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Sonntag Jubilate

4. Sonntag der Osterzeit

8. Mai 2022

Weißer Sonntag

1. Sonntag nach Ostern

24. April 2022

1.Mose 1,1-2,4, Jubilate, 08.05.22

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde, da der Predigttext heute ja sehr umfangreich ist, haben wir bereits in der Lesung damit angefangen. Nach dem dritten Tag wird die Erschaffung von Sonne, Mond und Sternen beschrieben. Es folgen die Wassertiere, die Vögel, die Landtiere und schließlich der Mensch. An dieser Stelle lese ich, in Auszügen, nun weiter:

„Und Gott sprach: Lasset uns den Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und bebaut und bewahrt sie (…). Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Das ward aus Abend und Morgen der sechste Tag. So wurden vollendet Himmel und Erde mit allem, was darin ist. Und so vollendete Gott am siebten Tag seine Werke, die er machte, und ruhte am siebten Tag, von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken. Die ist die Geschichte von Himmel und Erde, wie sie geschaffen wurden.“

 

Nun haben wir ihn gehört, diesen berühmten Bibeltext, der die Entstehung der Welt in sieben Tagen schildert. Darf man denn einen solchen Text in unserer modernen Welt eigentlich noch predigen/noch glauben? Ist er nicht längst überholt durch die Entdeckungen z.B. des Kopernikus, dass die Erde ganz sicher nicht der Mittelpunkt des Universums ist. Oder durch Charles Darwin, der den Menschen nicht als Krönung, sondern einfach als ein Teilchen von vielen in einem langen Evolutionsprozess enttarnte? Und dann kommt die Kirche und redet von Schöpfung in sieben Tagen und einem genialen Obergeschöpf, dem Menschen, dem alles anvertraut ist?

Wir müssen, wenn wir die Bibel verstehen wollen, weit zurückgehen, in die Zeit, in der der Schöpfungsbericht entstand. Die Israeliten wurden gut 500 Jahre v.Chr. durch die damalige Großmacht, die Babylonier, erobert und nach Babylonien verschleppt. Das war eine extrem gefährliche Situation für sie – und auch für ihre Religion. Die Juden haben genau wie wir eine streng monotheistische Religion, d.h. sie glauben an einen einzigen Gott, an Jahwe, wie er meistens im AT genannt wird, an den Gott der Väter, an den Gott, der Israel aus Ägypten befreite; an den Gott, der eine besondere Beziehung mit ihnen suchte und einging.

In Babylonien dagegen herrschte Vielgötterei. Der Chef aller Götter war Marduk, ein gefährlicher und grausamer Gott. Er kämpfte, so sagte es die babylonische Überlieferung, mit der Schlange Tiamat, tötete sie, zerriss sie in zwei Teile und baute aus diesen zwei Leichenteilen Himmel und Erde. Auf die so entstandene Erde setzte er den Menschen, den er wiederum aus dem Blut eines besiegten Gottes formte. Sinn und Zweck dieses Menschen war allein, Marduk zu dienen. Und nur der jeweilige König der Menschen, galt als Abbild, als Ebenbild von Marduk.

Wir können uns vorstellen, wie schwierig es nun für das kleine Grüppchen der Israeliten mitten in Babylonien war, die eigene Religion angesichts dieses übermächtigen babylonischen Götterkults zu bewahren. Die Gefahr, sich darin aufzulösen und den eigenen Glauben zu vergessen, war groß. Und so beschloss man, um ja nicht zu vergessen, woher man kam und an was man glaubte, die Geschichte der Beziehung von Gott zum Menschen aufzuschreiben. Die so entstandene Schöpfungsgeschichte hatte also nie den Anspruch in Konkurrenz zu irgendwelchen naturwissenschaftlichen Theorien zu treten. Sie wollte auch nie eine exakte Abfolge oder einen exakten Zeitraum festlegen. Sie wollte vielmehr von Anfang an zeigen, in welchen Beziehungen der Mensch steht: In welcher Beziehung zu Gott, in welcher Beziehung untereinander und eben natürlich auch in welcher Beziehung zu allen anderen Mitgeschöpfen. Der Schöpfergott der Bibel, der da in Beziehung zu uns tritt, hat die Welt nicht aus Leichenteilen erschaffen, sondern hat das Tohuwabohu – so das hebräische Wort für das Anfangsdurcheinander – geordnet und in wundervoll aufeinander abgestimmte Abläufe gebracht. Alles greift exakt ineinander – und diese Ordnungen sind so komplex, dass es meistens Tohuwabohu gibt, wenn wir Menschen allzu leichtfertig in diese Abläufe eingreifen.

Nicht aus Mord und Totschlag heraus ist alles entstanden, sondern aus Gottes Geist und Gottes Wort heraus. Tag um Tag entfaltet Gott die Erde mit einer unglaublichen Vielfalt. Und so entstehen Licht und Dunkelheit, Tag und Nacht, Land und Wasser, Erdboden und Luft, Pflanzen und Tiere – und der Mensch. Der Mensch, auch das ein wesentlicher Unterschied zu anderen Schöpfungs-Überlieferungen, ist nicht da, um ein Sklave für Gott zu sein. Vielmehr ist jeder Mensch, nicht nur der König, sondern wirklich jeder Mensch ein Abbild, ein Ebenbild Gottes. Das macht ihn tatsächlich zu etwas Besonderem und er bekommt auch besondere Verantwortung. Ist Ihnen aufgefallen, dass nur der Mensch einen Auftrag bekommt? Dieser Auftrag heißt: „Schätzt die Erde, passt gut auf sie auf und bebaut und bewahrt sie!“ In Anbetracht der Zeit verzichte ich darauf, auszuführen, wie wir mit diesem Auftrag umgegangen sind und immer noch umgehen. Die Erde droht inzwischen zu kippen, weil wir sie nicht bebauen, sondern zupflastern, nicht bewahren, sondern ausbeuten. Und meistens geht es um Macht, um Geld, um Beziehungslosigkeit, ausgelöst durch grenzenlosen Egoismus und Gier.

Lassen wir es erst einmal so stehen, denn im Schöpfungsbericht kommt ja noch etwas; es folgt, sozusagen als Sahnehäubchen auf Allem, noch der siebte Tag. An dem tut Gott nicht etwa nichts, sondern er erfindet die Ruhe. Nur dieser siebte Tag wird geheiligt. Wir haben fatalerweise fast vollständig vergessen, warum dieser Tag geheiligt ist: Auch wir sollen an diesem Tag nämlich nicht etwa einfach nichts tun, sondern in Beziehung treten: In Beziehung zu Gott, in Beziehung zu uns selbst, in Beziehung zu unseren Nächsten, in Beziehung zu unseren Mitgeschöpfen. Ein Tag des Dankens und Jubelns soll jeder Sonntag sein, dass Gott da ist und mit uns leben möchte; dass er uns mit seinem Wort ansprechen und mit seinem Geist erfüllen möchte. Ein Tag, der uns Christen zudem natürlich an die Auferstehung Jesu erinnert. Und die Auferstehung ist nur mit der Schöpfung zu vergleichen. Beide Male erschafft Gott aus Nichts, aus Dunkel, aus völligem Chaos neues Leben.

Daran erinnert der siebte Tag Woche um Woche. Er wird allen geschenkt, auch der Natur. Aber wir kennen manchmal nur noch den Rhythmus der unermüdlichen Leistung, der Ausbeutung, des Profits. Weder Mensch noch Tier noch Maschine dürfen je stillstehen, denn das würde ja dem Wirtschaftswachstum schaden. Und dann fragen wir uns manchmal auch noch, warum es unseren Seelen oft so schlecht geht. Wenn wir der Bibel glauben, liegt es auf der Hand, warum es eigentlich nur schief gehen kann, denn wir sind nicht auf Wirtschaftswachstum, sondern auf Beziehung hin angelegt. Wenn wir unsere Beziehung zu Gott abbrechen, wenn wir unsere Beziehung zu unseren Mitmenschen abbrechen, wenn wir unsere Beziehung zu unseren Mitgeschöpfen abbrechen, wird es auch weiterhin schief gehen. Immer dann, wenn wir meinen, wir könnten uns aus dem wundervoll abgestimmten Beziehungsgeflecht herausnehmen und uns über Gott, über einen anderen Menschen oder über Pflanzen, Erde, Wasser, Luft und Tiere stellen, immer dann wird es auch weiterhin schief gehen. - Ob die Welt noch zu retten ist? Ich weiß es nicht. Aber ich will, so schwer mir das manchmal auch fällt, Gott vertrauen, dass er seine Welt nicht aufgibt, auch uns nicht aufgibt. Dass er Jesus geschickt hat, zeigt ja noch einmal, wie sehr er Beziehung zu uns sucht. Sein Leben, sein Sterben und vor allem die Auferstehung sind Zeichen dafür, dass Gott uns nach wie vor auf den Weg des Lebens schickt. Wir haben immer noch den Schöpfungsauftrag, mehr denn je. Und immer noch traut Gott einem jeden von uns zu, ihn zu erfüllen, nicht allein, nicht aus eigener Kraft, sondern aus der Beziehung heraus – der Beziehung zu Gott und der Beziehung natürlich untereinander.

Und das löst dann doch Jubeln in mir aus und große Dankbarkeit, dass wir uns Sonntag um Sonntag versammeln können, um Gott sprechen zu hören, mitten hinein in das Tohuwabohu, das wir immer wieder anrichten. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser menschliches Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.      

 

Es wünscht Ihnen einen gesegneten Sonntag Ihre Pfarrerin Bettina Weber

Hier der Link zum Bild von Salvador Dali:

 

https://bildbeschreibungen.files.wordpress.com/2016/10/salvador-dali-die-versuchung-des-heiligen-antonius-1946_re-k_10272.jpg

 

Quasimodogeniti    Kol 2,12 – 15        

Kolosserbrief 2,12-15
Mit Christus seid ihr begraben worden durch die Taufe;
mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.
Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden.
Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet.
Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus.

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Liebe Gemeinde,
vor einer Woche haben wir Ostern gefeiert.
Christus ist auferstanden!
Er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja!
Diese Botschaft haben die Frauen in der Welt verbreitet, die das leere Grab besucht haben.
Und, o Wunder…
Viele Menschen glauben sie, diese Botschaft.
Der auferstandene Christus hat sich wenigen Menschen gezeigt, den Frauen, den Jüngern und einigen anderen.
Er hat keinen Triumphzug durch Jerusalem in aller Öffentlichkeit veranstaltet.
Im Gegenteil:
Er hat den Jüngern von den Frauen ausrichten lassen, sie sollen nach Galiläa – in ihre Heimat zurückkehren.
Dort ist er ihnen erschienen – am See Genezareth wie wir es im Evangelium gehört haben.
Das war alles!
Doch auf die einst so verängstigten und eingeschüchterten Jünger hat diese Begegnung wohl so beeindruckend gewirkt, dass sie sich aufgemacht haben und ohne Angst die Botschaft von der Auferstehung Jesu in die Welt hinausgetragen haben.
Und tatsächlich müssen sie sehr überzeugend gewirkt haben auf ihre Zuhörer, die Jünger und wohl auch die Frauen, die zum engsten Kreis von Jesus gehört haben.
Eine „unglaubliche“ Geschichte erzählen sie da.
Der am Kreuz verlassen gestorbene, ist von Gott auferweckt worden.
Er ist zwar zu seinem Vater im Himmel zurückgekehrt.
Aber er bleibt mit seinem guten Geist dieser Welt verbunden.
Er spricht durch seine Worte, die weitererzählt werden von den Menschen.
Und er ist in Brot und Wein mitten unter denen, die sich im Gottesdienst zum Abendmahl versammeln.
Wer glaubt so etwas?
    Viele glauben es!
        Und es wurden täglich mehr!
            O Wunder!
Das hatten sie nicht auf dem Schirm – die Mächtigen und die Meinungsführer jener Zeit, die Römer ebenso wenig wie religiöse Machtelite in Jerusalem.
Vereint wollten sie eine „Spezialoperation“ durchführen.
Ihr Plan war es, den Jesus, der die Massen begeistert hat, mit der Kreuzigung zu beseitigen.
Danach wird sich seine Bewegung wohl schnell auflösen.
So der Plan der damaligen Spezialoperation.
Und dann das!
Die Menschen glauben die unglaubliche Geschichte.
Massenhaft wenden sie sich den Jüngern zu, die eine ganz neue Form des Glaubens leben.
In ihrer neuen Glaubensbewegung, da werden die Menschen nicht unter Gesetze und Vorschriften gedrückt.
In ihrer neuen Glaubensbewegung, da werden festgefahrene Gewohnheiten aufgelöst und die Menschen werden dazu ermutigt, frei zu reden, frei zu denken, frei zu glauben und sich freiwillig gegenseitig zu helfen.
Frauen reden öffentlich von ihrem Glauben.
Fischer und Zöllner stellen sich hin und erzählen die Geschichten von ihren Begegnungen mit Jesus und dem auferstandenen Christus weiter.
Und die Menschen glauben ihnen – massenhaft.
In der neuen Glaubensbewegung, da atmen sie auf.
Plötzlich wird ihnen nicht mehr vorgeschrieben, wie sie den Sabbat zu feiern haben und wie weit sie am Sabbat gehen dürfen.
Stattdessen kommen sie zusammen, an ganz vielen unterschiedlichen Orten, an ganz vielen unterschiedlichen Tischen.
Sie essen und trinken gemeinsam, …
nicht mehr getrennt nach Frauen und Männern, …
nicht mehr getrennt nach Frommen und Zöllnern, …
sondern vereint als Menschen mit einer großen Sehnsucht nach Liebe,
nach Frieden
und nach Versöhnung in ihrem Herzen.

Und sie erleben, dass der Urheber ihrer Sehnsucht, der auferstandene Christus, mitten unter ihnen erfahrbar ist, in Brot und Wein…
Jedes Mal wieder…
Jedes Mal neu…
Ja, das hatten sie nicht auf dem Schirm…
… die Urheber der „Spezialoperation“ Kreuzigung!

Und so macht sie sich selbstständig, diese neue Bewegung des Auferstandenen.
Sie lässt sich nicht einschüchtern von Drohungen und von der Propagandamaschine der Mächtigen, die den Glauben an den Auferstandenen ins Lächerliche ziehen.
Sie glaubt einfach – diese Bewegung des Auferstandenen.
Sie lebt einfach.
Und sie überzeugt mit der Art und Weise, wie sie glaubt und wie sie zusammenlebt.

So triumphiert der Auferstandene über die Mächtigen…
Nicht mit einem noch mächtigeren Heer…
Nicht mit noch mehr Macht, die andere unter ihre Gewalt zwingt.

Der Auferstandene triumphiert dadurch, dass die Menschen, die seinem Weg folgen, anders leben, anders, denken und anders miteinander umgehen.
Liebevoll eben, rücksichtvoll und versöhnungsbereit.

Ja, der Auferstandene triumphiert.
Aber bleiben wir am Boden mit dem Triumph unseres österlichen Glaubens an die Auferstehung!
Bleiben wir am Boden, so wie der Heilige Antonius auf dem beeindruckenden Bild, das Salvador Dali 1945 gemalt hat – nach dem Ende des verheerenden 2. Weltkriegs.


Wie kann diese Welt nach den Verwüstungen und dem Leid des Krieges eine Bessere werden?
So fragten sich viele Menschen damals.
Und die Antwort Dalis ist so verblüffend und unglaublich wie eben unser österlicher Glaube auch.
Auf Dalis Bild, da sehen wir einen gealterten aber kraftstrotzenden Mann im Vordergrund – den heiligen Antonius.
Nackt kniet er auf einer wüst wirkenden Erde.
Nichts hat er vorzuweisen gegenüber den Symbolen der Macht, die da auf ihn zukommen – nichts außer dem Kreuz.
Und so triumphiert er bis heute – der auferstandene Christus.

Er ermutigt Menschen zum Glauben daran, dass sie mit dem nackten Glauben am besten bestehen können und mit diesem nackten Glauben, eine Kraft ausstrahlen, die sie sich selber nie zugetraut hätten.

Was da dem Heiligen Antonius entgegenzieht, das kann den Betrachter zum einen erschrecken und zum anderen verführerisch schwach machen.
Das übergroße Streitross im Vordergrund bäumt sich bedrohlich vor Antonius auf, so als wollte es ihn zermalmen.
Doch dieses Streitross steht auf wackeligen Beinen.
Die Vorderhufe sind ihm verkehrt herum angebracht.
Und in seinem schmerzverzerrten Gesicht sieht man, dass es im Unreinen mit sich selber ist bei jedem Schritt, den es tut.
Dahinter sehen wir vier Elefanten – die größten Tiere dieser Erde –
mit den Symbolen der Macht der „großen Tiere“ unter uns Menschen –
zur Schau gestellter Sex,
eine prunkvolle Siegessäule,
einen imposanten Protzpalast
und einen in den Himmel reichenden Turm.

Hoch hinauf geht es da.
Doch das, was so bedrohlich und verlockend zugleich wirkt, steht auf wackeligen Beinen.
Ja, die Macht der Mächtigen ist vergänglich.
Aber leider dauert sie oft viel zu lange für die, die unter ihnen zu leiden haben.
Das ist traurig aber wahr.
Doch was bleibt und in Ewigkeit Bestand haben wird, das ist die nackte Kraft eines Glaubens an die Liebe, die Versöhnung und an die Freiheit von der Fremdbestimmung.

Diese Kraft schenkt uns der auferstandene Christus, heute, morgen und in alle Ewigkeit.
Amen

Es grüßt Sie Pfarrer Jürgen Rix

 


Ostersonntag

Tag der Auferstehung

17. April 2022

 

Wir hören als Predigttext Markus 16, 1-8:

Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und den Leichnam Jesu zu salben.

Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?

Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.

Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes, weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.

Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

Und sie gingen hinaus und flohen vor dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.

 

Liebe Gemeinde,

„Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ – Diese Frage der drei Frauen hat in mir Fernsehbilder der vergangenen Wochen heraufbeschworen; Fernsehbilder, die zeigen, wie Menschen mit bloßen Händen versuchen, die Trümmer zerbombter Häuser wegzuräumen, um dorthin zu kommen, wo sie ihre Liebsten begraben vermuten. Wem gehen sie nicht nahe, diese Bilder, von verzweifelten Menschen, denen innerhalb von Sekunden ihre Welt abhandenkam und die weinend durch die Straßen irren auf der Suche nach dem Vorher. Aus der ganzen Welt erreichen uns diese Bilder. Zurzeit sind es wohl die Bilder aus der Ukraine, die uns besonders betroffen machen. Welch tonnenschwere Steine mögen diesen Menschen wohl auf der Seele liegen. Wie kann es weitergehen?

Wie kann es weitergehen? Das haben sich sicher auch die Menschen gefragt, die den Tod von Jesus am Kreuz und seine Grablegung erlebt hatten. Wir können davon ausgehen, dass die Frauen, die sich auf den Weg zum Grab machten, nicht etwa von der Hoffnung auf ein Wunder angetrieben wurden. Vielmehr waren es wohl ihre tiefe Trauer und der Wunsch, das Einzige zu tun, was ihnen noch möglich erschien, nämlich Jesus einen letzten Liebesdienst zu erweisen, indem sie seinen toten Leib nach alter jüdischer Tradition salbten.

Die Frauen hatten ihre ganze Hoffnung auf Jesus gesetzt, manche hatten alles für ihn aufgegeben, waren Jesus nachgefolgt, um ihn auf seinem Weg zu begleiten. Und jetzt: Jetzt waren all diese Hoffnungen und Lebensentwürfe und Träume begraben, hinter einem sehr großen, schweren Stein, unverrückbar quasi, so unüberwindbar wie der Tod selbst. Die Frauen fragten sich zu Recht, wie man denn diesem Stein Herr werden sollte. Und so war es in doppelter Hinsicht noch dunkel, als sie losgingen, dunkel wegen der noch sehr frühen Tageszeit, dunkel aber eben auch, weil Karfreitag gewesen war. Dunkel war es durch den Verrat des Judas, dunkel war es durch die Verleugnung des Petrus, dunkel war es durch die Feigheit des Pilatus, dunkel war es durch die Selbstherrlichkeit der Hohenpriester, dunkel war es, weil alle Jünger davongelaufen waren, dunkel war es durch die Qualen und den Tod Jesu.

Was mich an dieser Geschichte dann immer wieder zutiefst wundert und berührt, das ist, dass sich die Frauen überhaupt auf den Weg machten. Trotz ihrer Trauer, die sie ja auch hätte lähmen könnte, trotz ihrer Angst, womöglich auch als Jüngerinnen Jesu verhaftet zu werden, trotz ihrer Ratlosigkeit, wie sie denn nur um alles in der Welt diesen Stein überwinden sollten – trotz all dem ließen sie sich nicht davon abhalten, einfach loszugehen, zu dritt, im Dunkeln. Es kann unmöglich nur Pflichtgefühl gewesen sein, das sie zum Grab trieb, nur die Liebe kann etwas so völlig Irrationales tun. Nur ihre Liebe zu Jesus, der ihr Leben verändert hatte, ließ sie auch an diesem dunklen Morgen noch seine Nähe suchen. Und es ist, als ob Gott ihre Liebe belohnt, denn sie dürfen die ersten Zeuginnen der Auferstehung werden.

Sie sind es, die als erste diese unfassbare Entdeckung machen: Sie müssen den Stein gar nicht bewältigen. Er ist bereits bewältigt worden. Und das, was sie dann sehen, das liegt jenseits aller Hoffnungen und aller Erwartungen. Sie erfahren, dass es doch eine Zukunft gibt und dass der mit Jesus begonnene Weg doch weiterführt – aber auf völlig andere Art und Weise, als sie es sich je hätten denken können. Auf so andere Art und Weise, dass sie bis in ihre Herzen hinein erschrecken. Die Halleluja-Rufe kommen erst viel später.

Die Frauen gehen in das Grab hinein und sehen einen Jüngling dort sitzen in einem langen weißen Gewand, ein Engel, ein Bote Gottes, der Himmel und Erde verbindet. „Schön“, denken wir vielleicht, für die Frauen ist es erst einmal noch etwas völlig Unverständliches. Und völlig Unverständliches macht uns Angst. Sie entsetzten sich, heißt es. Und dann hören sie diese schönen Worte, die genau 365 Mal in der Bibel stehen: „Fürchtet euch nicht!“

Wir brauchen auch heute noch genau diese Worte, denn stehen wir denn anders da als die Frauen? Wieviel Dunkel und völlig Unverständliches umgibt auch uns, sei es in der eigenen Seele, sei es in der eigenen kleinen Familie, sei es in der ganzen großen Welt. Dahinein Hoffnung zu bringen – ja, wie denn? Vielleicht aber eben genau dadurch, dass wir uns diese Worte von Gott zusprechen lassen: Fürchtet euch nicht. Und dann: Sucht Jesus, ja, sucht ihn, aber nicht bei den Toten, sondern bei den Lebendigen.

Das heißt, bleibt nicht im Dunkeln stehen, sondern geht weiter, es gibt Zukunft, es gibt jemanden, der auch den schwersten Stein beiseiteschaffen kann, es gibt das Osterlicht.

Wir können so viel lernen von den Frauen der Ostergeschichte: Auch wir stehen wie sie oft in völliger Hoffnungslosigkeit, wissen nicht, wie es weitergehen soll, wissen nicht, wie wir helfen sollen, haben keinerlei Idee, wie der große Stein weggeschafft werden kann. Es wird wohl auch uns nichts anderes übrigbleiben als damals den Frauen, nämlich dennoch loszugehen, ein Gebet kann solch ein Losgehen sein: „Herr, hilf mir, zeig mir den Weg“ -  das reicht schon. Die Dunkelheit wird sich deswegen nicht einfach schlagartig auflösen. Dämmerung braucht seine Zeit, erst dann kann ein neuer Morgen kommen. Auch Auferstehung bedeutet nicht, dass wir um den Tod herumkommen. Es gibt ihn noch mit all seinen schrecklichen Verletzungen, die er uns beibringt.

Um diese schrecklichen Verletzungen, die der Tod schlägt, doch irgendwie aushalten zu können, sollten wir nicht alleine gehen, sondern zusammen, zu zweit, zu dritt. Gemeinsam, Gemeinde - Wir brauchen einander.

Das ist ja letztendlich auch immer wieder das, was Menschen hilft, durch schlimme Situationen hindurch zu kommen, indem sie merken: Wir sind nicht allein. Andere zeigen ihre Solidarität oder sie geben etwas ab von ihrem Besitz, ihrem Geld, ihrer Zeit, um zu helfen.

Und genau das ist doch die Botschaft von Jesus: Dass er uns hinausschickt als seine Jünger und Jüngerinnen und schon den ersten Jüngern und Jüngerinnen hat er gesagt: „Geht nicht allein. Geht zusammen!“

Die Welt braucht treue Menschen, die gerade die dunklen Wege mitgehen, die mitweinen, mittrauern, sich mitfürchten und die trotz allem an eine Zukunft glauben und nach ihr suchen, auch wenn noch keinerlei Plan dafür existiert. Gott hat einen Plan und er wird ihn uns zeigen, so wie er den Frauen seinen Heilsplan mit dem auferstandenen Christus buchstäblich vor Augen stellte.

Die Frauen bekamen dann den Auftrag, es weiterzuerzählen: Dazu wurden sie mit den Jüngern nach Galiläa geschickt: Dort ist die Geschichte Jesu weitergegangen und hat von dort aus die ganze Welt erreicht.

Was wir als frohe Botschaft auch heute mitnehmen sollen, ist ganz kurz zusammengefasst dann vielleicht dies: „Gib keinesfalls dein Vertrauen zu Gott auf, auch in dunkelster Nacht nicht. Und weil du das von dir aus nicht kannst, bitte ihn jeden Tag, dein Vertrauen zu stärken. Damit es wachsen kann, jeden Tag, damit es die Chance hat, dich und andere schließlich auch durch Dunkelheiten zu führen.

 Und sei gewiss: Jeden Tag, sei es in der Passionszeit, sei es am Ostermorgen, spricht Gott es uns zu: Fürchte dich nicht, ich bin da.“ 

Denn der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja! Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser menschliches Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

Möge Gott uns segnen mit Unbehagen bei hingeworfenen Antworten, Halbwahrheiten und oberflächlichen Kontakten, damit wir auf das Innere unseres Herzens hören.

Möge Gott uns segnen mit Wut über Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Menschen-Ausbeutung, damit wir uns für Gerechtigkeit, Gleichheit und Frieden einsetzen.

Möge Gott uns segnen mit Tränen über diejenigen, die unter Qualen, Zurückweisung, Hunger und Krieg leiden, damit wir unsere Hand ausstrecken, um sie zu trösten und ihren Schmerz in Freude zu verwandeln.

Und möge Gott uns segnen mit der Torheit, zu meinen, wir könnten die Welt verändern, damit wir die Sachen vollbringen, von denen andere uns sagen, sie seien nicht zu machen.

 

             Es wünscht Ihnen ein gesegnetes Osterfest Ihre Pfrin Bettina Weber


Karfreitag

Tag der Kreuzigung unseres Herrn

15. April 2022

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

als der Kirchenvater Augustin einmal am Ufer des Meeres stand, sagte er: „Ich sehe die Tiefe, aber ich kann nicht auf den Grund kommen.“ Wir stehen heute sozusagen am Ufer des Karfreitags, erahnen vielleicht dessen Tiefe, aber ob wir auf den Grund kommen können? Das, was heute vor gut 2000 Jahren für uns geschah, wird immer auch unausschöpflich, unfasslich, bleiben.

Ich lese Lukas 23, 33-49:

Es wurden auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit Jesus hingerichtet würden. Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken.

Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!

Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum.

Und das Volk stand da und sah zu.

Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber!

Es war über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König.

Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!

Da antwortete der andere, wies ihn zurecht und sprach: Fürchtest du nicht einmal Gott, der du doch in gleicher Verdamnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsere Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.

Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!

Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände.

Und als er das gesagt hatte, verschied er.

Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen!

Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um.

Es standen aber alle seinen Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

 

Liebe Gemeinde,

das grausame Geschehen auf Golgatha beschreibt Lukas mit nur wenigen, sachlichen Worten: Sie kamen hin, sie kreuzigten ihn und die beiden Übeltäter mit ihm.

Die Kreuzigung war eine Strafe der Römer. Angewandt wurde sie gegen Aufrührer, gegen Menschen, die der herrschenden Macht gefährlich hätten werden können. Und wenn da nun eben jemand kommt und sich als Gottes Sohn höchstpersönlich bezeichnet – das war in den Augen vieler sehr gefährlich. Die Kreuzigung war ein öffentliches und qualvolles Sterben, das sich über Stunden, manchmal Tage hinzog. Deutliches Zeichen der Macht des Stärkeren, Demütigung, Abschreckung.

Am Kreuz zu hängen, das heißt, endgültig fixiert zu sein auf das, was man getan hat. Von Jesus heißt es: „Er hat uns allen wohlgetan. Den Blinden gab er das Gesicht, Betrübte hat er aufgericht. Er nahm die Sünder auf und an. Sonst hat mein Jesus nichts getan!“ So heißt es in der Johann-Sebastian Bach-Passion. Das hat Jesus also getan: Er hat uns wohlgetan, er hat uns an- und aufgenommen.

Golgatha, das sind drei Kreuze, zwei Übeltäter und der Wohltäter in der Mitte. Bis zum Schluss bleibt Jesus, wahrer Mensch und wahrer Gott, ins Schicksal der Menschen verflochten, auf das fixiert, was Menschsein bedeutet.

Gehen wir am Text entlang:

Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! – Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum.

Die Kernfrage des Karfreitags ist, was dieser Tod an diesem Kreuz mit uns zu tun hat. Einer der Schlüssel liegt sicher in diesem Wort Jesu „Vater, vergib…“. Der Unschuldige bittet noch für seine Mörder und ihre Helfer und zwar nicht einmal in Bezug auf Gottes Barmherzigkeit und Gnade, sondern weil er sie als Unwissende sieht. Kein Vorwurf. Keine Anrechnung von Schuld, sondern Ent-Schuldigung. Nietzsche, nun wirklich einer der schärfsten Kritiker des christlichen Glaubens, nannte es die „Umwertung aller Werte“. Wir ahnen die Tiefe - auf den Grund kommen können wir nicht. Wussten die Menschen damals denn wirklich nicht, was sie taten? Wissen wir, was wir tun? Wir ringen ja auch oft genug um die Wahrheit oder wissen nicht so genau, welche Position wir beziehen sollen. Oder wir beziehen Position – und dann stellt sich heraus, sie war falsch. Ob wir’s wissen oder nicht: Jesus bittet auch für uns. Unverdient. Das hat der Karfreitag mit uns zu tun

Dass die Soldaten um Jesu Kleider würfeln, weist auch auf eine tiefere Wahrheit hin. Zum einen ist es der deutliche Ausdruck dafür, dass Jesus seine Kleider nicht mehr brauchen wird. Er steigt nicht mehr lebendig herab. Zum anderen ist es Zeichen dafür, dass Gott selbst sich vor der Welt entblößen lässt, damit wir sehen, wer er ist: Seht, welch ein Mensch. Und die Soldaten, die Jesus verspotten, merken gar nicht, dass er hilft, indem er sich selbst eben nicht hilft, sondern drin bleibt im Menschlichen und dadurch wahrhaftig unser Bruder geworden ist. Jesus macht sich nicht davon und lässt uns im Elend zurück, sondern er bleibt da, er lässt sich entkleiden, damit wir ein schützendes und bergendes Gewand haben, wenn wir nackt und bloß vor Gott stehen werden, als Übeltäter, als Sünder. Von Gott werden wir auch dann mit seinem Gewand der Liebe bekleidet, gerade dann, wenn der Tod uns das letzte Hemd anzieht, das bekanntlich keine Taschen hat. Wir werden nichts in Händen haben, wenn wir vor Gott stehen. Aber er umkleidet uns mit seinem Gewand, das tiefe Taschen hat, gefüllt mit Liebe. – Umwertung aller Werte. Die Tiefe in all dem kann man nur erahnen, nicht ergründen.

Und das Volk stand da und sah zu.

Wir kennen sie zur Genüge, die Katastrophentouristen auf Autobahnen, bei Bränden, bei Unglücksfällen. Das sind krasse Fälle, ja, aber dennoch zeigen sie etwas über die dunklen Seiten der Menschen: Dass Abstoßendes, Schreckliches anzieht oder auch: Dass man völlig gefangen ist vom Gefühl der Hilflosigkeit, obwohl zusammen durchaus etwas zu machen wäre.

Ist es Ihnen aufgefallen? Auch dieses, das Zusehen der Vielen, wird hier nicht kritisiert, nur in dieser sachlichen Art festgehalten. Aber das, was wir sehen, prägt uns, Bilder haften in uns, verändern uns. Wie hat es die, die es gesehen haben, verändert?

Von drei Menschen wissen wir es: Die beiden Übeltäter, die sehen, was geschieht und der Hauptmann, der unter dem Kreuz steht, verhalten sich zu dem Gesehenen. Die beiden neben Jesus – was sie verbrochen haben, erzählt Lukas nicht. Sie selber wissen es natürlich schon. Jedenfalls sind sie, genau wie Jesus, endgültig auf das fixiert, was sie getan haben. Und es gibt keinen Ausweg mehr. Auch sie werden nicht lebendig vom Kreuz herabkommen. Was bleibt dann noch? Der eine schreit seinen Hohn und Spott hinaus, verbündet sich mit denen, die auch sehen und doch nichts sehen. Die letzte Gelegenheit, tiefer zu sehen, vergeht ungenutzt. Verkorkstes Leben, denn dieser Mann wird in seiner Lebenslüge sterben.

Der andere erträgt dieses Verhalten nicht. Und seltsam, ausgerechnet dieser Übeltäter, der genauso gequält am Kreuz hängt wie Jesus, von dem man eigentlich meinen könnte, dass da keine Erkenntnis, überhaupt nichts mehr möglich sein kann, ausgerechnet der erkennt Gott: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“

Jesus bleibt bis zum Schluss verflochten in das Schicksal von Menschen: Drei Kreuze stehen auf Golgatha und Jesus in der Mitte. Der eine lehnt ab, bis zum Schluss, der andere erkennt Gott am tiefsten Punkt seines Lebens. Und Jesus spricht zu ihm: „Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.“

 

Golgatha und das Paradies, total verkorkstes Leben, völlige Unwissenheit und Ignoranz, Hohn und Spott und dann der Garten, das Paradies, wo Gott und Mensch sich wieder versöhnt begegnen werden. Größer können die Gegensätze kaum sein. Jesu Antwort, mit der wir bis heute alle Sterbenden und Trauernden zu trösten versuchen, führt nicht nur in die Tiefe, sondern sie lässt für einen Augenblick tatsächlich den Grund sehen. Denn das ist der Grund, der Sinn von Golgatha, der Sinn des Todes des einzig unschuldigen Menschen: Dass Gott in Jesus mit den Menschen untrennbar zusammenbleibt bis zum letzten Atemzug und eben sogar weit darüber hinaus.

Alle Menschen mit all ihrer Verzweiflung, all ihrer Schuld, all ihrem Nichtwissen Wollen und Nichtwissen Können, stehen seither unter diesem Kreuz. Und hinter dem Kreuz leuchtet die Ostersonne: So wie im Leben Gott mit uns verbunden bleibt, so auch im Tod. Nichts kann uns aus der Verbindung zu Gott herausholen.

Der Hauptmann, ein Römer, sieht, wie Jesus stirbt mit seinen letzten Worten: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ Und als der Hauptmann sieht, was geschieht, da kommt ausgerechnet von ihm, dem Heiden, dieses Bekenntnis: „Das ist ein Gerechter gewesen.“ Noch einer also, der etwas begreift.

Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.“

Viel ist geschehen auf Golgatha, viel kann da gesehen werden, obwohl es dunkel wurde, als Jesus starb. Er starb zusammen mit den beiden Männern zur Rechten und zur Linken. Am Ende ist es so wie am Anfang zur Geburt Jesu in Bethlehem: Die Menschen, die nicht nur gegafft, sondern gesehen haben, kehrten um: In Bethlehem waren es die Hirten, in Golgatha das ganze Volk. Die Hirten kehrten um mit dem Lob Gottes auf den Lippen, das Volk hier kehrt um, in dem sie sich auf die Brust schlagen, Zeichen der Betroffenheit, der Buße. Sie haben etwas gesehen. Manchem mag es dann wie Schuppen von den Augen gefallen sein.

Viele haben Jesus gesehen. Manche haben sich ihm zu-, manche haben sich von ihm abgewendet. Und Jesus hat sie alle gesehen, so wie er uns sieht. Er hat sich allen zugewendet, so wie er sich auch heute noch allen zuwendet. Von Anfang an sah er, wohin sein Weg führen würde durch das Nicht-Sehen der Menschen. Dennoch ging er diesen Weg, ging ihn bis ans Kreuz, wo ihn die Unmenschlichkeit auf seine Unschuld festnagelte.

Golgatha, das sind drei Kreuze, das sind Menschen mit allem, was Menschsein ausmacht, Gutes wie Böses. Und Jesus in der Mitte. Bis zum Schluss holt er die Menschen dicht zu sich heran, damit sie sehend werden. Am frühen Ostermorgen werden wieder Menschen ganz in seiner Nähe stehen und Unerwartetes sehen, das leere Grab nämlich und die Engel, von denen sie gefragt werden: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden!“ (Lk.24, 5).

Wir ahnen die Tiefe, auf den Grund kommen können wir nicht. Grundlose, unergründliche Liebe Gottes zu uns. Schützendes Gewand im Leben wie im Tod. Unverbrüchliches bei uns sein. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles menschliche Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Es wünscht Ihnen einen gesegneten Karfreitag Ihre Pfarrerin Bettina Weber

 

 

Seine Gerechtigkeit gegen mich hätte ich begriffen,

seine übermäßige Liebe ist unbegreiflich.

Stefan Andres

Gründonnerstag

Tag der Einsetzung des Heiligen Abendmahls

14. April 2022

14.4.2022     Gründonnerstag    1. Korinther 10, 16-17   

Das Predigtwort
1.Kor 10,16

16 Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi?
Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?
17 Denn ein Brot ist's:
So sind wir viele ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben.

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Liebe Gemeinde!

Die Jünger sind versammelt um einen Tisch und essen das Brot, das Jesus geteilt hat.
Auch Judas, der Verräter ist dabei.
Die Jünger wundern sich darüber, weil Jesus ihnen so alltägliche Dinge wie Brot und Wein reicht, die in Israel zu jedem Essen gehören.
Sie wundern sich vor allem darüber, wie Jesus das Brot und den Wein deutet, nämlich als sich selbst, als seinen Leib und als sein Blut.
In jeder Hostie, in jedem Schluck Wein ist Jesus mitten unter uns.
So lernen wir es im Konfirmandenunterricht und so lehrt es die Kirche bis heute.
Wir sehen den Christus, dessen Nähe wir im Abendmahl, feiern nur indirekt.
Wenn wir in den Kelch blicken, aus dem wir trinken, dann sieht jeder darin sein eigenes Gesicht.
Ich – ein Jünger Jesu.
Ich – einer, mit dem Jesus etwas vorhat.
So ist es bis heute.
Und so wird es bleiben, bis Jesus einmal wiederkehrt.
Wir Christen sind eine Gemeinschaft, die sich um das Brot und um den Wein herum versammelt, weil wir glauben, dass Jesus im Brot und im Wein unter uns ist.
Christus steht im Mittelpunkt unseres Abendmahls, obwohl wir ihn nicht direkt anschauen können.
Wir können ihn nicht berühren, so wie den vertrauten Menschen, zu dem wir keinen Abstand halten müssen.
Und dennoch:
Jesus ist wirklich dabei beim Abendmahl.
Er selbst ruft uns zusammen.
Er selbst weckt in uns das Bedürfnis, dass wir uns aufmachen, um die Gemeinschaft mit ihm und mit anderen Christen zu erleben.
Seit fast 2000 Jahren ruft der HERR unserer Kirche uns Christen zum Abendmahl.
Und seit fast 2000 Jahren finden sich immer wieder Menschen, die diesem Ruf folgen.

Was diese Menschen suchen, das ist bis heute das Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören.
Und was sie aus dem Abendmahl mitnehmen, das ist der ermutigende Zuspruch, dass Jesus ihnen ihre Schuld vergeben hat und sie fähig macht anderen zu vergeben.

Es sind mindestens drei Dinge, die wir am letzten Mahl Jesu mit seinen Jüngern über die Gemeinschaft lernen können.
Das erste ist dies:

Jesus will das Passahmahl halten!
Er will die gute alte Tradition nicht abreißen lassen.
Er will noch einmal mit seinen Jüngern zusammen sein, feiern und Gemeinschaft haben.
     Was uns daran aufgehen könnte?

Dass es wichtig ist, die Traditionen festzuhalten, die ja auch uns vorgegeben sind.
Sei es die Feier der Kerwa, eines wichtigen frohen oder auch traurigen Ereignisses in unserem Leben oder seien es die anderen Feste unserer Kirche.
Alles das gibt ja Gelegenheiten, dass wir uns sehen, begegnen, dass die Beziehungen, die Freundschaften, die Bande zwischen uns gepflegt und fester werden.
So ist es unser innerster Wunsch und unser Bedürfnis!
Und bedenken wir dabei noch dies:
Wenn die Tradition erst abgerissen ist, wenn wir erst aufhören, um die Linde zu tanzen, dann kann man das nur mühsam wieder neu beleben.

II
Das zweite, was wir an der Abendmahlsgeschichte über die Gemeinschaft lernen könnten, ist das: …

…Jesus setzt sich selbst mit einem Judas an einen Tisch!
Er geht der Begegnung mit diesem Verräter nicht aus dem Weg.
Er hält an der engsten Gemeinschaft fest, die damals und heute denkbar war:
Er isst und trinkt mit einem, der ihn an den Galgen liefern wird, der schon die 30 Silberlinge dafür in der Tasche hat, mit einem also, der schuldig ist am Tod des Menschen, der ihn in den Freundeskreis seiner Jünger aufgenommen hat.
Was möchte uns das sagen?

Müsste es nicht möglich sein - wenn wir doch Christen heißen wollen - auch mit denen umzugehen, die an uns schuldig geworden sind?
Vielleicht einer, der vor Jahren einmal ein Gerücht über mich in die Welt gesetzt hat, was ich ihm bis heute nicht verziehen habe.
Vielleicht auch solche, die sich einmal im Ton vergriffen oder etwas Unbedachtes getan haben.
Ob wir nicht einen Anfang machen?
Ob wir nicht anbieten, dass wir uns wieder einmal zusammensetzen?
Ob wir nicht die Hand reichen zur Versöhnung?

Und wohlgemerkt: Es könnte ja auch umgekehrt sein!
Vielleicht habe ja auch ich Schuld auf mich geladen?
Vielleicht bin ich es ja auch, dem ein anderer vergeben müsste.
Kann ich erwarten, dass mir einer entgegenkommt, solange ich dazu beim anderen nicht bereit bin?
(Wie heißt das im Vaterunser:
Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern.)

III
Und das führt uns noch zum dritten in dieser Geschichte des letzten Mahles Jesu:
„Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's den Jüngern und sprach:
Nehmet, esset; das ist mein Leib.“
Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach:
„Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“
Als Jesus das sagte, war Judas noch nicht gegangen!
Er saß noch dabei.
Er hat auch hier noch Anteil...an der Vergebung, an der Gemeinschaft mit Jesus, an seinem Leib und Blut.
Jesus schließt ihn nicht aus.
Was zeigt uns das?
     Gleich zweierlei.
     Zuerst dies:
Wir sollen auch niemanden aus unserer Gemeinschaft schicken.
Denn Gemeinschaft bedeutet Leben.
     Und dann:
Auch für solche Menschen, wie Judas einer war, gibt Jesus sein Leben dahin.
Er vergießt sein Blut - auch für sie.
Er leidet - auch für solche.
Er stirbt am Kreuz - für Gute und Böse.
Vergessen wir das nicht!
Jeder Mitmensch - auch einer, der uns ganz und gar nicht gefällt,
auch der Schuldige und noch der größte Sünder.
Es gibt also nicht wertvollere Menschen, die zu uns gehören und weniger wertvolle.
Alle sind geheiligt, weil Jesus sie an seinen Tisch einlädt.
Sollten wir anderen jetzt die Schuld vorrechnen, die Jesus Christus ihnen vergeben hat?
Solange sie sich nicht selbst der Gemeinschaft mit uns entziehen, gehören sie also zu uns und zu Jesus, denn auch wir gehören ja zu ihm.
Die Gemeinschaft mit Jesus und untereinander ist eine wichtige Sache.
Heute mehr denn je.
Auch wenn man in dieser Zeit manchmal denken könnte, die Menschen lebten gern im Schneckenhaus und nur noch für sich.
Aber so ist es nicht.
Das spüren wir ja an uns selbst.
Denn sicher hat uns das auch gerade heute Abend in die Kirche geführt, dass wir die Gemeinschaft suchen und erleben wollen.
Ich wünsche uns, dass wir heute Abend erfahren, was wir suchen und nötig haben.
Und ich wünsche uns, dass wir auch Anderen Gemeinschaft gewähren und die Gemeinschaft, dort, wo sie zerbrochen ist, neu aufnehmen.
Denken wir an das Beispiel Jesu bei seinem letzten Mahl mit den Jüngern:
Er hält an der Gemeinschaft fest!
Er schenkt sie selbst einem Judas!
Er gibt sich hin in den Tod – für Unwürdige und Verräter.
Keiner ist ausgeschlossen.
Denn im Abendmahl führt Jesus uns zusammen, damit wir als sein Leib in der Welt leben und uns wie die Glieder und Organe eines Körpers einander ergänzen und voranbringen.

Amen


Gebet nach dem Mahl

Barmherziger Vater,
auf seinem Weg zum Kreuz hat dein Sohn Brot und Wein geteilt als Zeichen dafür, dass du uns bleibend liebst und bleibend nahe sein willst,
als Zeichen dafür, dass wir unsere Hoffnung auf dich setzen dürfen und im Glauben Freude am Leben finden.
In einem kleinen Stück Brot hast du dich uns geschenkt, und in dir und mit dir das ganze Leben.
Wir danken dir dafür, dass dein Bund mit uns zuverlässig bestehen bleibt.
Stärke unser Vertrauen zu dir und lass uns immer wieder deine Barmherzigkeit spüren, wenn Angst und Not größer sind als die Hoffnung.
Gib, dass die Gemeinschaft, die wir mit dir und miteinander an deinem Tisch erfahren durften, uns auch in unserem Alltag trägt.

Amen

Eine gesegnete Karwoche wünscht Ihnen

Pfarrer Jürgen Rix


Palmsonntag

6. Sonntag in der Passionszeit

10. April 2022

Das hohepriesterliche Gebet Johannes 17, 1 – 8

1 Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach:
Vater, die Stunde ist da:
verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche;
2 denn du hast ihm Macht gegeben über alle Menschen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast.
3 Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.
4 Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue.
5 Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.
6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast.
Sie waren dein und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt.
7 Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt.
8 Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.

 

Liebe Gemeinde,

am Palmsonntag beginnt die Karwoche.
In der Karwoche verlebendigen wir den Leidensweg Jesu, der mit seinem Sterben am Kreuz endet.
Wir verlebendigen den Leidensweg…
Bleiben wir ein wenig bei diesem Wort „verlebendigen.“
Wer etwas „verlebendigt“, der hält die Erinnerung wach,
der zeigt auf, dass etwas Vergangenes nicht einfach vorbei ist, sondern eine bleibende Wirkung, eine bleibende Ausstrahlung und eine bleibende Bedeutung hat.
In jedem Gottesdienst schauen wir auf das Kreuz auf dem Altar und auf den auferstandenen Christus über dem Altar.
In unserer Kirche überragt der Auferstandene den Gekreuzigten um mehrere Dimensionen…
Und das ist auch gut so…
Denn ohne die Botschaft von der Auferstehung wäre die weltweite Gemeinde unseres HERRN Jesus Christus wohl nicht bis zu diesem Tag beieinandergeblieben.
Das hohepriesterliche Gebet Jesu, das uns heute zu bedenken aufgegeben ist, dieses hohepriesterliche Gebet ist auch formuliert aus dem Blickwinkel der Zeit nach Ostern.
Das Johannesevangelium, in dem es zu finden ist, schließt als letztes den Reigen der vier Evangelien ab.
Es dürfte um das Jahr 100 nach Christus niedergeschrieben worden sein, also 70 Jahre nach dem dramatischen Geschehen in der Karwoche.
Drei Generationen von Christen haben da also schon ihren Glauben an ihre jeweiligen Kinder weitergegeben.
Diese Christen deuten den Weg Jesu ans Kreuz also schon aus einer Glaubenspraxis heraus, die die Osterbotschaft schon 70 Mal gehört und gefeiert hat.
Darum auch strahlt das Gebet, das der Evangelist Johannes dem Jesus am Beginn seines Leidensweges in den Mund legt, einen so feierlichen, erhabenen Grundton aus.
Da spricht nicht der Jesus, der das bevorstehende Leiden fürchtet, sondern der Jesus, der sich darauf vorbereitet, in die Herrlichkeit an der Seite seines Vaters zurückzukehren.
In unserer Lutherbibel steht über diesen Worten die Überschrift:
„Das hohepriesterliche Gebet Jesu.“
Und tatsächlich spricht Jesus hier in einer gemessenen, feierlichen Sprache, die wir sonst kaum von dem Jesus der anderen Evangelien kennen.
Er bezeichnet seinen Leidensweg als „Verherrlichung“.
Doch diese Verherrlichung hat einen dreifachen Zielpunkt.
Nicht nur Jesus wird verherrlicht in der Auferstehung,
sondern Jesus verherrlicht damit auch seinen Vater im Himmel zu dem er zurückkehrt.
Doch Vater und Sohn richten ihre Herrlichkeit gemeinsam aus auf die von ihnen geliebten Menschen, denen sie das „ewige Leben“ geben.
Die Herrlichkeit des Vaters und des Sohnes geben den Menschen das „ewige Leben“.
Dass wir Menschen das ewige Leben geschenkt bekommen…
Für dieses Ziel nimmt Jesus den Leidensweg auf sich.
Jesus entfaltet auch, was er unter „ewigem Leben“ versteht.
„Ewiges Leben“ bedeutet weit mehr als die Hoffnung, die wir an unseren Gräbern für unsere Verstorbenen ausdrücken.
„Das ewige Leben“ – es beginnt schon jetzt…
„Das ewige Leben“ – es ist immer dann erfahrbar, wenn ein Mensch fest in dem Glauben verankert ist, dass sich der wahre Gott in Jesus von Nazareth offenbart hat.
Und nun kommt das überwältigend Schöne an diesem hohepriesterlichen Gebet, …
… das überwältigend Schöne, das sich so deutlich abhebt von so vielen unserer sonstigen Kirchengebete – gerade am Beginn der Leidenswoche.
Jesus lobt die Treue der Menschen, in denen Gott die Kraft des Glaubens zum Wirken kommen lässt.
Er lobt sie dafür, dass sie sein Wort bewahren.
Er lobt sie dafür, dass sie sein Wort bedenken und in ihrem Alltag versuchen, danach zu leben.
Er lobt sie dafür, dass sie mit ihrem Glauben andere Menschen ins Staunen versetzen, weil von ihnen eine liebevolle Kraft ausstrahlt.
Mit ihrer liebevollen Kraft führen sie den Zweiflern und Nörglern sichtbar vor Augen, was Menschen an Wunderbarem bewirken können, wenn der Geist des Glaubens in ihnen wirkt.
Darum passt dieses wunderbare Lobgebet unseres HERRN Jesus Christus auch so gut in unsere Zeit, in der wir mitleidend zittern mit den Menschen in der Ukraine, die sich einer Clique von skrupellosen Machtmenschen aus dem Moskauer Kreml erwehren müssen.
Keiner hätte gedacht, dass die Ukrainer der Übermacht der Russen so lange standhalten können.
Doch die Ukrainer kämpfen mit einem Glauben im Herzen…
Mit dem Glauben an die Freiheit und mit dem Glauben an ihr Recht, ihre Wege selbst bestimmen zu dürfen.
Dieser Glaube fehlt den auf Gehorsam und Unterwürfigkeit gedrillten Soldaten des russischen Heeres offensichtlich.
Und oft hat man den Eindruck, dass die russischen Soldaten sich schämen, für die Verwüstungen, die sie anrichten müssen, weil ihre Offiziere es ihnen befehlen.

Die Polen, die wir wegen ihrer ablehnenden Haltung zu muslimischen Flüchtlingen, oft als kaltherzig und scheinheilig kritisiert haben, sie wachsen über sich selbst hinaus an Hilfsbereitschaft und Menschenfreundlichkeit.
Vielleicht kommt da der eine oder andere auch zum Nachdenken über das, was das Wort „Nächstenliebe“ bedeutet…
… nämlich für die Nachbarn da zu sein, über die das Leid ohne Schuld gekommen ist.
Möge jeder für sich einordnen, wo da der Unterschied zu den vermeintlichen Flüchtlingen liegt, die Lukaschenko aus aller Herren Länder gegen Devisen hat einfliegen lassen, um sie danach an die polnische Grenze zu schicken, von wo aus sie sich mit Gewalt Einlass in die EU verschaffen sollten.

Es hat mich tief berührt, als ich im Fernsehen eine ukrainische Frau davon berichten hörte, wie viel Liebe, Verständnis und Hilfsbereitschaft sie mit ihrer Tochter in ihrer deutschen Gastfamilie erlebt.
Eine Liebe, ein Verständnis und eine Hilfsbereitschaft, die dazu führt, dass sich ihre Tochter inzwischen in der fremden Umgebung Deutschland wie zu Hause fühlt.

Ja, es gibt sie, die Menschen, die glauben, auf vielerlei Weise, auf vielerlei Wegen.
Zu diesen Menschen gehören auch all diejenigen, die einfach nur treu zueinander sind und ihre Kinder liebevoll auf den Wegen ihres Lebens begleiten.
Zu diesen Menschen gehören, die Pflegerinnen und Pfleger, die sich liebevoll ihrer Patienten annehmen, egal ob sie alt, behindert oder psychisch krank sind.
Gott schenkt all diesen Menschen den Glauben, der sie dazu befähigt so zu leben und so zu arbeiten, dass sie Gott damit verherrlichen.

Schön, dass wir am Beginn der Leidenswoche Jesu vom biblischen Wort für diesen Sonntag kein schlechtes Gewissen eingeredet bekommen.
Schön, dass uns der Jesus des hohepriesterlichen Gebets nicht mit erhobenem Zeigefinger zu diesem und jenem ermahnt.
Schön, dass er für uns als seiner Gemeinde hier in Mangersreuth die ermutigenden Worte, betet:

>> Die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben,
und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt,
dass ich von dir ausgegangen bin,
und sie glauben, dass du mich gesandt hast… <<

Amen

Einen gesegneten Sonntag und bleibenden Frieden wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Jürgen Rix

 

 


Judika

5. Sonntag in der Passionszeit

3. April 2022

Markus 10, 35-45, Judika

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Predigttext: Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, gingen zu Jesus und sprachen zu ihm: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, was wir dich bitten werden. Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue?

Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bettet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?

Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir.

Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder meiner Linken, das zu geben steht mir nicht zu, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.

Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Liebe Gemeinde,

an die Hochzeit meiner Tochter denke ich gern zurück. Das war ein tolles Fest. An was ich gar nicht gern zurückdenke, ist der Nachmittag, an dem wir über der Sitzordnung brüteten. Da muss man ja sehr genau darüber nachdenken, wer neben oder wem oder gegenüber von wem sitzt. Welche Gäste ticken ungefähr gleich oder welche vertreten z.B. so konträre politische Meinungen, dass es sofort krachen würde? Welche Menschen unterhalten sich voraussichtlich gut miteinander und welche würden wohl eher desinteressiert nebeneinander sitzen und sich fürchterlich langweilen.

Das ist das eine, das es zu beachten gibt und dann ist der zugewiesene Platz darüber hinaus ja auch der Ausdruck dafür, welche Beziehung zum Gastgeber besteht. Je näher jemand am Brautpaar sitzt, desto enger ist in der Regel auch die Beziehung zueinander. Je näher dran, desto ehrenvoller der Platz. Das letzte Wort haben natürlich die Gastgeber. Klar werden die sich vermutlich schon auch an gewisse Regeln halten, aber sie dürften diese durchaus auch durchbrechen, z.B. dann, wenn sie einen Gast eben besonders hervorheben möchten. Auch wenn die Gäste das akzeptieren müssen, könnte es durchaus zu Unmut führen: „Wieso sitzt denn jetzt der neben der Braut und ned ich?“ mag dann gefragt werden. Noch emotionaler ginge es dann sicher zu, wenn ein Gast von sich aus einen Ehrenplatz beanspruchen oder ihn sich gar selber zuweisen würde.

Um so etwas geht es im heutigen Predigttext. Jakobus und Johannes wollen sich für den Himmel die Ehrenplätze links und rechts neben Jesus sichern. Wie kommen sie denn eigentlich darauf? Das ist ja fast schon ein bisschen peinlich: Jesus geht auf seinem Leidensweg gerade der tiefsten Erniedrigung entgegen und die Jünger streben die höchsten Ehrenplätze an?

Wer sind Johannes und Jakobus, dass sie sich das trauen? Sie gehörten tatsächlich zu dem engsten Zwölferkreis um Jesus herum und hatten wohl auch noch einmal eine besondere Beziehung zu Jesus – zusammen mit Petrus. Denn von diesem Dreierverband Petrus, Jakobus und Johannes ist immer wieder einmal die Rede. Im Kapitel vor unserem Predigttext wird erzählt, wie Jesus diese Drei mit sich auf einen hohen Berg nimmt und sie dort seine Verklärung erleben. Sie sehen Mose und Elia und hören die Stimme Gottes, die zu Jesus spricht: „Du bist mein lieber Sohn!“ Sie können das zwar alles nicht so richtig einordnen, aber es war schon durchaus etwas Besonderes, dass sie da dabei sein durften. Anscheinend leiten sie nun genau davon ihren Anspruch auf einen Ehrenplatz neben Jesus ab.

Jesus nimmt sie ernst. Er hört sie an und fragt dann: „Wisst ihr eigentlich, um was ihr mich bittet? Könnt ihr denn den Kelch trinken, den ich trinken werde und könnt ihr mit der Taufe getauft werden, mit der ich getauft werde?“ Jesus spielt damit auf seinen Leidensweg an und fragt seine Jünger, ob ihnen denn bewusst ist, dass sie diesen Weg mitgehen müssen, wenn sie sozusagen direkt neben Jesus stehen.

Wieder überraschen die Beiden, denn sie sagen mit einem doch ziemlichen Selbstvertrauen: „Ja, das wissen wir und Ja, das können wir.“

Hier an dieser Stelle bekommen sie nun allerdings eine klare Absage. Jesus sagt: „Gut, vielleicht könnt ihr das ja wirklich, aber selbst wenn, kann ich euch die Ehrenplätze neben mir nicht zuweisen, denn die sind für die vorgesehen, für die es schon bestimmt ist.“ Wer das ist, sagt Jesus allerdings nicht.

Hier an dieser Stelle bricht nun ein ordentlicher Streit aus. Denn die restlichen 10 Jünger haben mitbekommen, um was es hier geht und sie sind ordentlich wütend auf Jakobus und Johannes, dass die sich hier klammheimlich die besten Plätze sichern wollen. Mindestens Petrus dürfte sich hier dann auch zu Wort gemeldet haben, schließlich war auch er bei der Verklärung dabei und könnte daraus einen Ehrenplatz ableiten. Aber auch die anderen fragen bestimmt: „Warum solltet ihr näher an Jesus dran sein als wir?“

Ich könnte mir vorstellen, dass Jesus sie erst ein bisschen streiten hat lassen, dann aber greift er ein und ruft alle zu sich. Damit unterbricht er, dass sie nur um sich selber kreisen. Jesus ruft ihnen ganz kurz nur vor Augen, dass sie sich gerade genauso verhalten, wie man es halt so gewöhnt ist. Es geht um Macht, um Ansehen, um eine Hierarchie und die, die die meiste Macht haben, die unterdrücken die anderen, damit sie auch schön hoch oben an der Macht bleiben. Der Stärkste gewinnt.

Da legt Jesus sein Veto ein: „So ist es unter euch nicht!“

Ich könnte mir vorstellen, dass es da ziemlich still wurde. So ist es unter euch nicht? So ist es unter uns nicht? Hmm, na ja, also leider ja doch oft, oder?

Dann spricht Jesus weiter: „Bei euch ist es doch wohl hoffentlich so, dass der, der der Größte sein will, der ist euer Diener. Und wer der Erste sein will – der ist der Knecht von allen.“

Da dürfte wieder beredtes Schweigen eingekehrt sein. Wenn man sich gerade verbal die Köpfe einhaut, um zu beweisen, dass einem der Platz ganz oben zusteht, dann ist das jetzt nicht der Satz, den man hören will. Und dann setzt Jesus noch eins drauf: „Stellt euch mal vor, sogar ich, der ich tatsächlich ganz oben stehe, bin nicht gekommen, um ganz oben zu stehen, sondern um zu dienen. Ich werde mein Leben dafür geben, damit dieser Kampf um ganz oben und ganz unten aufhört. Denn Gott steht jedem Menschen gleich nahe.“

Das ist die Botschaft, die wir heute hören. Es ist die Herzensbotschaft von Jesus: Gott steht einem jeden Menschen gleich nahe. Wir müssen uns seine Anerkennung, seine Liebe nicht verdienen und nicht einmal einfordern. Er steht einem jeden von uns gleich nahe. Und schickt uns mit diesem Zuspruch hinaus in die Welt, damit wir ihr dienen. Und das verstehe ich so, dass wir diese Botschaft eben weitergeben und vor allem leben. Gott steht einem jeden von uns gleich nahe. Nehmen Sie diesen Satz doch bitte mit, heute in den Sonntag und ins ganze Leben. Denn dieser Satz, wenn wir ihn ernst nehmen, verändert alles – wenn wir ihn lassen.

Und als letzte kleine Anmerkung. Die Jünger konnten den Kelch nicht trinken, den Jesus trinken musste. Er war allein in seinen schlimmsten Stunden in Gethsemane. Und als er am Kreuz hing und die beiden Verbrecher neben ihm, einer zu seiner Rechten und einer zu seiner Linken, da verspricht er dem, der sozusagen in allerletzter Sekunde sein Leben Jesus anvertraut, einen Platz im Paradies, ganz nah bei Gott.  Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser menschliches Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Es wünscht Ihnen einen gesegneten Sonntag Ihre Pfrin Bettina Weber

Laetare

4. Sonntag in der Passionszeit

27. März 2022

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Den Predigttext für heute lesen wir im 2. Korintherbrief, Kapitel 1, 3-7:

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis, damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Werden wir aber bedrängt, so geschieht es euch zu Trost und Heil; werden wir getröstet, so geschieht es euch zum Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. Und unsere Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: Wie ihr an den Leiden teilhabt, so habt ihr auch am Trost teil.

 

Liebe Gemeinde,

zehnmal kommen in diesem Bibelabschnitt die Worte Trost, trösten oder getröstet vor. Es ist also eindeutig, worum es hier geht. In der Bibel geht es überhaupt oft um Trost. Das liegt vielleicht schon an der Wortbedeutung, denn das Wort „Trost“ kommt von „Treue“, trust kennen wir aus dem Englischen, wo es Vertrag, Bündnis und eben auch vertrauen heißt. Alles Worte, die gut zu unserem treuen Gott passen, der mit uns einen Vertrag in Jesus Christus geschlossen hat, damit wir ihm vertrauen können.

Es gibt viele Trostbilder in der Bibel, die uns oft von Kindheit an vertraut sind. Das Bekannteste ist sicher der Vers aus Ps. 23: „Der Herr ist mein Hirte. Sein Stecken und Stab trösten mich.“ Oder im Buch des Propheten Jesaja: Gott spricht: Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet (66,13) oder natürlich das Jesus-Wort bei seinem Abschied, als er seinen Jüngern verspricht, dass er sie nicht allein lässt, sondern ihnen den Tröster-Geist schicken wird.

Trösten und getröstet werden: Das ist ein Ur-Thema für uns Menschen. Es gibt halt nun mal unser ganzes Leben lang Situationen, in denen wir trostbedürftig sind. Babys brauchen Trost, weil die Welt um sie herum so riesengroß ist. Da brauchen sie mindestens einen Menschen, der ihnen Wärme, Nähe, Nahrung und Schutz gibt. Sie damit tröstet.

Und später ist es vielleicht das verlorene Kuscheltier oder ein Albtraum in der Nacht oder weil die geliebte Katze gestorben ist, der Kinder nach Trost weinen lässt. Den sie hoffentlich bekommen.

Und dann die Pubertät mit all ihren schwierigen Umstrukturierungen, wo man oft so gar nicht weiß, wer man ist und was man eigentlich will. Wie gut, wenn es dann treue Menschen um einen herum gibt, die zu einem halten, auch wenn man sich vielleicht grad wieder mal alles andere als nett verhalten hat.

Und so geht es weiter durch alle Lebensphasen hindurch: Enttäuschungen und Kummer, Abschied von lieben Menschen, Umzüge, durchlittene Ungerechtigkeiten, Schuld, Krankheit, Krieg und natürlich der Tod – immer wieder trifft uns irgendetwas, mal nur am Rand und manchmal ins Herz und wir brauchen Trost. Alle brauchen wir Trost. Auch der Apostel Paulus, der diesen Brief geschrieben hat und ein wirklich zäher Mensch war, brauchte Trost. Auch Jesus brauchte Trost.

Was aber ist Trost? Was tröstet uns? Wie funktioniert Trost?

Fangen wir noch mal bei den Kindern an. Wenn ein Kind nachts weint, weil es Angst hat oder wenn es weint, weil es vom Fahrrad gefallen und sich weh getan hat: Dann braucht es einfach jemanden, der da ist. Das sind in der Regel die Eltern. Die können einen Albtraum nicht auslöschen oder ein Knie durch Zauberei heilen, aber sie sind da und kümmern sich. Sie nehmen ihr Kind in den Arm und das macht die Angst kleiner. Sie kleben ein Trostpflaster aufs Knie und das macht den Schmerz erträglicher. Das Kind merkt „Ich werde ernst genommen. Ich darf weinen. Ich werde getröstet!“ Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, dass jedes Kind eben mindestens einen Menschen hat, der es so tröstet. Denn das bestimmt unser Leben bis zum Schluss, ob wir das hatten oder nicht.

Denn wenn es nicht gut läuft, dann ist eben keiner da. Oder es ist jemand da, der sagt „Jetzt stell dich nicht so an, hör auf zu heulen!“ Oder „Selber schuld, was fährst du so schnell Fahrrad!“ oder „Männer weinen nicht!“

Wenn Menschen erwachsen sind und Kummer haben, hören sie, wenn es nicht gut läuft, vielleicht Sätze wie: „Das wird schon wieder!“ oder „Das wird schon für was gut sein!“ oder „Zeit heilt alle Wunden!“ Solche Sprüche sind sicher oft gut gemeint, aber sie sind nicht tröstlich, denn sie nehmen den Kummer nicht wirklich wahr und auch nicht wirklich ernst. Wer wirklich Trost sucht, egal ob als Kind oder als Jugendlicher oder als Erwachsener, braucht solche Sprüche nicht, wer Trost sucht, braucht Verständnis und das Gefühl, mit allen Gefühlen ernst genommen zu werden und nicht ins Leere zu laufen.

Das ist Trost. Dass irgendjemand reagiert und sagt: „Du, ich bin da. Ich kann deinen Schmerz, deine Wut, deine Verzweiflung zwar nicht wegzaubern, aber ich bin da; ich halte es mit dir aus und ich glaube ganz fest daran, auch für dich mit, dass es wieder besser wird. Und wenn nicht, bleib ich auch da!“ Das ist Trost. Treue. Ein unsichtbarer Vertrag, den man schließt und dann hoffentlich auch einhält. So können wir Menschen einander trösten. Und die Bibel fordert uns dazu auch immer wieder auf.

Der Apostel Paulus, der ein Mensch war wie du ich, kennt das, hat es wohl so erfahren und gibt es so weiter. Aber er redet nicht nur von menschlichen Tröstern, sondern eben auch von Gott. Wie tröstet Gott?

Ja, genauso. Er zaubert das, was uns in Angst, Trauer oder Verzweiflung stürzt, auch nicht weg, leider, wäre schön. Aber er sagt „Ich bin da“. Da oben an der Decke steht es: Jahwe, d.h. Ich bin da, Ich bin der mitgehende Gott. Das ist der Trost des AT. Und dann hat Gott nochmal eins draufgelegt, indem er uns Jesus geschickt hat, seinen Sohn, der eins war mit ihm. In Jesus wird so unglaublich tröstend deutlich, dass Gott unseren Schmerz nicht irgendwie von oben, aus der Distanz ansieht, sondern dass er mit Jesus in unser Menschsein hineinging. Und das genau lesen wir in den Evangelien, die von Jesus erzählen: Dass Jesus wie ein ganz normales Baby geboren wurde, dh. er brauchte genau wie wir mindestens einen Menschen, der sich um ihn gekümmert hat, sonst wäre er nicht erwachsen geworden. Jesus wird sich als Kind genauso die Knie aufgeschlagen haben und dann weinend zu seiner Mama gelaufen sein. Er war als Jugendlicher auch verwirrt und musste seine Rolle erst finden – und annehmen. Als Erwachsener zeigte er alle Gefühle wie wir: Er freute sich und feierte, er aß und trank mit Genuss, er weinte aus Mitgefühl mit Trauernden oder weil Unrecht geschehen war. Er war manchmal fix und fertig und wütend und müde. Und zum Schluss hatte er entsetzliche Angst vor dem Tod und vor dem Alleinsein. Er hat das alles ausgehalten; bis ins Grab hinein ist er gegangen – und wieder heraus. Das ist der Vertrag, den er mit uns geschlossen hat und in den wir uns mit der Taufe einklinken: Dass Jesus alle Wege gegangen ist, alle Gefühle gekannt hat und deshalb als Einziger sagen kann: „Wo immer du bist, ich bin da! Ich lass dich nie allein, nie, vertrau mir.“

Getröstet werden heißt also nicht, dass wir aus schlimmen Situationen irgendwie magisch herausgenommen werden, sondern dass sich Menschen und eben auch Gott an unsere Seite stellen. Und das stärkt uns, lässt uns durchhalten – und ja, eben auch weiterleben.

Paulus kannte das. Er hat unglaublich viel Schlimmes erlitten, ist verspottet, verfolgt, verprügelt, gefoltert, ins Gefängnis geworfen worden. Aber oft waren eben auch Menschen da, die ihm dann geholfen haben, die ihn getröstet haben, sodass er die innere Stärke bekam, um weiter zu machen und das Evangelium von Jesus Christus zu verkünden. Und Paulus vertraute auch immer darauf, dass neben Menschen vor allem auch Gott an seiner Seite stand – und das war die eigentliche Kraft, die ihn antrieb.

Kraft, die uns stärkt und antreibt: Wir haben sie auch – den Tröster-Geist, den Heiligen Geist, der Jesus vertritt. Wir können mit allem, was uns bewegt, zu Jesus kommen und um seine Kraft, seinen Geist, bitten. Jesus nimmt uns wahr, er nimmt uns ernst, er speist uns nicht mit irgendwelchen Durchhalteparolen ab, sondern geht mit uns. Oft durch Menschen, die er uns an die Seite stellt, aber immer auch er selbst.

Das ist der Trost, den wir haben. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser menschliches Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Es wünscht Ihnen einen gesegneten Sonntag Ihre Pfarrerin Bettina Weber

Invokavit

1. Sonntag in der Passionszeit

6. März 2022

2.Korinther 6,1-10        Die Bewährung des Apostels in seinem Dienst

1 Als Mitarbeiter ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.
2 Denn er spricht (Jesaja 49,8):
»Ich habe dich zur rechten Zeit erhört und habe dir am Tage der Rettung geholfen.«
Siehe, jetzt ist die passende Zeit, siehe, jetzt ist der Tag der Rettung!
3 Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Dienst nicht verlästert werde;
4 sondern in allem stehen wir selbst zusammen als Diener Gottes:
in großer Geduld, in Bedrängnis, in Nöten, in Ängsten,
5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten,
6 in Reinheit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungeheuchelter Liebe,
7 in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken,
8 in Ehre und Schande; in übler Nachrede und öffentlichem Lob, als Irrlehrer und doch wahrhaftig;
9 als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet;
10 als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.

 

Liebe Gemeinde,

kennen Sie das auch?
Sie machen sich gute Vorsätze…
Sie wollen ihrem Leben eine neue Struktur geben, sich auf etwas konzentrieren, den Schwerpunkt darauflegen und das andere dafür weniger wichtig nehmen.
Vor allem am Beginn eines neuen Jahres oder an besonderen Tagen wie dem Geburtstag fassen wir gerne solche Vorsätze.
Und dann…
Dann kommt es wieder …, das Leben mit seinen vielen unvorhergesehenen und ungeplanten Ereignissen.
Und plötzlich ist es wie immer schon…
Das Ungeplante und das Unvorhergesehene bestimmen das Heute, das Morgen und die nächsten Tage auch.
Die guten Vorsätze verschwimmen, sie treten in den Hintergrund…
Und nach einem Vierteljahr fällt uns auf…
Ach ja, ich wollte ja…
O weh, ich hätte ja sollen…
Nicht nur im privaten Leben passiert uns das.
Auch auf der großen Bühne des Lebens wissen die Akteure ein Lied davon zu singen.
16 Jahre hat Angela Merkel regiert.
Keines ihrer Regierungsjahre verlief nach Plan.
Immer kam etwas dazwischen.
Eine Krise und eine Katastrophe jagte die andere.
Die neue Regierung wollte alles unter die Überschrift „Rettung des Klimas“ stellen.
Und jetzt mit dem Krieg in der Ukraine ist plötzlich alles anders.
Jetzt geht es darum, den Machthabern in Russland ihre Grenzen aufzuzeigen, das Leid der Ukrainer zu begrenzen und die Flüchtlinge und Opfer des Krieges zu versorgen.
Ja, unser Leben läuft nicht nach den Plänen, die wir uns machen.
Das Leben geht den Weg, den die Zeit bestimmt.
Den Großteil der Zeit hält Gott in seinen Händen.
Aber leider vermögen es auch mächtige Menschen, den Zeitplan Gottes aus dem Takt zu bringen.
Adolf Hitler heißen sie, Kim Yom Il, Xi Jinping, Donald Trump und nun besonders lästig Wladimir Putin.
Menschen sind das, die nur sich und ihre Machtinteressen kennen, Menschen, die für ihre Ziele über Leichen gehen.
Wie kann man solchen Menschen begegnen, wenn man sich nicht ihrer Methoden bedienen will?

Der Apostel Paulus meint dazu:
„In allem stehen wir zusammen als die Diener Gottes:
In großer Geduld,
in Bedrängnis,
in Nöten,
in Ängsten,
in Schlägen,
in Gefängnissen,
in Verfolgungen,
in Mühe und all den anderen 23 Lebenserfahrungen, die Paulus da aufzählt.
Keine dieser Erfahrungen wünscht sich ein Mensch.
Und hoffentlich wünscht auch keiner von uns sie einem anderen Menschen.

Doch diese Erfahrungen gehören zum Leben – ob wir wollen oder nicht.
Aber auf eines kommt es an, um in diesen Erfahrungen nicht den Halt und den aufrechten Gang zu verlieren…
… auf die Gemeinschaft…
… auf den Zusammenhalt.

Ja, wenn Menschen ihren Eigennutz hintanstellen, wenn Menschen zusammenhalten als Diener Gottes, dann schaffen sie es auch in den Strudeln der Widerwärtigkeiten des Lebens nicht in die Tiefe gesogen zu werden, sondern mit dem Kopf über der dem Wasser zu bleiben.

Ja – Widerwärtigkeiten gibt es viele im Leben, nicht nur jetzt mit dem Krieg gegen die Ukraine.
Widerwärtigkeiten gibt es seitdem Kain seinen Bruder Abel erschlug – solange also schon, seit es Menschen gibt.
Die 10 Gebote sollen diesen Widerwärtigkeiten eine Grenze setzen.
Doch die Menschen setzen sich häufig darüber hinweg.
Gott hat sein Volk Israel nicht selten auch bestraft, weil es die Gebote missachtet hat.
Doch all diese Strafen haben wenig bewirkt.

Und darum geht Gott in Jesus einen anderen Weg in die Welt, um die versteinerten Herzen der Menschen mit Liebe zu erweichen.
Gott geht in Jesus den Weg des Leidens, der Bedrängnis und Ausgeliefertseins an die Mächtigen.
Gott lässt sich von den Machthabern dieser Welt kreuzigen, um ihnen mit der Auferstehung zu zeigen, dass sie der schöpferischen Macht des Lebens dennoch nicht gewachsen sind.

Gott geht den Weg des Leidens…
Daran denken wir am ersten Sonntag in der Passionszeit.
Daran denken wir auch, wenn wir auf den Krieg in der Ukraine blicken.

Gott steht auf der Seite der Leidenden…
Auf der Seite der Ukrainer, die mit ihren Kindern in den U-Bahnschächten die kalten Winternächte verbringen müssen.
Gott steht aber auch auf der Seite der russischen Soldaten, die von einem schlechten Gewissen geplagt sind, weil sie in ein Manöver geschickt wurden und sich nun in einem Krieg wiederfinden.
Ja, auch das sollten wir uns vor Augen halten und den russischen Angreifern zu Gute halten…
Die wenigsten werden mit Freude tun, wozu sie gezwungen werden und was ihnen befohlen wird.
Wir müssen unterscheiden zwischen den bösartigen Herren im Kreml, die Befehle erteilen und den Laufburschen an der Front, die die Befehle erhalten und sich mit hoffentlich schlechtem Gewissen und schwacher Kampfmoral auf den Weg machen müssen.

Gegen das Leid und die Widerwärtigkeiten des Lebens – da hilft nur eins:
Eben das, was der Apostel Paulus so beschreibt:
„In allem stehen wir zusammen als die Diener Gottes.“

Und tatsächlich dürfen wir doch erleben, dass die oft so zerstrittenen Europäer plötzlich zusammenstehen und sich bewusst machen, wie kostbar die Werte sind, die es uns erlauben, dass jeder den Weg für sich gehen kann, den er sich aussucht und in Freiheit aussuchen darf.
Halten wir also zusammen in den 31 Lebenserfahrungen, die sich keiner von uns wünscht, denen wir aber dennoch ausgesetzt sind.
Wenn Menschen zusammenhalten, dann können sie all das tragen, ertragen, erdulden und am Ende auch überwinden, was Paulus da an 31 Erfahrungen des Leidens aufzählt.
Am Beginn der Passionszeit erinnern uns diese Erfahrungen daran, dass wir Christen eher den Leidensweg Jesu mitgehen sollen, als uns den Allmachtsphantasien der Diktatoren und Kriegstreiber anzuschließen.
Weil Jesus denen die rechte Backe hingehalten hat, die ihm auf die linke geschlagen haben, darum will ich nun die Reihe der 31 Leiderfahrungen noch einmal aufzählen…
Und bei jeder Leiderfahrung möge jeder von Ihnen daran denken, welche Menschen sie mit ihm teilen und welche Menschen ihm helfen, sie zu tragen:

Als Diener Gottes stehen wir zusammen:
in großer Geduld,
in Bedrängnis,
in Nöten,
in Ängsten,
in Schlägen,
in Gefängnissen,
in Verfolgungen,
in Mühen,
im Wachen,
im Fasten,
in Reinheit,
in Erkenntnis,
in Langmut,
in Freundlichkeit,
im Heiligen Geist,
in ungeheuchelter Liebe,
in dem Wort der Wahrheit,
in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken,
in Ehre und Schande;
in übler Nachrede und öffentlichem Lob,
als Irrlehrer und doch wahrhaftig;
als die Unbekannten und doch bekannt;
als die Sterbenden, und siehe, wir leben;
als die Gezüchtigten und doch nicht getötet;
als die Traurigen, aber allezeit fröhlich;
als die Armen, aber die doch viele reich machen;
als die nichts haben und doch alles haben.

Ja, wie haben wirklich nichts in der Hand gegen die Gewalttätigkeit der Gewalttätigen.
Und doch tragen wir eine Macht in unseren Herzen, die die Gewalt der Gewalttäter überwinden wird.
Mit der Macht des Glaubens und der Macht der Liebe in unseren Herzen können wir die Gewalttätigen entwaffnen.
Freilich braucht es viele dazu, die zusammenhalten und das Leid gemeinsam tragen und ertragen.
Gott schenkt uns dazu die ausdauernde Kraft eines festen Glaubens, der dem Leid mit Liebe, Hoffnung und Geduld ins Auge sieht.
Gott sei Dank!

Amen

Einen gesegneten Sonntag und ein hoffentlich bald wieder friedvolles Europa wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer, Jürgen Rix


Estomihi

27. Februar 2022

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde, der Predigttext für heute steht im 8. Kap. des Markus-Evangeliums. Ich nehme allerdings zum vorgeschriebenen Abschnitt die davorliegenden Verse dazu und lasse dafür am Ende ein paar weg, weil das für diese Predigt heute den verständlicheren Sinn ergibt. Wir hören Mk. 8, 27-36, aus der Übersetzung der Basisbibel:

Jesus zog mit seinen Jüngern weiter in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Unterwegs fragte er sie: „Für wen halten mich eigentlich die Leute?“ Sie antworteten: „Manche halten dich für Johannes den Täufer, andere für Elija. Wieder andere meinten, dass du ein Prophet bist.“ Da fragte er sie: „Und ihr, für wen haltet ihr mich?“ Petrus antwortete: „Du bist der Christus.“ Jesus schärfte ihnen ein: „Sagt niemandem, wer ich bin.“

Danach begann Jesus seinen Jüngern zu erklären, was Gott mit ihm vorhatte: „Der Menschensohn wird viel leiden müssen. Die Ratsältesten, die führenden Priester und die Schriftgelehrten werden ihn wie einen Verbrecher behandeln. Sie werden ihn hinrichten lassen, aber nach drei Tagen wird er vom Tod auferstehen.“ Das sagte er ihnen ganz offen. Da nahm Petrus ihn zur Seite und fing an, ihm das auszureden. Aber Jesus drehte sich um, sah seine Jünger an und wies Petrus streng zurecht: „Weg mit dir, Satan, hinter mich! Dir geht es nicht um das, was Gott will, sondern um das, was Menschen wollen.“

Dann rief Jesus das Volk und seine Jünger zu sich. Er sagte: „Wer mir folgen will, darf nicht an seinem Leben hängen. Er muss sein Kreuz auf sich nehmen und mir auf meinem Weg folgen. Wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Wer sich aber zu mir und der Guten Nachricht, dem Evangelium, bekennt und deshalb sein Leben verliert, wird es erhalten. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden nimmt an seiner Seele?“

 

Liebe Gemeinde,

auch wenn der Fasching uns angesichts des Krieges in der Ukraine gründlich vergangen ist, habe ich beim ersten Lesen des Textes auch an Fasching gedacht und an die Bilder, die man manchmal bei großen Faschingsumzügen sieht. Da kann man ja immer mal wieder beobachten, wie so eine Faschingshexe oder ein Faschingsteufel sich plötzlich in die Menge stürzt, sich ein Opfer greift und es unter dem Johlen der Menge ein paar Meter weit mitnimmt, um es irgendwo anders wieder abzusetzen. Ein Spaß nur, klar, aber irgendwie sehr aussagekräftig für das, was ein Teufel so tut. Er bringt durcheinander und setzt Menschen irgendwo ab, wo sie eigentlich gar nicht hinwollten. Der Teufel hat viele Namen: „Satan“, sagt Jesus, und übernimmt damit die Begrifflichkeit aus dem AT. Als das Wort Satan ins Griechische, also in die Sprache des NT übersetzt wurde, bekam das Wort diabolos seinen Platz im christlichen Denken. Und diesen diabolos möchte ich aufgreifen, weil der, finde ich, am besten erklärt, was es mit dem Teuflischen auf sich hat. Diabolos heißt wörtlich der Durcheinanderbringer, der Faktenverdreher.

Da sind wir nun mitten im Predigttext. Jesus fragt seine Jünger, was eigentlich die Leute meinen, wer er sei. Darauf bekommt er verschiedene Antworten: „Manche halten dich für Johannes den Täufer, andere für Elija. Wieder andere meinen, dass du ein Prophet bist.“ Man erkennt an diesen Antworten, wie sehr Jesus die Menschen beschäftigt. Sie versuchen ihn in irgendeine Beziehung zur Heiligen Schrift zu bringen. Johannes der Täufer – ein ganz besonderer Mensch, der zur Umkehr aufrief, weil das Reich Gottes angebrochen ist, wie er sagte. Ja, diese Rolle würde tatsächlich ja auch auf Jesus passen. Aber Jesus ist nicht Johannes der Täufer. Elija – eine wichtige Persönlichkeit aus dem AT, beeindruckend in seinem Tun und seinen Worten – aber nein, Jesus ist nicht Elija. Und irgendein anderer Prophet ist er auch nicht. Also fragt Jesus nun direkt seine Jünger: „Und ihr, für wen haltet ihr mich?“ Von Petrus kommt die sofortige Antwort: „Du, Jesus, bist der Christus!“

Um zu verstehen, was Petrus da eigentlich meint, müssen wir wieder übersetzen. Das Wort „Christus“ ist lateinisch; auf Griechisch, der Sprache des NT, heißt es XRISTOS und wenn man es ins Hebräische und Aramäische holt, also in die Sprache, die Jesus und seine Jünger gesprochen haben, heißt es „Messias“, das bedeutet „der Gesalbte“. Die Salbung war damals sozusagen die Amtseinführung. So wurden z.B. Könige gesalbt und damit als König bestätigt. Petrus sagt also: „Du, Jesus, bist der Messias! Du bist der ganz besondere Gesalbte Gottes!“ In dem Wort Messias ist die ganze Heilserwartung des jüdischen Glaubens drin – und Jesus und seine Jünger waren ja Juden. Sie sind in diesem Glauben erzogen worden, dass sie auf den Messias, diesen ganz besonderen Gesalbten, warten. Auf den, der dann nicht irgendein König sein würde, sondern der ganz besondere König über alles. Wenn der Messias kommt, würde er Schalom, Frieden, bringen. Und zwar einen umfassenden, tiefgreifenden Frieden für Israel, für die Völker – und auch für die eigene Seele. Zu-frie-den-heit – was bedeuten würde, dass kein Streit und kein Krieg mehr nötig wären. Frieden, Zufriedenheit, Befriedung. Was für wunderbare Worte – und die alle verknüpft mit der Messias-Erwartung.

Für die Juden zur Zeit Jesu schwang bei diesem Wort zudem noch etwas mit, nämlich dass der Messias die Römer aus dem Land vertreiben würde und Israel wieder unbesetzt, frei, wäre.

Läuft es Ihnen auch ein bisschen kalt über den Rücken, wenn Sie jetzt wissen, was es beinhaltete, als Petrus zu Jesus sagte: „Du bist der Messias!“

Jesus lässt es erst so stehen, aber dass noch etwas kommt, ist schon klar angedeutet in seiner Anweisung, dass die Jünger niemandem sagen sollen, dass er der Messias sei. Ein klares Redeverbot! Warum eigentlich? Wäre doch gut gewesen, wenn sich das wie ein Lauffeuer verbreitet hätte und die Massen sich hinter Jesus gestellt hätten, alle in der Erwartung: „Endlich! Er ist da, der Messias! Dieser Jesus ist der Erwartete und wird alle unsere Erwartungen erfüllen!“

„Nein“, sagt Jesus hier schon, „schweigt!“

Und dann geht es weiter. Denn nun beginnt Jesus seinen Jüngern zu erklären, was Gott mit ihm wirklich vorhat: „Der Menschensohn wird viel leiden müssen. Die Ratsältesten, die führenden Priester und die Schriftgelehrten werden ihn wie einen Verbrecher behandeln. Sie werden ihn hinrichten lassen, aber nach drei Tagen wird er vom Tod auferstehen.“

Ich sehe förmlich, wie die Jünger erstarren, denn das, was Jesus da ankündigt, das passt nun so überhaupt nicht zu ihrer Messias-Vorstellung. Der Messias kommt doch und siegt und bringt für alle sichtbar den Frieden. Er wird doch nicht wie ein Verbrecher behandelt, er wird doch nicht hingerichtet, er stirbt doch nicht! Und Auferstehung? Damit konnte vermutlich erst recht niemand etwas anfangen.

 

Und nun wird es teuflisch. Der Durcheinanderbringer, der Faktenverdreher, der tief in uns allen haust, tritt auf und nimmt mal den Petrus als Sprecher. Petrus nimmt Jesus zur Seite und will ihm das, was Jesus gerade gesagt hat, ausreden. Petrus war ganz sicher auch einer, der den Messias verständlicherweise herbeigesehnt hat. Und Petrus hatte mit Jesus ja auch ganz unmittelbar erlebt, dass Jesus Dinge tat, die einfach großartig waren. Wie er Menschen mit seinen Worten und Taten überzeugte, wie liebevoll er war, aber auch wie energisch er für Recht eintrat. Petrus hatte vor allem erlebt, wie tief verbunden Jesus mit Gott war, denn er Abba, Papa, nannte, Vater. Und jetzt hoffte Petrus und hatte es ja auch gerade ausgesprochen, dass dieser Jesus der Messias sei. Ha! Und sie waren doch auf dem Weg nach Jerusalem. Da würde Jesus zeigen, wer er war, würde für Recht und Ordnung sorgen, die Römer hinauswerfen, die Kleinen groß, die Großen klein machen! Und Petrus würde es miterleben – er konnte es vermutlich kaum mehr erwarten und bestärkt Jesus deswegen: „Ja, genau, das bist du!“ - Und dann redet Jesus plötzlich von Leiden und Sterben??

„Nein! Nein!“, sagt Petrus und glaubt, Jesus sei durcheinander gekommen und vom richtigen Weg abgewichen. Also versucht er Jesus zurück auf den richtigen Weg zu bringen. Er, Petrus, meint Jesus korrigieren zu müssen. Er, Petrus, meint Jesus den richtigen Weg zeigen zu müssen. Er wird harsch zurückgewiesen: „Weg, Satan, weg, du Durcheinanderbringer, du Faktenverdreher!“ herrscht Jesus ihn an.

 

Und vermutlich erstarren wieder alle, auch wir. Was, das sagt Jesus zu seinem Freund? Ja, das sagt er und es lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, aber Gott sei Dank, sagt er noch was: „Hinter mich!“ Das ist zum einen natürlich ganz klar eine Zurechtweisung. Dem durcheinandergekommenen Petrus wird wieder der richtige Platz zugewiesen. Und dieser Platz ist nicht vor Jesus, sondern hinter ihm. Jesus geht voran. Er allein weiß den richtigen Weg und diesen Weg wird er gehen, ganz egal, was andere davon halten oder von ihm erwarten. Er wird den Weg Gottes gehen, aus dem einzigen Grund, weil es einzig richtige Weg ist. Dieser Weg hat nichts Militärisches an sich. Jesus erobert keine Stadt und kein Land, sondern Herzen, und er wirft auch keine Leute aus irgendeiner Stadt oder irgendeinem Land militärisch hinaus, sondern bringt für alle den wahren Frieden, indem er selbst leidet und stirbt. Und aufersteht.

„Hinter mich“, sagt Jesus zu Petrus und zu uns, denn diesen Weg kann nur er gehen. Wir dürfen ihn, wir können ihn gar nicht gehen. Oder meint einer von uns wirklich, dass wir es aushalten könnten, in allem Leid der Welt drin zu sein? Oder hinabzusteigen in das Reich des Todes? Oder in wahrer Gottverlassenheit uns die Seele aus dem Leib zu schreien - so wie Jesus es musste, es wollte, damit wir nie, nie, nie allein solche Wege gehen müssen.

 

„Hinter mich“, sagt Jesus und so sehr uns das auch unseren Platz zuweist, die Hauptabsicht von Jesus ist es nicht, uns damit zurechtzuweisen, seine Hauptabsicht ist es viel mehr, uns damit in den Schutz zu nehmen, so wie wir ein Kind hinter uns schieben würden, um es vor einer Gefahr zu beschützen. Das ist vielleicht ein gutes Bild. Wenn Sie ein Kind an der Hand haben und es kommt ein großer bissiger Hund angelaufen, dann laufen Sie doch hoffentlich auch nicht davon und werfen das Kind dem Hund zum Fraß vor, sondern nehmen das Kleine hinter sich und schützen es mit Ihrem eigenen Körper, mit Ihrer Kraft, Ihrer Stimme.

Wenn auf uns der große bissige Hund zuläuft, wenn uns das Leid, der Tod, der Durcheinanderbringer anfällt, mit seinen vielen Gesichtern, dann sind wir so schutzlos wie kleine Kinder. Und genau in diese Situation springt Jesus mitten hinein. Er stellt sich vor uns und schreit mit all seiner Kraft und all seiner Liebe: „Hinter mich!“ Verteidigt uns gegen Tod und Teufel, gegen Schuld und Not, gegen Angst und Einsamkeit. „Hinter mich“ ruft er und nimmt uns damit in seinen Schutz. In einen Schutz, der das Leben und den Tod umfasst und als Ziel die Auferstehung hat.

 

Wir sollten uns nicht durcheinander bringen lassen. Durch nichts und niemand. Jesus geht vor, wir sind hinter ihm, wir folgen ihm, hoffentlich. Er ist die alleinige Orientierung, nicht das, was wir uns wünschen und was wir erwarten.

Ich glaube, dass nur dieser Weg zum Frieden führt. Auf allen anderen Wegen gewinnen wir vielleicht die Welt, aber unsere menschliche Seele nimmt dabei Schaden. Das sehen wir doch gerade wieder im jüngsten Krieg.

Ich glaube, dass nur der Weg, den Jesus für uns gegangen ist und auf den er uns als seine Nachfolger mitnimmt, zum Frieden führt. Innerlich wie äußerlich. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser menschliches Begreifen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Es wünscht Ihnen einen gesegneten Sonntag Ihre Pfarrerin Bettina Weber

 

 Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten.

 Es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten,

 denn du, unser Gott, alleine!

 

(EG 421, Text und Melodie Martin Luther 1529)


Sexagesimae

20. Februar 2022

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Predigtwort aus dem Hebräerbrief: Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.

 

Liebe Gemeinde,

„Das fährt einem durch Mark und Bein!“, so sagen wir, wenn wir ausdrücken wollen, dass etwas bis in unser Innerstes vordringt. Das kann z. B. Babygeschrei sein, denn wenn Kinder Hunger oder Bauchweh haben, können sie das in der Regel durchaus markerschütternd kundtun.

Es können aber natürlich auch unangenehme Erlebnisse oder schlimme Nachrichten sein, die wir erhalten oder Bilder im Fernsehen, die wir sehen oder sonst irgendetwas, was uns aus dem Gleichgewicht bringt. Wir halten dann erschrocken inne, manchmal einen Moment nur, manchmal auch länger. Manchmal finden wir schnell wieder in den gewohnten Trott zurück, manchmal dauert es länger und äußert sich vielleicht in unseren Träumen, manchmal schaffen wir es vielleicht auch gar nicht mehr, weil sich unser Leben durch irgendein Ereignis eben komplett verändert hat. Dinge, die uns durch Mark und Bein fahren, lassen uns jedenfalls nicht kalt und unbeeindruckt, sondern sie hinterlassen Spuren.

Der heutige PT will das auch, eine Spur in unserem Leben hinterlassen. Er will tatsächlich etwas sagen, was uns durch Mark und Bein fahren will. Und mir ging es beim ersten Lesen dieses Abschnitts aus dem Hebräerbrief auch wirklich so, dass ich erschrocken bin; dass ich dachte: „Das, was da steht, das ist wirklich zuallererst doch ein höchst beunruhigender Gedanke, wenn wir da zu hören bekommen, dass niemand Gott entrinnen kann, alles aufgedeckt und bloß vor seinen Augen liegt und wir Rechenschaft ablegen müssen.“

Dass alles bloß und aufgedeckt, in einer anderen Übersetzung heißt es „offen und ungeschützt“ vor Gottes Augen ist, das klingt fast wie eine Drohung. Drohen lasse ich mir nicht so gern. Drohungen bringen in aller Regel auch nicht weiter, sie bringen schon gar kein Heil, keine Heilung, sondern erzwingen höchstens etwas, aber eben nicht aus Einsicht, sondern aus Angst heraus. Gott, der uns droht, uns Angst macht, um uns damit irgendwo hinzubewegen? Das passt nicht.

Das wäre ja so ein big brother is watching you-Gott, ein Diktator, der unerbittlich alles ausforscht, damit nur ja niemand einen schrägen Gedanken gegen ihn hegen kann, eine übermächtige Herrscher-Gestalt.

Und obwohl der PT uns tatsächlich durch Mark und Bein fahren, uns zum Innehalten und Nachdenken bringen will, eins will er sicher nicht: Uns Angst machen.

Ich möchte Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, die das vielleicht etwas verdeutlichen kann. Sie heißt „Lisa mit dem großen Hut“. Da wird von einem kleinen Mädchen erzählt, das bei seiner Großmutter aufwächst. Die will es lobenswerterweise zu einem gottesfürchtigen Menschen erziehen und sie tut dies mit Liebe und Hingabe. Aber an einem Punkt, da schießt sie über das Ziel hinaus. Denn immer, wenn die kleine Lisa auch einmal ungezogen ist, was bei kleinen wie großen Menschen ja gleichermaßen vorkommt, vorkommen muss, immer dann sieht die Großmutter zum Himmel hinauf und sagt: „Gott, nun sieh dir an, wie dieses undankbare Kind mit seiner Großmutter umgeht.“ Oder sie sagt: „Mach doch, was du willst, Lisa, aber vergiss nicht, Gott sieht alles.“

Die kleine Lisa zieht daraus ihre Konsequenzen. Wo sie geht und steht, setzt sie einen großen Strohhut auf oder sie versteckt sich unter dem Bett oder sie spielt im Schrank, damit Gott sie nicht sieht, damit sie sich unbeobachtet fühlen kann. Solange bis sie von ihrer Lehrerin auf ihr merkwürdiges Verhalten angesprochen wird. Und diese Lehrerin sagt ihr: „Lisa, du hast das falsch verstanden. Gott will nicht, dass wir Angst bekommen, weil er immer bei uns ist, sondern er will uns gerade helfen, keine Angst zu haben. Gott ist nicht irgendwo über uns und sieht uns auf den Kopf wie eine allgegenwärtige Überwachungskamera, sondern er ist in unseren Herzen. Und nur, wenn er da nicht ist, dann müssen wir uns Gedanken machen.“

Lisa kommt von diesem Tag an ohne ihren Hut aus.

 

Es ist eine Kindergeschichte, aber sie erklärt sehr gut, um was es geht. Lisa kommt ab da ohne ihren Hut aus. Warum eigentlich? Ich denke, weil sie erkannt hat, genau wie wir immer wieder erkennen müssen, dass wir tatsächlich nie ganz „brav“ sein können; immer ist da etwas, was nicht richtig ist, sei es eine Lüge, sei es Neid, sei es Gleichgültigkeit. Und wenn wir uns noch so sehr bemühen würden, uns durch unser „Brav-Sein“ einen gnädigen Gott verdienen zu wollen – es klappt nicht. Deswegen musste ja auch die kleine Lisa zu ihrem Hut greifen, weil sie meinte, sie muss sich vor Gott verstecken, weil sie eben nie perfekt sein wird.

Und ja, jetzt sind wir an diesem Punkt, wo es uns durch Mark und Bein fahren müsste. Genau das ist der Punkt, wo wir Menschen bekennen müssen: „Herr, sieh weg von mir; ich bin ein sündiger Mensch!“

Aber nun ist Gott eben Gott. Und er ist der Gott, wie er sich in Jesus Christus gezeigt hat. Und Jesus hat eben nicht weggeschaut, sondern hin. Er war damit gerade nicht das süße Jesulein und seine Gnade war dadurch genau keine billige Gnade, denn Jesus hat Unrecht eben nicht einfach übersehen oder gar gedeckelt. Er hat Böses böse und Unrechtes unrecht genannt. Er hat immer wieder dazu aufgefordert, das Leben zu überdenken und in die richtige Beziehung zu Gott zu setzen. Und das durchaus radikal: Du sollst Gott über alles lieben, hat er gesagt, mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzer Kraft. Du sollst dich an die Gebote halten. Du sollst deinen Mitmenschen lieben wie dich selbst. Du sollst immer wieder Buße tun und umkehren von bösen Wegen.

Jesus hat gesagt „Schau hin! Hab den Mut, auch das Unrecht in dir und um dich herum wahr zu nehmen. Red es nicht schön, kehr es nicht unter den Teppich, lass nicht fünf gerade sein, nimm deinen Hut ab, hinter dem du dich verbergen willst und schau mich an. Denn nur dann kannst du heil werden.“

Immer wieder fordert Jesus ganz konkret Menschen auf, den Kopf zu heben und ihn anzusehen, damit er sie anblicken kann und ich bin mir sicher, dass so mancher Blick von ihm durch Mark und Bein ging. Aber nicht um bloß zu stellen oder gar zu töten, sondern um zu heilen. Und das kann wehtun, das wissen wir alle.

Die große Herausforderung des heutigen Predigttextes ist, dass wir die Liebe und die Gerechtigkeit Gottes zusammen denken müssen – und das geht in menschlichen Kategorien irgendwie nicht. Bei Gott aber geht es.

Und so ist es das Beste, wie die kleine Lisa den Mut zu haben, den Hut abzunehmen. Es ist das Beste, den Kopf zu heben und auf Gott zu schauen, auf Jesus Christus, der gesagt hat: „Komm zu mir und gib mir, was dich belastet. Ich will es dir abnehmen.“

Es ist das Beste, was wir tun können, uns dem liebenden, richtenden Blick, dem liebenden richtenden Wort Gottes auszusetzen. Ja, das kann bedeuten, dass wir zutiefst erschrecken können, wenn wir dadurch unsere Schattenseiten erkennen und wahrnehmen müssen. Und auch, wenn wir erkennen, dass wir auf Gottes Vergebung und Heilung, auf sein lebendiges und kräftiges und richtendes Wort angewiesen sind. Richtend – es richtet etwas, rückt etwas zurecht, was schief ist, macht etwas richtig.

Das ist keine Drohung. Das ist ein Angebot. Ein Angebot, das uns helfen möchte, aufzuatmen, durchzuatmen und richtig zu leben. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser menschliches Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus Amen.

Lied 010, 1-4: Lobe den Herrn, meine Seele

 

Es wünscht Ihnen einen schönen Sonntag Ihre Pfarrerin Bettina Weber


Evang-luth. Kirchengemeinde Kulmbach-Mangersreuth

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