Unsere Kirche ist täglich von 8.00 - 19.00 Uhr geöffnet. Kommen Sie doch gerne vorbei, zünden Sie eine Kerze an oder holen Sie sich die Predigt oder andere Mutmach-Texte.

4. Sonntag nach Ostern

Kantate

2. Mai 2021

Das Bibelwort zum Sonntag  Lukas 19

37 Als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten,
38 und sprachen:
Wir loben den, der da kommt,
den König in dem Namen des HERRN!
Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!
39 Und einige Pharisäer in der Menge sprachen zu ihm:
Meister, weise doch deine Jünger zurecht!
40 Er antwortete und sprach:
Ich sage euch:
Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

 

Liebe Gemeinde,
Kantate…    Singt!
Lasst euren Gefühlen freien Lauf, beim Singen, beim Tanzen und beim Musizieren!
Dazu ermutigt uns dieser vierte Sonntag nach dem Osterfest.
Und die Wirklichkeit nach einem Jahr Corona?
Kein Gesang mehr im Gottesdienst seit November.
Wie fühlt sich das an, wenn die Orgel das Lied schmettert:
„Danket dem HERRN, wir danken dem HERRN“ und wir müssen hinter unseren Masken den Mund halten?
Irgendwie schräg diese ganze Situation.

Die Chorproben finden seit einem Jahr nicht mehr statt.
Konzerte wurden abgesagt.
Unser neues Gemeindehaus steht leer.
Ungewohnte Stille breitet sich über das Land und seine Kirchen.
Das Leben liegt unter einer Decke voller Sorgen und Ängste.
Und trotzdem!
Die Decke hat Löcher.
Die Stille bekommt Risse, das Leben bricht sich Bahn, wo und wie man es nicht für möglich hielt, z.B. auf italienischen Balkons.
Dort wo der Tod erbarmungslos zuschlug,
dort, wo den Menschen strengste Ausgangssperren auferlegt waren,
dort verbündeten sich die Überlebenden,
dort schallte der Lebenswille von den Mauern und kleidete sich in mitreißende Rhythmen:
Balkonmusik erklang, mit Gesang und Tröten gegen die Isolation, gegen die Angst, die so viel zum Erliegen gebracht hatte.
Menschen stellten sich auf ihre Balkone oder an ihre Fenster und stimmten Lieder an, über Straßen und Plätze hinweg,
manchmal begleitet von unbeholfenen Schlagzeugern, die mit Pfannen den Rhythmus vorgaben,
ergänzt von Trompetern,
aber auch von richtig guten Tenören und Gitarrenspielern.
Jeder mit seinem Talent.
Besonders beeindruckt hat mich das Video einer Geigenspielerin auf dem Dach des Krankenhauses von Cremona in der Lombardei.
Cremona – die Stadt der Geigenbauer Stradivari, Amati und Guarnieri.
Auch in dieser Stadt wütete das Coronavirus wie überall in der Lombardei.
Das medizinische Personal war schlecht ausgerüstet.
Die Menge an Patienten ließ die Krankenhäuser aus allen Nähten platzen.
Zelte wurden auf den Parkplätzen aufgestellt, in denen die Patienten notversorgt wurden.
Der lombardische Regierungspräsident aus der Salvini-Partei verlegte die leicht erkrankten Coronapatienten in die Altenheime und hat deshalb den Tod unnötig vieler älterer Menschen zu verantworten.
Alle bangen. Alle sind überfordert. Keiner hat so etwas je erlebt.
Stress pur! Jeden Tag neu! 24 Stunden lang!
Und da erscheint sie – wie ein roter Engel aus dem Himmel – eine Violinistin, die ein Lied anstimmt, das diese aufgewühlte Situation heilsam unterbricht.
Für einen Moment lassen alle ihre Arbeit stehen und liegen.
Für wenige Minuten lassen sich Passanten, Ärztinnen, Pfleger, Angehörige und Krankenwagenfahrer verzaubern vom himmlischen Klang ihrer Geige.
Lassen Sie sich mit hineinnehmen in diese ergreifende Situation...

Nicht einmal drei Minuten dauert die himmlische Unterbrechung des hektischen Alltagsbetriebs.
Vielleicht ist auch während dieser drei Minuten ein Mensch am Beatmungsgerät verstorben.
Wenn aber der Klang der Geige zu ihm vorgedrungen ist, dann war es sicherlich ein gesegnetes Sterben, ganz anders wie wenn man nur das leiser werdende Piepsen der Kontrollgeräte hört.

Ja – Musik versetzt uns Menschen in eine andere Welt.
Musik spricht die Sinne an, die Sehnsüchte und die Gefühle.

Auch die Jünger Jesu haben ein Loblied angestimmt als sie in Jerusalem eingezogen sind mit ihrem Rabbi, mit ihrem Meister Jesus.
Sie haben erlebt, wie er die Menschen geheilt hat.
Sie haben gestaunt, wie er in den Streitgesprächen seine Gegnern schwach und blutleer hat aussehen lassen.
Das alles ist passiert in den Kleinstädten und Bauerndörfern Galiläas.
Aber jetzt, - jetzt zieht Jesus nach Jerusalem – in die Hauptstadt – ins Zentrum der Macht.
Jetzt – so glauben die Jünger, jetzt – wird er mit seiner himmlischen Begabung nach der Macht greifen und himmlischer König werden wollen in der Stadt Davids.
Die Jünger erwarten etwas von Gott.
Sie setzen ihre Hoffnung auf Gott.
Darum singen sie:
„Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe.“
Nicht wie zu Weihnachten:
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden…“
Nein:
„Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe.“
Denn die Erde und ihre irdischen Machthaber, die kennen sie – die Jünger.
Die Erde und ihre irdischen Machthaber – die schlagen erbarmungslos zu.
Das bekommen sie auch gleich zu spüren.
Denn die Pharisäer ermahnen Jesus, seinen fröhlichen und hoffnungsvollen Jüngern gleich die Ketten eines Gesetzesglaubens anzulegen:
>> Meister, weise deine Jünger zurecht << so sprechen sie ihn an.
Wir könnten auch übersetzen:
>> Meister, flöße ihnen Angst und Furcht ein! <<
Sie sollen sich nichts trauen – die Jünger.
Sie sollen sich schon gar nichts zutrauen.
Ängstlich, gebückt und schweigsam – so sollen sie leben und glauben.
Doch Angst passt nicht zum Glauben.
Glaube bedeutet doch Vertrauen, Mut und Zuversicht – zumindest der Glaube, den Jesus lebt, vorlebt und predigt.
„Wenn diese schweigen, so werden die Steine schreien.“
So entgegnet Jesus den Pharisäern, die dem Glauben der Jünger die Ketten der Angst anlegen wollen.
Wir alle wissen, wie es weitergegangen ist.
Die Pharisäer haben Jesus im Bund mit den Römern zum Schweigen gebracht – zumindest drei Tage lang nach der Kreuzigung.
Doch dann haben die Jünger wieder begonnen, den Auferstandenen zu loben.
Die Pharisäer haben in dieses Loblied nicht mit eingestimmt.
Doch die Gemeinde der Jünger hat sich schnell verbreitet um das ganze Mittelmeer herum.
Die Mächtigen der Juden haben es vierzig Jahre später auf eine Machtprobe mit den Römern ankommen lassen.
Und die Römer haben gezeigt, wer die Macht hat rund um das Mittelmeer.
Sie haben Jerusalem gebrandschatzt und den Tempel zerstört.
Seither steht nur noch die Klagemauer.
Und ihre Steine – sie schreien.
Denn direkt über der Klagemauer – da erhebt sich kein jüdischer Tempel mehr, sondern eine islamische Moschee.
Was sagen uns die schreienden Steine der Klagemauer, wenn wir auf die Stadt Jerusalem blicken, in der drei Weltreligionen einen wichtigen Stützpunkt haben?
Mögen Juden und Moslems diese Frage auf ihre Weise beantworten.
Uns Christen erinnern die schreienden Steine daran, dass wir keinen Tempel brauchen, an dem wir Gott Opfer darbringen.
Wir Christen finden Gott überall da, wo Menschen ihn mit fröhlicher Stimme loben, wenn sie denn hoffentlich bald wieder miteinander singen dürfen.
Wir finden Gott das, wo Menschen in der Not zusammenstehen, sich gegenseitig helfen, sich hineinversetzen in das Leid des Anderen und so über sich selbst hinauswachsen.
Wir finden Gott da, wo Menschen einander Hoffnung schenken, weil sie sich gegenseitig trösten in ihrem Leid, weil sie einfach staunen und verharren, wenn der himmlische Klang einer Geige vom Dach des Krankenhauses erklingt, in dem viele Menschen mit dem Tod ringen.
Ja – die Geigerin auf dem Dach – sie kann das Leid der Leidenden nicht wegmusizieren.
Doch die Geigerin auf dem Dach kann der sterbenden Seele eines Todkranken das Gefühl geben:
Ich sterbe nicht in ein Nichts hinein.
Menschen denken an mich und sind mir nahe.
Und dieser himmlische Klang der Geige, der wird wohl so etwas wie ein matter Abglanz dessen sein, was mich an Freude und Erlösung im Himmel erwartet.
Denn im Himmel – da ist Friede und dort wohnt die Ehre Gottes.   
Amen

 

Es grüßt Sie, Pfarrer Jürgen Rix


3. Sonntag nach Ostern

Jubilate

25. April 2021

Apostelgeschichte 17, 22-34, Sonntag Jubilate, 25.04.2021

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Das Predigtwort für den heutigen Sonntag lesen wir in der Apostelgeschichte:

Paulus trat in die Mitte des Areopags und sagte: „Ihr Bürger von Athen! Nach allem, was ich sehe, seid ihr sehr fromme Leute! Ich bin durch die Stadt gegangen und habe mir eure heiligen Stätten angeschaut. Dabei habe ich auch einen Altar gefunden, auf dem stand: Für einen unbekannten Gott! – Das, was ihr da verehrt, ohne es zu kennen, das verkündige ich euch.

Es ist der Gott, der die Welt erschaffen hat und alles, was in ihr ist. Er ist der Herr über Himmel und Erde. Er wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand errichtet wurden. Er ist auch nicht darauf angewiesen, von Menschen versorgt zu werden. Er ist es doch, der uns allen das Leben, den Atem und alles andere schenkt. Er hat aus einem einzigen Menschen die ganze Menschheit hervorgehen lassen, damit sie die Erde bewohnt. Für jedes Volk hat er festgesetzt, wie lange es bestehen und in welchen Grenzen es leben soll. Er wollte, dass die Menschen nach ihm suchen – ob sie ihn vielleicht spüren oder entdecken können. Denn keinem von uns ist er fern.

Durch ihn leben wir doch, bewegen wir uns und haben wir unser Dasein. Oder wie es einige von eurer Dichter gesagt haben: „Wir sind sogar von seiner Art!“

Weil wir Menschen also von Gottes Art sind, dürfen wir uns nicht täuschen. Die Gottheit gleicht keineswegs irgendwelchen Bildern aus Gold, Silber oder Stein. Die sind nur das Ergebnis menschlichen Könnens und menschlicher Vorstellungskraft. Nun – Gott sieht nachsichtig über die Zeiten hinweg, in denen die Menschen ihn nicht gekannt haben. Aber jetzt fordert er alle Menschen an allen Orten auf, ihr Leben zu ändern. Denn Gott hat einen Tag festgesetzt, um über die ganze Welt zu richten. Dann wird er Gerechtigkeit walten lassen – durch den Mann, den er dazu bestimmt hat. Dass dieser Mann wirklich dafür bestimmt ist, hat Gott allen Menschen durch dessen Auferstehung von den Toten bewiesen.“

Als Paulus von der Auferstehung der Toten sprach, lachten ihn einige seiner Zuhörer aus. Aber andere sagten: „Darüber wollen wir ein andermal mehr von dir hören!“

So verließ Paulus die Versammlung. Einige Leute schlossen sich ihm an und kamen zum Glauben. Unter ihnen war Dionysius, der dem Areopag angehörte, eine Frau namens Damaris und noch einige andere. (Übersetzung Basisbibel)

 

Liebe Gemeinde,

wir Menschen lieben Versicherungen und in aller Regel haben wir eine ganze Menge davon: Hausrat- und Haftpflichtversicherung, Kranken-, Renten- und Lebensversicherung – das sind so die ganz normalen und dann gibt es noch sehr, sehr viele andere, mit denen man Vorsorge trifft für den Fall der Fälle. Meistens zahlt man sich dumm und „dappert“ dabei. Meistens braucht man sie nicht, aber wenn – dann ist man froh, all die Jahre hineininvestiert zu haben.

Die Athener im ersten nachchristlichen Jahrhundert liebten anscheinend auch Versicherungen: Aufmerksam betrachteten sie die Welt um sich herum und machten sich ihre Gedanken darüber. Sie kamen zu dem Schluss, dass hinter vielem etwas Höheres als der begrenzte menschliche Geist stehen muss und schrieben dies dann logischerweise verschiedenen Göttern zu. Die verehrten sie, beteten sie an und opferten ihnen, um sich damit ihr Wohlwollen zu versichern. Und weil sie ja nicht genau wissen konnten, ob sie alle erfasst und bedacht hatten, bauten sie einen Altar für den unbekannten Gott. Damit sahen sie sich auf der sicheren Seite, denn sollten sie etwa einen Gott übersehen haben, so war der ja mit drin in diesem unbekannten Gott.

Paulus nun, auf seiner Missionsreise durch Griechenland, durchstreift dabei eben auch die Stadt Athen und begegnet dort der ganzen Vielfalt des religiösen und philosophischen Lebens. Es interessiert ihn: In den Versen vor unserem Predigttext wird erzählt, dass Paulus mit den epikureischen und stoischen Philosophen redet. Das sind zwei Denkrichtungen, die bis heute zu finden sind. Die Epikureer nennen sich nach dem griechischen Philosophen Epikur, der ca. 300 Jahre vor Paulus gelebt hatte. Seine Gedanken sind auch heute noch weit verbreitet. Fasst man sie in aller Kürze zusammen, würden sie ungefähr so lauten, dass sie den Menschen auffordern, sein begrenztes kurzes Dasein mit allen diesseitigen Freuden so intensiv es nur geht, zu genießen. Um allem, was den Frieden der Seele dabei aber nun mal stören kann, zu entgehen, zieht sich der Epikureer gern ins Private zurück, weg von den Anforderungen der Öffentlichkeit, weg auch von der Politik. Er sucht sein Glück sozusagen auf der Insel, und dort nicht nur in groben sinnlichen Vergnügungen, sondern auch im feinsinnigen Gespräch, in der Musik, in der Kunst. Auch von den Göttern will sich ein Epikureer nicht stören lassen. Er bestreitet ihre Existenz zwar nicht, irgendwo werden sie schon sein und irgendwie auch ihr Recht haben, aber in das Leben eines Epikureers sollen sie nicht eingreifen. Ein Epikureer ist, ganz grob gesagt, ein Genussmensch, der das Schöne im Leben sucht und alles Störende möglichst ausblendet.

Ganz anders die Stoiker: Sie gehen auf den Philosophen Zenon zurück, der ebenfalls in Athen lebte. Zenon war wohl schon äußerlich ein strenger und herber Typ. Passend dazu setzt er an die Stelle des Genusses die Pflicht. Das hängt durchaus mit dem Gottesglauben der Stoiker zusammen, denn anders als bei den Epikureern sind die Götter nicht irgendwo fern der Welt zu finden, ohne Bezug zu ihr, sondern sind gegenwärtig und haben Einfluss, sind wirksam im Leben der Menschen. Gott ist die Seele der Welt, der Natur – und deshalb ist es die Pflicht der Menschen, in Übereinstimmung mit der Natur zu leben und den Göttern zu dienen. Weil der Mensch außerdem ein geselliges Wesen ist, soll er sich nicht zurückziehen, sondern sich den öffentlichen Pflichten stellen.

Soweit einmal dieser kurze philosophische Streifzug, wobei ich mir der Schwierigkeit das so kurz richtig auf den Punkt zu bringen, durchaus bewusst bin. Ich denke nur, es ist wichtig, dass wir uns, ähnlich wie Paulus, in die Menschen damals auch etwas hineinfühlen können. Denn genau diese Philosophen treten an Paulus heran und streiten mit ihm. Die einen spotten: „Was will denn der Schwätzer sagen!“, die anderen aber zeigen ernsthaftes Interesse an einer Diskussion und führen Paulus auf den Areopag, den Areshügel: Dort tagte der oberste athenische Gerichtshof. Ob Paulus nun vor dieser Behörde sprach oder nur eben am Ort ihrer Zusammenkünfte, lässt sich aus Apg. 17 allerdings nicht entnehmen.

Paulus steht da nun also mitten auf dem Areopag und greift sehr einfühlend auf, was an Erfahrungen da ist. Er sagt: „Ich sehe, dass ihr euch sehr mit dem Göttlichen befasst und mehr sucht, als mit Augen zu sehen ist. Und so habt ihr sogar einen Altar für den unbekannten Gott. Nun erzähle ich euch etwas über diesen unbekannten Gott, den ihr schon unwissentlich verehrt.“ Und dann erzählt Paulus von dem Gott, der ihm selbst so eindrücklich erschienen ist und der sein ganzes Leben auf den Kopf stellte. Er erzählt von diesem Gott, von dem er zuerst nichts wissen wollte und der ihn dann zu einem der größten Missionare machte, die die Welt je gesehen hat.

Drei Dinge stellt Paulus dabei besonders heraus: Dieser Gott, von dem er erzählt, ist der Gott, der die ganze Welt erschaffen hat. Er ist der Herr des Himmels und der Erde – der Allmächtige, der Vater aller Menschen. Deswegen passt er sozusagen gar nicht in die Tempel der Menschen hinein. Er wohnt nicht in den Gebäuden, die Menschenhände geschaffen haben. Er braucht keine besonders heiligen Plätze oder Orte. Denn Gott ist überall zu finden.

Gott ist überall zu finden. Das wäre jetzt Wasser auf die Mühlen von denen, die sagen: „In den Gottesdienst muss ich nicht gehen, ich finde Gott im Wald genauso.“ Sie haben zwar einerseits Recht. Gott ist tatsächlich nicht an Kirchengebäude gebunden. Aber dennoch ist gelebtes Christentum nicht von Gemeinschaft zu trennen. Es braucht einen Ort, wo man sich versammelt, in Verantwortung vor Gott, in gegenseitiger Verantwortung füreinander und in Verantwortung für die ganze Welt. Wer sich da allzu sehr zurückzieht, hält es wohl eher mit den Epikureern und wünscht, ähnlich wie sie, weder von Gott, noch von den Menschen, allzu sehr gestört oder behelligt zu werden.

Als zweites sagt Paulus: „Der Gott, den ich euch verkünde, hat es nicht nötig, dass Menschen ihm dienen oder meinen, sich gegen ihn versichern zu müssen. Vielmehr ist er es, der alles Leben, alle Sicherheit, schenkt. Wir müssen und können Gott nicht durch unsere Gebete, unsere Lieder, unsere Gottesdienste oder gar durch Opfer, die wir meinen Gott bringen zu müssen, bei guter Laune halten oder uns sogar fürchten, wenn uns das nicht gelingt. Vielmehr haben wir von Gott alles zu erwarten und er gibt es uns gern: Eben weil er uns wollte, weil er uns erschaffen hat, weil er uns als seine Kinder liebt. Und dann kommt dieser herrliche Satz: Keinem von uns ist Gott fern. Positiv formuliert: Jedem von uns ist Gott nah. Den muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen, verinnerlichen, zu Herzen nehmen – damit er in uns wirken kann. Jedem von uns, überall, ist Gott nah.

 

Diesen Satz sagt Paulus ja nun eindeutig zu Heiden, wie das damals so schön hieß, also zu Menschen, die keine Christen wie er waren. Er lobt sie, weil sie sich ja schon auf die Suche gemacht haben, weil sie nach der Wahrheit suchen, weil sie Fragende, Suchende sind. Und er weist sie nun auf den, der ihm selbst so überzeugend begegnet ist: Auf Jesus Christus. Und so sagt Paulus: Wenn ihr Gott sucht, dann seht auf Gott in Jesus Christus. Der wollte uns Menschen so nah sein, dass er sogar selbst Mensch geworden ist. Er wollte sich von uns so unbedingt finden lassen, dass er selbst Mensch wurde: Er lebte, er starb und er ist wiederauferstanden für uns, damit unsere Suche ein Ziel haben kann: In einem sinnvollen Leben nämlich hier auf der Erde und im ewigen Leben in den Armen Gottes, wenn das irdische Leben vorbei ist.

Mich beeindruckt, wie Paulus mit den Athenern ins Gespräch gefunden hat, indem er sie nicht etwa als dumme Heiden, sondern als gleichwertige Gesprächs-Partner behandelt hat. Mir imponiert, wie er die Gemeinsamkeiten herausstrich. Genauso gefällt es mir aber auch, dass er dann nicht alles mit falsch verstandener Toleranz in einen Topf geworfen hat, so nach dem Motto „Ach, wir haben doch alle irgendwie irgendwo denselben Gott“, sondern wie er dann das entscheidend Andere zur Sprache und auf den Punkt brachte: Dass Gott, der Schöpfer allen Lebens, dass Jesus Christus, der für uns in die Welt kam, dass der Heilige Geist, der zu uns spricht, doch das A und das O ist, weil diese Liebe zu allen Menschen durch nichts anderes zu überbieten ist. So die klare Aussage von Paulus.

Paulus spricht dann noch den Tag des Gerichts an – das ist mir ehrlich gesagt, als ich den Predigttext das erste Mal gelesen habe, gegen den Strich gegangen. Macht das nicht alles an positiver Werbung für Gott zunichte, wenn ich dann am Ende um die Ohren bekomme: „Ach ja, und wenn du nicht hörst und dein Leben jetzt nicht gleich änderst, dann wirst du gerichtet werden!“ Aber man muss schon genau lesen, was da steht: „Gott wird Gerechtigkeit walten lassen durch den Mann, den er dazu bestimmt hat. Dass dieser Mann wirklich dafür bestimmt ist, hat Gott allen Menschen durch dessen Auferstehung von den Toten bewiesen.“

Gericht und Gerechtigkeit wird hier eindeutig mit dem Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi verknüpft – und das beruhigt mich dann wieder, weil es dann keine plumpe Drohung mehr ist, sondern wiederum positive Werbung für den, der sich selbst töten ließ, damit alle, die ihm vertrauen wollen, gerettet werden. Auf Jesu ganz besondere Gerechtigkeit – ja, auf die kann ich mich einlassen.

Vertrauen wollen: Das ist mein letztes Stichwort, auf das ich eingehen will. Ich glaube, vielen modernen Menschen geht es so, dass sie schon glauben wollen, aber manchmal nicht mehr so richtig wissen, an wen und wie. Gott ist ihnen eher unbekannt. Es gibt eine alte Überlieferung zu der Geschichte mit dem unbekannten Gott:

Als Athen im 6. Jahrhundert v. Chr. von einer furchtbaren Pest heimgesucht wurde, opferten die Bürger allen bekannten Gottheiten, jedoch erfolglos. Daraufhin befahl das Orakel von Pythias, den Kreter Epimedes zu holen. Dieser galt als geisterfüllter Mann. Epimedes trieb seine Herde weißer und schwarzer Schafe auf den Areopag und ließ sie grasen, wo sie wollten. Dann wartete er darauf, dass sie sich aus eigenem Antrieb irgendwo niederlassen würden. An der Stelle, wo sie sich schließlich zur Ruhe legten, errichtete er einen Altar und ließ die Athener dort dem unbekannten Gott opfern. Da wo Schafe zur Ruhe kommen, da, wo die Tiere mit ihrem feinen Instinkt die Menschen lehren, da wo schwarze und weiße Anteile gleichermaßen Platz finden, da wo erst mal nichts bewertet wird, da kann Neues und Heilsames entstehen.

 ch finde diese Legende faszinierend und denke sie gerne weiter. Gibt es in uns ja vielleicht auch so eine Leerstelle, einen Altar für den unbekannten Gott? Es ist dieser Platz, wo Gott sich eben nicht fassen lässt und immer unerklärbar bleibt. Und vielleicht muss es diesen Ort geben, diesen Ort, wo unser Herz immer mal wieder hinwandert und alles in Frage stellt, alles anzweifelt, was wir eigentlich ja glauben wollen. Ich finde es einen schönen Gedanken, sich dafür nicht zu verurteilen, sondern sich zuzugestehen, dass wir auch an diesem Ort lagern dürfen, vielleicht sogar müssen, damit Neues und Heilsames entsteht. Und noch ein schönerer Gedanke ist es, dass Gott einem jedem von uns überall gleich nah ist. Das heißt auch in unserem Suchen und Fragen und Zweifeln - und das ist wirklich Grund zum Jubeln. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles menschliche Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Ihre Pfarrerin Bettina Weber

 

Gebet

Wieviel Dankbarkeit spüre ich in mir!

Wie ein unerwarteter Gast hat sie Besitz von mir genommen.

Mein Gott, ich preise dich für die Gabe des dankbaren Herzens.

Oft bin ich so verschlossen für die Freude an kleinen Dingen,

so blind für die behutsamen Zeichen deiner Zuneigung.

 

Ich muss das Dunkle nicht hellsprechen, um mich zu freuen,

es ist da, aber es bannt mir nicht mehr den Blick.

Ich danke dir für das Schöne in meinem Leben

und erfahre, dass Dankbarkeit befreit.

Sanft werde ich losgelöst von dem

was mich reich gemacht hat und erfüllt.

Ich weiß nicht, ob ich es je wieder so erfahren darf,

aber mein dankbares Herz will nichts an sich reißen,

sich nicht in Erwartungen verirren,

sondern wach sein für neuen,

vielleicht ganz andren Reichtum.

 

Noch vermag ich dir nicht zu danken

für das Leidvolle in meinem Leben,

denn ich bin noch sehr arm an Vertrauen,

aber manchmal ahne ich, dass der Tag kommen wird,

da ich dir für alles danken werde, was mir widerfuhr.

Amen.

 

(Antje Sabine Naegeli: Ich spanne die Flügel des Vertrauens aus)

 

 


2. Sonntag nach Ostern

Hirtensonntag

18.April 2021

Ezechiel 34, 1-31 (Auszüge), Hirtensonntag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

vor langer, langer Zeit fragte ein junger Mann, namens Kain, trotzig: „Was fragst du mich, Gott, nach meinem Bruder Abel? Woher soll ich denn wissen, wo mein Bruder ist? Soll ich etwa meines Bruders Hüter, meines Bruders Hirte sein?“

Und die Antwort darauf war „Ja, sollst du – und für alle wird es furchtbare Folgen haben, wenn du dich vor dieser Verantwortung drückst.“ Kurz darauf, so erzählen es die Urgeschichten ganz am Anfang der Bibel, kurz darauf flogen die Menschen heraus aus ihrem Paradies, weil sie genau das verweigerten, Verantwortung für den anderen zu übernehmen, bzw. sich vor Gott zu verantworten.

Soll ich meines Bruders, meiner Schwester Hüter sein? Soll ich ein Hirte/eine Hirtin sein? Geht mich das Leben meines Bruders, meiner Schwester etwas an, auch wenn sie am anderen Ende der Welt leben? Oder wer ist für wen verantwortlich und was passiert, wenn gar der Wolf im Schafspelz die Schäfchen hütet?

Höchst aktuelle Fragen – und anscheinend sind sie immer schon aktuell gewesen, auch schon vor ca. 2600 Jahren. Aus dieser Zeit stammt der Predigttext des heutigen Sonntags. Es sind Worte, die der Prophet Ezechiel von Gott zu hören bekam:

 

Des Herrn Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollten die Hirten nicht ihre Herde weiden? Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt. Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden und zerstreut (…) und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder sie sucht. (…)

Darum, so spricht Gott, der Herr: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern: Ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.Denn so spricht Gott der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war.

Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande. Ich will sie auf die beste Weide führen und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott, der Herr.

 

Liebe Gemeinde,

vor wem verantworten wir uns? Für wen haben wir Verantwortung? Wem vertrauen wir uns an? Das sind ganz entscheidende Fragen in unserem Leben: Wem vertrauen wir uns an? Welcher Versicherung vertrauen wir die materielle Sicherung unseres Lebens an? Welche Politiker wählen wir und vertrauen ihnen damit das Geschick unserer Stadt oder unseres Landes an? Wen wählen wir in den KV und vertrauen ihnen damit die Leitung der Gemeinde an? Wer darf Papst, wer darf Landesbischof sein; wer ist Mitglied im Dekanatsausschuss oder in der Landessynode? Welchen Menschen vertraue ich so sehr, dass ich sie Freunde nenne und mach mich damit unendlich verletzbar? Denn wem ich vertraue, dem erlaube ich ein gutes Stück über mich zu bestimmen, in der Hoffnung eben, dass er oder sie dieses Vertrauen nicht missbraucht.

Ich lese Ihnen mal eine kurze Geschichte vor, wie schwierig Vertrauen sein kann. Von wem sie ist, weiß ich leider nicht; ich habe sie schon einmal bei einer Predigt verwendet:

Ein Wolf erscheint eines Tages bei einer Herde Schafe. Natürlich laufen sie ängstlich blökend zusammen, obwohl ihre Weide von einem Zaun geschützt ist. Der Wolf aber grüßt freundlich und beginnt friedlich zu grasen. Die Schafe sind verblüfft. „Was glotzt ihr so?“ fragt der Wolf. „Habt ihr nie einen grasenden Wolf gesehen? Natürlich hat man euch erzählt, dass ich am liebsten Schafe fresse. Alles Unsinn. Aber ein paar Fragen möchte ich euch stellen: Wer nimmt euch manchmal eure Milch weg? Wer beraubt euch jedes Jahr eurer Wolle? Wer zieht euch das Fell über die Ohren, wenn ihr alt werdet? Wer verkauft sogar eure Kinder, die unschuldigen Lämmlein?“

Die Schafe sehen sich an und blöken einstimmig: „Der Hirte macht das alles!“

„Wer ist also euer Feind?“ fragt der Wolf. „Befreit euch von diesem Ausbeuter! Lauft mir nach! Ich will euch in die Mitte des Waldes führen, wo es wunderschöne grüne Weiden gibt. Dort werden wir die Volksrepublik der Schafe und der Wölfe gründen. Befreit euch. Es lebe die Revolution!“

„Es lebe die Revolution! Es lebe die Freiheit!“, so blöken auch die Schafe, durchbrechen den Zaun und laufen dem Wolf hinterher in den Wald, bis sie am Abend auf einer Waldwiese ermattet einschlafen. Am nächsten Morgen fehlt ein Schaf. Der Wolf läuft in den Wald, um es zu suchen. Nach einiger Zeit kommt er mit sehr dickem Bauch zurück. „Ich habe es nicht gefunden“, sagt er. „Vielleicht ist es ja zurückgegangen Aber das ist seine Sache. Nicht jeder kann mit der Freiheit umgehen.“

Tja, und dann verschwindet in jeder Nacht ein Schaf und ist wie vom Erdboden verschluckt. Die Herde ist am Anfang sehr beunruhigt darüber, aber der Wolf beschwichtigt sie immer wieder mit den Worten: „Das ist eben die Freiheit. Jeder ist frei zu tun, was immer er möchte.“ Nach einigen Monaten bleibt nur ein einziges Schaf übrig. „Schade, dass alle anderen weg sind“, sagt es zu dem Wolf. „Aber sei nicht traurig, ich bleibe immer bei dir, ich werde dich nie verlassen!“ „Genauso wird es sein“, antwortet der Wolf - und frisst es auf. Und dann macht er sich auf den Weg, um eine neue Herde zu suchen. – Soweit die Geschichte.

 

Als die Worte unseres Predigttextes gesprochen wurden, da hatten die Israeliten gerade bitter feststellen müssen, dass sie auch solchen Wölfen im Schafspelz vertraut hatten, die sie weggelockt hatten von ihrem Vertrauen zu Gott, hin zum Vertrauen zu skrupellosen Königen, die lieber ihre eigenen Schäfchen ins Trockene hatten bringen wollen. Dafür waren sie höchst zweifelhafte Bündnisse eingegangen und hatten Allmachtsträume geträumt – statt auf den einzig Allmächtigen zu hoffen. Die Folgen waren fürchterlich. 597 v.Chr. wurde das Südreich von Israel von der damaligen Großmacht, den Babyloniern, erobert; die herrschende Oberschicht Israels, unter ihnen auch der Prophet Ezechiel, wurden nach Babylon gebracht, ohne große Hoffnung je zurückkehren zu können; wenig später wurden Jerusalem und der Tempel zerstört. Alles dahin. Die, die versprochen hatten, das Volk in Reichtum und Frieden zu führen, hatten ihr Versprechen nicht gehalten. Und das Volk hatte keinen Hirten mehr; wie eine Herde Schafe waren sie in alle Winde zerstreut worden.

Auch wenn solche Gedankenbrücken immer gewagt sind: Vor 76 Jahren endete der 2. Weltkrieg. Die Deutschen hatten auch dem falschen Hirten vertraut mit demselben Ergebnis: Die halbe Welt lag in Trümmern, Millionen von Toten, unendliches Leid, unendliche Schuld; Menschen, die bis heute traumatisiert sind.

Und wenn ich die Bilder sehe aus aktuellen Kriegsgebieten: Kinder, die allein und völlig verstört in den Trümmern zerbombter Städte kauern; Flüchtlingslager mit Menschen, die keiner mehr haben will, die keiner in seine Obhut nehmen möchte; Boote auf dem Meer, die orientierungslos irgendwohin treiben oder untergehen; o mein Gott, warum gibt es so viele Schafe ohne Schutz und so wenige echte Hirten?

Wenn man die Prophezeiungen Ezechiels auf die politisch Mächtigen in vielen Kriegs-und Krisengebieten bezieht, dann ist sie sehr aktuell: Oft sind die Machthaber dort schlechte Hirten. Fast immer selbst zutiefst in Unrecht verstrickt, korrupt und ignorant – so sind sie oft selber die Auslöser und die treibenden Kräfte für Krieg und Gewalt und opfern ihr eigenes Volk zugunsten von Macht.

Wo aber sind die Menschen, die im weiteren Sinn Hirten und Hirtinnen sein könnten? Zum Beispiel Lehrer, Ärzte, Journalisten, Schriftsteller, Priester oder andere Führungskräfte? Viele von ihnen fliehen aus ihren Heimatländern. Wer kann es ihnen verdenken? Sie sind ja selbst in Todesgefahr. Oder wollen natürlich auch ihre eigenen Familien in Sicherheit bringen. Wenn aber die fehlen, die ja vielleicht noch am ehesten Verantwortung übernehmen könnten – wo geht es dann hin mit einem Land? Genau das war ja damals auch die Taktik der Babylonier, indem sie alle deportierten, die vielleicht irgendetwas hätten steuern können. Damit haben sie die Menschen, die zurückblieben, zu Schafen gemacht, die ohne Hirten verstört umherirren – wenn wir es mit dem Bild Ezechiels beschreiben.

Ich finde es immer wieder höchst berührend, dass es in solchen Situationen aber doch auch immer Menschen gibt, die bleiben und dann auch versuchen Verantwortung zu übernehmen. Etwa Lehrer und Lehrerinnen z.B. in christlichen Schulen in Afghanistan, die den Kindern nicht nur rechnen und schreiben beibringen, sondern auch versuchen, sie zum Frieden und zur Versöhnung zu erziehen. Oder Ärzte und Ärztinnen im syrischen Aleppo, diesem inzwischen wohl mit entsetzlichstem Ort der Welt; Ärzte und Ärztinnen, die nichts mehr haben in ihren kaputten Krankenhäusern, keine Medikamente, keinen Strom, kein Wasser mehr – aber sie bleiben und tun das Wenige, das sie noch können, verbinden, wie es bei Ezechiel heißt, das Verwundete und stärken die Schwachen.

Oder und damit nehme ich Schafe einmal wörtlich für unser Mitlebewesen, die Tiere: Viele Menschen setzen sich mit all ihren Kräften oder auch mit ihren Finanzen für Tiere in Not ein und versuchen Lebensräume zu erhalten, damit Tiere überleben können. Das ist vielleicht gar nicht so weit weg, fängt ja eigentlich schon in unseren Vorgärten an: Wie wir mit Natur umgehen, ob wir sie auch mal lassen können oder immer alles nur gestalten wollen, wie es der letzten Mode entspricht.

Was für eine wichtige Frage es doch ist: Wem vertrauen wir? Wen wählen wir? Welches Lebensmotto machen wir uns zu Eigen? Wer trickst uns nicht aus, als schwer zu durchschauender, mit allen Wassern gewaschener Wolf im Schafspelz?

Schon im AT, schon bei Ezechiel heißt es, dass Gott selbst unser Hirte sein will. Und Jesus hat von sich dann auch gesagt: „Ich bin der gute Hirte! Vertraut mir! Folgt mir!“

Können wir das? Können wir ihm vertrauen und warum sollten wir es tun? Was hat Jesus, was andere nicht haben? Ich habe einen Text im Internet gefunden, der das so wunderschön beschreibt, wie ich es besser nicht könnte. Deshalb möchte ich diesen Text wörtlich zitieren:

„Da, wo Hirten Zäune ziehen und den Standort sichern, wo sie die Herden einpferchen und die Hunde um die Herde hetzen, da macht Jesus sich auf und davon, steigt über Hecken und Zäune und Mauern, verliert sich zu den Verlorenen, verirrt sich ins Gestrüpp des Lebens, verirrt sich zu den Verirrten. Kommt an. Sucht. Findet. Sammelt. Nimmt mit und geht weiter. Geht durch die große Stadt am Fluss damals und durch die Städte aller Zeiten und aller Kontinente, durch den Glanz der Paläste jeder Zeit, in die finsteren Gassen am Rand. Kommt, sucht, findet, sammelt.

Verliert sich an die im Staub und im Glanz, an die im Schatten und im Licht. Und wo einer fremd ist, dem schließt er sich an, geht mit die Wege der Hoffnungslosigkeit und lässt sich einladen, bricht das Brot, steht in der Dämmerung am Ufer für die, die sich sinn-und erfolgslos abgekämpft haben, Brot und Fisch schon bereit. Ist unterwegs: Steht mitten in der Schlange der Agentur für Arbeit, bei denen in der Umschulung mit der zweifelhaften Zukunft, liest mit dem Mitfünfziger die Stellenanzeigen, kauert unter der Brücke, zieht mit im Trauerzug ganz vorn, geht mit den Verwirrten auf dem Gang des Pflegeheims, sitzt bei den Verzweifelten am Straßenrand beim hölzernen Kreuz, schlendert hinter den Verliebten, hört in der Sitzung der Kirchenleitungen zu, ist da. Wo ist er – hier unter uns? Schaut euch doch um!“

Christus, liebe Gemeinde, ist gekommen und dageblieben – das hat er, was andere nicht haben. Dass er geblieben ist, damals am Kreuz und nicht herabstieg mit Glanz und Gloria oder sich unverwundet, unberührt wieder davonmachte in den Himmel, sondern dass er geblieben ist, mitten im Elend, gestorben ist, begraben wurde, wiederauferstand. Das hat er, was andere nicht haben: Dass er so einem blöden Wolf nicht die Herde überlassen hat, sondern ihm nachging, dem Wolf, der Sünde, dem Tod, hinabgestiegen ist er in das Reich des Todes und hat sie sich zurückgeholt, seine Schäfchen, hat sie nicht im Stich gelassen oder gar gefressen, sondern zum ewigen Leben gerettet. Das hat er, was andere nicht haben: Dass er nicht sich selbst rettet, sondern uns. Dass er nicht im sicheren Hirtenhimmel blieb, sondern in die menschlichen Niederungen herabkam, uns sein Vertrauen schenkte und dadurch so verletzlich, verwundbar wurde wie wir.

Das hat er, was andere nicht haben: Dass ihm kein Weg zu steinig, kein Tod zu schrecklich, keine Liebe zu schön ist, um nicht mittendrin zu sein. Er ist da.

Und dieser Hirte möchte, dass wir uns von ihm an die Hand nehmen und behüten lassen; er möchte, dass wir uns an seiner Hand auch zum Bruder und zur Schwester führen lassen, damit wir behütet sind und Hüter, Hirten sein können. Und dann, nur dann, liebe Gemeinde, wird möglich sein, dass sich Dinge verändern, und sei es vor der Haustür, im Vorgarten, wär doch auch schon ein Anfang. Wir brauchen Anfänge, wie soll es denn weitergehen, wenn wir nicht mal anfangen. Gottes Geist, der sich in Jesus Christus gezeigt hat, macht Anfänge möglich, immer neu. Macht Orientierung möglich, macht Umkehr möglich, macht wahre Solidarität möglich.

Durch diesen Geist, nur durch ihn, bekommen wir, was wir brauchen, damit wir eben nicht bei erst bester Gelegenheit abhauen und uns verführen lassen, sondern dass wir bleiben können, bleiben bei Gott, unserem Herrn – und damit auch bleiben können bei unserem Bruder, unserer Schwester, unseren Mitgeschöpfen. Und das sollen wir, wir sollen bleiben an der Hand unseres guten Hirten, bei Jesus Christus, der selbst geblieben ist und bleiben wird bis in alle Ewigkeit. Amen.

 

Und der Friede, der höher ist als alles menschliche Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Gebet

Herr, unser guter Hirte, wir danken dir, dass du bei uns bist und bleibst, was immer kommt. Manchmal verlieren wir uns in einer Welt, die immer komplizierter wird und in der man oft nicht weiß, wem man vertrauen kann.

Es ist so schwer, die Wölfe im Schafspelz zu erkennen.

Es ist so schwer, selber ehrlich zu bleiben und nicht nur an sich selbst zu denken.

Wir wollen ja tun, wie du uns zu tun vorgelebt hast, aber wir verlassen auch immer wieder den richtigen Weg und werden an uns selbst und an anderen schuldig.

Herr, wir bitten dich: Stärke unser Vertrauen zu dir und hilf uns, dass wir uns von dir an die Hand nehmen lassen. Sei du unser Hirte und hilf uns, dass wir selber Hirten und Hirtinnen sein können: Für unsere Mitmenschen und auch für alle anderen Mitgeschöpfe.

Verändere uns durch deinen Geist:

Wo Gewalt herrscht, lass Gedanken des Friedens wachsen.

Wo Menschen unterdrückt werden, da schenke Freiheit.

Wo wir vergessen haben zu teilen, lass neue Großzügigkeit Raum finden.

Wo Wunden geschlagen wurden, schick deine heilende Kraft.

 

Ganz persönlich bringen wir dir, was uns bewegt: …

Herr, wir haben viele Bitten, du hast ein großes Herz. Hab Dank, dass du uns hörst. Amen.

 

Es grüßt Sie herzlich Ihre Pfarrerin Bettina Weber

 


Weißer Sonntag

Quasimodogeniti

11. April 2021

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

„Kinder, habt ihr nichts zu essen?“
Mit dieser Frage spricht der auferstandene Jesus seine mutlosen Jünger an.
Dreimal ist er ihnen schon begegnet und hat ihnen gezeigt, dass ihn das Grab nicht festhalten konnte.
Dreimal hat er sie dazu ermutigt, neuen Glauben zu fassen.
Doch immer wieder sind die Jünger von der Angst und der Mutlosigkeit ergriffen worden.
Heute nehmen wir Sie mit hinein in die vierte Begegnung zwischen Jesus und seinen Begleitern.
„Kinder, habt ihr nichts zu essen?“
Unser heutiger stiller Gottesdienst – hoffentlich der letzte – möchte Ihnen dieses Geschehen vergegenwärtigen, das den Jüngern den Mut verleiht, sich etwas selber zuzutrauen und mit ihrer Person für den Glauben zu werben.
Der Mut entsteht daraus, dass Jesus für seine Jünger etwas zum Essen zubereitet hat.
Mit heiteren und besinnlichen Gedanken zu all dem, was das gemeinsame Essen am Tisch bewirkt, möchten wir heute Ihren Blick auf die fröhliche und sättigende Seite unseres Glaubens richten.

Epiktet sagt:
>> Bei einer Mahlzeit bewirtest du zwei Gäste: Deinen Leib und deine Seele <<.

Wir dürfen hinzufügen:
Du bewirtest viele Gäste bei einer Mahlzeit:
deinen Leib,
deine Seele,
Jesus Christus, der in der Mitte sitzt
und die Menschen, die das Essen mit dir teilen.

Eingangsgebet


Herr, unser Gott,
du hast in den Tagen nach dem Wunder deiner Auferstehung zu den Jüngern gesprochen,
du hast mit ihnen gegessen und getrunken und ihnen neue Hoffnung geschenkt.
Darum bitten wir dich:
Sei uns nahe, wenn wir uns an unseren Tischen beim Essen nahe kommen.
Lass uns dein Wort hören als eine Ermutigung zur Freiheit und zur Suche nach neuen Wegen.
Mache uns deine Nähe spürbar, wenn wir am Tisch teilen, was wir als gute Gaben von Gott empfangen.
Das bitten wir dich, weil wir glauben, dass du mit dem Vater und dem Heiligen Geist bei uns bist von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen

I. Tu deinem Leib etwas Gutes, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen
Teresa von Avila   


Die Jünger sind mutlos und verunsichert.
Es fehlt ihnen der Antrieb.
Darum sagt Petrus: „Ich will fischen gehen“.
Die anderen begleiten ihn, weil das Herumsitzen sie noch mehr zweifeln lässt – an sich und an dem, was sie von der Auferstehung gehört haben.
Die Jünger arbeiten, was sie vorher gelernt haben – sie fischen.
Doch sie fangen nichts.
Ihre Arbeit war umsonst.
Noch frustrierter als vorher nähern sie sich dem Ufer.
Und da steht einer, den sie nicht erkennen.
Fast wie Hohn wirkt auf sie seine Frage:
„Kinder, habt ihr nichts zu essen?“
Sie blicken auf die leeren Fischkörbe.
Sie spüren das Knurren ihrer leeren Mägen.
Sie werfen die Netze noch einmal aus, weil der Fremde sie dazu auffordert und sie machen einen überreichen Fang.
Doch als sie den Fang an Land bringen, hat der Fremde schon für sie gesorgt.
Ein Feuer brennt.
Fische braten darauf, frisches Brot wird am Rand geröstet.
Sie lassen sich nieder.
Sie essen.
Sie spüren Gemeinschaft.
Sie merken, wie ihre Seele neue Kraft schöpft.
Jesus tut dem Leib der Jünger etwas Gutes.
Sie werden satt.
Und sie spüren, wie die Seele anfängt, ein Fenster zu öffenen.
Die Seele lüften Angst aus dem Fenster,
Die Seele räumt auf und macht es im Innneren der Jünger wieder wohnlich.
Weil Jesus für sie sorgt, lebt die Seele in ihnen auf.
Seine Einladung beseelt die Jünger mit einer Lebensfreude und Glaubensfreude, die niemand mehr bremsen kann.

Das Bibelwort zum „Weißen Sonntag“
Johannes 21, 1 – 14

Jesus offenbarte sich abermals den Jüngern am See Tiberias.
Er offenbarte sich aber so:
Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger.
Spricht Simon Petrus zu ihnen:
Ich will fischen gehen.
Sie sprechen zu ihm:
So wollen wir mit dir gehen.
Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts.
Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.
Spricht Jesus zu ihnen:
„Kinder, habt ihr nichts zu essen?“
Sie antworteten ihm: „Nein.“
Er aber sprach zu ihnen:
„Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden.“
Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.
Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus:
„Es ist der Herr!“
Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr war, gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser.
Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen.
Als sie nun ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fische darauf und Brot.
Spricht Jesus zu ihnen:
„Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt!“
Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig.
Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.
Spricht Jesus zu ihnen:
„Kommt und haltet das Mahl!“
Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen:
Wer bist du?
Denn sie wussten, dass es der Herr war.
Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch die Fische.
Das ist nun das dritte Mal, dass Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war.



II. Mit 12 kleinen Senfkörnern beginnt Jesus seine Kirche zu bauern

Jesus konnte die Massen begeistern.
Ganz anders hat er von Gott geredet als die Priester und die Pharisäer.
Er hat Gott mit der Figur eines liebevollen Vaters verglichen.
Er hat Geschichten erzählt von der Liebe dieses himmlischen Vaters zu seinen Kindern auf der Erde.
Seine Zuhörer begannen Vertrauen zu diesem himmlischen Vater zu entwickeln.
Auf einmal verstanden sie Gott nicht mehr als eine fordernde und strafende Macht, sondern als barmherzigen Schöpfer ihres Lebens, dem dasWohl und Wehe der Menschen nahe geht.
Freilich, Jesus konnte so reden.
Denn er konnte seine Zuhörer immer wieder erstaunen mit Wundern, die kein Mensch vor ihm zustande gebraht hat.
Aber nach der Kreuzigung denken die Jünger:
Es ist alles aus!
Es war eine schöne Zeit!
Aber diese Zeit ist vergangen!
Jetzt hat uns die harte Wirklichkeit wieder fest im Griff!
Doch Jesus hält an ihnen fest.
Er erinnert sie an das Gleichnis vom kleinen Senfkorn, das zu einer so prächtigen Pflanze heranreift, in der sogar die Vögel ihre Nester bauen können.
Jesus traut ihnen zu, dass den Samen des Glaubens aussäen und hundertfach Frucht ernten werden.
Er traut ihnen zu, dass sie das Abendmahl in einer Weise feiern, die den Gästen spüren lässt:
„Ja, der Auferstandene ist mitten unter uns, auch wenn wir ihn nicht mit unseren Augen sehen können.
Er traut ihn zu, dass sie mit ihrem Glauben Berge versetzen.
Und tatsächlich…
In wenigen Jahren haben sich überall im Römischen Reich christliche Gemeinden gebildet.
Die Botschaft von Gottes Kraft, die in der Schwäche ihre Macht zeigt und mit Liebe das Böse überwindet, hat die Herzen der Menschen ergriffen.
Diese Botschaft ergreift uns auch heute noch.
Gott sei Dank!

III    Schmeckt und seht, wie freundlich der HERR ist

Wie schmeckt das Reich Gottes?
Bei Jesus schmeckt es nach Fisch und Brot an jenem Morgen als die Jünger ihren reichen Fang an Land zogen.
Jesus hat ausgeteilt und die Jünger haben empfangen.
Da wurde nicht viel geredet – so ist das nun mal unter Männern!
Aber Jesus hat eine Atmosphäre geschaffen, in der sich die Jünger angenommen gefühlt haben.
Sie spürten:
Dieser Jesus ist uns nahe.
Er traut uns etwas zu.
Er hält uns unsere Schwachheit und unser Versagen nicht vor, weil wir geschlafen haben als wir mit ihm hätten wachen sollen.
Aus dieser Atmosphäre wuchs dann der Mut, sich von nun ab Christen zu nennen und das Evangelium von diesem Christus in die Welt hinauszutragen.
Christus hat mit seiner Art zu leben, den Himmel auf die Erde gebracht.
Der Himmel hat einen Geschmack.
Es schmeckt nach Lebensfreude, weil Menschen die guten Gelegenheiten sehen, die Gott ihnen jeden Tag bietet, um ihr Leben abwechslungsreich zu gestalten.
Der Himmel schmeckt nach Kreativität, weil Menschen mit Gewürzen, Zutaten, Fleisch, Fisch und Gemüse Reize für den Gaumen schaffen können, die jeden Tag anders wirken.
Der Himmel schafft Raum für die Phantasie und gibt den Menschen die Ausdauer, damit sie etwas Schönes, das ihre Phantasie ihnen hat einfallen lassen in die Wirklichkeit umsetzen
Der Himmel schmeckt aber gar nicht nach Paragraphen, nach Vorschriften und Ermahnungen.
Paragraphen, Vorschriften und Ermahnungen braucht der Himmel nicht, denn die Schönheit des Himmels bringt die Menschen auf schöne und gute Gedanken.

Amen

Fürbittengebet

 

Lasst uns beten zu Gott, unserem Vater, aus dessen gütiger Hand wir leben und der in Jesus seiner Güte ein menschliches Gesicht geschenkt hat.
Für unsere Eltern und alle, die uns mit ihrer Liebe begleiten:
Dass sie das Leben schätzen – auch im hohen Alter – , und dass wir alle dem Leben zur Kraft und zur Blüte verhelfen, jeden Tag neu
Für unsere Verwandten, Freunde und Bekannten und für alle, mit denen wir zusammen leben und arbeiten:
Dass wir einander verbunden bleiben in guten und bösen Tagen, in Vertrauen und gegenseitigem Verstehen.
Für unsere christlichen Kirchen:
Dass sie den Lebenden nicht bei den Toten suchen, wenn sie Christus den Menschen verkündigen und den Menschen leidenschaftlich beistehen in den Fragen und Nöten der Welt von heute.
Für die Großen der Weltpolitik:
Dass ihre Entscheidungen niemandem den Tod bringen; dass sie kein Volk und keinen Menschen bedrücken und ausbeuten, sondern allein das Wohl und den Frieden der Menschen suchen.
Herr, unser Gott, dir verdanken wir unser Leben inmitten einer Welt voll Veränderung und Vergänglichkeit.
Stärke uns in der Hoffnung, dass das Gute stärker ist als das Böse und das Leben mächtiger als der Tod.
Darum bitten wir dich durch unseren Herrn Jesus Christus, deinen Sohn, der uns in Tod und Auferstehung den Weg vorausging und der mit dir lebt in Ewigkeit.

Amen

Segen

Gott schenke dir, was du brauchst für deine Gesundheit an Leib und Seele.
Er schicke dir lohnende Aufgaben.
Er schenke dir Gelegenheiten zum fröhlichen Feiern.
Er verleihe dir die Kraft, Belastendes durchstehen zu können und danach helle Horizonte zu erblicken.
Gott gieße in dein Herz seine großzügige und verzeihende Liebe.
Gottes Geist möge wirken in dir und dir Kräfte schenken, mit denen du zum Segen wirst für andere und mit deinem Wirken Gott die Ehre gibst.
So segne dich und behüte dich, der allmächtige und der barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Amen


Ostern

Der HERR ist auferstanden!

Er ist wahrhaftig auferstanden!

 

Mit dem Osterruf der ersten Christen begrüße ich Sie am wichtigsten Festtag der Kirche.

Jesus hat das dunkle Grab mit neuem Leben verlassen.

Sein neues Leben unterscheidet sich von dem Leben, das er vorher geführt hat.

Sein neues Leben ist nicht mehr gebunden an Raum und Zeit.

Sein neues Leben kann von den Kräften der Erde und von der Macht der Mächtigen nicht mehr festgehalten werden.

Jesus lebt!

Er lebt als der Auferstandene hier und jetzt.

Er lebt, weil sein guter Geist Menschen zum Glauben ermutigt.

Er lebt, weil sein guter Geist Menschen dazu bringt, mit Liebe, Versöhnung, Geduld und Barmherzigkeit ihren Mitmenschen gegenüberzutreten.

Dieser gute Geist will uns anstecken – auch heute!

Auch Sie!

 

 

Eingangsgebet

 

Gott, unser himmlischer Vater:

du willst nicht,

dass alles beim Alten bleibt.

Öffne uns die Augen,

dass wir sehen,

wie wunderbar

du am Werk bist unter uns,

heute,

durch Christus,

den Auferstandenen,

den Lebendigen,

der uns mit seinem guten Geist für den Glauben begeistert.

 

Amen

 

Liebe Gemeinde,

I    Auferstehung – Gottes zündendes Licht für das Leben   

Drei Tage nach der Kreuzigung – am Ostermorgen – entdeckte Maria aus Magdala als Erste das geöffnete, leere Grab von Jesus.
Maria ist verwirrt.
Sie kann es mit ihrem Verstand nicht begreifen, was sie da sieht.
Der schwere Stein weggewälzt.
Da muss eine ganze Gruppe von Männern gekommen sein und den Leichnam mitgenommen haben.
So erklärt sich Maria diese Situation.
Sie läuft zu den verängstigten Jüngern und berichtet ihnen, was sie gesehen hat.
Der Lieblingsjünger und Petrus machen auf.
Sie sehen das leere Grab.
Der Lieblingsjünger kommt zum Glauben – Petrus aber noch nicht.
Beide gehen sie danach wieder heim.
Maria aber bleibt.
Sie bleibt. Sie wartet. Sie hofft.
Und da plötzlich erscheinen ihr die beiden Engel und kurz danach der auferstandene Jesus.
Jesus schickt sie zu den Jüngern.
Er beauftragt sie, ihnen auszurichten, dass er bald zu seinem Vater imHimmel zurückkehren wird.
Die Jünger aber haben Angst.
Sie verharren hinter verschlossenen Türen – Petrus ebenso wie der Lieblingsjünger, von dem es doch heißt, dass er schon zum Glauben gekommen ist.
Darum sucht Jesus sie auf hinter ihren verschlossenen Türen.
Er sendet sie aus in die Welt, damit sie Gottes Vergebung in die Welt hineintragen.
Doch die Jünger bleiben sitzen.
Thomas bezweifelt, die Auferstehung, weil er nicht dabei war, als Jesus die Jünger aufsuchte.
Acht Tage später muss Jesus auch Thomas vor versammelter Mannschaft überzeugen.
Doch die Jünger bleiben immer noch sitzen.
Sie haben Angst.
Sie trauen sich den Auftrag nicht zu, den Jesus ihnen gegeben hat.
Als sie sich endlich wieder vor die Tür trauen, da ziehen sie nicht in die Welt hinaus mit der Botschaft von der Auferstehung.
Nein – sie tun, was sie schon vorher getan haben, bevor Jesus sie zu Jüngern berief.
Sie rudern auf den See hinaus, um zu fischen.
Und…
Sie fangen nichts.
Zunächst jedenfalls!
Lesen Sie, was sich ereignet hat.


Das Bibelwort zum Osterfest Johannes 21, 1 – 14

Jesus offenbarte sich abermals den Jüngern am See Tiberias.
Er offenbarte sich aber so:
Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger.
Spricht Simon Petrus zu ihnen:
Ich will fischen gehen.
Sie sprechen zu ihm:
So wollen wir mit dir gehen.
Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts.
Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.
Spricht Jesus zu ihnen:
„Kinder, habt ihr nichts zu essen?“
Sie antworteten ihm: „Nein.“
Er aber sprach zu ihnen:
„Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden.“
Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.
Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus:
„Es ist der Herr!“
Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr war, gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser.
Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen.
Als sie nun ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fische darauf und Brot.
Spricht Jesus zu ihnen:
„Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt!“
Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig.
Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.
Spricht Jesus zu ihnen:
„Kommt und haltet das Mahl!“
Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen:
Wer bist du?
Denn sie wussten, dass es der Herr war.
Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch die Fische.
Das ist nun das dritte Mal, dass Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war.

II. Nach dem dritten Anlauf zündet der Funke

Nichts haben wie bewirkt mit der Arbeit, die sie gelernt haben – die Jünger.
Da spricht sie einer an, den sie nicht erkennen.
Er fordert sie auf, die Netze noch einmal auszuwerfen.
Und da machen sie einen Fang, der so groß ist, dass sie ihn fast nicht bewältigen können.
Da wirft sich Petrus ins Wasser, weil er Jesus möglichst schnell entgegenkommen will.
Er sieht, dass Jesus schon alles vorbereitet hat.
Brot ist da, ein Feuer brennt und Fische braten auch schon darauf.
Jesus lädt sie ein zum Mahl – diesmal nicht am Abend, sondern am frühen Morgen.
Mit diesem „Frühstück“ im Bauch wagen es die Jünger endlich, ihre Angst zu überwinden.
Sie brechen auf und beginnen die Mission, zu der Jesus sie beauftragt hat.
Sie ziehen hinaus in die Welt und werben für den Glauben an den himmlischen Vater Jesu.
Sie werben für den Glauben an den Gott, der uns Menschen unsere Sünden vergibt – auch denen, die Jesus verspottet, verurteilt und gekreuzigt haben.

Auf dem Bild von Sieger Köder zu dieser Geschichte sehen wir einen staunenden Petrus wie er sich seinen Weg ans Ufer bahnt.
Das Feuer, das Jesus entzündet hat erleuchtet das Gesicht von Petrus.
Da kommt ihm die Erleuchtung.
Jetzt sieht er das Weizenkorn aufplatzen und die reiche Frucht bringen.
Er erinnert sich an das Jesuswort:
„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein. Wenn es aber erstirbt, bringt es Frucht hundertfach.“
Das hat Jesus nicht einfach so dahingesagt.
Weil er gestorben und auferstanden ist, darum wird jedes Brot, das wir in seinem Namen teilen zum Brot des Lebens, in dem der Auferstandene mitten unter uns gegenwärtig ist.

Heute können wir kein Abendmahl gemeinsam feiern.
Aber wir können die Hostie mit nachhause nehmen, uns zuhause um einen Tisch setzen und uns bewusst machen, wie und wo Jesus uns mit dem Feuer des Glaubens wärmt, tröstet und uns die Wege durch unser Leben ausleuchtet – auch im finsteren Tal.
Das lebendige Brot des Glaubens macht uns satt, satt zuerst an der Seele, aber auch am Leib.
Satt werden an Seele und Leib – das schenkt uns der Glaube an den Auferstandenen Christus bis heute.
Mit dieser Kraft im Leib und in der Seele dürfen wir unseren Osterglauben als fröhliche, zuversichtliche und rücksichtsvolle Menschen leben – gerade in diesen Tagen.

Und nun leuchtet sie wieder für uns – die neue Osterkerze.
Sie erinnert uns daran, dass wir als Gemeinde wie auf einem Schiff durch das Meer der Zeit getragen werden.
Auf so einem Schiff, da braucht es ein Team aus Männern und Frauen, das zusammenwirkt, das sich gegenseitig ergänzt, das sich einander bestärkt und sich dorthin bringen lässt, wohin Gott mit dem Wind seines guten Geistes uns führt.
Auf diesem Schiff, da braucht es Seeleute, die sich auf die Masten klettern trauen, um die Segel zu setzen.
Auf dem Schiff, da braucht es einen Kapitän, der die Mannschaft führt und zusammenhält.
Es braucht den Sternenkundigen, damit das Schiff in der Nacht nicht vom Kurs abkommt.
Es braucht den Koch, der für die Mannschaft sorgt.
Es braucht den Schiffsjungen, der die Planken putzt und das Schiff vom Moos befreit.
Es braucht aber vor allem den guten Geist der Gemeinschaft, der Hoffnung und der Liebe.
Diesen guten Geist schenkt uns Gott mit der Kraft des Glaubens.
Ja – die Auferstehung Jesu entzündet das Licht des Glaubens,
ein Licht, das Wege erleutet,
ein Licht, das Wärme verbreitet,
ein Licht, das hoffnungsvoll nach vorne schauen lässt
–von Jahr zu Jahr
– von Ostern zu Ostern.

Amen

 

Ein gesegnetes und frohes Osterfest wünscht Ihnen Pfarrer Jürgen Rix


Fürbittengebet

Heiliger und barmherziger Gott,
wir bitten dich,
lass Spuren und Zeichen von Ostern in unserer Welt
sichtbar und spürbar werden.
Für die Zweifelnden bitten wir dich
um eine Spur von Vertrauen,
für die Verzweifelten um ein Zeichen der Hoffnung,
für die Einsamen um eine Spur von Zärtlichkeit,
für die Sterbenden um ein Zeichen deiner Treue,
für die Trauernden um eine Spur von Trost,
für die Armen um ein Zeichen der Gerechtigkeit,
für die Flüchtlinge um eine Spur von Heimat,
für die Menschen im Krieg um Zeichen des Friedens.
Wir beten in der Stille für die Menschen,
die uns am Herzen liegen.
- Stille -
Heiliger und barmherziger Gott, dir vertrauen wir uns an.

Karfreitag

2. April 2021

Unser Anfang geschehe im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.        Amen

Ich begrüße Sie zu diesem stillen Gottesdienst am Karfreitag, dem Tag, an dem Jesus für uns gekreuzigt wurde.
Wir werden mit hineingenommen in ein düsteres Ereignis.
Die kreuzigenden Soldaten verrichten an Jesus ihr Handwerk und verspotten ihn, ebenso wie die Oberen des Volkes und einer der Mitgekreuzigten.
Seine Jünger und die Begleiter aus Galiläa schauen von der Ferne aus zu.
Jesus stirbt, verlassen und verspottet von allen.
„Steig doch herab von deinem Kreuz, wenn du Gottes Sohn bist!“
Mit solchen Worten demütigen sie ihn – die gelehrten Priester ebenso wie der dumme Pöbel.
Gottes Sohn – leidend und verlassen am Kreuz, das konnten sich die Menschen damals in Jerusalem nicht vorstellen
Gottes Sohn – leidend und verlassen am Kreuz, haben wir es verstanden – fast 2000 Jahre später?
Ein kalter Schauer ergreift uns, wenn wir uns die Dramatik dieses Tages bewusst machen.
Gott – der Schöpfer des Himmels und der Erde greift nicht ein an dem Tag, an dem bösartige Menschen seinen Sohn hinrichten.
Schwer zu verstehen, dass Gott so etwas zulässt.
Doch die Leidenden dieser Welt – sie finden im leidenden Jesus den Gott, der ihr Leiden kennt und ihr Leiden teilt.
Die Negersklaven auf den Baumwollfeldern im Süden der Vereinigten Staaten…
Die Christen in den arabischen Ländern, die sich fürchten müssen vor den islamistischen Extremisten.
Die Arbeiterinnen in den Textilfabriken in Indien, die für wenig Lohn Mode nähen, die bei uns teuer verkauft wird.
Ja, der allmächtige Gott spielt nicht das  Spiel der Mächtigen dieser Welt.
Der allmächtige Gott steht auf der Seite der Leidenden und der Schwachen, weil er mit ihnen mitleidet.
Das ist die tröstende Botschaft dieses düsteren Tages.
Darum stehen wir an diesem Tag an der Seite der Frauen unter dem Kreuz.
Wir sehen zu und staunen…
Und hoffentlich spüren wir an diesem Tag, dass Gottes Macht in der Ohnmacht des Jesus am Kreuz in unsere machtbesessene Welt hineinstrahlt.

Eingangsgebet

Herr Jesus Christus,
wir treten unter dein Kreuz, so wie wir sind:
Verloren und verlassen,
dem Bösen in uns und um uns ausgeliefert,
dem Tod verfallen.
Wie wenig binden wir uns an dich, Gott,
und sind doch an so viel gebunden.

Dein Kreuz steht in der Welt
als unverrückbares Zeichen der Wahrheit und Liebe Gottes, von der uns nichts trennen kann.
Zeige uns, wo wir stehen,
gib uns Kraft zur Umkehr,
lass uns voll Freude dir folgen.
Darum bitten wir dich, der du mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebst und herrschst in Ewigkeit.


Amen



Pilatus – ein Mächtiger spricht ein Urteil, das er nicht sprechen will…
… weil der seine Ruhe haben möchte

Jesus aber stand vor dem Statthalter Pilatus; und der Statthalter fragte ihn und sprach:
„Bist du der König der Juden? „
Jesus aber sprach: „Du sagst es.“
Und als er von den Hohenpriestern und Ältesten verklagt wurde, antwortete er nichts. Da sprach Pilatus zu ihm: Hörst du nicht, wie hart sie dich verklagen? Und er antwortete ihm nicht auf ein einziges Wort, sodass sich der Statthalter sehr verwunderte.
Zum Fest aber hatte der Statthalter die Gewohnheit, dem Volk einen Gefangenen loszugeben, welchen sie wollten. Sie hatten aber zu der Zeit einen berüchtigten Gefangenen, der hieß Jesus Barabbas. Und als sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen:
„Welchen wollt ihr? Wen soll ich euch losgeben, Jesus Barabbas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus?“
Denn er wusste, dass sie ihn aus Neid überantwortet hatten.
Und als er auf dem Richterstuhl saß, schickte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen:
„Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen.“
Aber die Hohenpriester und Ältesten überredeten das Volk, dass sie um Barabbas bitten, Jesus aber umbringen sollten. Da fing der Statthalter an und sprach zu ihnen:
„Welchen wollt ihr? Wen von den beiden soll ich euch losgeben?“
Sie sprachen:
„Barabbas!“
Pilatus sprach zu ihnen:
„Was soll ich denn machen mit Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus?“
Sie sprachen alle:
„Lass ihn kreuzigen!“
Er aber sagte:
„Was hat er denn Böses getan?“
Sie schrien aber noch mehr:
„Lass ihn kreuzigen!“
Als aber Pilatus sah, dass er nichts ausrichtete, sondern das Getümmel immer größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach:
„Ich bin unschuldig an seinem Blut; seht ihr zu!“
Da antwortete das ganze Volk und sprach:
„Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“
Da gab er ihnen Barabbas los, aber Jesus ließ er geißeln und überantwortete ihn, dass er gekreuzigt werde.



Pilatus wurde gewarnt von seiner Frau.
Im Tumult mit der aufgebrachten Menge ist die Mahnung seiner Frau untergegangen.
Was kümmert ihn schon dieser sonderbare Jude Jesus?
Er will seine Ruhe haben und die Lage beruhigen.
Darum gerät Jesus unter die Mühlsteine seines Machtkalküls.
Dennoch plagt ihn ein schlechtes Gewissen.
Seine Hände wäscht er in Unschuld.
Doch kann er sich seine Schuld wirklich abwaschen?
Ist er nicht verantwortlich für sein Urteil?
Wie so oft im Leben wäre es hier auf die Entscheidung eines Menschen angekommen, der Macht hat zu entscheiden.
Weil Pilatus nicht entscheidet, wie es ihm sein Gewissen und seine Frau geraten haben, darum löst sich nun die Lawine, die wir im Glaubensbekenntnis mit den Worten ausdrücken:
… gelitten unter Pontius Pilatus.

Die Folterknechte machen sich über den wehrlosen König lustig

Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus mit sich in das Prätorium und sammelten die ganze Abteilung um ihn.
Und zogen ihn aus und legten ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm aufs Haupt und gaben ihm ein Rohr in seine rechte Hand und beugten die Knie vor ihm und verspotteten ihn und sprachen:
„Gegrüßet seist du, der Juden König!“
Die Soldaten spien ihn an und nahmen das Rohr und schlugen damit sein Haupt.
Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Mantel aus und zogen ihm seine Kleider an und führten ihn ab, um ihn zu kreuzigen.


Die Soldaten…
Raue Gesellen…
In der Regel müssen sie gehorchen und Befehle ausführen ohne Wenn und Aber.
Nach ihrem Willen fragt keiner.
Jedes Mal müssen sie ihr Leben aufs Spiel setzen, wenn sie in eine Schlacht geschickt werden.
Das verbittert sie und verroht sie gefühlsmäßig.
Darum verspüren sie eine niederträchtige Freude daran, diesen wehrlosen und schwächlich wirkenden Jesus zu quälen, zu verspotten und zu erniedrigen.
Auch dazu sind Menschen fähig, damals wie heute.

Golgatha – Der Ort der Kreuzigung
Gelehrte und Kriminelle sprechen die gleiche Sprache

Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte, gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er's schmeckte, wollte er nicht trinken.
Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum.
Und sie saßen da und bewachten ihn.
Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes:
>> Dies ist Jesus, der Juden König. <<
Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken.
Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen:
„Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz!“
Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen:
„Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen.
Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab.
Dann wollen wir an ihn glauben.
Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn.“
Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.


Am Kreuz wird der Spott auf die Spitze getrieben.
Die Soldaten reichen Jesu einen gallebitteren letzten Trank, so bitter, so verunreinigt, dass ihn den Mensch nicht hinunterschlucken kann.
Eine Spottüberschrift setzten sie über das Kreuz:
JESUS von NZARETH, der KÖNIG der JUDEN.
Sie verspotten damit Jesus und sein Volk in gleicher Weise.
Und die verspotteten Juden?
Sie stimmen mit ein in den Spott, der doch auch ihnen selber gilt.
Selbst die mitgekreuzigten Räuber zur Rechten und zur Linken machen sich noch über den lustig, der da zwischen ihnen am Kreuz hängt.
Dass es der Pöbel nicht besser weiß, kann man vielleicht verstehen.
Aber die Schriftgelehrten?
Noch nie etwas von Hiob gehört?
Noch nie etwas vom leidenden Gottesknecht gelesen?
Schlimm ist das, wenn gelehrte Menschen vergessen, was sie wissen und gelernt haben.
Auch Bildung schützt vor Dummheit nicht.



Sterben am Kreuz – auch Jesus fühlt sich von Gott verlassen

Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut:
„Eli, Eli, lama asabtani?“
Das heißt:
>> Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? <<
Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie:
„Der ruft nach Elia.
Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken.
Die andern aber sprachen:
„Halt, lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe!“
Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.



Sich von Gott verlassen fühlen…
Auch Jesus kennt dieses Gefühl eben in dem Moment, in dem ihn die Lebenskraft verlässt.
Das Leben – es möchte am Leben bleiben.
Das Leben – es klammert sich an diese Welt, an die vertrauten Menschen, an die Erfahrungen, die einer gemacht hat und an die Pläne, die er für die Zukunft schmiedet.
Das Leben – es soll nicht enden, nicht so schnell und nicht so früh.

Jesus muss es loslassen – dieses Leben.
Trauernde müssen ihn ziehen lassen, den Menschen der gestorben ist und der noch so viele Pläne gehabt hat.
Trauernde müssen ihn ziehen lassen – nur wohin?
Die Augen sehen nur das tiefe Grab, in das der Sarg gelegt und dann mit Erde zugeschüttet wird.
Der Glaube aber sieht den Himmel.
Der Glaube sieht ein Leben, das diese Welt nicht festhalten kann.
Denn der Glaube muss nicht stehen bleiben unter dem Kreuz und den spottenden Menschen.
Der Glaube durfte sehen, dass das Grab leer war, in das man Jesus gelegt hat.
Der Glaube hat erlebt, dass dieselben Soldaten, die Jesus gekreuzigt haben, keine Macht haben, ihn daran zu hindern aus seiner Grabeshöhle zu schreiten.

Doch dazu mehr an Ostern, in drei Tagen....

Heute bleiben wir stehen unter dem Kreuz.
Heute lassen wir uns berühren von der Boshaftigkeit, zu der Menschen fähig sind.
Heute lassen wir uns berühren davon, dass Menschen im Machtrausch alles vergessen, was sie an Anstand, Ordnung, Glaube und Mitmenschlichkeit gelernt haben.

Ja das gibt es!
Menschen freuen sich am Leid eines Mitmenschen.
Schlimm ist das!

Amen


Fürbittengebet

Gott, unser himmlischer Vater:
Karfreitag – was für ein Tag.
Der Karfreitag lächelt nicht.
Der Karfreitag verdunkelt das Licht.
Am Karfreitag steht die Zeit still.
Auch wenn wir nur von ferne hinsehen oder uns sogar abgewendet haben, Gott, du hörst uns doch zu. Und wir bitten dich:
 
Vater, vergib uns, wenn wir nicht wissen, was wir tun.
Lass uns nicht achtlos an Elend und Not in dieser Welt vorbeischauen, weil es zufällig nicht unser eigenes ist.
Hilf der Welt, dass sie ihre Gerechten nicht tötet, sondern Liebe erhofft und sucht.

Wir beten: HERR, erbarme dich!

Mache uns zu Menschen,
die sich einsetzten für das Gute und das Wahre,
für die Kleinen und Unterdrückten, für die Verfolgten und die Geflüchteten,
für die, die bedroht sind an Leib und Seele.
Bedroht von den Mächtigen,
von denen, die die Wahrheit nicht hören wollen,
von denen, denen es gut genug geht, als dass sie Veränderung wollen.
Und das sind oft auch wir selbst!

Wir beten: HERR, erbarme dich!

Wir alle sind von der Brutalität des Lebens bedroht.
Das Schicksal trifft uns immer wieder hart.
Wo wir nicht weiter wissen,
wo wir ratlos vor Scherben stehen,
wo Leid und Schmerz uns verstummen lassen,
wo uns Wut überkommt und Hoffnung in Verzweiflung umschlägt,
da lass uns, Gott, deine Nähe spüren.

Wir beten: HERR, erbarme dich!

Wir alle sind vom Tode bedroht.
Der Tod ist der Ernstfall, aber das weißt du längst.
Hilf uns, im Leben auch den Tod auszuhalten.
Hilf uns, hineinzuhören in die Seelen der Verlassenen, hilf uns, dich dabei an unserer Seite zu erkennen.
Steh mit dieser Hilfe der trauernden Familie Stübinger bei, die um ihren Frank trauert, der im Alter von 50 Jahren so plötzlich aus unserer Mitte gerissen wurde.
Stärke uns in dem Glauben, dass Frank nicht tiefer gefallen ist als in deine Hand, die Leben aus dem Tod erwecken kann.

Amen

Palmsonntag

6. Sonntag in der Passionszeit

28. März 2021

Palmsonntag – Die Dornenkrone statt einer Goldkrone

 

Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes – Amen

 

Der HERR sei mit Euch!

 

Ich begrüße Sie in unserer Kirche zu diesem „stillen Gottesdienst“ am Palmsonntag – dem Beginn der Karwoche.

Wie ein König wurde Jesus von der jubelnden Menge begrüßt als er in Jerusalem einzog.

Gerne hätten sie ihm die Königskrone aufgesetzt.

Heute stehen wir unter den Menschen im biblischen Jerusalem, die mit ihren Palmenwedeln winken und jubeln für den Mann auf dem Esel.

Sei unser König, Hosianna!

… auf Deutsch: Rette uns!

Aber Jesus bleibt nicht stehen, er geht seinen Weg ganz bis zu Ende.

Sein Thron sieht anders aus, als die Leute denken.

Und auch seine Krone unterscheidet sich von der üblichen Herrscherkrone – sie wird nicht aus Gold, sondern aus Dornen sein.

Den Weg Jesu bedenken wir mit dem Wochenspruch:

Der Menschensohn muss erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. (Joh. 3,14b.15)

 

 

Eingangsgebet

 

Gott, der du mit ewiger schöpferischer Kraft Leben schenkst und Leben bewahrst –

Danke für diesen Tag.

Ich habe Pläne gemacht.

Ich habe das schon erlebt:

So manche Idee ließ sich nicht verwirklichen.

Manchen Plan habe ich begraben.

Ihn erst bejubelt, dann doch fallen gelassen.

Mit dieser Erfahrung komme ich zu dir und denke dabei am Beginn der Karwoche an deinen Sohn – Jesus.

Zuerst bejubelt – dann fallen gelassen…

 

So stehe ich jetzt hier…

dir zeige ich mich auch mit meinen Enttäuschungen.

In dieser Stunde halte ich sie dir hin und bitte dich:

Lasse meine Hoffnung, meine Zuversicht und mein Vertrauen wachsen – nicht nur im Glück, sondern auch im Leid.

 

Amen

 

 Das Predigtwort Hebräer 11,1 - 2 ; 12, 1 - 3;

1 Der Glaube, in dem wir hoffen, ist eine feste Zuversicht und öffnet uns den Blick für Dinge, die wir nicht sehen.
2 In diesen Glauben haben die Vorfahren Zeugnis abgelegt.

1 Darum auch wir:
Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist,
2 und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.
3 Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.

 

Liebe Gemeinde,

1 Es wird für etwas gut sein
Das Wissen ist wie ein König.
Der Glaube ist wie sein Berater.
König und Berater, Wissen und Glaube haben eine gemeinsame Geschichte.
So könnte die Geschichte gehen:

Es war einmal ein König, dem ein treuer Berater zur Seite stand.
Der Berater hatte eine Eigenart: Er konnte in allem etwas Sinnvolles erkennen.
„Es wird für etwas gut sein, “ sagte er oft, „es wird für etwas gut sein.“
Den König brachte das stets zur Weißglut.
„Unsinn!“ rief er dann und warf mit seinem goldenen Pantoffel nach dem Berater.
Eines Tages unternahm der Hofstaat eine Reise zu einer unbekannten Insel, von Palmen bewachsen. Von den herrlichen Palmen wünschte der König eine Kokosnuss zu essen.
Er nahm sein Schwert, um die Nuss zu öffnen. Doch die Klinge entglitt ihm und er schnitt sich durch den goldenen Pantoffel hindurch seinen kleinen Zeh ab.
Der König schrie laut und klagte vor Schmerz.
„Majestät, es wird für irgendetwas gut sein, “ sagte sein Berater tröstend.
Der König platzte vor Wut. Er befahl, den Berater auf der Stelle in ein tiefes Loch zu werfen, aus dem er alleine nie wieder herauskommen könne. Es geschah so.
Den Berater zurücklassend machte der König sich auf den Heimweg.

Doch es geschah noch auf der Insel:
Der König wurde von wilden Eingeborenen gefangen genommen und in ihr Dorf verschleppt. Die Wilden banden den König an einen steinernen Pfahl und alles Volk tanzte um ihn herum. Der Medizinmann kam und sagte:
„Wir opfern unserer Göttin jedes Jahr einen Gefangenen, damit sie uns auch im nächsten Jahr gnädig ist.“
Der König bibberte und schlotterte vor Angst, denn nun fing auch der Medizinmann an, den König zu umtanzen. Er betastete ihn an von oben bis unten.
Doch bei den königlichen Füßen angekommen, stockte der Medizinmann.
„Dieser ist nicht vollkommen“, kreischte er, „es fehlt ihm ein Zeh! Unsere Göttin akzeptiert nur ein vollkommenes Opfer. Bindet diesen Mann los!“
Es geschah so. Sofort humpelte der König los, um seinen treuen Berater aus dem Loch zu befreien.
„Um Vergebung!“ rief er von weitem.
„Zu spät sah ich ein, dass du recht hattest.“
Und der König berichtete dem Berater, was er erlebt hatte.
Der Berater lächelte. „Entschuldigt euch doch nicht!“ sagte er.
„Als Ihr mich in das Loch werfen ließet, ahnte ich gleich, dass es für irgendetwas gut sein würde. Stellt Euch nur vor, die Wilden hätten nicht Euch, sondern mich gefangen.“

2 Zum Glück können wir lernen
Das Wissen ist wie ein König.
Der Glaube ist wie sein Berater.
Was für eine Geschichte!
Vieles, was wir Menschen erleben, erfassen wir in seiner Bedeutung noch nicht.
Es wird erst im Rückblick klar.

Seit einem Jahr leben wir nun schon in und mit der Corona-Pandemie.
Wie war das am Anfang?
Und wie ist es heute?
Jeden Tag befragen wir die Wissenschaftler.
Und die Wissenschaftler – sie wissen es nicht, wie einem unscheinbaren, sich ständig verändernden Virus beizukommen ist.
Aber – sie lernen, sie forschen und sie lehren.
Sie lernen dazu, erforschen einen Impfstoff und sie lehren uns, Abstand voneinander zu halten.
Sie lehren, sie mahnen dazu, Gemeinschaft zu vermeiden…
Gemeinschaft vermeiden…
Eine harte Glaubensprobe, eine harte Geduldsprobe vor allem für uns als Kirche.
Denn der Begriff „Kirche“ bedeutet ja Gemeinschaft.
Unser größtes Ziel ist es doch, möglichst viele Menschen in Frieden am Tisch des HERRN zu versammeln.
Wirklich eine harte Gedulds- und Glaubensprobe, die uns das Virus da auferlegt…
Das Virus allein… oder nicht auch Gott?

3 Der Glaube sieht mehr als das Auge
Das Wissen ist wie ein König.
Der Glaube ist wie sein Berater –

Der Berater zeigt dem König nicht seine Grenzen, die erfährt er schon selber.
Aber er zeigt dem König die Tiefe, die unerkannt in allem Wissen, in aller Erfahrung liegt.
Diese Tiefe beschreibt die Bibel mit den Begriffen „Glaube“, Hoffnung“ aber auch „Zuversicht“.
Die Zuversicht und die Hoffnung überraschen uns durch Dinge, die vorher nie zu sehen waren.
Vertrauen heißt nämlich:
Danke sagen im Voraus. So geht Gottes Weg.

So geht Gottes Weg mit Jesus:
Der Einzug Jesu in Jerusalem am Palmsonntag sieht aus wie ein Höhepunkt.
Wenig später schlagen sie ihn ans Kreuz.
Verlassen von allen Freunden und scheinbar auch von Gott.
Doch dann läuft dieser Weg ganz anders ins Ziel.
Die Geschichte mit Jesus geht weiter.
So ist die Wirklichkeit Gottes…
… Keiner, keiner konnte es ahnen.
Niemand dachte daran, dass hier Vertrauen nötig wäre.
Viele, einschließlich der Jüngerinnen und Jünger, mussten ihre Meinung ändern.
Das, was sie sahen und erlebt hatten, stellte sich hinterher ganz anders dar.
Gottes Weg mit Jesus verflechtet sich ins alltägliche Leben hinein.
Das tut er bis heute.
Es ist die schöpferische Kraft, die im Leben steckt.
Jeder Christ, jede Christin kann die Kraft übersehen, hat sie schon mal übersehen. Darauf zu vertrauen, also Danke sagen im Voraus, dass der rettende Gott am Werk ist, darin zeigt sich Glauben – eine Kraft, über die wir nicht verfügen, eine Kraft, die uns aber „Gott sei Dank“ immer wieder ergreift.
Darum heißt es ja in unserem Predigtwort:
>> Der Glaube, in dem wir hoffen, ist eine feste Zuversicht und öffnet uns den Blick für Dinge, die wir nicht sehen. <<

4 Glaube und Wissen brauchen einander
Das Wissen ist wie ein König.
Der Glaube ist wie sein Berater.
Am Abend, als die Krone am Wandhaken hing und die blutigen Pantoffeln vorm Bett standen, ließ der König den Tag Revue passieren.
„Wenn ich nur mehr geglaubt,
wenn ich nur mehr vertraut hätte!“
Dem König gingen verschiedene Gedanken durch den Kopf.
Wieder einmal war sein Berater klüger gewesen als er, der König.
Ohne den Berater wäre er kläglich über sein schnödes Leben gestolpert und hätte beinahe mehr eingebüßt als nur einen Zeh.
„Um Vergebung!“ hatte er dem frommen Berater zugerufen.
Sollte er nun abdanken und den Berater zum König machen?

Wenn alle Menschen fromme Berater wären und immer erst nach dem Sinn fragen, würde keiner mehr handeln.“
Aber dann dachte er nochmal an die Palmeninsel:
„Wenn alle Menschen Könige wären und sich nur auf Können und Erfahrung verlassen, dann würden wir alle im Kochtopf landen.“

5 Glaube und Wissen – "ziemlich beste Freunde"
In diesem Moment brach sich das Mondlicht in der Krone am Wandhaken.
Da leuchtete die Gravur auf, die in die Innenseite der Krone eingebracht war.
Da stand:
>> Alle Wissenden sind Zwerge, die auf den Schultern eines Riesen stehen. <<
„Hm. Vielleicht ist niemand ohne seinen frommen Berater ein guter König“, dachte der König.
„Wissen ohne Sinn, das ist keine Klugheit.“
>> Alle Wissenden sind Zwerge auf den Schultern eines Riesen.
Und alle Glaubenden sind Zwerge auf den Schultern desselben Riesen. <<
Wenn die Zwerge dem Riesen vertrauen, ist alles gut.
Der König überlegte.
„Wo im Palast wohnt der Berater überhaupt?
Ach ja, gleich nebenan. Ich könnte klopfen und fragen, ob er noch wach ist.“
Das tat der König dann auch.
Der Berater war wach – eine Flasche Wein und zwei Gläser hatte der König auch dabei. Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Weil der Glaube und das Wissen gute Freunde geworden sind, darum stehen wir als glaubende und wissensdurstige Zwerge auf dem Rücken des „riesenhaften Gottes“, der höher, größer und weiter ist als alle unsere menschliche Vernunft.
Amen

Es grüßt Sie Pfarrer Jürgen Rix

 

Fürbittengebet

Guter Gott, du bist da. Hochgelobt. Und unten angekommen.
Wir bitten für alle Hochtrabenden.
Die in falschen Jubel einstimmen.
Die selbst verblendet sind und alle anderen für blind halten.
Für alle, die das große Ganze mit ihren eigenen Interessen verwechseln.
Für alle, die für andere Entscheidungen fällen müssen.
Für alle, die Angst haben zu handeln und deinen Beistand brauchen.
Erleuchte sie mit deinem Licht!

Menschgewordener, du bist da. Hochgelobt. Und unten angekommen.
Wir bitten für alle, die niedergedrückt sind.
Die sich ausgeliefert fühlen.
Die selbst bewegungslos geworden sind und alle anderen für ruhelos halten.
Für alle, die in Trauer gefangen sind und nach Lebensfreude fragen.
Für alle, die ihren weichen Kern mit harter Schale schützen.
Für alle, die nichts mehr verstehen können oder wollen.
Erleuchte sie mit deinem Licht!

Du Überwinder, du bist da. Hochgelobt. Und unten angekommen.
Schau uns an, wo du uns findest, oben oder unten,
in unserer Zerrissenheit und in unseren Abgründen,
in unserer Sehnsucht nach dir und in unserer Dankbarkeit,
in unserem Glauben und in unseren Zweifeln.
Hilf uns zum Leben um deiner Liebe willen und erleuchte sie mit deinem Licht!

Amen

 


Judika

5. Sonntag in der Passionszeit

21. März 2021

Predigtwort: Hiob 19, 19-27 (im Text eingearbeitet)

 

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

der heutige 5. Sonntag der Passionszeit trägt den lateinischen Namen „Judika“, weil er sich auf den 43. Psalm bezieht, der mit den Worten beginnt: „Judica me Deus“, auf Deutsch „Schaffe mir Recht, Gott!“ Dieses Vorzeichen prägt diesen Sonntag in ganz spezieller Weise: In allen Texten geht es um Rechtssuche und Rechtsdurchsetzung in Verfolgung und Bedrängnis. Der Hauptdarsteller dabei ist heute Hiob – ein gottesfürchtiger Mensch aus dem Alten Testament, der aus tiefer Verzweiflung heraus Gott auffordert, ihm Recht zu verschaffen.

Wenn wir das Wort „Hiob“ hören, dann fällt uns sicher sofort das Wort „Hiobsbotschaften“ ein. Gemeint ist damit eine Häufung von negativen Ereignissen, die einem Menschen den sicheren Boden unter den Füßen wegziehen. So erging es auch Hiob. Hiob erduldet viel, dazu nachher gleich mehr - und irgendwann wird ihm alles zu viel. Er kommt ins Zweifeln und Klagen und schließlich ins Wüten und Anklagen gegen Gott. Solange, bis sich wieder alles in ihm wendet und zwar dadurch, dass er Gott sieht/Gott erkennt. Das ist ein spannendes Thema, denn wie soll man Gott denn sehen oder erkennen können?

Fangen wir im Heute an, dort wo auch Hiobs besonderer Weg der Erkenntnis angefangen hat, im Leiden: „Warum kann ich keine Kinder bekommen?“ – so weint eine junge Frau nach mehreren Fehlgeburten. „Warum kann ich nicht mehr laufen?“ – so fragt ein Mann nach einem schweren Unfall. „Warum hat sich unser Sohn das Leben genommen?“ – so klagen verzweifelte Eltern. „Warum ist mein Ehemann viel zu früh gestorben?“ – so fragt die junge Witwe. „Warum musste Corona kommen und hat meine Existenz zerstört?“ – so fragen es aktuell gerade viele.

Es sind Fragen von leidenden Menschen. Es sind Fragen, die sich oft auch an Gott richten und eine Antwort wollen: „Wo warst du, Gott, warum hast du es zugelassen? Was denkst du dir dabei? Erklär es mir, sonst verlier ich meinen Glauben!“

In der Bibel wird oft von leidenden Menschen berichtet und ein Leidender, Hiob eben, ist zum Inbegriff der Verzweiflung geworden. Ihn treffen innerhalb kürzester Zeit diese berüchtigten Hiobsbotschaften; fürchterliche Schicksalsschläge. Er verliert seinen Besitz, seine Kinder, seine Gesundheit und schließlich auch die Unterstützung durch seine Freunde. Zunächst nimmt Hiob alles aus Gottes Hand, aber irgendwann kann er nicht mehr und als auch seine Freunde ihn schließlich noch beschuldigen, er sei selbst schuld an Allem, ist Hiob endgültig am Ende, körperlich wie auch seelisch. In unserem Predigtabschnitt heißt es:

Meine engsten Freunde verabscheuen mich. Sogar diejenigen, die mir am liebsten sind, stehen mir feindselig gegenüber. Meine Haut klebt nur noch an den Knochen. Nur das nackte Leben ist mir noch geblieben. Habt Mitleid, habt Mitleid mit mir, ihr seid doch meine Freunde! Denn Gott hat mich mit diesem Unglück geschlagen. Warum verfolgt ihr mich, wie Gott es tut? Wann hört ihr endlich auf, mich zu zerfleischen?“

 

Hiob spricht diese Worte zu seinem Freund Bildad, der ihm mit anderen Freunden beisteht. Und sie machen das wirklich gut, zumindest am Anfang. Sieben Tage und Nächte haben sie mit ihm ausgehalten und geschwiegen. Seinen Schmerz mitgetragen. Sein Klagen und Wüten angehört. Aber dann haben sie begonnen, nach einem Grund für sein Leiden zu suchen. Irgendjemand muss doch schuld sein an dem Elend. „Du, Hiob, musst schuld sein“ sagen sie schließlich. „Du musst irgendwas getan haben, wofür Gott dich straft!“ Aber Hiob hält dagegen. „Ich habe nichts Schlimmes getan“ sagt er. Und er ist sich dessen so sicher, dass er nun seinerseits Gott anklagt. Seine Fragen werden zu Anklagen, sein Vertrauen wandelt sich in Wut: „Du bist ungerecht, du bist unfair, du bist undurchschaubar, Gott“, sagt Hiob. „All das hab ich nicht verdient. Zeig dich mir, damit ich mit dir rechten kann!“

 

Das Leid von Hiob geht einem zu Herzen. Es geht einem aber auch unter die Haut, wenn man liest, mit welcher Intensität Hiob von Gott Recht fordert. Er bittet ja nicht darum, er fordert es ein. Gleichzeitig spürt man aber auch unter all dieser Wut die abgrundtiefe Verzweiflung von Hiob – und noch etwas: Seine Sehnsucht danach, dass er Antwort bekommt. Unter all dem lodernden Feuer der Wut spürt man einen Funken dieser Sehnsucht: „Bitte, Gott, lass mich nicht allein. Ich möchte dir ja wieder vertrauen. Zeig dich mir, damit ich dich sehen und erkennen kann!“

In unserem Predigttext erkennt man diese Sehnsucht Hiobs daran, dass sein Ton plötzlich umschlägt. Er sagt, auf einmal fast schon zuversichtlich: Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Als mein Anwalt wird er auf der Erde auftreten und zum Schluss meine Unschuld beweisen. Mit zerfetzter Haut stehe ich hier. Abgemagert bin ich bis auf die Knochen. Trotzdem werde ich Gott sehen. Ich werde ihn mit meinen Augen sehen, und er wird für mich kein Fremder sein. So wird es sein. Danach sehnt sich mein Herz!“

Ich finde diese Sehnsuchtsworte genauso berührend wie Hiobs Verzweiflung und Wut. Und siehe da, es geschieht, womit Hiob Gott so eindringlich bedrängt. Gott kommt Hiobs Forderung nach. Er lässt sich sehen. Er erscheint dem Hiob in einem Sturm und erklärt in zwei langen Reden, wie er die Welt geschaffen hat und wie er sie regiert. Da dreht es sich dann herum und nicht mehr Hiob bedrängt Gott, sondern Gott bedrängt Hiob: „Wer bist du, Hiob, der du den Ratschluss verdunkelst mit Worten ohne Verstand? Ich will dich fragen, lehre du mich! Wo warst du, als ich die Erde schuf? Sage es mir, wenn du so klug bist!“

Hiob wird zurechtgerückt, er wird dahin gestellt, wo er hin gehört: „Du bist ein Geschöpf“, sagt Gott, „ich bin der Schöpfer. Ich bin dir nichts schuldig, schon gar keine Rechenschaft.“ Man könnte erwarten, dass Hiob nun erst recht wütet und anklagt, aber erstaunlicherweise drehen diese Worte etwas in ihm. Er kann es auf einmal anerkennen, dass Gott ihm nichts schuldig ist und dass das folglich auch nicht die Lösung sein kann, wieder mit Gott in Beziehung zu kommen. Hiob bereut und sagt: „Ich habe unweise geredet von Dingen, die mir zu hoch sind und die ich nicht verstehe. Ich hatte dich nur vom Hörensagen vernommen, aber nun hat mein Auge dich gesehen/dich erkannt. Darum tue ich Buße in Staub und Asche.“ (Hiob 42)

Hiob gibt Gott Recht, er gibt sich zufrieden.

 

Ich gebe mich noch nicht ganz zufrieden. Sind Hiobs Fragen wirklich zufriedenstellend beantwortet oder sagt er einfach nur „Na ja, allmächtiger Gott, ich kann dich eh nie ganz verstehen, lass gut sein!“ Dann bliebe so ein bisschen ein fader Nachgeschmack.

In der langen Rede von Gott, die fast wie ein Naturkundeunterricht ist, nimmt Gott den Hiob sehr ausführlich in die Schöpfung hinein. Er erklärt ihm, wie weise und ineinandergreifend die Welt ist. Er erklärt ihm, dass er die Welt Tag um Tag erhält und dass alles seinen tiefen Sinn darin hat.

Alles hat seinen Sinn. Das wird so sein, aber– tröstet uns das im Leid, am Grab eines Menschen vielleicht, der durch einen Unfall oder durch eine schlimme Erkrankung aus dem Leben gerissen wurde. Macht das Sinn? Erinnern wir uns: Hiobs Antwort an Gott ist, dass er ihm Recht gibt. Er gibt zu, dass Gott Gott ist und er selbst nur ein Mensch. Deshalb kann ein Mensch gar nicht alles verstehen, was Gott tut.

Ja, ok, das kann ich mit dem Verstand nachvollziehen, aber tröstet es? Tröstet es Hiob? Nein, es ist meines Erachtens etwas ganz anderes, was ihn zum Umdenken bringt: Er sagt: „Ich habe Gott gesehen!“ Wie wir uns dieses Sehen vorstellen sollen, im Sturm, das wird leider nicht genauer erklärt, aber ich glaube, dass damit gemeint ist, dass Gott und Hiob in eine neue und andere Beziehung miteinander kommen, die vorher nicht da war. Gott berührt Hiob – und Hiob reagiert darauf eben nicht nur mit dem Verstand, sondern mit dem Gefühl. Dieses Gefühl hat Hiob ja schon vorweggenommen, als er, in Staub und Asche sitzend diese berührenden Sehnsuchtsworte gebetet hat: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Als mein Anwalt wird er auf der Erde auftreten und zum Schluss meine Unschuld beweisen. (…) Ich werde ihn mit meinen Augen sehen, und er wird für mich kein Fremder sein. So wird es sein. Danach sehnt sich mein Herz!

Diese Sehnsucht, Gott zu sehen, ihn zu fühlen, hat sich für Hiob nun erfüllt. Gott ist ihm neu begegnet, ist ihm nahegekommen, nicht nur durch verstandesmäßiges Erfassen, das immer begrenzt sein wird, sondern eben durch die Beziehung, die Gott zu Hiob knüpft und die Hiob zulässt. Hiob kann wieder glauben, dass Gott da ist und die Gemeinschaft mit ihm will, gerade auch im Leiden und Klagen und Wüten. Wenig später wird Hiob neues Glück durch Gott geschenkt bekommen.

Im Neuen Testament wird Gott für uns noch einmal ganz anders sichtbar, in Jesus Christus nämlich. Auch hier werden wir das nie ganz mit unserem Verstand erfassen können: Dass Gott kommt in einem Kind; dass Gott stirbt und aufersteht; dass Gott immer bei allen da ist im Heiligen Geist – wer soll das mit dem Verstand erfassen? Aber auch hier geht es darum, letztendlich zuzulassen, dass Gott eine Beziehung zu uns will, auf die wir eben auch mit unserem Herzen antworten müssen.

Wir Menschen heute können Jesus mit den Augen nicht sehen, aber wir können ihn doch erkennen: Durch die Heilige Schrift, in der Taufe, in Brot und Wein, in der Gemeinschaft untereinander, in manchen Texten und Auslegungen, in der Natur, in der Kunst, in der Musik und noch in ungezählten anderen Möglichkeiten zeigt sich uns Gott und knüpft Beziehung. Genau hier findet dann auch für uns der Übergang vom Hörensagen zum Sehen statt.

 

Noch eine kleine persönliche Beispielgeschichte dazu. Als Pfarrerin lese ich natürlich oft in der Bibel, das bringt der Beruf ja nun mal so mit sich. Ich kenne sie ganz gut, würde ich sagen. Viele Texte kann ich auswendig. Aber immer wieder geschieht es, dass mich eine Bibelstelle, die ich schon hundertmal gelesen oder weitergegeben habe, auf einmal ins Herz trifft. Sie spricht mich auf einmal so tief an, als ob Gott sie selber mir ins Ohr, ins Herz spricht. Das ist immer der Punkt, wo etwas vom Verstand ins Herz übergeht. Und ich bin immer wieder dankbar, wenn Gott so zu mir spricht, wenn er mich stolpern lässt über ein Wort, das ich meine längst verstanden zu haben und das mich doch noch nicht wirklich erreicht hatte.

 

„Du bist nicht allein!“ – das ist das Wesentliche, das Gott uns immer wieder auf viele verschiedene Arten sagt. Diese wesentliche Aussage Gottes „Du gehst nie allein!“ ist auch etwas, was den Weg vom Kopf ins Herz finden muss, so wie es bei Hiob geschah. Dadurch konnte Gottes Trost beginnen zu wirken. Das wünsche ich uns auch: Dass Gottes Wort in uns den Weg vom Kopf ins Herz findet, damit Altes losgelassen werden und neue Beziehung sich entfalten kann. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles menschliche Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Chr. J. Amen.

 

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!  Ihre Pfarrerin Bettina Weber

 

Segen

Gesegnet seist du, wenn du Traurigkeit spürst und die Angst vor dem Loslassen dich umzingelt.

Gesegnet seist du, wenn du Leere empfindest und es dir schwer fällt, sie auszuhalten.

Gesegnet seist du, wenn du vertraust, dass im Loslassen Neues wachsen und reifen kann.

Gesegnet seist du: Christus ist dir Wegbegleiter in all deinen Erfahrungen.

 

(Pierre Stutz)

Lätare

4. Sonntag in der Passionszeit

14. März 2021

Ich begrüße Sie zu diesem „stillen“ Gottesdienst am Sonntag Lätare.

„Freue dich“, so heißt der Name dieses Sonntags ins Deutsche übersetzt.

Freuen dürfen wir uns, obwohl wir mitten in der Passionszeit stehen, die doch das Leiden Jesu bedenkt.

Denn das Leiden und Sterben Jesu bilden die Wurzel unseres Glaubens daran, dass auch die Verachtung, der Spott, ein Schandurteil und der Tod uns nicht von Gott trennen können.

Jesus deutet seinen Leidensweg im Bild vom Weizenkorn, das „unter die Erde gebracht werden muss“, um dort zu keinem und danach vielfach Frucht zu bringen.

 

Wir alle leben nur deshalb, weil wir säen und ernten.

Jeder von uns glaubt nur deshalb, weil jemand das „Samenkorn des Glaubens“ auf ihn geworfen hat und weil dieses Samenkorn in ihm aufgegangen ist.

 

Darüber dürfen wir uns freuen – dass wir mit unserem Glauben ein Teil dieses eigen Kreislaufs von Säen und Ernten sein dürfen – denn nur so kommt viel Frucht in die Welt.

 

 

 

Eingangsgebet

 

Jesus Christus, du Menschensohn,

Dein himmlischer Vater hat dich verherrlicht, weil du den Weg des Weizenkorns gegangen bist.

Der Spott, der Neid und das Unrecht der Mächtigen haben dich „unter die Erde gebracht“ nach einem schmerzvollen Leidensweg und einem grausamen Tod am Kreuz.

Doch die schöpferische Kraft deines himmlischen Vaters hat dich ein neues Leben erblicken lassen…

… Ein Leben, das diese Welt nicht festhalten kann,

… Ein Leben, das dich auf den Weg in den Himmel geführt hat und uns die himmlische Kraft des Glaubens schenkt.

Mit dieser Kraft im Herzen, in der Seele und in unserem Tun schaffen wir viel Frucht auf dieser Erde.

 

Dafür danken wir dir, der du mit dem Vater und dem Heiligen Geist Glauben sähst und durch den Glauben Frucht hervorbringst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen

 

Amen

 

 

Predigtwort Johannes 12 Die Ankündigung der Verherrlichung Jesus

 

20 Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest.

21 Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen:

>> Herr, wir wollten Jesus gerne sehen. <<

22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen's Jesus weiter.

23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach:

>> Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. <<

24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch:

>> Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. <<

 

 

Liebe Gemeinde,

 

I      Freude - auch im Leid?


den Sonntag „Lätare“ feiern wir heute.
„Freue dich“, so heißt dieser Sonntag auf Deutsch.
Freuen sollen wir uns, und das mitten in der Passionszeit...?
Freuen, obwohl wir geradeeben einen Bibelanschnitt gehört haben, der vom Sterben redet?
Zumindest nach dem ersten Eindruck weckt das Evangelium vom sterbenden Weizenkorn nicht gerade Gefühle der Fröhlichkeit in uns.

Doch im gleichen Atemzug hören wir davon, dass das sterbende Weizenkorn viel Frucht bringt.
Von der Frucht des Weizenkorns leben wir alle.
Denn die Frucht des Weizenkorns sorgt für das tägliche Brot.
Weil das nach der Aussaat in der Erde vergehende Weizenkorn keimt, Wurzeln schlägt, dem Licht entgegenwächst und schließlich vielfache Frucht bringt, darum sollen wir uns freuen an diesem Sonntag Lätare.

Zur Zeit Jesu hat ebenfalls jeder Israelit gesät und geerntet.
Darum wählt Jesus ein Beispiel aus der Landwirtschaft, um zu deuten, welchen Sinn sein Leiden, Sterben und Auferstehen haben.
Der Leidensweg Jesu wird verglichen mit einem Samenkorn.
Jedes Korn ist ein Geschöpf der Erde.
Jedes Korn hat einen unverwechselbaren Kern.
Es trägt einen Wert in sich.
Doch das Korn muss in die Erde, wenn es weitergehen soll mit dem Säen und dem Ernten, mit dem Arbeiten und dem Leben.
Wenn das Korn gesät wird, dann wird es von der Feuchtigkeit des Bodens aufgeweicht, es wird unansehnlich, es scheint zu verwesen, zu vergehen und abzusterben.
Doch der Schein trügt.
Im Aufplatzen entwickelt der Kern seine Kraft.
Aus dem Kern treibt ein Pflänzchen.
An ihm bilden sich Wurzeln, die die Pflanze mit Saft und Kraft versorgen.
Und schließlich wird aus dem einen Weizenkorn eine Ähre mit 36 Körnern.
Das Weizenkorn hat sich vervielfacht.
Durch sein Sterben hat es Leben für viele andere hervorgebracht.
Durch sein Vergehen sorgt es dafür, dass das Leben weitergeht – das Leben, nicht nur für das Getreide selbst, sondern auch für alle, die vom Getreide leben – Tiere ebenso wie wir Menschen.
Aus einem Korn werden 36 neue Körner,
Körner genug zum Verzehren für Mensch und Tier,
Körner genug auch für die Aussaat im neuen Jahr.

II      Gott verherrlicht seinen Sohn,
weil sein Sohn dem Leid nicht aus dem Weg geht…

Jesus deutet sein Leiden und Sterben mit diesem Bild.
Auch er hätte gerne länger gelebt.
Auch er hätte gerne ein angenehmeres Leben geführt.
Er wird uns in der Bibel nicht als Märtyrer geschildert, der sich mit flammendem Eifer in den Tod stürzt.

Doch er nimmt den Weg an, den Gott ihm gewiesen hat.
Er lässt sein Leben los, weil er darauf vertraut, dass sein Leidensweg von Gott her einen Sinn bekommt, auch wenn seine Jünger diesen Sinn jetzt verstehen.
Er behält sein Leben nicht für sich, sondern er vertraut darauf, dass sein Leidensweg Tausenden von Nachfolgern zum Anker, zum Hoffnungsschein und zur inneren Stärkung in den Strudeln des Lebens wird.
Weil Jesus mit den Augen des ihn sendenden Vaters im Himmel auf seinen Leidensweg schaut, darum deutet er den bevorstehenden Leidensweg mit dem Begriff der „Verherrlichung“.
Seine „Herrlichkeit“ besteht darin, dass der ihn aussendende und ihn „aussäende“ Vater ihn „unter die Erde bringt“, damit er mit seinem Sterben und seiner Auferstehung viel Frucht hervorbringt.

Weil Jesus sich „unter die Erde“ bringen lässt, darum schenkt ihm Gott in der Auferstehung ein neues Leben, das diese Erde nicht mehr festhalten kann.
Denn Gott zeigt am auferstehenden Jesus, dass die Machtmenschen mit ihrer Gewalt auf dieser Welt nicht das letzte Wort behalten, auch dann nicht, wenn diese Machtmenschen bis heute andere für ihre Zwecke einspannen und missbrauchen.

Gott hat Jesus auferweckt.
Er hat ihn herauswachsen lassen aus dem Grab, so wie ein keimendes Weizenkorn, die Erde wegschiebt, die über ihm lastet.

Gott hat Jesus in das Licht der Auferstehung gestellt, so wie ein Weizenpflänzchen sich dem Licht entgegenarbeitet und schließlich die dunkle Erde weit unter sich lässt.

III     Der Leidensweg Jesu –
Grund unserer Hoffnung auf ein Wiedersehen mit unseren Verstorbenen

Jesus ist zum Licht der Welt geworden, weil seine Auferstehung uns Hoffnung gibt, wenn wir vor dem dunklen Loch eines Grabes stehen und einen lieben Menschen beerdigen.
Wenn Christen einen Christen begraben, dann empfinden sie die Trennung am Grab nicht als einen Abschied für immer.
„Auf Wiedersehen“ steht auf vielen evangelischen Grabsteinen unseres Friedhofs.
„Auf Wiedersehen“, mit diesem schlichten Gruß ist aufs trefflichste zusammengefasst, was unsere christliche Hoffnung ausmacht:
Wer „Auf Wiedersehen“ sagt, der glaubt, dass der Verstorbene nicht im Grab bleibt.
Auch wenn ein Toter verwest, so liegt doch ein Keim in ihm, ein Keim, der auf die Zukunft der Auferstehung gerichtet ist.
Dieser Keim ist der Glaube, der einen Menschen durch sein Leben begleitet und getragen hat.
Dieser Keim ist der Glaube, den unsere Verstorbenen an uns weitergegeben haben, die wir heute im Glauben leben.
Dieser Keim wird zu neuem Leben werden, wenn Christus wiederkommt, um die Toten aufzuerwecken.
„Wenn du die Toten wirst, an jenem Tag erwecken,
so tu auch deine Hand, zu meinem Grab ausstrecken.
Lass hören deine Stimm‘, und meinen Leib weck auf,
und führ ihn schon verklärt zum auserwählten Hauf.“

So heißt es zum Schluss des Liedes „o Gott, du frommer Gott“.
Der „auserwählte Hauf“, das sind die, die das Wiedersehen feiern mit denen, die heute an den Gräbern ihrer Angehörigen stehen.
Es ist ein guter Brauch, vor dem Gottesdienst das Grab der Angehörigen aufzusuchen, für sie zu beten und sich an sie zu erinnern.
Am Grab der Vorfahren wird uns bewusst, dass wir von ihnen abstammen, dass, was wir sind und haben, die Frucht ihrer Lebensarbeit ist, auf der wir weiterbauen.

IV     Vielfache Frucht auch hier bei uns in Mangersreuth

Der Glaube hat viel Frucht geschaffen hier in unserer Mangersreuther Gemeinde.
Vor 300 Jahren ist unsere Kirche wiedererrichtet worden, die vorher 150 Jahre lang in Schutt und Asche gelegen hat.
Aus dem verbrannten Kindergarten und Gemeindezentrum haben es geschafft, in drei Jahren einen neuen Kindergarten und ein neues Gemeindehaus zu errichten.
Auch wenn das Leben in allen drei Gebäuden momentan stark eingeschränkt ist, so sucht sich doch der Glaube seinen Weg ans Licht und in die Herzen der Menschen.
Wenn wir jetzt in unserer Kirche einzeln  nach und nach von Stehtisch zu Stehtisch gehen und jeder den Gottesdienst für sich feiert, so sind wir doch im Geist miteinander verbunden.
Wir hoffen und beten dafür, dass wir bald wieder dicht an dicht in den Bankreihen unserer Kirche sitzen dürfen und uns nachher im Gemeindehaus treffen können.
Ob es an Ostern – dem Fest der Auferstehung wieder so weit sein wird?
Wer weiß!
Aber hoffen und beten dafür – das dürfen und das sollen wir.

Amen

Herzlcih grüßt Sie. Ihr Pfarrer, Jürgen Rix

Fürbitte

Herr, der du verlassen warst,
wir bitten dich für alle Verlassenen in dieser Welt,
für alle, die einsam mit letzten Entscheidungen ringen,
für alle, die allein in ihrem Zimmer oder auf belebten Straßen
nur noch mit sich selbst reden.
Wir bitten dich für alle, die gefangen oder verschleppt sind,
für alle, die einsam, oft unter Schmerzen,
die Schwelle zum Tod überschreiten,
für alle, die in Unglück oder Trauer
ermutigende Worte nicht mehr wahrnehmen.
Herr, der du verlassen warst,
wir bitten dich:
Vergib uns, wenn wir dich verlassen,
zeige uns in diesen Tagen deines Leidens
wieder Wege zu dir,
damit wir bei dir bleiben.
Und bleib du bei uns.

Amen


Vaterunser

Segen

Derr HERR segne dich und behüte dich.
Der HERR lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig.
Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir seinen Frieden.






Evang-luth. Kirchengemeinde Kulmbach-Mangersreuth

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