erholt wieder auf, um ein wieder genauso anspruchsvolles Programm zu bewältigen.
Am Wochenende sind sie bei einem befreundeten Ehepaar eingeladen.
Die Freunde zeigen ihnen Bilder von ihrer Schiffsreise durch die Norwegischen Fjorde.
Die beiden sind begeistert.
„Das würden wir auch gern einmal erleben.
Aber wir kommen zu so was nicht.
Das geht einfach nicht wegen der Enkel.“
„Wieso könnt ihr das nicht machen?“ antworten die beiden Skandinavienfahrer.
„Warum lasst ihr euch so einspannen von euren Jungen?
Die haben doch auch Urlaub.
Dann sollen sie den doch mal dazu hernehmen, um für ihre Kinder zu sorgen.
Und überhaupt, Ihr beide gefallt uns gar nicht.
Ihr seht so abgehetzt und eingefallen aus.
Und übrigens:
Hört ihr eigentlich einmal ein herzliches „Danke“ für eure Dienste?“…
Gerade die letzte Frage hat die beiden „Unruheständler“ sehr nachdenklich gestimmt.
Ein „Danke“ haben sie schon lange nicht mehr gehört.
„Du machst das doch…oder?
Du hast ja Zeit…“!
Das sind die Sprüche, die sie meistens zu hören bekommen.
Da erzählten die Freunde von ihrem nächsten Projekt:
Vier Wochen durch Süditalien, Ende April, Anfang Mai, wenn’s am schönsten ist für ältere Leute, noch nicht so heiß und trotzdem angenehm.
„Kommt doch mit!“ ermuntern sie die beiden „Unruheständler“.
„Das wird Euch sicher guttun.
Eure schöne Limousine steht doch eh nur in der Garage oder dient für Kurzstrecken.“

Und da fällt in ihnen der Entschluss.
„Das machen wir, egal was die Jungen sagen.
Man lebt schließlich nur einmal.“

Am nächsten Morgen offenbaren die beiden voller Vorfreude ihre Pläne am Frühstückstisch.
„Was ein Monat im Mai nach Italien?
Das ist doch wohl nicht euer Ernst?
Wo sollen wir denn die Kinder hinbringen?“

„Ihr könnt ja auch Urlaub nehmen, jeder zwei Wochen, dann habt ihr immer noch vier gemeinsame Wochen.
Unser Entschluss steht fest.
Wir fahren und nichts wird uns davon abhalten.
Ihr habt Zeit genug, Euch vorher darauf einzustellen.
Und übrigens:
Der Mann unserer Nachbarin musste in den Vorruhestand gehen.
Der würde sich über ein Zubrot freuen.“

Sichtlich erbost stehen Sohn und Schwiegertochter auf.
In der kommenden Zeit ist die Stimmung zwischen ihnen sehr angespannt.

Schließlich starten sie zu der langen Reise.
Sie erholen sich prächtig, genießen die warmen Abende und merken erst, wie gut es tut, wenn man sich morgens noch mal rumdrehen kann und in aller Ruhe den Tag beginnt.
Bei langen Gesprächen mit dem anderen Ehepaar kommen die beiden zum Nachdenken über ihr bisheriges Leben und beschließen, dass sich bei ihnen nun manches ändern wird.

Dem Kreislauf geht es blendend und auch das Blutbild der Oma ist ausgezeichnet, wie der Arzt nach der Reise feststellt.
„Wenn Gott es zulässt, wird das nicht das letzte Mal sein, dass wir gemeinsam etwas unternommen haben“, so verabschieden sich die beiden Paare als sie wieder nach Hause kommen.
Als die geläuterten „Unruheständler“ ihr Haus betreten, erwartet sie eine sichtlich genervte junge Familie.
Der Garten ist ungepflegt.
Berge von Wäsche türmen sich im Waschhaus.
„Gut, dass ihr wieder da seid! so lautet die eher mürrische als fröhliche Begrüßung.
„Jetzt kommt endlich wieder Ordnung in den Laden.“

„Auch wir sind froh, dass wir wieder da sind.
Aber in Zukunft wird sich bei uns manches ändern!
Ihr werdet allein frühstücken, denn wir werden in Zukunft länger schlafen.
Um eure Wäsche und euren Haushalt kümmert Ihr euch selbst oder stellt jemanden dafür an.
Die Enkel dürfen Mittag freilich zu uns kommen und auch bei den Hausaufgaben sagen wir nicht „nein“.
Auch abends werdet Ihr selbst für Euch sorgen.
Wir brauchen die Ruhe und außerdem werden wir nun öfter mal ausgehen.
Und übrigens:
Das war nicht unsere letzte längere Reise.“
Sichtlich erstaunt über diese Antwort wurde der Familie in einer längeren Aussprache klar, dass es das gute Recht der nun überzeugten „Ruhe-ständler“ ist, auch an sich selbst und die eigene Gesundheit zu denken.

Ich meine, dass Gottes guter Geist den beiden in dem befreundetne Ehepaar begegnet ist.
Das befreundete Ehepaar hat ihnen Mut gemacht, ihr Leben auf den Prüfstand zu stellen.
Gottes guter Geist hat den beiden die Augen dafür geöffnet, dass auch sie etwas von ihrem Leben haben dürfen.
Sich selbst und seine Gesundheit wertzuschätzen, das hat nichts mit Eigennutz zu tun.
Vielmehr spricht daraus die Achtung vor sich selbst und die Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens.
Gottes Geist macht lebendig.
Er zeigt Menschen, die in den Mühlen ihrer täglichen Pflichten oft saft- und kraftlos werden, dass es für jeden von uns unzählige gute Gelegenheiten gibt, damit unser Leben auch im Alter noch lebendig bleibt.
Freuen wir uns an Pfingsten über diesen lebendig machenden Geist,
damit wir lernen, die vielen guten Chancen zu ergreifen,
die Gott uns jeden Tag bietet – egal, ob wir jung oder alt sind.


Amen
Ein frohes Pfingsfest wünscht Ihnen, Pfarrer Jürgen Rix


Sonntag Exaudi

7. Sonntag in der Osterzeit

29. Mai 2022

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Predigttext aus dem Römerbrief, 8, 26-29: Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er tritt für die Heiligen ein, wie Gott es will.

Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.

 

Liebe Gemeinde,

es war eine merkwürdige Zwischenzeit, in der sich die Jünger damals vor gut 2000 Jahren befanden. Die Ereignisse hatten sich überschlagen: Gründonnerstag und Karfreitag, Kreuzigung und Auferstehung, tiefste Hoffnungslosigkeit und neue Zuversicht. Jesus hatte sich vielen seiner Jüngerinnen und Jünger nach der Auferstehung gezeigt, hatte mit ihnen geredet, sich von ihnen anfassen, begreifen lassen. An Himmelfahrt dann ging er zurück zum Vater, nicht ohne ihnen einen bleibenden Beistand anzukündigen, den Heiligen Geist, der zu ihnen kommen und bei ihnen bleiben würde. Heute in einer Woche feiern wir dieses Ereignis mit dem Pfingstfest.

Es ist eine merkwürdige Zwischenzeit, in der wir uns immer noch befinden. Nach wie vor sind wir die wartende Gemeinde. Viel hat sich schon erfüllt, auf viel warten wir eben auch noch. Und so wechseln auch bei uns Zeiten, die eher von Angst geprägt sind, mit Zeiten der Zuversicht und Hoffnung.

Das kann man für die ganze Geschichte der Christen so sehen, die immer wieder durch Höhen und Tiefen verlief. Es gab Zeiten der Verfolgung, es gab Zeiten, wo das Christsein boomte. Es gab Zeiten der äußeren wie inneren Armut, es gab Zeiten des Wohlstands. Und immer sind Christen Wartende: Sie warten darauf, dass das angebrochene Reich Gottes vollendet werden wird, wenn Christus wiederkommt. Sie warten darauf, dass sich Gottes Gerechtigkeit für die ganze Welt durchsetzen wird und Gott alle Tränen abwischen, alles Leid, Geschrei und Schmerz beenden wird.

 

Auch für jeden einzelnen Christen bedeutet Glauben, dass es Höhen und Tiefen gibt: Zeiten, in denen man ganz und gar überzeugt ist vom Glauben, Zeiten, in denen man zutiefst zweifelt. Zeiten, in denen Gott einem als barmherziger Vater erscheint, Zeiten, in denen er uns eher wie ein zu fürchtender Richter vorkommt.

Was hilft hindurch, wie lässt sich der Weg finden durch so viele individuelle und Geschichts-Zeiten hindurch? „Haltet an, haltet fest am Gebet“, so hat es der letzte Sonntag Rogate gefordert.

Paulus fügt heute fast ein Aber hinzu, indem er schreibt: „Wir wissen (aber) nicht, was wir beten sollen.“ Wir wissen nicht, was wir beten sollen. Es gibt ja wirklich Situationen, wo das Gebet versiegt, wo es einfach keine Worte findet, weil man nicht weiß, was man beten soll. Wenn jemand schwer krank ist und es keine Heilung mehr gibt, nur Verschlimmerung, was sollen wir dann beten: Für eine wunderbare Gesundung oder darum, dass der Tod schnell und sanft kommen möge? Darum, dass der Sterbende es geschenkt bekommt, sich zu fügen ins Unabänderliche? Oder alles zusammen? Und wie soll man solche Dinge in Worte fassen und woher wissen, was richtig ist? Oder jetzt gerade: Sollen wir wirklich beten, dass Putin sterben soll, der ja schließlich auch ein von Gott erschaffener Mensch ist? Sollen wir beten, dass niemand mehr Waffen liefert, aber würde das dann eben nicht gerade genau die Tyrannen stärken, die den Weltfrieden bedrohen. Ich stehe da oft vor Gott und sage ihm: „Ich weiß nicht, was ich beten soll!“

„Wir wissen nicht, was wir beten sollen“: Paulus scheint das auch zu kennen, sonst würde er so was ja nicht schreiben. Aber er kennt auch einen wunderbaren Trost. „Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf“, so sagt er. Wie gut das tut, zu hören, dass der Geist selbst in uns betet, mit unaussprechlichem Seufzen und dass er uns vertritt, wie es Gott gefällt.

Der Heilige Geist vertritt uns: Vertretung ist ein wunderbares Wort. Wenn ich es höre, weiß ich, dass ich Urlaub habe. Dann spreche ich auf meinen Anrufbeantworter: „Im Moment bin ich nicht erreichbar. Die Vertretung hat…“  Und ich weiß, ich kann mich jetzt ganz und gar zurückziehen, ich muss nicht ans Telefon, ich darf weggehen, wie es mir in den Sinn kommt, ich muss nicht in Rufweite sein; der PC darf aus bleiben…

Der Heilige Geist vertritt uns vor Gott. Er hat die Vertretung übernommen und er vertritt uns sogar so gut, wie wir es selbst nicht können. Gott selbst tritt durch den Heiligen Geist für uns ein. Er erledigt das für uns, es ist nicht mehr unser Job, irgendeinen Gott gnädig stimmen zu müssen, durch irgendwelche Opfer, die wir bringen oder irgendwelche Gebete, die wir herunterleiern, sondern Gott hat es in Christus, hat es im Heiligen Geist längst für uns getan. Gott hat unsere Vertretung organisiert, und zwar nicht nur für ein Wochenende oder den Jahresurlaub, sondern für immer. Und damit hilft er unserer Schwachheit auf. Das Einzige, was wir tun müssen, ist an ihm zu bleiben, wie die Rebe am Weinstock. Durchströmt von seiner Kraft, seinem Heiligen Geist, können wir sein, was wir sein sollen: Glaubende – mit allen Höhen und Tiefen, die damit zusammenhängen.

 Dieser Satz kann uns also ganz sicher Hoffnung machen, gerade für Zeiten, in denen es uns mies geht. Wir haben eine Vertretung vor Gott, die ganz genau weiß, wie es in unseren Herzen aussieht und die auch dann die richtigen Worte findet, wenn wir sie nicht oder nicht mehr haben.

Der nächste Satz kann einen dagegen gleich wieder in heftige Zweifel stürzen: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“

Heißt das, dass Gott sich einige, wenige ausgesucht hat, die ihn nicht nur lieben, sondern die sich stets sicher sein können, dass alles, was ihnen begegnet, nur zu ihrem Besten ist? Da fällt uns doch sicher auch manches dagegen ein: Vieles von dem, was wir selber erleben oder an Grausamkeiten in der Welt sehen, bleibt doch sinnlos und endet auch ganz gewiss nicht mit einem happy end. Manche Schicksalsschläge erschließen sich einem nie – und nie kann man darin etwas Gutes sehen. Muss man daraus schließen, dass man dann eben nicht zu den Berufenen gehört oder aber eben Gott zu wenig liebt?

Man kann diesen Satz nur verstehen, wenn man ihn mit dem nächsten zusammennimmt. Der nächste Vers heißt nämlich: „Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes.“

Vielleicht bringt uns das ja auf die Spur, die uns hier weiterhelfen kann. Die Ebenbildlichkeit kennen wir aus der Schöpfungsgeschichte. Im 1. Kap der Bibel heißt es, dass Gott den Menschen zu seinem Bilde schuf“ – und zwar jeden. Schon allein das spricht eine deutliche Sprache über die Auserwählung: Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes, ist von ihm gewollt und auserwählt und berufen.

Paulus führt dies nun noch fort, indem er den Bogen ins NT hinein ausspannt. Er sagt, wir sollen dem Bild des Sohnes, also Jesus Christus, gleichen. Das kann dann nur heißen, dass wir schauen müssen, wie Jesus lebte, wie er mit Menschen umging, wie er ihnen begegnete, was er ihnen sagte. Und nach diesem Vorbild sollen wir auch unser Leben zu gestalten versuchen. Dann können wir aber auch nicht einfach ausblenden, was in Christus eben auch zu sehen ist: Dass auch er Zeiten hatte, in denen er sich zurückzog, in die Wüste, vielleicht um zu schweigen, vielleicht um den Geist in sich reden zu hören, weil er auch gerade nicht wusste, was er beten sollte? An Christus ist auch zu sehen, dass er Zeiten hatte, wo er haderte und wütend war und zweifelte und furchtbare Angst hatte. Und dennoch ist er der Auserwählte Gottes. Und es hat ihn dennoch nicht davor bewahrt, alles zu durchleiden, wovor auch wir heute noch Angst haben und was uns und die Welt in schreckliche Nöte versetzt.

Was Jesus aber ausgemacht hat, das war sein Vertrauen zu Gott, das er trotz und gegen alle Erfahrung auf Gott setzte. Ein Vertrauen, das ihn ans Kreuz brachte und in den Tod – und wieder heraus. Ein Vertrauen, das ihn zur Rechten Gottes sitzen lässt. Ein Vertrauen, das ihn Gott lieben ließ, durch alles Schreckliche hindurch.

Wer solches Vertrauen in sich spürt, der gleicht dem Bild Jesu. Der ist ausersehen, berufen, gerecht gemacht und verherrlicht.

Sie sagen: Tut mir leid, so bin ich nicht, das kann ich nicht, dieses Vertrauen habe ich nicht? Ich schließe mich Ihnen an: Ich habe es auch nicht.

Aber hier schließt sich der Kreis: Der Heilige Geist vertritt uns, er betet in uns und vor Gott mit unaussprechlichem Seufzen. Er füllt aus, was wir nicht haben. Er überbrückt die Zwischenzeiten. Wenn wir nicht mehr glauben können, tut Gottes Geist es in uns. Wenn wir nicht mehr beten können, er kann es und tut es, davon bin ich überzeugt. Und nur daraus wird immer wieder Neues entstehen, neue Impulse, neue Kraft, neues Gebet, neuer Glaube. Durch ihn, nicht durch uns.

Wir wissen nicht, was wir beten sollen – oder doch; denn das will ich mitnehmen. Wenn ich wieder einmal vor Gott stehe und ihm bekennen muss, dass ich nicht weiß, was ich beten soll und nicht weiß, was das Richtige ist, dann werde ich dazufügen: „Gott sei Dank weißt du, was das Richtige ist. Bitte, lieber Gott, hilf, dass sich das Richtige durchsetzt!“ Und Gott helfe mir, dass ich ihm dann auch wirklich vertrauen kann. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles menschliche Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Es wünscht Ihnen einen gesegneten Sonntag Ihre Pfarrerin Bettina Weber 

Sonntag Rogate

5. Sonntag in der Osterzeit - Konfirmation

22. Mai 2022

Konfirmanden Mangersreuth Sprengel II Foto: Monika Limmer
Konfirmanden Mangersreuth Sprengel II Foto: Monika Limmer

So. Rogate 22. Mai 2022,    Lukas 11,5-13     Der bittende Freund (Mt 7,7-11)

5 Jesus sprach zu seinen Jüngern:
Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm:
Lieber Freund, leih mir drei Brote;
6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann,
7 und der drinnen würde antworten und sprechen:
Mach mir keine Unruhe!
Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.
8 Ich sage euch:
Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf.
9 Und ich sage euch auch:
Bittet, so wird euch gegeben;
suchet, so werdet ihr finden;
klopfet an, so wird euch aufgetan.
10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.
11 Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete?
12 Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete?
13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

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Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Festgemeinde,

Konfirmation feiern wir heute in unserer Kirche.
Wir feiern junge Christen, die heute Ja sagen: –
- Ja zum Glauben;
- Ja zur Taufe;
- Ja zum dem, was aus dem Samenkorn der Hoffnung herangewachsen ist, seit Eure Eltern Euch als kleine Kinder hierher zur Taufe gebracht haben.
Eure Konfirmation feiern wir am Sonntag Rogate – dem Sonntag des Gebets.
Damals, als Ihr getauft wurdet, haben Eure Eltern dafür gebetet, dass Ihr gesund heranwachst, dass Ihr Euch in Frieden entfalten könnt und dass Ihr vor Unfällen bewahrt werdet.
Gesundheit, Friede, Bewahrung…,
diese wichtigen Voraussetzungen haben wir nicht in der Hand, wir können sie nur bedingt selbst beeinflussen, sie müssen uns eben geschenkt werden.
Wenn Eure Eltern, Paten, Großeltern und Familienangehörigen heute auf Euch blicken, dann dürfen sie dankbar sein, …
… dankbar dafür, dass ihre Gebete erhört wurden, …
dankbar dafür, dass sich aus den kleinen, hilflosen Kindern von damals stattliche und selbstbewusste junge Menschen entwickelt haben.
Die Kindheit haben sie hinter sich gelassen – unsere Konfirmanden – die ersten Züge des Erwachsenseins tragt Ihr schon in euren Gesichtern.
Doch Ihr seid nicht nur körperlich gewachsen, sondern auch geistig, seelisch und spirituell.
Ihr könnt heute selber für Euch sprechen, einen Standpunkt beziehen, diesen Standpunkt verteidigen und so das entwickeln, was man eine Persönlichkeit nennt.
Als junge Persönlichkeiten habt Ihr nun die Aufgabe, einen Weg zu finden, auf dem jeder von Euch lernt, die Gelegenheiten eines jeden Tages zu nutzen und zu erkennen.
Wie bilde ich meine Persönlichkeit?
Auf diese Frage würden viele Ratgeber unserer Zeit antworten:
* Entwickle Deine Stärken,
* Deine Durchsetzungsfähigkeit,
* Deine Willenskraft,
* Deine Zielstrebigkeit!
Schlagworte sind das,     „Schlagworte“ im doppelten Sinn…
Denn sie fordern Euch dazu auf, Euch gegen andere durchzusetzen,    
Euch also durchs Leben zu „schlagen“ …
>> Jeder muss schauen, wo er bleibt.
Jeder muss sich „durchboxen.“
Der Starke gewinnt, der Durchsetzungsfähige macht seinen Weg…<<,
so lesen, sehen und hören wir es Tag für Tag.

Jesus ermutigt Euch da zu einer anderen Lebensweise.
Nicht „Schlagworte“ gibt er Euch mit auf den Weg, sondern die drei Tätigkeitsworte „bitten, suchen, anklopfen.“
Ihr erreicht Eure Ziele, Ihr entwickelt Eure Persönlichkeit am nachhaltigsten, wenn Ihr etwas tut und wenn Ihr bei Eurem Tun den vertrauensvollen Blickkontakt zu Euren Mitmenschen haltet.
Drei Tätigkeiten nennt Jesu, bei denen es darauf ankommt, den Blickkontakt zu halten und mit wachen Augen durchs Leben zu gehen.
     Als erstes spricht er vom Bitten:
Wer um etwas bittet, der muss seinem Gegenüber in die Augen sehen.
Wer den Augenkontakt sucht und aushält, der bewirkt etwas in dem Menschen, der ihm gegenübersteht.
Der Augenkontakt schafft es, dass der Mensch gegenüber sich in Dich hineinversetzt und Dir dann meistens gerne gewährt, worum Du bittest – zumindest dann, wenn Deine Bitte sinnvoll ist und Du sie freundlich vorträgst.
     Als zweites rät dir Jesus zum Suchen:
Wer etwas sucht, muss die Augen offen halten, konzentriert sein, Ausdauer aufbringen und nicht einfach gedankenlos durch die Welt stolpern.
Wer etwas sucht, der findet meistens etwas…, nämlich gute Gelegenheiten zum Handeln, Menschen, die Dir weiterhelfen und nicht selten ganz neue Wege und Handlungsmöglichkeiten, an die Du am Anfang Deiner Suche gar nicht gedacht hast.
     Als drittes ermutigt dich Jesus zum Anklopfen…
Wer es sich traut, sich vor eine Tür zu stellen und anzuklopfen, dem schlägt oft das Herz höher.
Denn Du weißt nicht, welcher Mensch hinter der Tür wartet und wie er gestimmt ist.
Vor einer Tür stehen und anklopfen…
Was für eine Herausforderung!
Vor der Tür des Direktors stehen, vor einem Bewerbungsgespräch in die Runde der anderen Mitbewerber blicken und sich dann fragen:
Habe ich da eine Chance?
Auch beim Anklopfen kommt es auf den Blickkontakt an, spätestens dann, wenn Dir der Mensch hinter der Tür gegenübersteht.
Wer den Blickkontakt sucht beim Bitten, beim Suchen und beim Anklopfen, der braucht ein Urvertrauen.
Der Glaube schenkt Euch dieses Urvertrauen.
Denn der Glaube sagt Dir:
Die Menschen, die Dir begegnen, die testen Dich zwar, sie stellen Dich auf die Probe, sie fordern auch etwas von Dir…
Aber meistens meinen sie es gut mit Dir.
Und meistens freuen sie sich darüber, wenn Du Dich in den Herausforderungen des Lebens entwickelst, vorankommst und so Deine Persönlichkeit entfaltest.
Glaube ist doch auch die Erfahrung, dass Du die Kraft aufbringst, den Blickkontakt zu halten, wenn Du eine Bitte vorträgst.
Glaube ist die Erfahrung, dass Du Dich hineindenken kannst in den anderen, dass Du erspürst, wie er gestimmt ist und dass Du geistesgegenwärtig die richten Worte findest, die dann oft ganz anders lauten als die, die Du Dir vorher zurechtgelegt hast.
Mit Bitten, Suchen und Anklopfen kommst Du viel weiter als mit Fordern, Ansprüchen stellen, Herumsitzen und aufdringlichem Hereinplatzen.

Bitten, Suchen, Anklopfen… diese drei Tätigkeiten können wir beschreiben als das Spielbein des Glaubens.
Daneben braucht es aber auch das Standbein des Glaubens.
Und dieses Standbein bildet die Freundschaft mit verlässlichen Menschen.
Gute Freunde stehen zu Dir, auch in der Not, auch in brenzligen Situationen.
Keiner möchte gerne in eine missliche Lage kommen, doch es passiert immer wieder.
Und gerade dann brauchst Du den guten Freund oder die zuverlässige Freundin.
Der Mann aus unserem Predigtwort gerät in eine missliche Lage.
Er ist wohl ein Tagelöhner, der nicht mehr verdient, als dass es für das tägliche Brot reicht.
Wenn er heimkommt von der Arbeit, kann er gerade so viel Mehl kaufen, dass seine Frau Brot backen kann für die meist kinderreiche Familie.
Eine Mahlzeit am Tag…
Und die war nicht mehr als eine „Brotzeit“ im wahren Sinne des Wortes – Brot - ohne Wurst oder Käse…
So sah der Alltag für viele Familien zur Zeit Jesu aus.
Zu einem solchen Menschen kommt mitten in der Nacht ein Freund auf der Reise, klopft an und bittet um ein Nachtquartier.
Gastfreundschaft ist im Land Jesu ein hohes Gut.
Wenn einer anklopft, der von weit her kommt, dann bekommt er nicht nur einen Schlafplatz, sondern auch etwas zu essen und zu trinken, dann wir ein Licht angezündet und erzählt.
Der arme Mann aus unserer Geschichte hat den letzten Brotkrümel schon aufgebraucht.
Da geht er zu seinem Nachbarn, der für ihn ein guter Freund ist, klopft an, reißt ihn aus dem Schlaf und bittet um drei Brote.
Und da passiert etwas, was eben auch zu einer guten Freundschaft gehört.
Der Nachbar ist nicht begeistert davon, aufgeweckt und angebettelt zu werden.
Ein guter Freund erinnert Dich daran, dass Du nie Dein ganzes Geld auf einmal ausgeben solltest.
Ein guter Freund sagt Dir auch einmal kritisch, dass Du für Dich selbst verantwortlich bist und zumindest immer einen kleinen Vorrat oder einen Notgroschen haben solltest.
Ein guter Freund lässt Dich auch einmal ein paar Minuten zappeln, aber dann hilft er Dir doch, weil Du ihm in die Augen schaust und er sich in Deine Lage hineinversetzt.
Ja, gute Freunde braucht jeder von uns…
Freunde, die einem helfen, Freunde, die Dich aber auch ehrlich auf Fehler und Versäumnisse hinweisen, die Du zu verantworten hast.
Darum ist ein guter Freund Dein Standbein im Leben, das Dir festen Halt gibt.
Bitten, suchen, anklopfen… mit diesen drei Tätigkeiten des Spielbeins werdet Ihr viel erreichen können in eurem Leben.
Wenn Ihr dazu noch die Freundschaft pflegt zu einigen vertrauten Menschen, dann wird Euch kaum eine missliche Lage aus der Bahn werfen können.
Die Bilder, die unsere Konfirmanden zu ihren Konfirmationssprüchen gemalt haben, machen uns bewusst, dass ein ehrlicher und aufrichtiger Glaube in unseren jungen Menschen wohnt.

Freuen wir uns doch darüber, dass am Sonntag des Gebets viele unserer Gebete erhört worden sind.

Als gesunde Menschen treten unsere Konfirmanden heute an den Altar, um den Segen Gottes für ihren Lebensweg zu empfangen.
In Frieden und Freiheit durften sie aufwachsen, in einer Gesellschaft, die Menschen dazu ermutigt, sich als Persönlichkeiten zu entfalten und nicht einfach nur eine graue Masse zu bilden.
Fröhlich dürfen unsere Konfirmanden heute mit ihren Familien feiern, mit Menschen, die extra wegen ihnen angereist sind, um an diesem Tag bei ihnen zu sein.

Mit dem Standbein der Freundschaft, die Ihr erlebt in Euren Familien, aber auch hier bei uns in der Kirche und bei treuen Menschen, dürfen unsere Konfirmanden dankbar auf ihr bisheriges Leben zurückblicken und zuversichtlich nach vorne schauen.

Und mit dem Spielbein des Bittens, Suchens und Anklopfens werden sich Euch viele Türen öffnen.
Euer Blickkontakt, wird dabei die Herzen vieler Menschen öffnen.
Diese Menschen werden Euch dann auch ermutigen, Euch fordern und fördern, damit jeder von Euch seinen Weg in Leben findet.

Denn, wer da bittet, dem wird gegeben…
Und wer da suchet, der wird finden…
Und wer da anklopft, dem wird aufgetan.
Darauf dürft Ihr fest vertrauen!!!
Amen

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Eingangsgebet
Herr, gib unseren Konfirmanden Mut, zu bitten,
gib ihnen Ausdauer und einen langen Atem beim Suchen,
gib ihnen Selbstvertrauen, wenn sie vor fremden Türen stehen und anzuklopfen
Lass unsere Konfirmandinnen aus deiner Fülle empfangen,
in deiner Tiefe finden,
- und begleite sie mit Deinem ermutigenden Geist.
So beten wir zu die, Gott und Vater, für unsere Konfirmanden,
weil du uns in Jesus Christus dein liebevolles Gesicht gezeigt hast
und mit deinem Heiligen Geist Glauben schenkst und Glauben erhältst von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen


Sonntag Jubilate

4. Sonntag der Osterzeit

8. Mai 2022

Weißer Sonntag

1. Sonntag nach Ostern

24. April 2022

1.Mose 1,1-2,4, Jubilate, 08.05.22

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde, da der Predigttext heute ja sehr umfangreich ist, haben wir bereits in der Lesung damit angefangen. Nach dem dritten Tag wird die Erschaffung von Sonne, Mond und Sternen beschrieben. Es folgen die Wassertiere, die Vögel, die Landtiere und schließlich der Mensch. An dieser Stelle lese ich, in Auszügen, nun weiter:

„Und Gott sprach: Lasset uns den Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und bebaut und bewahrt sie (…). Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Das ward aus Abend und Morgen der sechste Tag. So wurden vollendet Himmel und Erde mit allem, was darin ist. Und so vollendete Gott am siebten Tag seine Werke, die er machte, und ruhte am siebten Tag, von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken. Die ist die Geschichte von Himmel und Erde, wie sie geschaffen wurden.“

 

Nun haben wir ihn gehört, diesen berühmten Bibeltext, der die Entstehung der Welt in sieben Tagen schildert. Darf man denn einen solchen Text in unserer modernen Welt eigentlich noch predigen/noch glauben? Ist er nicht längst überholt durch die Entdeckungen z.B. des Kopernikus, dass die Erde ganz sicher nicht der Mittelpunkt des Universums ist. Oder durch Charles Darwin, der den Menschen nicht als Krönung, sondern einfach als ein Teilchen von vielen in einem langen Evolutionsprozess enttarnte? Und dann kommt die Kirche und redet von Schöpfung in sieben Tagen und einem genialen Obergeschöpf, dem Menschen, dem alles anvertraut ist?

Wir müssen, wenn wir die Bibel verstehen wollen, weit zurückgehen, in die Zeit, in der der Schöpfungsbericht entstand. Die Israeliten wurden gut 500 Jahre v.Chr. durch die damalige Großmacht, die Babylonier, erobert und nach Babylonien verschleppt. Das war eine extrem gefährliche Situation für sie – und auch für ihre Religion. Die Juden haben genau wie wir eine streng monotheistische Religion, d.h. sie glauben an einen einzigen Gott, an Jahwe, wie er meistens im AT genannt wird, an den Gott der Väter, an den Gott, der Israel aus Ägypten befreite; an den Gott, der eine besondere Beziehung mit ihnen suchte und einging.

In Babylonien dagegen herrschte Vielgötterei. Der Chef aller Götter war Marduk, ein gefährlicher und grausamer Gott. Er kämpfte, so sagte es die babylonische Überlieferung, mit der Schlange Tiamat, tötete sie, zerriss sie in zwei Teile und baute aus diesen zwei Leichenteilen Himmel und Erde. Auf die so entstandene Erde setzte er den Menschen, den er wiederum aus dem Blut eines besiegten Gottes formte. Sinn und Zweck dieses Menschen war allein, Marduk zu dienen. Und nur der jeweilige König der Menschen, galt als Abbild, als Ebenbild von Marduk.

Wir können uns vorstellen, wie schwierig es nun für das kleine Grüppchen der Israeliten mitten in Babylonien war, die eigene Religion angesichts dieses übermächtigen babylonischen Götterkults zu bewahren. Die Gefahr, sich darin aufzulösen und den eigenen Glauben zu vergessen, war groß. Und so beschloss man, um ja nicht zu vergessen, woher man kam und an was man glaubte, die Geschichte der Beziehung von Gott zum Menschen aufzuschreiben. Die so entstandene Schöpfungsgeschichte hatte also nie den Anspruch in Konkurrenz zu irgendwelchen naturwissenschaftlichen Theorien zu treten. Sie wollte auch nie eine exakte Abfolge oder einen exakten Zeitraum festlegen. Sie wollte vielmehr von Anfang an zeigen, in welchen Beziehungen der Mensch steht: In welcher Beziehung zu Gott, in welcher Beziehung untereinander und eben natürlich auch in welcher Beziehung zu allen anderen Mitgeschöpfen. Der Schöpfergott der Bibel, der da in Beziehung zu uns tritt, hat die Welt nicht aus Leichenteilen erschaffen, sondern hat das Tohuwabohu – so das hebräische Wort für das Anfangsdurcheinander – geordnet und in wundervoll aufeinander abgestimmte Abläufe gebracht. Alles greift exakt ineinander – und diese Ordnungen sind so komplex, dass es meistens Tohuwabohu gibt, wenn wir Menschen allzu leichtfertig in diese Abläufe eingreifen.

Nicht aus Mord und Totschlag heraus ist alles entstanden, sondern aus Gottes Geist und Gottes Wort heraus. Tag um Tag entfaltet Gott die Erde mit einer unglaublichen Vielfalt. Und so entstehen Licht und Dunkelheit, Tag und Nacht, Land und Wasser, Erdboden und Luft, Pflanzen und Tiere – und der Mensch. Der Mensch, auch das ein wesentlicher Unterschied zu anderen Schöpfungs-Überlieferungen, ist nicht da, um ein Sklave für Gott zu sein. Vielmehr ist jeder Mensch, nicht nur der König, sondern wirklich jeder Mensch ein Abbild, ein Ebenbild Gottes. Das macht ihn tatsächlich zu etwas Besonderem und er bekommt auch besondere Verantwortung. Ist Ihnen aufgefallen, dass nur der Mensch einen Auftrag bekommt? Dieser Auftrag heißt: „Schätzt die Erde, passt gut auf sie auf und bebaut und bewahrt sie!“ In Anbetracht der Zeit verzichte ich darauf, auszuführen, wie wir mit diesem Auftrag umgegangen sind und immer noch umgehen. Die Erde droht inzwischen zu kippen, weil wir sie nicht bebauen, sondern zupflastern, nicht bewahren, sondern ausbeuten. Und meistens geht es um Macht, um Geld, um Beziehungslosigkeit, ausgelöst durch grenzenlosen Egoismus und Gier.

Lassen wir es erst einmal so stehen, denn im Schöpfungsbericht kommt ja noch etwas; es folgt, sozusagen als Sahnehäubchen auf Allem, noch der siebte Tag. An dem tut Gott nicht etwa nichts, sondern er erfindet die Ruhe. Nur dieser siebte Tag wird geheiligt. Wir haben fatalerweise fast vollständig vergessen, warum dieser Tag geheiligt ist: Auch wir sollen an diesem Tag nämlich nicht etwa einfach nichts tun, sondern in Beziehung treten: In Beziehung zu Gott, in Beziehung zu uns selbst, in Beziehung zu unseren Nächsten, in Beziehung zu unseren Mitgeschöpfen. Ein Tag des Dankens und Jubelns soll jeder Sonntag sein, dass Gott da ist und mit uns leben möchte; dass er uns mit seinem Wort ansprechen und mit seinem Geist erfüllen möchte. Ein Tag, der uns Christen zudem natürlich an die Auferstehung Jesu erinnert. Und die Auferstehung ist nur mit der Schöpfung zu vergleichen. Beide Male erschafft Gott aus Nichts, aus Dunkel, aus völligem Chaos neues Leben.

Daran erinnert der siebte Tag Woche um Woche. Er wird allen geschenkt, auch der Natur. Aber wir kennen manchmal nur noch den Rhythmus der unermüdlichen Leistung, der Ausbeutung, des Profits. Weder Mensch noch Tier noch Maschine dürfen je stillstehen, denn das würde ja dem Wirtschaftswachstum schaden. Und dann fragen wir uns manchmal auch noch, warum es unseren Seelen oft so schlecht geht. Wenn wir der Bibel glauben, liegt es auf der Hand, warum es eigentlich nur schief gehen kann, denn wir sind nicht auf Wirtschaftswachstum, sondern auf Beziehung hin angelegt. Wenn wir unsere Beziehung zu Gott abbrechen, wenn wir unsere Beziehung zu unseren Mitmenschen abbrechen, wenn wir unsere Beziehung zu unseren Mitgeschöpfen abbrechen, wird es auch weiterhin schief gehen. Immer dann, wenn wir meinen, wir könnten uns aus dem wundervoll abgestimmten Beziehungsgeflecht herausnehmen und uns über Gott, über einen anderen Menschen oder über Pflanzen, Erde, Wasser, Luft und Tiere stellen, immer dann wird es auch weiterhin schief gehen. - Ob die Welt noch zu retten ist? Ich weiß es nicht. Aber ich will, so schwer mir das manchmal auch fällt, Gott vertrauen, dass er seine Welt nicht aufgibt, auch uns nicht aufgibt. Dass er Jesus geschickt hat, zeigt ja noch einmal, wie sehr er Beziehung zu uns sucht. Sein Leben, sein Sterben und vor allem die Auferstehung sind Zeichen dafür, dass Gott uns nach wie vor auf den Weg des Lebens schickt. Wir haben immer noch den Schöpfungsauftrag, mehr denn je. Und immer noch traut Gott einem jeden von uns zu, ihn zu erfüllen, nicht allein, nicht aus eigener Kraft, sondern aus der Beziehung heraus – der Beziehung zu Gott und der Beziehung natürlich untereinander.

Und das löst dann doch Jubeln in mir aus und große Dankbarkeit, dass wir uns Sonntag um Sonntag versammeln können, um Gott sprechen zu hören, mitten hinein in das Tohuwabohu, das wir immer wieder anrichten. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser menschliches Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.      

 

Es wünscht Ihnen einen gesegneten Sonntag Ihre Pfarrerin Bettina Weber

Hier der Link zum Bild von Salvador Dali:

 

https://bildbeschreibungen.files.wordpress.com/2016/10/salvador-dali-die-versuchung-des-heiligen-antonius-1946_re-k_10272.jpg

 

Quasimodogeniti    Kol 2,12 – 15        

Kolosserbrief 2,12-15
Mit Christus seid ihr begraben worden durch die Taufe;
mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.
Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden.
Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet.
Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus.

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Liebe Gemeinde,
vor einer Woche haben wir Ostern gefeiert.
Christus ist auferstanden!
Er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja!
Diese Botschaft haben die Frauen in der Welt verbreitet, die das leere Grab besucht haben.
Und, o Wunder…
Viele Menschen glauben sie, diese Botschaft.
Der auferstandene Christus hat sich wenigen Menschen gezeigt, den Frauen, den Jüngern und einigen anderen.
Er hat keinen Triumphzug durch Jerusalem in aller Öffentlichkeit veranstaltet.
Im Gegenteil:
Er hat den Jüngern von den Frauen ausrichten lassen, sie sollen nach Galiläa – in ihre Heimat zurückkehren.
Dort ist er ihnen erschienen – am See Genezareth wie wir es im Evangelium gehört haben.
Das war alles!
Doch auf die einst so verängstigten und eingeschüchterten Jünger hat diese Begegnung wohl so beeindruckend gewirkt, dass sie sich aufgemacht haben und ohne Angst die Botschaft von der Auferstehung Jesu in die Welt hinausgetragen haben.
Und tatsächlich müssen sie sehr überzeugend gewirkt haben auf ihre Zuhörer, die Jünger und wohl auch die Frauen, die zum engsten Kreis von Jesus gehört haben.
Eine „unglaubliche“ Geschichte erzählen sie da.
Der am Kreuz verlassen gestorbene, ist von Gott auferweckt worden.
Er ist zwar zu seinem Vater im Himmel zurückgekehrt.
Aber er bleibt mit seinem guten Geist dieser Welt verbunden.
Er spricht durch seine Worte, die weitererzählt werden von den Menschen.
Und er ist in Brot und Wein mitten unter denen, die sich im Gottesdienst zum Abendmahl versammeln.
Wer glaubt so etwas?
    Viele glauben es!
        Und es wurden täglich mehr!
            O Wunder!
Das hatten sie nicht auf dem Schirm – die Mächtigen und die Meinungsführer jener Zeit, die Römer ebenso wenig wie religiöse Machtelite in Jerusalem.
Vereint wollten sie eine „Spezialoperation“ durchführen.
Ihr Plan war es, den Jesus, der die Massen begeistert hat, mit der Kreuzigung zu beseitigen.
Danach wird sich seine Bewegung wohl schnell auflösen.
So der Plan der damaligen Spezialoperation.
Und dann das!
Die Menschen glauben die unglaubliche Geschichte.
Massenhaft wenden sie sich den Jüngern zu, die eine ganz neue Form des Glaubens leben.
In ihrer neuen Glaubensbewegung, da werden die Menschen nicht unter Gesetze und Vorschriften gedrückt.
In ihrer neuen Glaubensbewegung, da werden festgefahrene Gewohnheiten aufgelöst und die Menschen werden dazu ermutigt, frei zu reden, frei zu denken, frei zu glauben und sich freiwillig gegenseitig zu helfen.
Frauen reden öffentlich von ihrem Glauben.
Fischer und Zöllner stellen sich hin und erzählen die Geschichten von ihren Begegnungen mit Jesus und dem auferstandenen Christus weiter.
Und die Menschen glauben ihnen – massenhaft.
In der neuen Glaubensbewegung, da atmen sie auf.
Plötzlich wird ihnen nicht mehr vorgeschrieben, wie sie den Sabbat zu feiern haben und wie weit sie am Sabbat gehen dürfen.
Stattdessen kommen sie zusammen, an ganz vielen unterschiedlichen Orten, an ganz vielen unterschiedlichen Tischen.
Sie essen und trinken gemeinsam, …
nicht mehr getrennt nach Frauen und Männern, …
nicht mehr getrennt nach Frommen und Zöllnern, …
sondern vereint als Menschen mit einer großen Sehnsucht nach Liebe,
nach Frieden
und nach Versöhnung in ihrem Herzen.

Und sie erleben, dass der Urheber ihrer Sehnsucht, der auferstandene Christus, mitten unter ihnen erfahrbar ist, in Brot und Wein…
Jedes Mal wieder…
Jedes Mal neu…
Ja, das hatten sie nicht auf dem Schirm…
… die Urheber der „Spezialoperation“ Kreuzigung!

Und so macht sie sich selbstständig, diese neue Bewegung des Auferstandenen.
Sie lässt sich nicht einschüchtern von Drohungen und von der Propagandamaschine der Mächtigen, die den Glauben an den Auferstandenen ins Lächerliche ziehen.
Sie glaubt einfach – diese Bewegung des Auferstandenen.
Sie lebt einfach.
Und sie überzeugt mit der Art und Weise, wie sie glaubt und wie sie zusammenlebt.

So triumphiert der Auferstandene über die Mächtigen…
Nicht mit einem noch mächtigeren Heer…
Nicht mit noch mehr Macht, die andere unter ihre Gewalt zwingt.

Der Auferstandene triumphiert dadurch, dass die Menschen, die seinem Weg folgen, anders leben, anders, denken und anders miteinander umgehen.
Liebevoll eben, rücksichtvoll und versöhnungsbereit.

Ja, der Auferstandene triumphiert.
Aber bleiben wir am Boden mit dem Triumph unseres österlichen Glaubens an die Auferstehung!
Bleiben wir am Boden, so wie der Heilige Antonius auf dem beeindruckenden Bild, das Salvador Dali 1945 gemalt hat – nach dem Ende des verheerenden 2. Weltkriegs.


Wie kann diese Welt nach den Verwüstungen und dem Leid des Krieges eine Bessere werden?
So fragten sich viele Menschen damals.
Und die Antwort Dalis ist so verblüffend und unglaublich wie eben unser österlicher Glaube auch.
Auf Dalis Bild, da sehen wir einen gealterten aber kraftstrotzenden Mann im Vordergrund – den heiligen Antonius.
Nackt kniet er auf einer wüst wirkenden Erde.
Nichts hat er vorzuweisen gegenüber den Symbolen der Macht, die da auf ihn zukommen – nichts außer dem Kreuz.
Und so triumphiert er bis heute – der auferstandene Christus.

Er ermutigt Menschen zum Glauben daran, dass sie mit dem nackten Glauben am besten bestehen können und mit diesem nackten Glauben, eine Kraft ausstrahlen, die sie sich selber nie zugetraut hätten.

Was da dem Heiligen Antonius entgegenzieht, das kann den Betrachter zum einen erschrecken und zum anderen verführerisch schwach machen.
Das übergroße Streitross im Vordergrund bäumt sich bedrohlich vor Antonius auf, so als wollte es ihn zermalmen.
Doch dieses Streitross steht auf wackeligen Beinen.
Die Vorderhufe sind ihm verkehrt herum angebracht.
Und in seinem schmerzverzerrten Gesicht sieht man, dass es im Unreinen mit sich selber ist bei jedem Schritt, den es tut.
Dahinter sehen wir vier Elefanten – die größten Tiere dieser Erde –
mit den Symbolen der Macht der „großen Tiere“ unter uns Menschen –
zur Schau gestellter Sex,
eine prunkvolle Siegessäule,
einen imposanten Protzpalast
und einen in den Himmel reichenden Turm.

Hoch hinauf geht es da.
Doch das, was so bedrohlich und verlockend zugleich wirkt, steht auf wackeligen Beinen.
Ja, die Macht der Mächtigen ist vergänglich.
Aber leider dauert sie oft viel zu lange für die, die unter ihnen zu leiden haben.
Das ist traurig aber wahr.
Doch was bleibt und in Ewigkeit Bestand haben wird, das ist die nackte Kraft eines Glaubens an die Liebe, die Versöhnung und an die Freiheit von der Fremdbestimmung.

Diese Kraft schenkt uns der auferstandene Christus, heute, morgen und in alle Ewigkeit.
Amen

Es grüßt Sie Pfarrer Jürgen Rix

 


Ostersonntag

Tag der Auferstehung

17. April 2022

 

Wir hören als Predigttext Markus 16, 1-8:

Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und den Leichnam Jesu zu salben.

Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?

Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.

Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes, weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.

Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

Und sie gingen hinaus und flohen vor dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.

 

Liebe Gemeinde,

„Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ – Diese Frage der drei Frauen hat in mir Fernsehbilder der vergangenen Wochen heraufbeschworen; Fernsehbilder, die zeigen, wie Menschen mit bloßen Händen versuchen, die Trümmer zerbombter Häuser wegzuräumen, um dorthin zu kommen, wo sie ihre Liebsten begraben vermuten. Wem gehen sie nicht nahe, diese Bilder, von verzweifelten Menschen, denen innerhalb von Sekunden ihre Welt abhandenkam und die weinend durch die Straßen irren auf der Suche nach dem Vorher. Aus der ganzen Welt erreichen uns diese Bilder. Zurzeit sind es wohl die Bilder aus der Ukraine, die uns besonders betroffen machen. Welch tonnenschwere Steine mögen diesen Menschen wohl auf der Seele liegen. Wie kann es weitergehen?

Wie kann es weitergehen? Das haben sich sicher auch die Menschen gefragt, die den Tod von Jesus am Kreuz und seine Grablegung erlebt hatten. Wir können davon ausgehen, dass die Frauen, die sich auf den Weg zum Grab machten, nicht etwa von der Hoffnung auf ein Wunder angetrieben wurden. Vielmehr waren es wohl ihre tiefe Trauer und der Wunsch, das Einzige zu tun, was ihnen noch möglich erschien, nämlich Jesus einen letzten Liebesdienst zu erweisen, indem sie seinen toten Leib nach alter jüdischer Tradition salbten.

Die Frauen hatten ihre ganze Hoffnung auf Jesus gesetzt, manche hatten alles für ihn aufgegeben, waren Jesus nachgefolgt, um ihn auf seinem Weg zu begleiten. Und jetzt: Jetzt waren all diese Hoffnungen und Lebensentwürfe und Träume begraben, hinter einem sehr großen, schweren Stein, unverrückbar quasi, so unüberwindbar wie der Tod selbst. Die Frauen fragten sich zu Recht, wie man denn diesem Stein Herr werden sollte. Und so war es in doppelter Hinsicht noch dunkel, als sie losgingen, dunkel wegen der noch sehr frühen Tageszeit, dunkel aber eben auch, weil Karfreitag gewesen war. Dunkel war es durch den Verrat des Judas, dunkel war es durch die Verleugnung des Petrus, dunkel war es durch die Feigheit des Pilatus, dunkel war es durch die Selbstherrlichkeit der Hohenpriester, dunkel war es, weil alle Jünger davongelaufen waren, dunkel war es durch die Qualen und den Tod Jesu.

Was mich an dieser Geschichte dann immer wieder zutiefst wundert und berührt, das ist, dass sich die Frauen überhaupt auf den Weg machten. Trotz ihrer Trauer, die sie ja auch hätte lähmen könnte, trotz ihrer Angst, womöglich auch als Jüngerinnen Jesu verhaftet zu werden, trotz ihrer Ratlosigkeit, wie sie denn nur um alles in der Welt diesen Stein überwinden sollten – trotz all dem ließen sie sich nicht davon abhalten, einfach loszugehen, zu dritt, im Dunkeln. Es kann unmöglich nur Pflichtgefühl gewesen sein, das sie zum Grab trieb, nur die Liebe kann etwas so völlig Irrationales tun. Nur ihre Liebe zu Jesus, der ihr Leben verändert hatte, ließ sie auch an diesem dunklen Morgen noch seine Nähe suchen. Und es ist, als ob Gott ihre Liebe belohnt, denn sie dürfen die ersten Zeuginnen der Auferstehung werden.

Sie sind es, die als erste diese unfassbare Entdeckung machen: Sie müssen den Stein gar nicht bewältigen. Er ist bereits bewältigt worden. Und das, was sie dann sehen, das liegt jenseits aller Hoffnungen und aller Erwartungen. Sie erfahren, dass es doch eine Zukunft gibt und dass der mit Jesus begonnene Weg doch weiterführt – aber auf völlig andere Art und Weise, als sie es sich je hätten denken können. Auf so andere Art und Weise, dass sie bis in ihre Herzen hinein erschrecken. Die Halleluja-Rufe kommen erst viel später.

Die Frauen gehen in das Grab hinein und sehen einen Jüngling dort sitzen in einem langen weißen Gewand, ein Engel, ein Bote Gottes, der Himmel und Erde verbindet. „Schön“, denken wir vielleicht, für die Frauen ist es erst einmal noch etwas völlig Unverständliches. Und völlig Unverständliches macht uns Angst. Sie entsetzten sich, heißt es. Und dann hören sie diese schönen Worte, die genau 365 Mal in der Bibel stehen: „Fürchtet euch nicht!“

Wir brauchen auch heute noch genau diese Worte, denn stehen wir denn anders da als die Frauen? Wieviel Dunkel und völlig Unverständliches umgibt auch uns, sei es in der eigenen Seele, sei es in der eigenen kleinen Familie, sei es in der ganzen großen Welt. Dahinein Hoffnung zu bringen – ja, wie denn? Vielleicht aber eben genau dadurch, dass wir uns diese Worte von Gott zusprechen lassen: Fürchtet euch nicht. Und dann: Sucht Jesus, ja, sucht ihn, aber nicht bei den Toten, sondern bei den Lebendigen.

Das heißt, bleibt nicht im Dunkeln stehen, sondern geht weiter, es gibt Zukunft, es gibt jemanden, der auch den schwersten Stein beiseiteschaffen kann, es gibt das Osterlicht.

Wir können so viel lernen von den Frauen der Ostergeschichte: Auch wir stehen wie sie oft in völliger Hoffnungslosigkeit, wissen nicht, wie es weitergehen soll, wissen nicht, wie wir helfen sollen, haben keinerlei Idee, wie der große Stein weggeschafft werden kann. Es wird wohl auch uns nichts anderes übrigbleiben als damals den Frauen, nämlich dennoch loszugehen, ein Gebet kann solch ein Losgehen sein: „Herr, hilf mir, zeig mir den Weg“ -  das reicht schon. Die Dunkelheit wird sich deswegen nicht einfach schlagartig auflösen. Dämmerung braucht seine Zeit, erst dann kann ein neuer Morgen kommen. Auch Auferstehung bedeutet nicht, dass wir um den Tod herumkommen. Es gibt ihn noch mit all seinen schrecklichen Verletzungen, die er uns beibringt.

Um diese schrecklichen Verletzungen, die der Tod schlägt, doch irgendwie aushalten zu können, sollten wir nicht alleine gehen, sondern zusammen, zu zweit, zu dritt. Gemeinsam, Gemeinde - Wir brauchen einander.

Das ist ja letztendlich auch immer wieder das, was Menschen hilft, durch schlimme Situationen hindurch zu kommen, indem sie merken: Wir sind nicht allein. Andere zeigen ihre Solidarität oder sie geben etwas ab von ihrem Besitz, ihrem Geld, ihrer Zeit, um zu helfen.

Und genau das ist doch die Botschaft von Jesus: Dass er uns hinausschickt als seine Jünger und Jüngerinnen und schon den ersten Jüngern und Jüngerinnen hat er gesagt: „Geht nicht allein. Geht zusammen!“

Die Welt braucht treue Menschen, die gerade die dunklen Wege mitgehen, die mitweinen, mittrauern, sich mitfürchten und die trotz allem an eine Zukunft glauben und nach ihr suchen, auch wenn noch keinerlei Plan dafür existiert. Gott hat einen Plan und er wird ihn uns zeigen, so wie er den Frauen seinen Heilsplan mit dem auferstandenen Christus buchstäblich vor Augen stellte.

Die Frauen bekamen dann den Auftrag, es weiterzuerzählen: Dazu wurden sie mit den Jüngern nach Galiläa geschickt: Dort ist die Geschichte Jesu weitergegangen und hat von dort aus die ganze Welt erreicht.

Was wir als frohe Botschaft auch heute mitnehmen sollen, ist ganz kurz zusammengefasst dann vielleicht dies: „Gib keinesfalls dein Vertrauen zu Gott auf, auch in dunkelster Nacht nicht. Und weil du das von dir aus nicht kannst, bitte ihn jeden Tag, dein Vertrauen zu stärken. Damit es wachsen kann, jeden Tag, damit es die Chance hat, dich und andere schließlich auch durch Dunkelheiten zu führen.

 Und sei gewiss: Jeden Tag, sei es in der Passionszeit, sei es am Ostermorgen, spricht Gott es uns zu: Fürchte dich nicht, ich bin da.“ 

Denn der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja! Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser menschliches Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

Möge Gott uns segnen mit Unbehagen bei hingeworfenen Antworten, Halbwahrheiten und oberflächlichen Kontakten, damit wir auf das Innere unseres Herzens hören.

Möge Gott uns segnen mit Wut über Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Menschen-Ausbeutung, damit wir uns für Gerechtigkeit, Gleichheit und Frieden einsetzen.

Möge Gott uns segnen mit Tränen über diejenigen, die unter Qualen, Zurückweisung, Hunger und Krieg leiden, damit wir unsere Hand ausstrecken, um sie zu trösten und ihren Schmerz in Freude zu verwandeln.

Und möge Gott uns segnen mit der Torheit, zu meinen, wir könnten die Welt verändern, damit wir die Sachen vollbringen, von denen andere uns sagen, sie seien nicht zu machen.

 

             Es wünscht Ihnen ein gesegnetes Osterfest Ihre Pfrin Bettina Weber


Evang-luth. Kirchengemeinde Kulmbach-Mangersreuth

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