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1. Sonntag nach Trinitatis

6. Juni 2021

 Jona 1 und 2 , 1. Sonntag n.Trin., 06.06.21

 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Jona 1 und 2 (Auszüge): Es geschah das Wort des Herrn zu Jona, dem Sohn Amittais: Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen. Aber Jona machte sich auf und wollte vor dem Herrn nach Tarsis fliehen und kam hinab nach Jafo. Und als er ein Schiff fand, das nach Tarsis fahren wollte, gab er Fährgeld und trat hinein, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren, weit weg vom Herrn.

 

Da ließ der Herr einen großen Wind aufs Meer kommen, und es erhob sich ein großes Ungewitter auf dem Meer, dass man meinte, das Schiff würde zerbrechen. Und die Schiffsleute fürchteten sich und schrien, ein jeder zu seinem Gott, und warfen die Ladung, die im Schiff war, ins Meer, dass es leichter würde. Aber Jona war hinunter in das Schiff gestiegen, lag und schlief. Da trat zu ihm der Schiffsherr und sprach zu ihm: Was schläfst du? Steh auf, rufe deinen Gott an! Vielleicht wird dieser Gott an uns gedenken, dass wir nicht verderben.

Und einer sprach zum andern: Kommt, wir wollen losen, dass wir erfahren, um wessentwillen es uns so übel geht. Und als sie losten, traf’s Jona. Da sprachen sie zu ihm: Sage uns, um wessentwillen es uns so übel geht? Was ist dein Gewerbe und wo kommst du her? Aus welchem Land bist du und von welchem Volk bist du? Er sprach zu ihnen: Ich bin ein Hebräer und fürchte den Herrn, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat.

Da fürchteten sich die Leute sehr und sprachen zu ihm: Was hast du da getan? Denn sie wussten, dass er vor dem Herrn floh; denn er hatte es ihnen gesagt. Da sprachen sie zu ihm: Was sollen wir mit dir tun, dass das Meer stille werde und von uns ablasse? Denn das Meer ging immer ungestümer.

Er sprach zu ihnen: Nehmt mich und werft mich ins Meer, so wird das Meer still werden und von euch ablassen. Denn ich weiß, dass um meinetwillen dies groß Ungewitter über euch gekommen ist.

Doch die Leute ruderten, dass sie wieder ans Land kämen; aber sie konnten nicht, denn das Meer ging immer ungestümer gegen sie an. Da riefen sie zum Herrn und sprachen: Ach Herr, lass uns nicht verderben um des Lebens dieses Mannes willen und rechne uns nicht unschuldiges Blut zu; denn du, Herr, tust, wie dir’s gefällt.

Und sie nahmen Jona und warfen ihn ins Meer. Da wurde das Meer still und ließ ab von seinem Wüten. Und die Leute fürchteten den Herrn sehr und brachten dem Herrn Opfer dar und taten Gelübde.

Aber der Herr ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte. Und Jona betete zu dem Herrn, seinem Gott, im Leibe des Fisches.

 

Liebe Gemeinde,

das ist ein langer Predigttext heute und ich werde die Geschichte sogar noch etwas weiter erzählen, denn die Geschichte von Jona ist im Bauch des Fisches ja noch lange nicht zu Ende. Irgendwie ist Jona so der typische Mensch, der sich mit dem Willen Gottes auseinandersetzen muss. Und dieser Wille Gottes passt ihm überhaupt nicht. Deshalb versucht Jona mit sehr vielen verschiedenen Taktiken Gott zu entkommen. Das jedoch gestaltet sich als nicht möglich, denn das Wort Gottes, der Wille Gottes, kann nicht ignoriert werden.

„Es geschah das Wort zu Jona“ so heißt es und deutet damit schon den Ernst der Lage an: „Geh nach Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen!“ Ninive war eine der großen mesopotamischen Königsstädte, gelegen auf damaligen israelfeindlich gesonnenen assyrischem Gebiet. Das entspricht ungefähr dem heutigen Irak. Die Israeliten wollten absolut nichts mit Ninive zu tun haben. Es hatte einen äußerst schlechten Ruf, denn in dieser Stadt wurde wohl ständig in schlimmster Weise das Recht gebrochen. Und vielleicht hatte mancher schon gedacht: Warum greift Gott nicht ein? Warum dürfen die Mächtigen machen, was sie wollen? Vielleicht hatte auch Jona das schon gedacht; blöd nur, dass er dann der Überbringer der schlechten Nachricht sein sollte, nämlich dass Gott tatsächlich einzugreifen gedachte und Ninive bestrafen wollte.

Also so will Jona den Willen Gottes nicht in seinem Leben haben. Deswegen redet er auch gar nicht erst mit Gott, sondern tritt direkt die Flucht an – und ehrlich, ich kann ihn verstehen. Schließlich wurden die Überbringer von schlechten Botschaften nicht selten getötet. Jona hat Angst. Deshalb flieht er und besteigt ein Schiff, das ihn nach Tarsis bringen soll. Das ist eine Stadt an der Westküste Spaniens und bezeichnete zur Zeit des AT das westliche Ende der bekannten Welt. Buchstäblich ans Ende der Welt will Jona also fliehen, so weit weg von Ninive wie nur möglich. Aber er muss erkennen, dass er sich zwar vom Ort seiner Bestimmung entfernen kann, aber nicht von seiner Bestimmung selbst.

Im PT heißt es: „Da ließ der Herr einen großen Wind aufs Meer kommen, und es erhob sich ein großes Ungewitter auf dem Meer, dass man meinte, das Schiff würde zerbrechen. Und die Schiffsleute fürchteten sich und schrien, ein jeder zu seinem Gott, und warfen die Ladung, die im Schiff war, ins Meer, damit es leichter würde.“ Erfahrene Schiffsleute geraten nicht so schnell in Panik: Es muss also schon wirklich ein schlimmer Sturm gewesen sein, der die Männer das Fürchten lehrt – und auch das Beten. Die Mannschaft, zusammengewürfelt aus aller Herren Länder, glaubt an viele verschiedene Götter und alle werden jetzt um Hilfe angefleht. Außerdem werfen sie Ladung über Bord, damit das Boot leichter wird. Aber nichts hilft.

Und Jona? Kaum zu glauben: Jona schläft. So einen Schlaf würde ich auch gern noch mal haben. Aber ich denke, dieser tiefe Schlaf ist ein Symbol dafür, dass Jona wirklich weg sein, kein Bewusstsein mehr dafür haben möchte für das, was er ja eigentlich tun soll. Er will nichts mehr hören und nichts mehr sehen. Und solche Situationen kennen wir sicher auch im Leben, wo uns alles so überfordert, dass wir dicht machen und uns von allem distanzieren.

Aber natürlich wird irgendwann bemerkt, dass Jona fehlt. Und so wird er durch den Kapitän geweckt und dazu aufgefordert, dass er gefälligst auch zu seinem Gott beten solle. Bevor Jona dieser Aufforderung folgen kann, wird das Los geworfen, weil die Mannschaft herausbekommen will, wer schuld ist an dieser Situation. Das ist auch irgendwie ganz typisch menschlich: Einer muss immer schuld sein. Das Los trifft Jona und nun muss er sich fragen lassen, was er getan hat, dass die Götter so fürchterlich zürnen. Jona gibt sich zu erkennen: „Ich bin ein Hebräer“ sagt er. Das ist ein anderes Wort für „Israelit“. „Ich bin ein Hebräer – und ich fürchte den Herrn, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat.“

Jona bekennt sich damit zum allmächtigen Gott, der alles geschaffen hat, auch die Elemente, denen sie gerade ausgeliefert sind. Er sagt damit, dass Gott diese Elemente beherrscht und dass es damit wirklich auch sein Gott ist, der diesen Sturm schickt. Außerdem erzählt Jona, dass er genau diesem Gott zu entkommen versucht, weil er nicht tun will, was er im Auftrag dieses Gottes tun soll. Die Mannschaft ist entsetzt: „Wie kannst du nur so handeln? Wie kannst du dich Gott nur so widersetzen? Was sollen wir nur tun?“ – so fragen sie.

Jona hat eine Antwort und diese Antwort zeigt immer noch, wieviel Angst er vor Gott und vor seinem Auftrag hat: „Werft mich ins Meer“, sagt er, „dann wird es still werden. Denn ich weiß, dass wegen mir der Sturm so tobt.“ Es ehrt die Mannschaft, dass sie das zunächst nicht tun wollen, aber als der Sturm immer heftiger wird, entscheiden sie sich doch für diesen Schritt, nicht ohne vorher Jona und seinen Gott um Vergebung zu bitten. Dann werfen sie ihn ins Meer. Da wird das Meer still und lässt ab von seinem Wüten. Das hat zwei Auswirkungen: Die Schiffsmannschaft wirft ihre eigenen Götter nun förmlich auch über Bord und bekennt sich zu dem Gott Israels. Wow!

Und Jona: Für den wird es auch still, aber nicht weil er stirbt, sondern weil er von Gott gerettet wird, indem ein großer Fisch kommt und ihn verschluckt. Im Bauch des Fisches hat Jona Ruhe und sucht das erste Mal in dieser Geschichte Kontakt zu Gott. Er fängt an zu beten.

Natürlich wissen wir, dass es jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehrt, dass ein Mensch von einem Fisch verschluckt wird und im Fisch-Bauch weiterlebt, aber es geht ja auch um Typisches im Jona-Buch. Und es ist typisch, dass wir Menschen manchmal etwas bis zum Schluss ausfechten müssen, bevor wir Ruhe finden können. Manche Kämpfe müssen gekämpft werden – und da gehören eben auch die Glaubenskämpfe dazu. Wenn ich Zweifel an Gott habe, dann habe ich sie eben und das muss durchgestanden werden. Nur dann können sich Zweifel und Verzweiflung verwandeln, nur dann kann sich wieder etwas öffnen, was vorher völlig verschlossen war.

Viele Theologen haben diese drei Tage von Jona im Fischbauch später mit dem Tod und der Auferstehung Jesu verglichen – und es ist ja auch zu vergleichen. Jesus konnte sich dem Todeskampf auch nicht entziehen. Er musste sterben. Er musste hinabsteigen in den Fischbauch, in das Reich des Todes. Er war tot. Aber wie Jona war auch er immer umgeben von Gott. Und Gottes Kraft hat keine Grenzen. Sondern holt auch wieder heraus aus den Kämpfen, den Zweifeln, der Verzweiflung – und sogar heraus aus dem Tod. Das kann man nicht wissenschaftlich beweisen, es sind Glaubenserfahrungen, die jeder nur für sich machen kann. Und dabei helfen Geschichten wie die von Jona und die von Jesus, weil sie uns Mut machen und sagen: Auch du bist immer umgeben von Gott, auch wenn du gerade absolut nichts von ihm wissen willst oder dir alles über dem Kopf zusammenschlägt wie das Wasser des Meeres oder wenn du sogar untergegangen bist oder auch, wenn du stirbst: Du bist immer umgeben von Gott. Welche Zusage, die uns da aus der Bibel zum Festhalten angeboten wird.

Als Jona nach drei Tagen von dem Fisch an Land gespuckt wird, hat er seinen Kampf gekämpft und beschließt nun, den Auftrag Gottes zu erfüllen. Er geht nach Ninive und kündigt der Stadt an, dass sie aufgrund ihrer Bosheit untergehen wird. Doch dann, Überraschung: Die Bewohner Ninives bereuen aus ehrlichem Herzen, was sie getan haben. Da verzeiht ihnen Gott, was Jona nun wieder total doof findet. Und erneut einen Glaubenskampf mit Gott ausfechtet. Aber auch den hält Gott aus und steht ihn mit ihm durch. Lesen Sie heute Nachmittag mal die Jona-Geschichte: Sie ist wirklich spannend und schildert uns Gott als einen, der viel Geduld mit Menschen hat.

Was wir daraus lernen können? Gott kann schon ganz schön heftig in unser Leben brechen und etwas wollen, was wir absolut nicht wollen. Das kann uns in schlimme Lebensstürme stürzen. Die können nicht verdrängt, sondern müssen ausgehalten werden. Denn nur dann setzt Verwandlung ein. Aber wo immer wir sind: Wir sind von Gott umgeben. Einem Gott, der verzeiht, wo Menschen etwas als falsch erkennen. Einem Gott, der selbst in die tiefsten Tiefen hinabging, damit wir auch dort nicht allein sind. Einem Gott, der nie versprochen hat, dass immer alles gut ausgeht, aber der versprochen hat, dass er da ist.

Und das ist er – da oben, an unserer Kirchendecke steht es, mitten im offenen Himmel: Jahwe, der mitgehende Gott. Amen.

 

Es grüßt Sie herzlich Ihre Pfarrerin Bettina Weber


Trinitatis

Fest der Dreieinigkeit Gottes

30. Mai 2021

 Das Bibelwort zum Sonntag  - Jesus und Nikodemus  - Johannesevangelium Kapitel 3

1 Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden.
2 Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm:
Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen;
denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.
3 Jesus antwortete und sprach zu ihm:
Wahrlich, wahrlich, ich sage dir:
Es sei denn, dass jemand von oben her neu geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.
4 Nikodemus spricht zu ihm:
Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist?
Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?
5 Jesus antwortete:
Wahrlich, wahrlich, ich sage dir:
Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.
6 Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.
7 Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe:
Ihr müsst von oben her  neu geboren werden.
8 Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl;
aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt.
So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.

Liebe Gemeinde,

einen schroffen Jesus lernen wir da kennen in dieser Begegnung von Jesu und dem Pharisäer Nikodemus.
Normalerweise wird Jesus von den Pharisäern kritisch hinterfragt, oft auch von ihnen angegriffen und mit Fangfragen in die Enge getrieben.
Hier aber begegnet uns ein Pharisäer, der Jesus gegenüber wohlgesonnen ist, ein Sympathisant also.
Nikodemus ist nicht irgendein Pharisäer, sondern er gehört dem obersten Führungszirkel dieser Glaubensrichtung unter den Juden an.
Jesus steht in dieser Geschichte am Anfang seines Wirkens – vergleichen wir ihn also mit einem Pfarrer z.A. (zur Antstellung)
Nikodemus hingegen hat die Stellung eines Regionalbischofs.
Da wird also ein Regionalbischof auf das Wirken eines charismatisch wirkenden Jungpfarrers aufmerksam, der mit der Art und Weise wie er auftritt schon für hohe Wellen gesorgt hat.
Der Regionalbischof zitiert den Jungspund nicht in seine Residenz, sondern er schleicht sich im Schutz der Nacht zu ihm und sucht das Gespräch mit ihm.
Das überrascht an diesem Nikodemus – er erweist dem Jungspund Respekt, ja sogar Ehre.
„Meister – so redete er ihn an – du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm!“
Auf diese Ehrerbietung antwortet der Berufsanfänger:
„Es sei denn, jemand wird von oben neu geboren, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“
Und als dann Nikodemus verdutzt nachfragt, wie man denn als alter Mensch neu von oben her geboren werden kann, da bekommt er die verblüffende Antwort:
„Wahrlich, wahrlich, ich sage dir:
Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.
Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.
Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe:
Ihr müsst neu von oben geboren werden.
Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl;
aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt.
So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“
Was ist das für eine Gesprächsführung?
Ein Pfarrer z.A. bekäme da wohl einen dicken Eintrag in seine Personalakte.
Jesus erklärt sich nicht.
Er geht überhaupt nicht darauf ein, dass dieser Nikodemus interessiert an ihm ist und sich lernfähig und lernwillig zeigt.
Wohlgemerkt – Nikodemus will lernen von diesem Jesus!

Und genau darin sieht Jesus das Problem.
Das Reich Gottes kann man nicht lernen oder studieren.
Das Reich Gottes lässt sich nicht auf vielen Seiten in komplizierter Akademikersprache zwischen zwei Buchdeckel pressen – so wie hier in unseren lutherischen Bekenntnisschriften.
Das Reich Gottes ereignet sich von oben her.
Das Reich Gottes kommt über einen Menschen wie ein starker Wind.
Das Reich Gottes ergreift dann diesen Menschen und bringt ihn dazu, das zu tun, was Gott von ihm erwartet.
„Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl;
aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt.
So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“

Im Griechischen steht da das Wort „Pneuma“, und im Hebräischen das Wort „Ruach“.
In beiden Sprachen hat der Begriff die dreifache Bedeutung „Wind“ , „Geist“ und "Atem".
Für uns ist das schwer nachvollziehbar.
„Geist“ – damit verbinden wir in der Regel ein angestrengtes Nachdenken im Gehirn.
Der Geisteswissenschaftler muss viele Bücher studieren – ob er will oder nicht.
Hier aber ist Geist etwas Unfassbares.
Man kann ihn nicht greifen mit den Händen.
Man hört ihn - den Geist, spürt ihn und wenn einer offen ist für den Windhauch des Geistes, dann lässt er sich darauf ein, dann lässt er sich davon führen und leiten und handelt am Ende so, dass das Reich Gottes hier auf der Erde erfahrbar wird.
Die Geschichte vom barmherzigen Samariter haben wir vorhin als Lesung gehört (Lukas 10,25-37).
Drei Männer kommen da an einem überfallenen und verletzten Menschen vorbei.
Zwei "Glaubensprofis" lassen ihn liegen und gehen weiter – ein Priester und ein Levit – beide geschulte Theologen.
Für die beiden ist Gott im Himmel.
Von Gott haben sie gelernt aus den Seiten zwischen den Buchdeckeln.
Sie sind unterwegs zum Gottesdienst.
Und in ihrem Katechismus haben sie gelernt, dass man beim Betreten des Tempels rein sein muss.
Man darf also nicht in Kontakt mit Blut gekommen sein.
Darum lassen sie den blutenden Verletzten liegen.
Sie wollen Gott im Gottesdienst die Ehre geben.
Dass Gott ihnen hier in dem Verletzten begegnet, das verstehen sie nicht. Denn das steht ja nicht in den Büchern.
Dass Gott in dem Verletzten etwas von dem Vorbeikommenden will, das begreift erst der dritte – der barmherzige Samariter eben.
Auf den Samariter würden der Priester und der Levit verächtlich herabblicken.
Die Samariter, das sind die "Lauen", die, die nicht so recht fest im Glauben stehen, die also, die nicht so recht „bibelfest“ sind.
Manche meiner Kollegen würden ihn vielleicht als „Jahreschristen“ bezeichnen oder als „Weihnachtschristen“, weil er sich eben nur einmal im Jahr beim Gottesdienst blicken lässt.
Und genau dieser Samariter – der "Weihnachtschrist" also – der bringt das Reich Gottes auf die Erde – zumindest für den Verwundeten am Straßenrand.
Der Samariter war ja sicher kein Müßiggänger, der nur zum Spaß unterwegs war.
Vielleicht hatte er einen Geschäftstermin und er hat sich genau ausgerechnet, wie lange er für den Weg zu seinem Kunden braucht.
Der Überfallene am Wegrand rührt sein Herz an.
Und darum weiß er, was er zu tun hat.
Er beugt sich zu ihm,  wäscht seine Wunden, verbindet ihn, bringt ihn in die Herberge, pflegt ihn über Nacht und lässt dann dem Wirt auch noch zwei Tagesverdienste eines Arbeiters da für die weitere Pflege. Zudem verspricht er, dass er auf dem Rückweg wieder vorbeikommen wird und alle weiteren Kosten übernehmen wird.
So kommt Gottes Reich auf die Welt.
Nicht durch kluge Reden, nicht durch gelehrte Streitereien über die angebliche Wahrheit.
Der Samariter hat sich diese Situation nicht ausgesucht.
Aber als er gebraucht wurde, da war er einfach da und hat sich nicht davongestohlen.
So kommt das Reich Gottes, von oben her, ungeplant, unvorbereitet, so wie ein Windstoß.
Und zum Glück finden sich immer wieder Menschen, die dann das Herz am rechten Fleck haben, wenn sie der Windstoß Gottes ergreift.
Der Samariter muss ja nicht jeden Tag so handeln.
Was da von ihm verlangt wird, das war eine Ausnahmesituation.
Aber er hat richtig reagiert, während die gelehrten Theologen eben versagt haben.
Das Reich Gottes wird aber nicht nur in Ausnahmesituationen erlebbar.
Das Reich Gottes breitet sich doch überall da aus, wo Menschen gut, ehrlich und zuverlässig arbeiten.
Ist das Reich Gottes nicht auch da, wo der Klempner kommt und das verstopfte Rohr wieder reinigt und sich dabei die Hände schmutzig macht?
Ist das Reich Gottes nicht da, wo ein Bäcker ordentliches Mehl aus der Region kauft, auf Backtriebmittel verzichtet, dafür kleine Semmeln backt, die aber mindestens doppelt so nahrhaft und wertvoll sind wie die mit Luft aufgeblasenen Brötchen aus den Backfabriken?
Ist das Reich Gottes nicht da, wo Kunden bewusst die kleinen „Laabla“ kaufen und dafür auch bereit sind, mehr Geld zu bezahlen?

Geist, Wind, Atem ein Wort für das, was Jesus meint, wenn er vom Reich Gottes spricht.
Auch im ruhigen Alltag, auch in der ganz normalen Beschäftigung können Menschen den Geist Gottes einatmen, den Geist Gottes aber auch hinaustragen in die Welt.
Der Geist Gottes – er weht immer und überall so wie der Wind, manchmal lau, manchmal heftig.
Gottes Geist sorgt für genug Herausforderungen und Abwechslung in unserem Leben.
An Aufgaben mangelt es nicht.
Corona, Klimawandel, neue Rollenverteilung in der Familie, der Arbeitswelt und Schulunterricht am Bildschirm…
Es braucht halt den richtigen Geist, um in all diesen Herausforderungen das Reich Gottes auf dieser Erde erfahrbar zu machen.
Um diesen Geist zu erkennen und dann auch richtig zu handeln, dazu braucht es meistens kein Theologiestudium und keine langen Diskussionen, sondern ganz einfach nur das Herz am rechten Fleck.

Darum lieber Nikodemus!
Nicht so viel in die Bücher schauen!
Nicht so viel diskutieren, abwägen und begutachten!
Einfach nach oben schauen, den Wind spüren und sich von Gottes Geist dorthin treiben lassen, wo er uns haben will, nämlich nahe beim Mitmenschen – mit dem Herzen am rechten Fleck.

Amen

Es grüßt Sie herzlich, Ihr Pfarrer Jürgen Rix

 

Der Wind weht, wo er will

Schön zum Anschauen und zum Hören - der Himmel ist so nah!


Pfingsten

23. Mai 2021

1.Mose 11, 1-9, Pfingsten 2021

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Das Predigtwort für den heutigen Pfingstsonntag steht im AT, ganz am Anfang, im ersten Buch Mose. Wir hören Gen. 11, 1-9:

 

Damals hatten alle Menschen nur eine einzige Sprache – mit ein und denselben Wörtern. Sie brachen von Osten her auf und kamen zu einer Ebene im Land Schinar. Dort ließen sie sich nieder. Sie sagten zueinander: „Kommt! Lasst uns Lehmziegel formen und brennen!“ Die Lehmziegel wollten sie als Bausteine verwenden und Asphalt als Mörtel. Dann sagten sie: „Los! Lasst uns eine Stadt mit einem Turm bauen. Seine Spitze soll in den Himmel ragen. Wir wollen uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.“

 

Da kam der Herr vom Himmel herab. Er wollte sich die Stadt und den Turm ansehen, die die Menschen bauten. Der sagte: „Sie sind ein einziges Volk und sprechen alle dieselbe Sprache. Und das ist erst der Anfang! In Zukunft wird man sie nicht mehr aufhalten können. Sie werden tun, was sie wollen. Auf! Lasst uns hinabsteigen und ihre Sprache durcheinanderbringen! Dann wird keiner mehr den andern verstehen.“

 

Der Herr zerstreute sie von dort über die ganze Erde. Da mussten sie es aufgeben, die Stadt weiterzubauen. Deswegen nennt man sie Babel, das heißt: „Durcheinander“. Denn dort hat der Herr die Sprache der Menschen durcheinandergebracht. Und von dort hat sie der Herr über die ganze Erde zerstreut. (Übersetzung: Basisbibel)

 

Liebe Gemeinde,

der Turmbau zu Babel gehört zu den Urgeschichten der Bibel, die in den ersten 11 Kapiteln zu finden sind und sozusagen unter der Überschrift „Typisch Mensch!“ stehen. Urgeschichten heißen sie also nicht, weil sie uralt sind, obwohl das natürlich auch zutrifft, sondern weil sie sich mit der Urgeschichte des Menschen befassen: Mit der Entstehung des Lebens, mit der Gefährdung des Lebens, mit typischen menschlichen Charaktereigenschaften wie Neugier oder Übermut, Eifersucht oder Gier. Und, leider, auch das ist sehr bald schon in der Bibel beschrieben: Sie berichten auch von Intoleranz, die bis zu Mord- und Totschlag führt.

Genesis 11, der Turmbau zu Babel, führt uns mitten hinein auch in tiefste ethische Fragen, die in Urzeiten genau wie jetzt über das Wohl und Wehe von uns Menschen entscheiden.

Türme, die Menschen bauen, haben etwas Faszinierendes – immer schon. Der Name „Wolkenkratzer“ sagt ja eigentlich schon alles: Bauwerke, die die Wolken kratzen, die die Wolken berühren, den Himmel berühren. Die Bibel bezeichnet mit „Himmel“ immer schon den Sitz Gottes. Im Himmel wohnt Gott und die Menschen wohnen auf der Erde. Gott ist der Schöpfer, die Menschen sind Geschöpfe. Typisch menschlich ist es, solche Kategorien aber eben auch zu hinterfragen – und das meine ich gar nicht negativ. Das Bild dafür, etwas zu hinterfragen, ist hier in unserem PT das Türme Bauen. Damit hinterfragt der Mensch die Gegebenheiten: Wohnt der Mensch wirklich nur auf der Erde oder könnte man nicht irgendwie auch den Himmel erreichen, später den Mond und dann den Mars und dort wohnen? Und wohnt Gott wirklich im Himmel oder auch woanders oder was macht Gott, wenn er im Himmel gestört wird?

Will er dort oben seine Ruhe haben? Kratzt ihn das, wenn die menschliche Neugier sozusagen bei ihm anklopft?

Türme bauen, etwas hinterfragen, das steckt tief in uns drin; und wie gesagt, das ist erst mal gar nicht negativ zu bewerten. Denn Türme bauen heißt deswegen ja auch Fortschritt. Auch in der Geschichte des Turmbaus von Babel steckt Fortschritt zwischen den Zeilen. Die Menschen hatten entdeckt, wie man Ziegel und Mörtel herstellt und nun konnte, unabhängig von Natursteinen, gebaut werden. Ein echter Kultursprung – auch möglich geworden durch die Neugier und die Experimentierfreude des Menschen. Der Mensch der damaligen Zeit konnte damit bisher festgelegte Grenzen überwinden. Und das hat er bis in unsere heutige Zeit immer wieder getan. Zum Glück – und zum Unglück, zum Segen und zum Fluch.

Also, halten wir als Zwischenbilanz mal fest: Neugier und Experimentierfreude sind keine Schande, im Gegenteil, ohne sie hätte sich der Mensch nicht so weiterentwickeln können.

Aber – und bestimmt haben Sie auf dieses Aber nun auch schon gewartet - aber wenn hinter dem erst mal ganz positiven Hinterfragen ein Absolutheitsanspruch sichtbar wird, eine Grenzverschiebung, Arroganz, Intoleranz – dann beginnen Gifttürme zu wachsen. In unserem PT verrät sich genau diese Absicht mit dem Satz: „Lasst uns Lehmziegel formen und brennen und einen Turm bauen, der bis in den Himmel ragt. Wir wollen uns einen Namen machen!“ Interessant ist, dass im Hebräischen hier ein Ausdruck verwendet wird, der nur noch einmal im AT vorkommt, nämlich im 2. Buch Mose, wo erzählt wird, wie die Israeliten als Sklaven für den Pharao Ziegel brennen müssen (Ex. 5,7). Das schwingt genau hier im Turmbau von Babel mit: Wir wollen uns einen Namen machen. Wir wollen uns ein Denkmal setzen.

Wer ist denn dieses „Wir“? Das würde ich gern mal hinterfragen. Denn anscheinend hat es doch genau dieses „Wir“ immer wieder geschafft, tausende von Menschen dazu zu zwingen, etwas zu bauen, um damit ein einheitliches System durchzusetzen, dem alles unterworfen wird und das damit seine Macht, seine unanfechtbare Größe zeigen wollte. Beispiele aus der Geschichte gibt es genug und sie stecken alle bildhaft im Turmbau von Babel mit drin. Denken Sie an die Pyramiden oder an die Chinesische Mauer oder an die Trump-Mauer zwischen den USA und Mexiko oder natürlich, leider, auch an unsere Geschichte, die ja auch mit einer Mauer zu tun hat oder an andere Bauten der Nazi-Zeit: Monumentalarchitektur wird sie genannt. Da wurde Macht von einem einzelnen „Wir“ demonstriert und festzementiert. Leider muss man da auch so manche Kirche nennen, die nicht so sehr zum Ruhm Gottes gebaut wurde, sondern auch, weil eher Menschen sich einen Namen machen wollten.

Hier sind wir an einem wichtigen Punkt der Predigt. Ich bin beim ersten Lesen des Predigtworts nämlich auch erst wieder in die Falle gegangen, weil ich gedacht habe, was stört Gott eigentlich so sehr an solchen Projekten? Ist doch toll, wenn so viele verschiedene Menschen an einer Sache gemeinsam arbeiten. Aber die Tücke liegt eben genau darin, dass alle diesem einen Projekt unterworfen werden und genau da wird es gefährlich.

Es ist falsch, Menschen dazu zu zwingen, nur in eine Richtung zu denken. Und ich glaube, das ist das, was Gott stört. Dem setzt er eine Grenze:

Achten Sie einmal auf die Ironie des Satzes: „Da kam der Herr vom Himmel herab, um die Stadt und den Turm zu betrachten, den die Menschen bauten.“ – Gott muss erst herabkommen, um dieses „Türmlein“ überhaupt sehen zu können. Dieser Turm kratzt ihn nicht. Die Größenverhältnisse sind noch immer klar. Gott ist so umfassend anders, dass er sich ein ganzes Stück herab begeben muss, um diesen Turm überhaupt zu sehen – das ist fantastisch bildhafte alttestamentliche Sprache!

Und dann beschließt Gott nicht etwa durch Gewalt diese Sache zu beenden, sondern er beendet diesen Einheitsbau durch Sprachenverwirrung. Das ist dann ja eigentlich gar keine Strafe, sondern muss als Geschenk betrachtet werden. Ein Lerngeschenk sozusagen! Es löst allerdings schon reichlich Verwirrung aus. Die Menschen können erst mal gar nicht mit diesem Geschenk umgehen. Und das ist logisch, denn wenn ich einen Menschen wirklich verstehen will, dann muss ich mich mit ihm beschäftigen, muss wissen wollen, wie er denkt und fühlt, was er für Ziele und Träume hat. Und ich muss Toleranz aufbringen, muss ertragen können, dass jemand halt eben vielleicht auch ganz anderes tickt als ich.

 Aber dass Menschen das können, dass sie grundsätzlich Einfühlungsvermögen haben und ja, auch wieder die nötige Neugier, Anderes und Fremdes zu erkunden: Das ist doch auch wieder ein phantastisches Geschenk, das Gott uns Menschen gemacht hat. Wir können einander verstehen, wenn wir denn wollen. Dazu müssen wir nicht dieselbe Sprache sprechen.

Oder doch, eine gemeinsame Sprache braucht es doch: Um die zu bringen, ist Gott in Jesus Christus dann ganz und gar aus dem Himmel herabgestiegen und hat in Jesus die Sprache der Liebe und des Annehmens gesprochen. Wenn man die Botschaft Jesu mal sehr verkürzt darstellt, hat er doch nichts anderes gesagt als „Vergiss nicht, dass du ein Mensch bist. Sei menschlich. Denn dazu bist du von deinem Vater im Himmel geschaffen worden, der jeden Menschen als sein Kind liebt!“

Sei menschlich; beachte, dass du ein Geschöpf bist; damit hast du genug zu tun. Du musst das Göttliche, die Stellung des Schöpfers gar nicht anstreben. Ich denke, das ist die Botschaft an uns.

Sei menschlich - Jesus hat es uns vorgelebt, was es heißt, menschlich zu sein. Jesus ist mit unglaublicher Offenheit, mit Neugierde auf andere Menschen zugegangen, aber er hat sie sich nicht unterworfen; er hat niemanden ausgegrenzt, festgelegt, festzementiert – er hat darum gekämpft, alle an einen Tisch einzuladen. Er wollte sich keinen Namen machen und hat doch den schönsten aller Namen gebracht: Immanuel/Gott mit uns – so wird Jesus in der Bibel auch genannt.

Auch mit diesem Geschenk konnten wir Menschen erst mal gar nicht umgehen. Wir konnten das nicht aushalten, diese pure Menschlichkeit Gottes. Wir haben Jesus umgebracht. Aber Gottes Geist konnten wir damit nicht töten – er ist immer noch da. Und genau das feiern wir heute.

In der Lesung haben wir die Pfingstgeschichte gehört. Und wenn wir sie mit dem Turmbau zu Babel verbinden, dann sehen wir: Gott verwirrt die Sprachen, aber er schenkt seinen Geist, damit wir uns wirklich verstehen können. Der Mensch will hoch hinaus, aber Gott kommt tief herunter. Hinauf-hinunter – und mit Pfingsten geht das Ganze in die Breite, in alle Welt. Nicht eine Richtung, sondern viele! Und damit sind nicht Turmbauer gesucht, sondern Brückenbauer. Schöner Job!

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles menschliche Begreifen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Es wünscht Ihnen von Herzen ein gesegnetes Pfingstfest Ihre Pfarrerin Bettina Weber


Christi Himmelfahrt

13. Mai 2021

Epheser 1, 15-23, Himmelfahrt, 13.05.2021

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

der PT für den heutigen Tag steht in Epheser 1, 15-23. Der Verfasser schreibt:

 

Nachdem ich gehört habe von dem Glauben bei euch an den Herrn Jesus und von eurer Liebe zu allen Heiligen, höre ich nicht auf, zu danken für euch, und gedenke euer in meinem Gebet, dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung, ihn zu erkennen.

Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns ist, die wir glauben durch die Wirkung seiner mächtigen Stärke. Mit ihr hat er an Christus gewirkt

Gott hat Christus von den Toten auferweckt und ihn eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und jeden Namen, der angerufen wird, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen. Und alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles, welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.

 

Liebe Gemeinde,

haben Sie irgendetwas von diesem Text verstanden? Nein? Kein Wunder, denn er ist auch schwierig und besteht aus nur drei ineinander verschachtelten Sätzen.

Wie gut, dass ich auf eine Menge Kindergartenerfahrung zurückgreifen kann. Und es wird höchste Zeit, dass ich wieder in den Kindergarten zum Erzählen gehen darf, denn in der Regel erklären mir die Kinder mit ihrer Weisheit Zusammenhänge, die ich vorher nicht kapiert habe. Jedenfalls gibt es zu diesem PT heute eine schöne Kindergartenerinnerung. In der Regel tauche ich ja dort gerade auch immer vor den besonderen Festen des Kirchenjahres auf, z.B. zu Ostern. Da erzähle ich dann kindgerecht, dass Jesus gestorben ist, aber Gott die Macht hatte, ihn wieder ins Leben zu rufen. Und damit die Menschen das auch wirklich glauben konnten, hat sich Jesus ja seinen Jüngern und Jüngerinnen ganz oft gezeigt. Er hat mit ihnen geredet, er hat sich anfassen lassen, er hat mit ihnen gegessen, damit sie auch wirklich verstehen und begreifen konnten: Ja, Jesus lebt!

Das ist der Punkt, wo ich die Kinder dann immer frage: „Und, habt ihr Jesus schon mal gesehen? Durftet ihr ihn schon mal anfassen?“

Da lachen sie immer und sagen: „Nein!“ Und die Mutigen fragen mich: „Und du, Frau Weber, hast du ihn schon mal gesehen?“

Und ich muss dann auch „Nein“ sagen.

Dann stelle ich noch eine Frage: „Ja, aber warum nicht? Wenn sich Jesus doch allen seinen Freunden gezeigt hat, damit sie glauben können, warum zeigt er sich dann uns nicht? Sind wir nicht auch seine Freunde?“

„Doch“, sagen dann die Kinder dann mit einer Zuversicht, die eben nur Kinder haben können. Sie sagen es mit einer solchen Überzeugung, dass es auch mich jedes Mal ganz glücklich macht. „Doch!“ sagen sie, „wir sind ganz sicher auch seine Freunde!“

Und sie haben Recht.

 

Aber warum sehen wir Jesus dann nicht? Warum lässt er sich nicht mehr blicken?

Den Kindern erzähle ich dann immer, dass Jesus genau das angekündigt hat. Er hat gesagt: „Ja, genau so wird das sein. Jetzt seht ihr mich noch. Jetzt könnt ihr noch mit mir reden, mit mir essen, mich berühren, aber bald geh ich zurück in den Himmel und dann seht ihr mich nicht mehr. Aber ich bin trotzdem noch da. Ich bin sogar mehr da als vorher.“

Wenn wir so weit gekommen sind, lasse ich die Kinder immer aus dem Fenster sehen und frag sie, warum die Blätter an den Bäumen und Büschen sich denn hin und her bewegen. Da sagen sie dann natürlich „Das ist der Wind!“ Dann mein ich immer, dann geh ich jetzt mal raus und hol den Wind, damit wir den mal ansehen können. Da lachen die Kinder wieder, über die dumme Frau Pfarrerin und erklären mir, dass das nicht geht. Den Wind kann man nicht anfassen und auch nicht in die Mitte des Morgenkreises holen: Man sieht und spürt ihn nur, wenn er eben etwas bewegt oder über die Haut streicht.

Sie, liebe Gemeinde, ahnen jetzt sicher schon, was kommt: „Ach so“, sag ich dann nämlich zu den Kindern. „So ist das mit dem Wind... Mit Jesus ist das ja vielleicht genauso: Den sieht und spürt man dann also auch, wenn er etwas bewegt.“

Und dann, die wahren Pädagog*innen mögen mir verzeihen, dann werde ich ein wenig gemein, weil ich dann nämlich eine Tüte mit Gummibärchen aus meiner Tasche hole und anfange, sie allein zu essen.

Meistens herrscht erst mal gespanntes Schweigen. Weil: Wenn ich sonst irgendetwas zum Essen mitbringe, dann bekommen die Kinder natürlich etwas davon. Irgendwann kommt so logischerweise dann auch mal die Frage: „Krieg ich auch eins?“

Dann schau ich ganz erstaunt und sag: „Nee, die gehören alle mir!“ Und esse weiter. Die Gesichter der Kinder und auch die der Erzieherinnen müssten Sie dann mal sehen.

Nach etlichen Gummibärchen und bevor es Tränen gibt, sag ich dann: „Aber wenn Jesus jetzt hereinkommen würde, sichtbar, was würde er denn dann wohl sagen?“

Wie aus der Pistole geschossen, kam beim letzten Mal die Antwort eines kleinen Buben. „Jesus würde sagen: „Du, Frau Weber, das geht fei ned. Wir müssen miteinander teilen!“

 

Recht hat er und das sag ich dann auch: „Du hast Recht – und genau das bewegt Jesus in uns: Dass wir eben z.B. miteinander teilen und nicht alles für uns allein behalten.“

Und dann bekommt natürlich jedes Kind mindestens ein Gummibärchen.

Im Predigttext heute heißt es: „Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennen könnt, zu welcher Hoffnung ihr von Jesus berufen/bewegt seid!

Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennen könnt, was Gott schon alles bewegt hat und noch bewegen will.

Gott hat schon Himmel und Erde bewegt, damit wir es ja vielleicht doch endlich glauben können, wie sehr er uns liebt. Gott hat in Jesus Christus alles durcheinander geweht und zu einer neuen Ordnung bewegt, damit wir Menschen ein neues Gottesbild und auch Menschenbild bekommen. Gott hat Himmel und Hölle bewegt, damit der Tod nicht siegt, sondern wir immer eine lebendige Hoffnung auf einen geöffneten Himmel haben können. Es ist die Hoffnung darauf, dass Gott immer in unserer Nähe ist, ob wir nun leben oder sterben.

Und damit sind wir nun mitten im Thema des heutigen Tages: Wenn in der Bibel vom Himmel die Rede ist, wird damit ja kein geographischer Ort bezeichnet, sondern es wird damit ausgedrückt, dass Gott dort nahe ist. Wenn Jesus zurück in den Himmel geht und der Himmel die ganze Welt umspannt, heißt das eben, dass Jesus nicht mehr nur in Israel zu finden war, sondern überall nahe ist. Himmelfahrt heißt also nicht, dass Jesus weg geht, sondern uns vielmehr auf einer ganz anderen, weltumspannenden Ebene, nahe steht, weil er dem Raum und der Zeit auf der Erde damit enthoben ist.

Um das begreifen zu können, brauchen wir Kinderaugen. Kinder haben noch diese besonderen erleuchteten Augen des Herzens. Sie vertrauen noch mit einer Kraft, die uns oft abhandenkommt. Aber genau das will Jesus uns zurückgeben – durch seine Kraft, seine Liebe. Ein bisschen was müssen wir dazu tun, nämlich es zulassen, dass wir uns von ihm anblicken, ansprechen, berühren lassen. Dann kommt er nur zu gern in unser Herz und bewegt es, wie nur er es kann.

Das wünsche ich uns: Für heute, den Christi-Himmelfahrtstag, aber natürlich auch für morgen und übermorgen und immer: Dass Gott uns nahe ist und uns bewegt, zum Teilen von Gummibärchen zum Beispiel…

Amen.

 

Und die Liebe Gottes, die größer ist als alles menschliche Begreifen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Chr. J. Amen.

 

Am Ausgang gibt es natürlich Gummibärchen, hygienisch einzeln verpackt. Und wer jetzt nicht weiß, warum, hat gepennt; darf sich aber trotzdem was nehmen. Das nennt man Gnade! :-)

4. Sonntag nach Ostern

Kantate

2. Mai 2021

Das Bibelwort zum Sonntag  Lukas 19

37 Als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten,
38 und sprachen:
Wir loben den, der da kommt,
den König in dem Namen des HERRN!
Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!
39 Und einige Pharisäer in der Menge sprachen zu ihm:
Meister, weise doch deine Jünger zurecht!
40 Er antwortete und sprach:
Ich sage euch:
Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

 

Liebe Gemeinde,
Kantate…    Singt!
Lasst euren Gefühlen freien Lauf, beim Singen, beim Tanzen und beim Musizieren!
Dazu ermutigt uns dieser vierte Sonntag nach dem Osterfest.
Und die Wirklichkeit nach einem Jahr Corona?
Kein Gesang mehr im Gottesdienst seit November.
Wie fühlt sich das an, wenn die Orgel das Lied schmettert:
„Danket dem HERRN, wir danken dem HERRN“ und wir müssen hinter unseren Masken den Mund halten?
Irgendwie schräg diese ganze Situation.

Die Chorproben finden seit einem Jahr nicht mehr statt.
Konzerte wurden abgesagt.
Unser neues Gemeindehaus steht leer.
Ungewohnte Stille breitet sich über das Land und seine Kirchen.
Das Leben liegt unter einer Decke voller Sorgen und Ängste.
Und trotzdem!
Die Decke hat Löcher.
Die Stille bekommt Risse, das Leben bricht sich Bahn, wo und wie man es nicht für möglich hielt, z.B. auf italienischen Balkons.
Dort wo der Tod erbarmungslos zuschlug,
dort, wo den Menschen strengste Ausgangssperren auferlegt waren,
dort verbündeten sich die Überlebenden,
dort schallte der Lebenswille von den Mauern und kleidete sich in mitreißende Rhythmen:
Balkonmusik erklang, mit Gesang und Tröten gegen die Isolation, gegen die Angst, die so viel zum Erliegen gebracht hatte.
Menschen stellten sich auf ihre Balkone oder an ihre Fenster und stimmten Lieder an, über Straßen und Plätze hinweg,
manchmal begleitet von unbeholfenen Schlagzeugern, die mit Pfannen den Rhythmus vorgaben,
ergänzt von Trompetern,
aber auch von richtig guten Tenören und Gitarrenspielern.
Jeder mit seinem Talent.
Besonders beeindruckt hat mich das Video einer Geigenspielerin auf dem Dach des Krankenhauses von Cremona in der Lombardei.
Cremona – die Stadt der Geigenbauer Stradivari, Amati und Guarnieri.
Auch in dieser Stadt wütete das Coronavirus wie überall in der Lombardei.
Das medizinische Personal war schlecht ausgerüstet.
Die Menge an Patienten ließ die Krankenhäuser aus allen Nähten platzen.
Zelte wurden auf den Parkplätzen aufgestellt, in denen die Patienten notversorgt wurden.
Der lombardische Regierungspräsident aus der Salvini-Partei verlegte die leicht erkrankten Coronapatienten in die Altenheime und hat deshalb den Tod unnötig vieler älterer Menschen zu verantworten.
Alle bangen. Alle sind überfordert. Keiner hat so etwas je erlebt.
Stress pur! Jeden Tag neu! 24 Stunden lang!
Und da erscheint sie – wie ein roter Engel aus dem Himmel – eine Violinistin, die ein Lied anstimmt, das diese aufgewühlte Situation heilsam unterbricht.
Für einen Moment lassen alle ihre Arbeit stehen und liegen.
Für wenige Minuten lassen sich Passanten, Ärztinnen, Pfleger, Angehörige und Krankenwagenfahrer verzaubern vom himmlischen Klang ihrer Geige.
Lassen Sie sich mit hineinnehmen in diese ergreifende Situation...

Nicht einmal drei Minuten dauert die himmlische Unterbrechung des hektischen Alltagsbetriebs.
Vielleicht ist auch während dieser drei Minuten ein Mensch am Beatmungsgerät verstorben.
Wenn aber der Klang der Geige zu ihm vorgedrungen ist, dann war es sicherlich ein gesegnetes Sterben, ganz anders wie wenn man nur das leiser werdende Piepsen der Kontrollgeräte hört.

Ja – Musik versetzt uns Menschen in eine andere Welt.
Musik spricht die Sinne an, die Sehnsüchte und die Gefühle.

Auch die Jünger Jesu haben ein Loblied angestimmt als sie in Jerusalem eingezogen sind mit ihrem Rabbi, mit ihrem Meister Jesus.
Sie haben erlebt, wie er die Menschen geheilt hat.
Sie haben gestaunt, wie er in den Streitgesprächen seine Gegnern schwach und blutleer hat aussehen lassen.
Das alles ist passiert in den Kleinstädten und Bauerndörfern Galiläas.
Aber jetzt, - jetzt zieht Jesus nach Jerusalem – in die Hauptstadt – ins Zentrum der Macht.
Jetzt – so glauben die Jünger, jetzt – wird er mit seiner himmlischen Begabung nach der Macht greifen und himmlischer König werden wollen in der Stadt Davids.
Die Jünger erwarten etwas von Gott.
Sie setzen ihre Hoffnung auf Gott.
Darum singen sie:
„Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe.“
Nicht wie zu Weihnachten:
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden…“
Nein:
„Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe.“
Denn die Erde und ihre irdischen Machthaber, die kennen sie – die Jünger.
Die Erde und ihre irdischen Machthaber – die schlagen erbarmungslos zu.
Das bekommen sie auch gleich zu spüren.
Denn die Pharisäer ermahnen Jesus, seinen fröhlichen und hoffnungsvollen Jüngern gleich die Ketten eines Gesetzesglaubens anzulegen:
>> Meister, weise deine Jünger zurecht << so sprechen sie ihn an.
Wir könnten auch übersetzen:
>> Meister, flöße ihnen Angst und Furcht ein! <<
Sie sollen sich nichts trauen – die Jünger.
Sie sollen sich schon gar nichts zutrauen.
Ängstlich, gebückt und schweigsam – so sollen sie leben und glauben.
Doch Angst passt nicht zum Glauben.
Glaube bedeutet doch Vertrauen, Mut und Zuversicht – zumindest der Glaube, den Jesus lebt, vorlebt und predigt.
„Wenn diese schweigen, so werden die Steine schreien.“
So entgegnet Jesus den Pharisäern, die dem Glauben der Jünger die Ketten der Angst anlegen wollen.
Wir alle wissen, wie es weitergegangen ist.
Die Pharisäer haben Jesus im Bund mit den Römern zum Schweigen gebracht – zumindest drei Tage lang nach der Kreuzigung.
Doch dann haben die Jünger wieder begonnen, den Auferstandenen zu loben.
Die Pharisäer haben in dieses Loblied nicht mit eingestimmt.
Doch die Gemeinde der Jünger hat sich schnell verbreitet um das ganze Mittelmeer herum.
Die Mächtigen der Juden haben es vierzig Jahre später auf eine Machtprobe mit den Römern ankommen lassen.
Und die Römer haben gezeigt, wer die Macht hat rund um das Mittelmeer.
Sie haben Jerusalem gebrandschatzt und den Tempel zerstört.
Seither steht nur noch die Klagemauer.
Und ihre Steine – sie schreien.
Denn direkt über der Klagemauer – da erhebt sich kein jüdischer Tempel mehr, sondern eine islamische Moschee.
Was sagen uns die schreienden Steine der Klagemauer, wenn wir auf die Stadt Jerusalem blicken, in der drei Weltreligionen einen wichtigen Stützpunkt haben?
Mögen Juden und Moslems diese Frage auf ihre Weise beantworten.
Uns Christen erinnern die schreienden Steine daran, dass wir keinen Tempel brauchen, an dem wir Gott Opfer darbringen.
Wir Christen finden Gott überall da, wo Menschen ihn mit fröhlicher Stimme loben, wenn sie denn hoffentlich bald wieder miteinander singen dürfen.
Wir finden Gott das, wo Menschen in der Not zusammenstehen, sich gegenseitig helfen, sich hineinversetzen in das Leid des Anderen und so über sich selbst hinauswachsen.
Wir finden Gott da, wo Menschen einander Hoffnung schenken, weil sie sich gegenseitig trösten in ihrem Leid, weil sie einfach staunen und verharren, wenn der himmlische Klang einer Geige vom Dach des Krankenhauses erklingt, in dem viele Menschen mit dem Tod ringen.
Ja – die Geigerin auf dem Dach – sie kann das Leid der Leidenden nicht wegmusizieren.
Doch die Geigerin auf dem Dach kann der sterbenden Seele eines Todkranken das Gefühl geben:
Ich sterbe nicht in ein Nichts hinein.
Menschen denken an mich und sind mir nahe.
Und dieser himmlische Klang der Geige, der wird wohl so etwas wie ein matter Abglanz dessen sein, was mich an Freude und Erlösung im Himmel erwartet.
Denn im Himmel – da ist Friede und dort wohnt die Ehre Gottes.   
Amen

 

Es grüßt Sie, Pfarrer Jürgen Rix


3. Sonntag nach Ostern

Jubilate

25. April 2021

Apostelgeschichte 17, 22-34, Sonntag Jubilate, 25.04.2021

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Das Predigtwort für den heutigen Sonntag lesen wir in der Apostelgeschichte:

Paulus trat in die Mitte des Areopags und sagte: „Ihr Bürger von Athen! Nach allem, was ich sehe, seid ihr sehr fromme Leute! Ich bin durch die Stadt gegangen und habe mir eure heiligen Stätten angeschaut. Dabei habe ich auch einen Altar gefunden, auf dem stand: Für einen unbekannten Gott! – Das, was ihr da verehrt, ohne es zu kennen, das verkündige ich euch.

Es ist der Gott, der die Welt erschaffen hat und alles, was in ihr ist. Er ist der Herr über Himmel und Erde. Er wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand errichtet wurden. Er ist auch nicht darauf angewiesen, von Menschen versorgt zu werden. Er ist es doch, der uns allen das Leben, den Atem und alles andere schenkt. Er hat aus einem einzigen Menschen die ganze Menschheit hervorgehen lassen, damit sie die Erde bewohnt. Für jedes Volk hat er festgesetzt, wie lange es bestehen und in welchen Grenzen es leben soll. Er wollte, dass die Menschen nach ihm suchen – ob sie ihn vielleicht spüren oder entdecken können. Denn keinem von uns ist er fern.

Durch ihn leben wir doch, bewegen wir uns und haben wir unser Dasein. Oder wie es einige von eurer Dichter gesagt haben: „Wir sind sogar von seiner Art!“

Weil wir Menschen also von Gottes Art sind, dürfen wir uns nicht täuschen. Die Gottheit gleicht keineswegs irgendwelchen Bildern aus Gold, Silber oder Stein. Die sind nur das Ergebnis menschlichen Könnens und menschlicher Vorstellungskraft. Nun – Gott sieht nachsichtig über die Zeiten hinweg, in denen die Menschen ihn nicht gekannt haben. Aber jetzt fordert er alle Menschen an allen Orten auf, ihr Leben zu ändern. Denn Gott hat einen Tag festgesetzt, um über die ganze Welt zu richten. Dann wird er Gerechtigkeit walten lassen – durch den Mann, den er dazu bestimmt hat. Dass dieser Mann wirklich dafür bestimmt ist, hat Gott allen Menschen durch dessen Auferstehung von den Toten bewiesen.“

Als Paulus von der Auferstehung der Toten sprach, lachten ihn einige seiner Zuhörer aus. Aber andere sagten: „Darüber wollen wir ein andermal mehr von dir hören!“

So verließ Paulus die Versammlung. Einige Leute schlossen sich ihm an und kamen zum Glauben. Unter ihnen war Dionysius, der dem Areopag angehörte, eine Frau namens Damaris und noch einige andere. (Übersetzung Basisbibel)

 

Liebe Gemeinde,

wir Menschen lieben Versicherungen und in aller Regel haben wir eine ganze Menge davon: Hausrat- und Haftpflichtversicherung, Kranken-, Renten- und Lebensversicherung – das sind so die ganz normalen und dann gibt es noch sehr, sehr viele andere, mit denen man Vorsorge trifft für den Fall der Fälle. Meistens zahlt man sich dumm und „dappert“ dabei. Meistens braucht man sie nicht, aber wenn – dann ist man froh, all die Jahre hineininvestiert zu haben.

Die Athener im ersten nachchristlichen Jahrhundert liebten anscheinend auch Versicherungen: Aufmerksam betrachteten sie die Welt um sich herum und machten sich ihre Gedanken darüber. Sie kamen zu dem Schluss, dass hinter vielem etwas Höheres als der begrenzte menschliche Geist stehen muss und schrieben dies dann logischerweise verschiedenen Göttern zu. Die verehrten sie, beteten sie an und opferten ihnen, um sich damit ihr Wohlwollen zu versichern. Und weil sie ja nicht genau wissen konnten, ob sie alle erfasst und bedacht hatten, bauten sie einen Altar für den unbekannten Gott. Damit sahen sie sich auf der sicheren Seite, denn sollten sie etwa einen Gott übersehen haben, so war der ja mit drin in diesem unbekannten Gott.

Paulus nun, auf seiner Missionsreise durch Griechenland, durchstreift dabei eben auch die Stadt Athen und begegnet dort der ganzen Vielfalt des religiösen und philosophischen Lebens. Es interessiert ihn: In den Versen vor unserem Predigttext wird erzählt, dass Paulus mit den epikureischen und stoischen Philosophen redet. Das sind zwei Denkrichtungen, die bis heute zu finden sind. Die Epikureer nennen sich nach dem griechischen Philosophen Epikur, der ca. 300 Jahre vor Paulus gelebt hatte. Seine Gedanken sind auch heute noch weit verbreitet. Fasst man sie in aller Kürze zusammen, würden sie ungefähr so lauten, dass sie den Menschen auffordern, sein begrenztes kurzes Dasein mit allen diesseitigen Freuden so intensiv es nur geht, zu genießen. Um allem, was den Frieden der Seele dabei aber nun mal stören kann, zu entgehen, zieht sich der Epikureer gern ins Private zurück, weg von den Anforderungen der Öffentlichkeit, weg auch von der Politik. Er sucht sein Glück sozusagen auf der Insel, und dort nicht nur in groben sinnlichen Vergnügungen, sondern auch im feinsinnigen Gespräch, in der Musik, in der Kunst. Auch von den Göttern will sich ein Epikureer nicht stören lassen. Er bestreitet ihre Existenz zwar nicht, irgendwo werden sie schon sein und irgendwie auch ihr Recht haben, aber in das Leben eines Epikureers sollen sie nicht eingreifen. Ein Epikureer ist, ganz grob gesagt, ein Genussmensch, der das Schöne im Leben sucht und alles Störende möglichst ausblendet.

Ganz anders die Stoiker: Sie gehen auf den Philosophen Zenon zurück, der ebenfalls in Athen lebte. Zenon war wohl schon äußerlich ein strenger und herber Typ. Passend dazu setzt er an die Stelle des Genusses die Pflicht. Das hängt durchaus mit dem Gottesglauben der Stoiker zusammen, denn anders als bei den Epikureern sind die Götter nicht irgendwo fern der Welt zu finden, ohne Bezug zu ihr, sondern sind gegenwärtig und haben Einfluss, sind wirksam im Leben der Menschen. Gott ist die Seele der Welt, der Natur – und deshalb ist es die Pflicht der Menschen, in Übereinstimmung mit der Natur zu leben und den Göttern zu dienen. Weil der Mensch außerdem ein geselliges Wesen ist, soll er sich nicht zurückziehen, sondern sich den öffentlichen Pflichten stellen.

Soweit einmal dieser kurze philosophische Streifzug, wobei ich mir der Schwierigkeit das so kurz richtig auf den Punkt zu bringen, durchaus bewusst bin. Ich denke nur, es ist wichtig, dass wir uns, ähnlich wie Paulus, in die Menschen damals auch etwas hineinfühlen können. Denn genau diese Philosophen treten an Paulus heran und streiten mit ihm. Die einen spotten: „Was will denn der Schwätzer sagen!“, die anderen aber zeigen ernsthaftes Interesse an einer Diskussion und führen Paulus auf den Areopag, den Areshügel: Dort tagte der oberste athenische Gerichtshof. Ob Paulus nun vor dieser Behörde sprach oder nur eben am Ort ihrer Zusammenkünfte, lässt sich aus Apg. 17 allerdings nicht entnehmen.

Paulus steht da nun also mitten auf dem Areopag und greift sehr einfühlend auf, was an Erfahrungen da ist. Er sagt: „Ich sehe, dass ihr euch sehr mit dem Göttlichen befasst und mehr sucht, als mit Augen zu sehen ist. Und so habt ihr sogar einen Altar für den unbekannten Gott. Nun erzähle ich euch etwas über diesen unbekannten Gott, den ihr schon unwissentlich verehrt.“ Und dann erzählt Paulus von dem Gott, der ihm selbst so eindrücklich erschienen ist und der sein ganzes Leben auf den Kopf stellte. Er erzählt von diesem Gott, von dem er zuerst nichts wissen wollte und der ihn dann zu einem der größten Missionare machte, die die Welt je gesehen hat.

Drei Dinge stellt Paulus dabei besonders heraus: Dieser Gott, von dem er erzählt, ist der Gott, der die ganze Welt erschaffen hat. Er ist der Herr des Himmels und der Erde – der Allmächtige, der Vater aller Menschen. Deswegen passt er sozusagen gar nicht in die Tempel der Menschen hinein. Er wohnt nicht in den Gebäuden, die Menschenhände geschaffen haben. Er braucht keine besonders heiligen Plätze oder Orte. Denn Gott ist überall zu finden.

Gott ist überall zu finden. Das wäre jetzt Wasser auf die Mühlen von denen, die sagen: „In den Gottesdienst muss ich nicht gehen, ich finde Gott im Wald genauso.“ Sie haben zwar einerseits Recht. Gott ist tatsächlich nicht an Kirchengebäude gebunden. Aber dennoch ist gelebtes Christentum nicht von Gemeinschaft zu trennen. Es braucht einen Ort, wo man sich versammelt, in Verantwortung vor Gott, in gegenseitiger Verantwortung füreinander und in Verantwortung für die ganze Welt. Wer sich da allzu sehr zurückzieht, hält es wohl eher mit den Epikureern und wünscht, ähnlich wie sie, weder von Gott, noch von den Menschen, allzu sehr gestört oder behelligt zu werden.

Als zweites sagt Paulus: „Der Gott, den ich euch verkünde, hat es nicht nötig, dass Menschen ihm dienen oder meinen, sich gegen ihn versichern zu müssen. Vielmehr ist er es, der alles Leben, alle Sicherheit, schenkt. Wir müssen und können Gott nicht durch unsere Gebete, unsere Lieder, unsere Gottesdienste oder gar durch Opfer, die wir meinen Gott bringen zu müssen, bei guter Laune halten oder uns sogar fürchten, wenn uns das nicht gelingt. Vielmehr haben wir von Gott alles zu erwarten und er gibt es uns gern: Eben weil er uns wollte, weil er uns erschaffen hat, weil er uns als seine Kinder liebt. Und dann kommt dieser herrliche Satz: Keinem von uns ist Gott fern. Positiv formuliert: Jedem von uns ist Gott nah. Den muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen, verinnerlichen, zu Herzen nehmen – damit er in uns wirken kann. Jedem von uns, überall, ist Gott nah.

 

Diesen Satz sagt Paulus ja nun eindeutig zu Heiden, wie das damals so schön hieß, also zu Menschen, die keine Christen wie er waren. Er lobt sie, weil sie sich ja schon auf die Suche gemacht haben, weil sie nach der Wahrheit suchen, weil sie Fragende, Suchende sind. Und er weist sie nun auf den, der ihm selbst so überzeugend begegnet ist: Auf Jesus Christus. Und so sagt Paulus: Wenn ihr Gott sucht, dann seht auf Gott in Jesus Christus. Der wollte uns Menschen so nah sein, dass er sogar selbst Mensch geworden ist. Er wollte sich von uns so unbedingt finden lassen, dass er selbst Mensch wurde: Er lebte, er starb und er ist wiederauferstanden für uns, damit unsere Suche ein Ziel haben kann: In einem sinnvollen Leben nämlich hier auf der Erde und im ewigen Leben in den Armen Gottes, wenn das irdische Leben vorbei ist.

Mich beeindruckt, wie Paulus mit den Athenern ins Gespräch gefunden hat, indem er sie nicht etwa als dumme Heiden, sondern als gleichwertige Gesprächs-Partner behandelt hat. Mir imponiert, wie er die Gemeinsamkeiten herausstrich. Genauso gefällt es mir aber auch, dass er dann nicht alles mit falsch verstandener Toleranz in einen Topf geworfen hat, so nach dem Motto „Ach, wir haben doch alle irgendwie irgendwo denselben Gott“, sondern wie er dann das entscheidend Andere zur Sprache und auf den Punkt brachte: Dass Gott, der Schöpfer allen Lebens, dass Jesus Christus, der für uns in die Welt kam, dass der Heilige Geist, der zu uns spricht, doch das A und das O ist, weil diese Liebe zu allen Menschen durch nichts anderes zu überbieten ist. So die klare Aussage von Paulus.

Paulus spricht dann noch den Tag des Gerichts an – das ist mir ehrlich gesagt, als ich den Predigttext das erste Mal gelesen habe, gegen den Strich gegangen. Macht das nicht alles an positiver Werbung für Gott zunichte, wenn ich dann am Ende um die Ohren bekomme: „Ach ja, und wenn du nicht hörst und dein Leben jetzt nicht gleich änderst, dann wirst du gerichtet werden!“ Aber man muss schon genau lesen, was da steht: „Gott wird Gerechtigkeit walten lassen durch den Mann, den er dazu bestimmt hat. Dass dieser Mann wirklich dafür bestimmt ist, hat Gott allen Menschen durch dessen Auferstehung von den Toten bewiesen.“

Gericht und Gerechtigkeit wird hier eindeutig mit dem Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi verknüpft – und das beruhigt mich dann wieder, weil es dann keine plumpe Drohung mehr ist, sondern wiederum positive Werbung für den, der sich selbst töten ließ, damit alle, die ihm vertrauen wollen, gerettet werden. Auf Jesu ganz besondere Gerechtigkeit – ja, auf die kann ich mich einlassen.

Vertrauen wollen: Das ist mein letztes Stichwort, auf das ich eingehen will. Ich glaube, vielen modernen Menschen geht es so, dass sie schon glauben wollen, aber manchmal nicht mehr so richtig wissen, an wen und wie. Gott ist ihnen eher unbekannt. Es gibt eine alte Überlieferung zu der Geschichte mit dem unbekannten Gott:

Als Athen im 6. Jahrhundert v. Chr. von einer furchtbaren Pest heimgesucht wurde, opferten die Bürger allen bekannten Gottheiten, jedoch erfolglos. Daraufhin befahl das Orakel von Pythias, den Kreter Epimedes zu holen. Dieser galt als geisterfüllter Mann. Epimedes trieb seine Herde weißer und schwarzer Schafe auf den Areopag und ließ sie grasen, wo sie wollten. Dann wartete er darauf, dass sie sich aus eigenem Antrieb irgendwo niederlassen würden. An der Stelle, wo sie sich schließlich zur Ruhe legten, errichtete er einen Altar und ließ die Athener dort dem unbekannten Gott opfern. Da wo Schafe zur Ruhe kommen, da, wo die Tiere mit ihrem feinen Instinkt die Menschen lehren, da wo schwarze und weiße Anteile gleichermaßen Platz finden, da wo erst mal nichts bewertet wird, da kann Neues und Heilsames entstehen.

 ch finde diese Legende faszinierend und denke sie gerne weiter. Gibt es in uns ja vielleicht auch so eine Leerstelle, einen Altar für den unbekannten Gott? Es ist dieser Platz, wo Gott sich eben nicht fassen lässt und immer unerklärbar bleibt. Und vielleicht muss es diesen Ort geben, diesen Ort, wo unser Herz immer mal wieder hinwandert und alles in Frage stellt, alles anzweifelt, was wir eigentlich ja glauben wollen. Ich finde es einen schönen Gedanken, sich dafür nicht zu verurteilen, sondern sich zuzugestehen, dass wir auch an diesem Ort lagern dürfen, vielleicht sogar müssen, damit Neues und Heilsames entsteht. Und noch ein schönerer Gedanke ist es, dass Gott einem jedem von uns überall gleich nah ist. Das heißt auch in unserem Suchen und Fragen und Zweifeln - und das ist wirklich Grund zum Jubeln. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles menschliche Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Ihre Pfarrerin Bettina Weber

 

Gebet

Wieviel Dankbarkeit spüre ich in mir!

Wie ein unerwarteter Gast hat sie Besitz von mir genommen.

Mein Gott, ich preise dich für die Gabe des dankbaren Herzens.

Oft bin ich so verschlossen für die Freude an kleinen Dingen,

so blind für die behutsamen Zeichen deiner Zuneigung.

 

Ich muss das Dunkle nicht hellsprechen, um mich zu freuen,

es ist da, aber es bannt mir nicht mehr den Blick.

Ich danke dir für das Schöne in meinem Leben

und erfahre, dass Dankbarkeit befreit.

Sanft werde ich losgelöst von dem

was mich reich gemacht hat und erfüllt.

Ich weiß nicht, ob ich es je wieder so erfahren darf,

aber mein dankbares Herz will nichts an sich reißen,

sich nicht in Erwartungen verirren,

sondern wach sein für neuen,

vielleicht ganz andren Reichtum.

 

Noch vermag ich dir nicht zu danken

für das Leidvolle in meinem Leben,

denn ich bin noch sehr arm an Vertrauen,

aber manchmal ahne ich, dass der Tag kommen wird,

da ich dir für alles danken werde, was mir widerfuhr.

Amen.

 

(Antje Sabine Naegeli: Ich spanne die Flügel des Vertrauens aus)

 

 






Evang-luth. Kirchengemeinde Kulmbach-Mangersreuth

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