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1. Advent

28. November 2021

 Liebe Gemeinde,

mich lässt dieses Bild „Wer rettet die Welt“ nicht los. Obwohl es – bitte erschrecken Sie nicht – schon 30 Jahre alt ist. Es ist von unbekannter Hand einfach hingesprüht auf diese Bahnunterführung. Rote Buchstaben treffen uns. Eine Frage, eine Ermahnung an alle, die daran vorbeifahren.

Niemand hat eine Antwort dazugeschrieben. Nach 30 Jahren gibt es das Graffiti immer noch, ziemlich verwittert – aber immer noch hochaktuell.

Heute wählt man andere Methoden. Fridays for future – die jungen Menschen gehen auf die Strasse und fordern lautstark, aber auch mit Recht, von unserer Generation ihre Zukunft ein.

Es ist richtig: wir haben nur diese eine Welt, die uns von Gott anvertraut wurde, um verantwortungsvoll mit ihr umzugehen und sie zu bewahren.

Wer rettet die Welt?

 

ch lese den Predigttext: Psalm 24

Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.

Denn er hat ihn über den Meeren gegründet und über den Wassern bereitet.

Wer darf auf des HERRN Burg gehen, und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?

Wer unschuldige Hände hat und reines Herzens ist,

wer nicht bedacht ist auf Lug und Trug und nicht falsche Eide schwört;

der wird den Segen vom HERRN empfangen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heils.

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe!

Wer ist der König der Ehre? Es ist der HERR stark und mächtig, der Herr, mächtig im Streit.

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe!

Wer ist der König der Ehre? Es ist der HERR Zebaoth, er ist der König der Ehre.

 

Ich finde, ein wunderbarer Text. Kann er uns zu einer Antwort führen zur Frage: Wer rettet die Welt?

Wird bei allen Diskussionen und Demonstrationen eigentlich immer im Auge behalten, wem wir unsere Erde zu verdanken haben? Wer unser Schöpfer ist? Von den Astronauten ist immer wieder zu hören, was für ein herrliches Geschenk diese Erde ist. Sie sagen es mit Bewunderung und Faszination. Sie können „von außen“ einen Blick auf diesen Erdball werfen. Aber es kann einem angst und bange werden, wenn man im Fernsehen die Bilder vom Weltraumschrott um unsere Erde herum sieht. Und mit Schrecken ist schon zu vernehmen, dass Menschen von einem Krieg im Weltraum reden. Wer rettet die Welt?

Unser Text sagt so schön, die Erde, der Erdkreis und alle, die darauf wohnen, gehören Gott.Und der Psalmbeter fragt sich, wer hat eigentlich das gute Recht, dieses Schöpfungsgeschenk Gottes anzunehmen und darauf zu wohnen und zu leben? Eine ganz eindeutige Antwort:

Wer unschuldige Hände hat und reines Herzens ist, wer nicht bedacht ist auf Lug und Trug und nicht falsche Eide schwört. Und da sind wir jetzt mitten drin in der Gesellschaft und bei uns selber. Es ist schon so, viele Menschen fragen sich, wie ist es wohl so weit gekommen, dass wir immer unmenschlicher werden? Ein bayerischer Dichter sagt einmal, humorvoll und doch tiefsinnig: der Mensch hat sich vom Mensch entfernt und vo die Viecher s‘raufn glernt…“

Wo sind unsere unschuldigen Hände und reinen Herzen? Verstehen Sie mich bitte richtig, ich will uns hier nicht aburteilen, aber wir müssen uns wirklich fragen, wie weit es mit dem Zusammenhalt in unserer Gesellschaft gekommen ist. Natürlich muss ich hier pauschalieren: Wo sind wir wirklich bereit, uns für andere einzusetzen? Wir fordern alles vom Staat und sind oft so wenig ansprechbar auf soziale Verantwortung.

 Eigentlich müsste doch dieser berühmte „Ruck“ durch unsere Gesellschaft gehen. Ich habe kürzlich ein sehr gutes Buch gelesen von dem Philosophen Richard David Precht, mit dem Titel „von der Pflicht.“ Er fragt: wie können wir unser Pflichtbewusstsein und unser Verantwortungsgefühl stärken? - Haltungen derer unsere liberale Demokratie so dringend bedarf. So schlägt er z.B. vor, wieder das soziale Pflichtjahr nach dem Schulabschluss einzuführen und: und, das ist mutig: ein soziales Jahr mit Eintritt in die Rente. Natürlich hier nur stundenweise, auch je nach Gesundheit, z.B. vorlesen in Kita und Schule. Ich nenne hier nur ein Beispiel. Wohltuend empfinde ich das Leben in einer Kirchengemeinde, so wie hier in Mangersreuth. Da findet man sehr viele Momente, wo man aufeinander zugeht und füreinander da ist.

Im Predigttext heißt es: der wird den Segen des HERRN empfangen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heiles.

 

Wer rettet die Welt?

Es geht nicht nur um Klimaveränderung und um die Umwelt. Es geht in sehr hohem Maße auch um die sog. „innere Umweltverschmutzung“ unserer Gesellschaft.

Liebe Gemeinde, es gibt Hoffnung. Schauen wir auf das Bild – 30 Jahre alt – da sehen wir in der rechten unteren Ecke junge, neue Pflänzchen sprießen. Jeder neue Sproß ist ein Hoffnungsschimmer!

Und da lese ich jetzt im Predigttext die wunderbare Aufforderung „Machet die Tore weit…“ Ein Adventsruf. Macht euer Herz auf, lasst Gott hinein, achtet auf euren Glauben der euch helfen wird, vieles zu überstehen. Lass die Liebe in dein Herz!

Ich persönlich bin fest davon überzeugt, dass der Glaube an unseren dreieinigen Gott das derzeitige Desaster aushalten kann.

Wenn nicht wir Christen, wer denn dann – muss die Verantwortung für die anvertraute Schöpfung übernehmen, mit dem Wissen, dass wir es nicht aus eigener Kraft tun müssen, sondern weil wir Christus an unserer Seite wissen.

Wenn nicht wir Christen, wer denn dann - muss soziale Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen. Wir haben das Gebot: liebe deinen Nächsten wie dich selbst!

Wenn nicht wir Christen, wer denn dann - kann die Hoffnung weitergeben, dass wir in Gottes Hand geborgen der Zukunft entgegengehen können.

 

Wer rettet die Welt?

Die Adventszeit ist eine Zeit der Erwartung, Zeit, sich auf den Moment vorzubereiten, wo Gott Mensch wird, wo er zu uns kommt und uns heil macht, wo Christus an unserer Seite sein wird, uns stärkt, fröhlich macht und uns Kraft gibt, in unsere Gesellschaft „hineinzustrahlen“

 

Wer rettet die Welt? Bereiten wir uns in dieser Adventszeit vor, um an Weihnachten aus ehrlichem Herzen singen zu können:

„Christ, der Retter ist da!“

Amen.

 

Es grüßt Sie herzlich Ihre Prädikantin Lydia Herold


Ewigkeitssonntag

21. November 2021

Liebe Gemeinde,

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht in Jesaja 65:

 So spricht der Herr: Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich erschaffe Jerusalem zur Wonne und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen.

Die Menschen sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des Herrn, und ihre Nachkommen sind bei ihnen. Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der Herr.

 

Liebe Gemeinde,

als ich diesen prophetischen Text das erste Mal durchgelesen habe, dachte ich: „Ach, wär das schön!“ – Ach, wär das schön, wenn neu werden könnte, was wir längst als unabänderlich mehr oder weniger akzeptiert haben. Ach, wär das schön, wenn die Stimmen des Weinens und Klagens verstummen würden, weil es nichts mehr zu weinen und zu klagen gibt.

Ach, wär das schön, wenn niemand zu jung mehr sterben müsste.

Ach, wär das schön, könnte man Gottes Stimme wirklich so ganz unmittelbar hören.

Ach, wär das schön, wenn Frieden wäre.

Was bedeuten diese Worte? Sind sie Hirngespinste des Propheten Jesaja, die mit unserer Realität nichts, aber auch gar nichts zu tun haben? Sind das Worte Gottes, die irgendwann vielleicht einmal für sein Volk Israel gültig werden, aber für heute nichts austragen? Kann man solche Worte überhaupt sagen angesichts von Kummer und Trauer und Leid?

Liebe Gemeinde, oft bin ich, wie auch viele meiner Kolleginnen und Kollegen, im vergangenen Kirchenjahr oder auch davor mit Ihnen oder anderen an einem Sarg oder einer Urne gestanden. Und dort zu stehen, gehört mit zu den schwersten Stunden von uns Menschen. Dann versucht man Worte des Trostes zu finden, aber - gibt es die?

Ich habe es mir angewöhnt, am Sarg oder an der Urne mit den Angehörigen immer noch einen Segen für den/die Verstorbene/n zu sprechen. Dieser Segen heißt:

„Der Herr segne dich und berge dich im Schatten seiner Flügel, jetzt, da der Tod dich weggerufen aus dem Land, das dir Heimat war und aus dem Kreis der Menschen, mit denen du gelebt hast.

Gott schicke dir seinen Engel entgegen, damit du auch den Weg findest durch die Nacht des Todes und sicher ankommst in seinem Land, da, wo die Sonne nicht mehr untergeht.

Gott lasse dich nicht ins Leere fallen, sondern in seine Hände. Sie mögen alle deine Schuld heilen, alle Krankheit, alle Verletzungen des Lebens.

Er zeige dir deine neue Heimat und lasse dich glücklich werden in seinem Himmel, nahe bei ihm und bei all denen, die vor dir gelebt.

Das gewähre dir der Gott des Lebens; der Vater, der dich einst geschaffen,

der Sohn, der für dich durch den Tod gegangen und der Heilige Geist, der alles lebendig macht.“

 

Die Botschaft, liebe Gemeinde, die diesen Segen und die Worte aus dem Jesaja-Buch verbindet, ist: Niemand geht verloren, im Gegenteil, alles wird neu.

Der erste Satz des Predigttextes heute heißt: „Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen muss“ Es sind Worte, die uns fast identisch dann wieder im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung, begegnen. Wir haben sie als Lesung gehört. Und mit Worten des Neuwerdens fängt die Bibel auch überhaupt an: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und siehe, es war sehr gut.“

Gott macht neu. Komplett neu. Aus dem Nichts erschuf er mit der Schöpfung etwas, was vorher nicht da war, etwas, was unvergleichlich ist. Am Anfang war es unsere Welt mit ihrer wundervollen Vielfalt an Leben. Unser leuchtend blauer Planet: Hoffentlich gelingt es uns, dass er blau bleibt und nicht grau wird, denn er ist angefüllt mit Wundern, uns eingeschlossen. Und - so unser christlicher Glaube - dieser Planet, unsere Heimat, irrt nicht ziel- und planlos im Weltall herum, sondern ruht in den Händen Gottes, von Anfang an. Wer sich selbst und die ganze Welt so sehen kann, lebt anders als wenn er sich als Zufallsprodukt begreifen muss.

Gott hat es nicht bei dieser einen großartigen Neuschöpfung, der Erschaffung unserer Welt, belassen. Wir haben noch ein Ereignis in unserer christlichen Geschichte, wo Gott uns etwas völlig Neues schenkt. Wir feiern jedes Jahr die Osternacht, den Ostermorgen. Und Ostern ist nur mit der Schöpfung zu vergleichen, denn auch da schuf Gott etwas komplett Neues: Die Auferstehung. Aus der Nacht des Todes, aus Weinen und Klagen und Verzweiflung wuchs neues Leben in Jesus Christus. Und Christus verspricht uns, dass auch wir neu leben werden; dass er uns hindurchzieht durch den Tod zu sich in sein Reich, wo es allen Kummer nicht mehr gibt.

Und immer noch ist die Geschichte nicht zu Ende: Jesus wird wiederkommen, so bekennen wir es jedes Mal im Glaubensbekenntnis. Er wird wiederkommen, die alte Erde wird damit ihr Ende finden - und dann wird noch einmal alles neu werden. Alles Unvollendete wird seinen Abschluss haben und es wird Frieden sein.

In diesem großen Spannungsbogen von der Entstehung bis zum Vergehen dieser Welt und der Hoffnung auf neues Leben – genau darin leben wir. Zwischen Freude und Angst, zwischen Glauben und Zweifeln, zwischen dem Schauder der Vergänglichkeit und der Zuversicht auf Ewigkeit. Hin- und hergerissen, immer wieder. Ob es wohl stimmt, was wir da hören, was Gott wohl verspricht?

Gott begleitet uns. Er weiß, wie schwer es oft ist zu glauben. Deshalb begleitet er uns. Er ist der mitgehende Gott, so wird der alttestamentliche Gottesname Jahwe oft übersetzt wird. (Deckenbild Kirche!)

Er begleitet uns. Er begleitet uns ins Leben hinein, er begleitet uns durchs Leben hindurch, wenn wir das wollen. Er begleitet uns ins Sterben und er begleitet uns in neues Leben. Alle Wege, die wir gehen können, ist er in Christus schon gegangen. Und immer streckt er uns die Hand hin, ja, bittet uns: „Komm, lass dich an die Hand nehmen. Du musst nicht allein gehen. Du musst nicht allein alles tragen. Du musst dich nicht fürchten, wenigstens nicht mehr so sehr!“

Auf Neues und Unvergängliches hoffen – das ist eine große Herausforderung angesichts des Todes. Angesichts eines verschlossenen Sarges oder einer Urne. Angesichts der Gräber, an denen wir voller Kummer stehen. Aber wir haben als Christen diese Hoffnung, dass Gott uns begleitet, dass er uns einen Engel schickt, damit wir den Weg finden durch Nacht und Tod, dass er alles neu macht und dass wir bei ihm sein werden, da, wo die Sonne nicht mehr untergeht, da, wo es keine Tränen mehr geben muss, da, wo Frieden ist.

Genau wegen dieser Hoffnung müssen wir uns unsere Verstorbenen nicht irgendwo oder gar verloren vorstellen, sondern ganz nah bei Gott. Für sie ist schon gut, was für uns noch nicht gut sein kann. Aber Gott ist da, hier wie dort. Er ist die Brücke, die uns verbindet und irgendwann gehen wir auch hinüber und sind wieder zusammen. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser menschliches Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 Es grüßt Sie herzlich Ihre Pfarrerin Bettina Weber


Buß-und Bettag

17. November 2021

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Der Predigttext steht im Matthäus-Evangelium: 7, 12-20

Jesus lehrte seine Jünger und sprach: Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten. Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind’s, die auf ihm hineingehen. Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind’s, die ihn finden.

Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln?

So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum, an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

 

Liebe Gemeinde,

der erste Satz des Predigttextes hat mich gedanklich zurückkatapultiert in den letzten normalen Familiengottesdienst, den wir vor Corona mit demPaul-Gerhardt-Kindergarten hier in der Kirche gefeiert haben. Jesus sagt: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ Bekannt geworden ist dieser Satz als „Goldene Regel“: So wie du behandelt werden möchtest, so behandle andere auch. Unser Sprichwort „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“ ist daraus entstanden.

Damals im Kindergarten und dann im Gottesdienst haben wir darüber gesprochen, dass unser Verhalten sich immer irgendwie auswirkt. Es trägt dazu bei, ob Menschen sich öffnen oder verschließen. Und auch wir selber öffnen uns für etwas oder verschließen uns, je nachdem, was uns widerfährt. Wenn wir jemanden z.B. beleidigen, kränken, ausschließen oder ihm gar körperlich wehtun, dann wird das sehr wahrscheinlich dazu führen, dass unser Gegenüber dicht macht. Einfach um sich zu schützen. Das erkennt man oft schon an der Körpersprache: Wenn sich jemand rumdreht, einem die kalte Schulter zeigt, den Blick senkt, die Arme verschränkt, dann heißt das: „Lass mich. Ich hab jetzt zu – und muss erst wieder aufmachen, damit wir wieder miteinander reden können!“

Ich hab mit den Kindern damals darüber gesprochen, welche Schlüssel man braucht, um einen derart verschlossenen Menschen wieder aufzubekommen. Den Kindern sind einige Schlüssel eingefallen. Sie haben gesagt:

- Man kann hingehen und sagen: Komm, spiel wieder mit uns

- Man kann Schokolade oder das Pausenbrot mit ihm teilen

- Man kann ihn anlächeln und irgendetwas Tröstliches sagen

- Man kann sagen „Es tut mir leid“, wenn man sich blöd verhalten hat.

Das waren durchgehend gute Antworten. Wir haben den Kindern dann erklärt, dass wir alle tatsächlich ganz verschiedene Schlüssel haben, um jemanden wieder aufzusperren, wenn er sich aus irgendeinem Grund verschlossen hat. Und Jesus hat all diese Schlüssel mal zusammengefasst mit dem Goldenen Schlüssel (zeigen), der Goldenen Regel.

Es ist eine einfache, leicht zu merkende Regel. Man kann sich die sehr schnell ins Bewusstsein rufen, wenn man vor einer Entscheidung steht. Sie kann uns sehr einfach eine gute Orientierung geben: So wie du behandelt werden möchtest, so behandle andere auch.

Heute ist Buß –und Bettag. Und ja, da geht es genau darum. Der PT schildert uns mit eindrücklichen Bildern, dass unser Verhalten Folgen hat, Früchte trägt. Die können gut oder schlecht sein. Wir wissen alle, wie schwierig es ist, sich immer so zu verhalten, dass es richtig ist. Immer wieder passiert es uns, dass wir etwas denken, sagen oder tun, was wir hinterher bereuen. Mir geht das regelmäßig beim Autofahren so: Da wohnt in mir ein Tier. Und manchmal genügt eine Kleinigkeit, z.B. dass mir jemand vor die Nase fährt, dann mit 25 km vor mir herzuckelt; alles staut sich schon und dann, die nächste Ampel in Sichtweite wird Geld – plötzlich wird Gas gegeben, der Zuckler kommt noch bei Dunkelgelb über die Ampel und alle anderen haben das Nachsehen. Was soll’s – ist ja eigentlich nichts, was einen wirklich aufregen müsste; eigentlich, aber manchmal erwacht dann das Tier in mir. Und ich schimpfe und motze und fahre danach leider auch oft zu aggressiv. Da kenne ich mich selber manchmal kaum wieder. Kaum daheim, tut es mir furchtbar leid und ich denke: „Warum hast du dich jetzt nur so blöd verhalten!“

Das Tier in uns, das ständig hungrige, das immer auf die Lücke lauert, wo es raus kann und das sich tierisch freut, wenn wir ihm in die Falle gehen und uns unangemessen verhalten und dann, obwohl wir es besser wissen, anders handeln als wir handeln sollen und wollen. Unangemessen… die Bibel sagt „Schuld“ dazu.

Schuld führt dazu, dass wir uns verschließen. Ich weiß, dass ich nicht aggressiv fahren soll – das kann tödlich enden, wenn’s blöd kommt, für mich und für andere: Welch entsetzlicher Gedanke. Aber in dem Moment, wo das Tier über mich gewinnt, verschließe ich mich diesem Wissen.

Und dann werde ich wieder aufgeschlossen, z.B. durch die Goldene Regel, die mir dann auch irgendwann wieder einfällt und durch die ich mich fragen lassen muss: „Sag mal, wolltest du von einem anderen Autofahrer so behandelt werden, wie du das gerade selber gebracht hast?“ Und dann muss ich natürlich „Nein“ sagen und merke, wie sehr ich es bereue, dass „das Tier“ mal wieder ausgebrochen ist. Und immerhin gelingt es mir dann meist eine ganze Weile wieder, anständig zu fahren. Ich werde mir jetzt einen Zettel mit der Goldenen Regel auf’s Armaturenbrett kleben…

Das war jetzt sehr persönlich, aber ich glaube, dass jeder von uns von sich selbst ganz genau weiß, wo das Tier in einem lauert. Hier mal lästern, dort mal schwindeln, hier mal etwas mitnehmen, was einem nicht gehört, dort mal vor Neid auf jemanden gelb werden oder geizig alles für sich behalten. Oder eben unangemessen unbeherrscht oder ungeduldig sein. Und wie ist es mit der Zeit, die wir Gott regelmäßig schenken sollen, damit sein Schlüssel, sein Geist in uns kommen kann, uns aufschließen kann? Geben wir Gott wirklich regelmäßig die Gelegenheit dazu?

Ach ja, der breite Weg, wo man das alles eben nicht so eng nehmen muss, der ist sicher der leichtere. Der Bessere, für uns und andere, ist er nicht.

Jesus gibt uns Menschen auf geniale Art und Weise Hilfestellung, aus all diesen Sachen ausbrechen zu können. Er hat gesagt: Ja, du machst immer wieder Dinge falsch, aber Gott verdammt dich nicht dafür, sondern gibt dir Gelegenheit, es anders zu machen. Bertold Brecht hat einmal gesagt: Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.

Der Ausspruch könnte glatt von Jesus sein. Wir müssen nicht in unserem Verhalten, das wir als falsch erkennen, drin bleiben. Wir müssen nicht B sagen, wir können auch sagen: Es tut mir leid und bitte, Gott, hilf mir, dass ich es in Zukunft anders machen kann. Wie gut, dass es so viele Gelegenheiten gibt, das alles zu bedenken. Wir können uns aus der Bibel inspirieren lassen – man muss sie halt nur auch lesen. Wir können in vielerlei verschiedene Gottesdienste gehen, wo sich viele verschiedene Menschen, nicht nur Pfarrerinnen und Pfarrer, Gedanken über das Wort Gottes machen und uns in diese Gedanken mithineinnehmen - man muss halt nur auch in Gottesdienste gehen. Wir können miteinander reden, diskutieren, streiten, Kompromisse finden, uns versöhnen – man muss halt nur aber auch dazu bereit sein.

 Wie gut, dass es den Buß-und Bettag gibt. Er hilft uns zu erkennen, dass A falsch war. Er hilft uns zu erkennen, dass wir nicht zwanghaft B sagen müssen. Er ermutigt uns zum Beten: Herr, bitte verzeih und bitte hilf mir, es anders machen zu können.

Amen.

 

Es grüßt Sie herzlich Ihre Pfarrerin Bettina Weber


20. Sonntag nach Trinitatis

Jubelkonfirmation

17. Oktober 2021

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Der Predigttext, den ich gleich vorlesen werde, ist wirklich der reguläre Text für heute; ich habe ihn mir nicht ausgesucht: Es ist ein Text über das Älterwerden und Alt Sein. Er enthält viele symbolische Bilder und ich erkläre sie auch immer gleich beim Vorlesen; dann ist es besser verständlich. Wir hören also einen Abschnitt aus dem AT, aus dem Buch Prediger, Kap 12, 1-7:

 

Denk an deinen Gott, der dich geschaffen hat! Denk an ihn in deiner Jugend, bevor die Tage kommen, die so beschwerlich sind! Denn wenn du alt geworden bist, kommen die Jahre, die dir gar nicht gefallen werden. (…) Wenn der Mensch alt geworden ist, zittern die Wächter des Hauses (Bild für die Arme) und krümmen sich die starken Männer (Bild für die Beine). Die Müllerinnen (damit sind die Zähne gemeint) stellen die Arbeit ein, weil nur noch wenige übrig geblieben sind. Die Frauen, die durch die Fenster schauen (Bild für die Augen), erkennen nur noch dunkle Schatten. Die beiden Türen, die zur Straße führen (Bild für die Ohren), werden auch schon geschlossen. Und das Geräusch der Mühle (Bild für die Stimme) wird leiser, bis es in Vogelgezwitscher übergeht und der Gesang bald ganz verstummt. Wenn der Weg ansteigt, fürchtet man sich. Jedes Hindernis unterwegs bereitet Schrecken. Wenn schließlich der Mandelbaum blüht (Bild für graue Haare), (…): Dann geht der Mensch in sein ewiges Haus, und auf der Straße stimmt man die Totenklage an. Denk an deinen Gott, der dich geschaffen hat, bevor die silberne Schnur zerreißt (Bild für den Lebensfaden) und die goldene Schale zerbricht (Bild für das Leben) – (…). Dann kehrt der Staub zur Erde zurück, aus dem der Mensch gemacht ist. Und der Lebensatem kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben hat.

 

Liebe Gemeinde,

ja, wie gesagt, mein erster Gedanke, als ich den Bibeltext für heute gelesen habe, war: „Den kann ich unmöglich nehmen. Die Kirche wird schließlich voll von doch auch schon älteren Menschen sein und dann male ich Ihnen mit drastischen Bildern die Beschwernisse des Altwerdens vor Augen? – Nein, das geht nicht!“ So waren meine ersten Gedanken. Aber beim darüber Nachdenken habe ich dann viel mehr darin entdeckt als nur das Thema „Alt Sein“ – und deswegen habe ich mich doch dafür entschieden. „Alt werden ist nichts für Feiglinge“, so hat es Joachim Fuchsberger in seiner Biographie ausgedrückt und da hat er Recht. Denn das Altwerden ist zwangsläufig damit verbunden, dass Körper und Geist schwächer werden, langsamer, anfälliger, verletzlicher. Das schildert der Predigttext mit sehr anschaulichen Bildern: Wir werden unsicherer und gebeugter, Haare, Haut und Zähne verändern sich, die Stimme, Augen und Ohren werden schwächer. Jeder ansteigende Weg kann zum Problem werden oder auch jedes Hindernis, weil man stürzen und sich verletzen könnte. Aber wenn wir alt werden wollen, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als vieles von dem Genannten hinzunehmen, denn die Alternative dazu ist jung zu sterben – und das wollen wir ja auch nicht.

Dennoch ist das nur die eine Seite vom Älterwerden: Es gibt in Deutschland einen Forschungszweig, der sich mit der Zufriedenheit beschäftigt. Dort hat man herausgefunden, dass Menschen zwischen 20 und 25 und wieder über 65 am zufriedensten sind, dh. die Werte der ganz Jungen sind mit denen der Menschen über 65 fast gleich. Diese Entwicklung wird als U dargestellt und heißt deswegen Zufriedenheits-U. Natürlich ist das ein statistischer Wert und sagt nichts aus über Einzelschicksale aus, die weit weg vom Zufriedensein sein können. Aber im Schnitt gesehen, kann man mit Blick auf unsere Gesellschaft sagen, dass Menschen im Alter zu den Zufriedensten gehören. Und es ist auch nachvollziehbar, warum das so ist, denn vieles ist in diesem Alter schon erreicht, auf manches kann man dankbar oder eben schon mit einer gewissen Gelassenheit zurückblicken; anderes hat man einfach akzeptiert – und: Ich glaube, dass einem auch die Begrenztheit der Zeit eben immer mehr bewusst wird und so wirklich jeder Tag als Geschenk empfangen wird.

Unser Predigttext sagt: Lieber Mensch, du wirst schneller alt, als dir lieb ist. Und dann wirst du, neben viel Gutem, das das Älterwerden eben auch mit sich bringt, auch manche Einschränkungen erleben müssen. Überleg dir gut, auf was und wen du dein Leben baust. Denke schon in der Jugend daran, dass du jemanden brauchst, auf den du dich immer verlassen kannst. Der PT gibt uns den guten Rat, uns schon in unserer Jugend Gott anzuschließen, mit ihm eine Freundschaft einzugehen und diese Freundschaft auch zu pflegen. Und dazu ist es nie zu spät! Nun ist das mit Gott natürlich irgendwie schwieriger als mit menschlichen Freunden, weil wir Gott ja nicht sehen oder nicht so mit ihm reden können wie mit Menschen. Aber Gott hilft uns, dass wir ihn erkennen können und er gibt uns Zeichen, die uns immer wieder an ihn erinnern. Unsere Mangersreuther Kirche erzählt mit vielen Zeichen von Gott: Deckenbild. Darin steht im goldenen Strahlenkranz der hebräische Gottesname „Jahwe“. Das heißt übersetzt „Ich bin da“ oder „Ich bin der mitgehende Gott“. Gott ist nicht nur hier oder in irgendwelchen anderen Gebäuden. Er ist da, wo wir sind. Welch großer Trost für unser Leben.

Eines der ganz wichtigen weiteren Zeichen ist die Taufe. Viele von Ihnen sind hier an diesem Taufstein getauft worden. Mit der Taufe verspricht uns Gott nicht, dass immer alles gut im Leben sein wird, aber er verspricht uns immer dabei zu sein. Im Taufauftrag heißt es: Christus spricht: Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende. Bei der Konfirmation bestätigen wir dann als herangewachsene Christinnen und Christen unsere Taufe und sagen: Ja, ich möchte, dass Jesus mich im Leben begleitet.

Ich finde das sehr bewegend in unserer Mangersreuther Kirche, dass genau über dem Taufstein die Gethsemane-Szene an die Decke gemalt ist: Das ist wenige Stunden vor dem Tod von Jesus. Und er hat schreckliche Angst, er zweifelt verständlicherweise auch an der Liebe seines Vaters und fleht ihn an, dass er doch einen anderen Weg als das Kreuz für ihn auswählen soll. Da kommt ein Engel vom Himmel und stärkt Jesus. Er kann dadurch tatsächlich zu dem Satz kommen: „Nicht mein Wille, sondern dein Wille, Vater, soll geschehen!“

Engel sind Zeichen der Nähe Gottes. Übersetzt heißt das Wort „Engel“ „Bote“. Wir kennen die Postboten. Engel sind die Postboten Gottes. Sie sind immer an den wichtigen Stellen dabei: Bei der Geburt Jesu, im Garten Gethsemane, an seinem Grab und bei der Auferstehung! Wir alle können Engel füreinander sein, indem wir einander mit Treue begleiten, indem wir da sind füreinander und das gerade auch in den schwierigen Zeiten. Gott will uns die Kraft dafür geben – vielleicht müssen wir einfach mal wieder darum bitten, so wie Jesus es auch tat.

Der Kelch im Bild erinnert uns an das Abendmahl: Es ist ein weiteres wichtiges Zeichen, das wir von Gott bekommen. Wir werden gleich miteinander Abendmahl feiern: Gott lädt uns an seinen Tisch ein. Überlegen Sie doch mal, mit wem Sie an einem Tisch sitzen. Es werden in der Regel Leute sein, die Sie mögen, Ihre Familie, Ihre Freunde, gute Nachbarn oder Bekannte. Jesus sagt mit seiner Einladung zum Abendmahl: Du gehörst zu meiner Familie, zu meinen Freunden. Ich bin dein Freund. Ich will mit dir zusammen sein!

Das Zeichen für alle Christen weltweit ist das Kreuz. Es ist auch hier oben an die Decke gemalt und findet sich auch an weiteren Orten in der Kirche. Das Kreuz ist das Zeichen für Leiden und Tod, aber auch schon für die Auferstehung, auf die wir als Christen hoffen dürfen.

Unser Predigttext wusste noch nichts von Jesus. Er ist ja lange vor Jesu Zeit geschrieben worden. Aber er sagt: Denk immer daran, lieber Mensch, du bist von Gott geschaffen worden, sei dankbar für dein Leben. Und wenn dein Leben zu Ende geht, dann kehrst du zu Gott zurück. In Jesus Christus hat genau diese Hoffnung sichtbare Gestalt angenommen. An seinem Leben, Sterben und Auferstehen dürfen wir unsere Hoffnung seither festmachen. Wir sind von Gott geschaffen, durch die Taufe werden wir unauflöslich mit ihm verbunden, Gott ist immer an unserer Seite – und wenn unser Leben hier auf der Erde beendet ist, dann kehren wir zu ihm zurück. Das hat Jesus uns versprochen. Ich glaube ihm. Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser menschliches Begreifen bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Es wünscht Ihnen einen gesegneten Sonntag Ihre Pfarrerin Bettina Weber

 

Gebet der Jubilarinnen und Jubilare:

Gott, unser Herr, du hast uns bis hierher geleitet. Du warst uns Schutz und Schirm vor manchem Bösen. Du warst uns Stärke und Hilfe zu manchem Guten. Wir danken dir für alles Gute, das wir haben erfahren und tun dürfen. Wir danken dir für deine Vergebung, die du uns schenkst, wenn wir aufrichtig darum bitten. Wir bitten dich um deinen Heiligen Geist, der uns untereinander und mit dir verbindet. Unser guter Gott, behüte uns und alle unsere Lieben. Stärke unseren Glauben und hilf uns, auf dich zu vertrauen. Bleibe bei uns, alle Tage, bis ans Ende und darüber hinaus, wenn du uns zu dir rufst in dein Reich. Amen.

300. Kirchweih

17. Sonntag nach Trinitatis

26. September 2021

 

Festgottesdienst zu 300 Jahre Evangelische Kirche Mangersreuth 26.09.2021

 

Predigt zu Röm.10,9ff.

 

 

 

Liebe Festgottesdienstgemeinde!

 

Seit 300 Jahren steht hier in Mangersreuth diese Kirche. Ich freue mich, heute diese große runde Kirchweih mit Ihnen zu feiern.

 

Die Bibelworte des heutigen Sonntags passen. Sie zielen auf das, wozu Gotteshäuser da sind: Glauben pflegen und stärken. Schon im Evangelium, das wir gerade gehört haben, ruft Jesus bestärkend: „Frau, Dein Glaube ist groß!“

 

Auch im für den heutigen Sonntag vorgesehenen Predigttext, geht es um unseren Glauben. Ich lese aus dem Römerbrief, Kapitel 10, die Verse 9ff:

 

... wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht; und wer mit dem Munde bekennt, wird selig. Denn die Schrift spricht: „Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden“. Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen. Denn „wer den Namen des Herrn anruft, wird selig werden“.

 

 

 

Zu diesem Bibelwort will ich mit Ihnen drei Schritte gehen.

 

Der erste führt uns zunächst in eine andere Kirche – aber nur um dann die Besonderheit dieser Kirche hervorzuheben.

 

Unser erstes Urlaubsziel war dieses Jahr Hrastovlje in Slowenien. Dort steht in einem idyllischen Tal eine alte Wehrkirche. Sie ist über und über ausgestaltet mit alten Fresken. Besonders der gemalte Totentanz zieht in den Bann. Er ist auf der ganzen rechten Kirchenseite auf Augenhöhe zu sehen:

 

Da führt der Tod eine Polonaise an. Alle Figuren fassen sich an den Händen, aber jede zweite Gestalt ist ein Skelett. Das eine Skelett hat einen Bauern an der Hand, das andere eine feine Dame. Alle werden zum Tanz geführt, auch der König, auch der Papst auch ein Greis, auch ein Kind. Die Botschaft ist klar: Keiner kommt dem Tod aus - früher oder später.

 

Jahre zuvor war ich schon einmal in Hrastovlje und hatte mir diesen Totentanz angeschaut. Damals ging ich versunken in Gedanken zum Auto. Kurz vor dem Einsteigen rief ich meinem Mann zu: Ich muss nochmals in die Kirche. Und lief zurück. Und tatsächlich: In der Freskenreihe direkt oberhalb des Totentanzes war in Gegenrichtung der rettende Reigen dargestellt. Christus zieht die Menschen, die sich alle an den Händen fassten aus dem Grab. Er führte eine andere, eine zutiefst fröhliche Polonaise an. Er führt alle ins Leben. Freude strahlt aus allen Gesichtern.

 

Dieser erste Besuch in Hrastovlje ist mir darum so eindrücklich, weil ich diesen Rettungsreigen durch Christus völlig übersehen hatte. Der Totentanz auf Augenhöhe war so faszinierend, dass alles andere zurücktrat. Und in den touristischen Fremdenführern wird auch nur von diesem berühmten Totentanz berichtet - nicht vom Lebenstanz.

 

So ist es auch sonst in unserem Leben und in den Nachrichten: Der Totentanz, der sich um uns herum in dieser Welt ereignet, nimmt in den Bann. Wer erzählt bei all dem Totentanz vom Tanz ins Leben durch den Auferstandenen?

 

Ihre Kirche tut es. Dafür sind die Markgrafenkirchen bekannt, dass sie den auferstandenen Heiland mit dem Siegesfähnchen in den Blick rücken und Ihre Kirche tut dies besonders kraftvoll. Wenn man hereinkommt, schaut man unwillkürlich auf ihn. Und das ist so aufbauend, denn den Totentanz haben wir ja um uns herum:

 

Die Pandemie hat uns seit März letzten Jahres in den Blick gerückt, wie schnell wir dran sein können.

 

Vom 14-jährigen Jugendlichen in Würzburg bis zur 100-jährigen im Seniorenstift wanderten allzu viele ins Grab.

 

Dann die Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, der Wirbelsturm in Haiti oder auch die Eroberung Afghanistans durch die Taliban, die noch vielen Christen dort das Leben kosten wird - oder auch ein Tod von Verwandten, Freunden oder Nachbarn. Der Totentanz ist auf Augenhöhe und hat manchmal solch eine schreckliche Bindekraft, dass wir gar nicht auf die Idee kommen an den zu denken, der Leben schenkt. Wie gut, Ihr Mangersreuther, dass er in Eurer Kirche unübersehbar ist.

 

Diese Darstellung von Elias Ränz ist die künstlerisch wertvollste Ausstattung der Kirche und es ist die zentralste. Euer auferstandener Heiland sagt Euch: Das Grab ist nicht die letzte Station. Christus wird Euch im Tod an der Hand nehmen und ins Leben führen zu sich in sein Licht.

 

Darum, liebe Dorfjugend, finde ich es so gut, dass Ihr den Kirchweihtanz pflegt. Weiter so! Eure Kirche verkündigt die Auferstehung, die Grund zur Freude, zum Tanzen ist, mitten im Leben. Wir Christen werden ins Leben gehen an der Hand Christi.

 

Ich danke dem Kirchenvorstand und den Pfarrersleuten, Frau Weber und Herrn Rix, sehr herzlich, dass diese Kirche auch werktags offen steht. So kann diese Kirche auch bei einem kurzen Besuch wochentags sprechen und die stärkende, tröstende andere Wirklichkeit in den Blick rücken, die uns Paulus in unserem Bibelwort zuruft:

 

Wenn du glaubst in deinem Herzen, dass (Jesus) Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.

 

 

 

Zweiter Gedanke zu unserem Bibelwort: „wer den Namen des Herrn anruft, wird selig werden“.

 

 

 

Den Namen des Herrn finden Sie alle über sich in dieser Kirche. Über uns strahlt der Gottesname. Jahwe steht da in hebräischen Buchstaben. Hebräisch ist eine bedeutungsoffene Sprache. Übersetzt heißt Jahwe: Ich bin, der ich bin. Oder: ich werde sein, der ich sein werde. Oder: Ich bin da.

 

Ja, Gott ist da, in Gegenwart und Zukunft.

 

Gott ist auch jetzt hier. Welches Anliegen tragen Sie in sich? Sagen Sie es Gott. Er wird helfen. Welchen Weg er dabei geht, müssen wir ihm überlassen.

 

Dass Ihr Mangersreuther hier in der Kirche an dem schmiedeeisernen Gebetsbaum die Möglichkeit habt, zum Gebet eine Kerze anzuzünden als Bekräftigung des Gebets und der Hoffnung auf Gott, das ist nur gut. Gott wird auch in Zukunft da sein, wenn Ihr betet. Das sagt sein Name, der über Euch leuchtet.

 

 

 

Und drittens verheißt das Bibelwort: wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht; und wer mit dem Munde bekennt, wird selig - wir können auch sagen: glücklich - schon hier und im ewigen Leben.

 

Mancher mag sich vielleicht fragen: Reicht es, wie ich mich zu Jesus als dem Herr bekenne? Reicht das, was ich so an Glauben in mir habe um gerettet zu sein und selig zu werden?

 

Die Bibelworte des heutigen Sonntags wollen aber gerade nicht verunsichern, auf den Zahn fühlen und das Loch im Zahn finden, sondern die Brücke bauen zu uns unperfekten Menschen.

 

 

 

Die Syrophynizische Frau war eine von den Juden verachtete Heidin. Sie hatte den falschen Glauben. Aber in ihrer Not bittet sie Jesus um Hilfe. Das ist das Entscheidende: dass sie ihre Hoffnung auf Jesus setzt.

 

Und Paulus zählt in unserem Predigtwort keine frommen Leistungen auf.

 

Paulus will ja gerade vom Gedanken der frommen Leistung wegführen zur Mitte des Glaubens. Und die ist:

 

hörbar bekennen, dass Jesus der Herr ist und im Herzen an den Auferstandenen glauben.

 

Hörbar habt Ihr Euch gerade vorhin zu Jesus als Herrn bekannt. Gemeinsam haben wir im Wechsel gerufen: Kyrie eleison, Herr erbarme Dich, Christe eleison, Christe erbarme Dich. Und ihr habt Euch zur Auferstehung Jesu bekannt im Glaubensbekenntnis, das wir gesungen haben: Ich glaube an Gott den Vater und an Jesus Christus ... auferstanden von den Toten“.

 

Doch: Waren wir da auch mit dem Herzen dabei? Paulus sagt ja: wer mit dem Herzen glaubt wird gerecht.

 

Nicht immer sind wir bei allem was wir singen, beten und bekennen mit dem Herzen dabei. Das ist aber normal, das gibt keinen Minuspunkt bei Gott. Wenn wir heute nicht mit dem Herzen dabei waren als wir gesungen haben: Herr erbarme Dich, so ist doch die Grundhaltung wichtig, dass wir ersehnen, dass Christus sich unser erbarmt, eben unser mit unserem unperfekten Glauben.

 

 

 

Unsere Jubilarin ist übrigens auch nicht perfekt. Drei Beispiele:

 

12 ist die Zahl der Vollkommenheit. Aber um den Gottesnamen Jahwe fliegen 13 Engel. Auch der 13. ist bei Gott willkommen.

 

Und: Den Einheimischen fällt vielleicht schon gar nicht mehr auf, dass die Kirche unsymmetrisch ist. Das lag einfach daran, dass es bei der Erweiterung im Jahr 1491 statisch viel einfacher war, hangaufwärts zu erweitern als hangabwärts. Trotzdem lenkt diese unsymmetrische - in gewisser Weise also unperfekte Kirche - den Blick auf die Mitte unseres Glaubens, den Auferstandenen.

 

Diese Eigenheiten machen die Kirche doch besonders liebenswert. So wie auch Sie als Mensch mit Ihren Eigenheiten von Gott geliebt sind.

 

Darum als drittes Beispiel: Magister Goldner war der Motor zum Kirchbau. Ohne ihn wäre die Ruine vollends verfallen. Doch: Er war solch ein so kantiger, schwieriger Mann, dass er nach seiner Einweihungspredigt Predigtverbot erhielt. Nun, ich hoffe, dass mir das nach meiner Kirchweihpredigt erspart bleibt. Doch auch ihn hat Gott gebraucht. Diesen Gedanken nimmt auch Bernd Winkler in seiner neuen Chronik auf, auf die Sie sich freuen können.

 

Diese drei Beispiele von Unvollkommenheit können uns sagen, dass unser Gott uns trotzdem brauchen kann und will, uns mit unserem unperfekten Glauben. Frau, Dein Glaube ist groß. Mann, Dein Glaube ist groß. Geh den Weg des Vertrauens auf Jesus weiter.

 

Amen.

 

Predigt der Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner

 

 

 

 

 



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