Unsere Kirche ist täglich von 8.00 - 18.00 Uhr geöffnet. Kommen Sie doch gerne vorbei, zünden Sie eine Kerze an oder holen Sie sich die Predigt oder andere Mutmach-Texte.

 

13. Sonntag nach Trinitatis

6. September 2020

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde, unser Predigttext führt uns heute in die Anfänge der christlichen Gemeindebildung, in die Zeit kurz nach Jesu Auferstehung. Die erste Gemeinde, die in Jerusalem unter der Leitung des Petrus entstanden war, hatte eine sehr bewegte Zeit hinter sich: Die Jahre mit Jesus, das Erleben seines Todes, das überwältigende Ereignis seiner Auferstehung: All das musste ja nun irgendwie sortiert und strukturiert werden. Die Geschichte von Jesus sollte schließlich weitergehen. Alle sollten sie hören. Das war die Aufgabe dieser ersten urchristlichen Gemeinde: Allen Menschen, egal ob Grieche, Jude, Römer, von Jesus zu erzählen und dann eben auch zu taufen, wenn jemand dazugehören wollte.

 

Hören wir den Predigttext aus Apostelgeschichte 6:

Als die Zahl der Jünger in Jerusalem zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.

Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia. Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf.

Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß In Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

 

Liebe Gemeinde,

die Zahl Zwölf ist eine besondere Zahl. Im AT wird sie durch die 12 Stämme Israels wichtig. Wenn von den 12 Stämmen die Rede ist, ist dadurch immer ganz Israel gemeint. Im NT hat die zwölf auch eine große Bedeutung. In den Evangelien sind damit immer die Jünger Jesu bezeichnet, also sein engster Freundes-und Schülerkreis. In der Apostelgeschichte wird besonders betont, dass es die Zwölf sind, also alle Jünger, die die Gemeinde leiten: durch Predigen und Beten und eben Taufen. Als es zu Problemen kommt, sind es auch die Zwölf, die gemeinsam darauf reagieren. Das genannte Problem, nämlich dass nicht alle Bedürftigen gleich versorgt werden, entstand dadurch, dass die Gemeinde sehr rasch wuchs – und so hatte man auf einmal einen Teil der Witwen wohl übersehen. Zur Erklärung: Wenn eine Frau ihren Mann verloren und keine weitere Familie hatte, die sich um sie kümmerte, war sie völlig mittellos und schutzlos. Deshalb sorgten die Gemeinden besonders eben für Witwen und auch Kinder.

Was mir sehr gefällt: Das Problem, dass da etwas schief gegangen ist, wird rasch erkannt. Aber es erfolgt keine Schuldzuweisung, so in dem Sinn „Wer hat es denn vermasselt?“ Sondern der Finger wird sofort auf den entscheidenden Punkt gelegt: „Wir sind zu wenig, um dieses Problem lösen zu können“, sagen die Zwölf. „Wir haben schon unsere eigenen ganz wichtigen Aufgaben, nämlich die geistliche Leitung der Gemeinde: Predigen, beten, taufen, Abendmahl feiern. Für die genauso wichtige soziale Versorgung unserer Gemeindemitglieder können wir nicht auch noch Zeit und Kraft haben. Das muss jemand anders tun.“

Es ist die Geburtsstunde der Diakonie. Diakonie heißt übersetzt „Dienst“. Sieben Männer werden gewählt, die eng mit der Gemeinde verbunden sind und diese Diakone werden nun zu diesem Dienst beauftragt. Die Zahl Sieben hat auch hier eine wichtige Bedeutung. Der siebte Tag der Schöpfung ist der Tag, den Gott besonders heiligt. Er dient in besonderer Weise der Gottesbeziehung und auch der Beziehung der Menschen zueinander. Zeit soll man sich nehmen an diesem Tag für Gott und füreinander. Denn dann fließt aus dem siebten Tag in besonderer Weise Frieden.

Nimmt man das mit der Zwölf, dem Symbol für die Ganzheit, zusammen, kommt man auf eine einfache Formel für den Weltfrieden: Nur wenn alle das gleiche Recht auf Versorgung haben und alle sich dafür einsetzen, weil es ihr innerer Antrieb

ist/ der Geist, der sie treibt, nur dann wird es Frieden geben.

Denn das Geistliche und das Soziale, Kirche und Diakonie, gehören untrennbar zusammen. Beide Hälften zusammen ergeben erst das Ganze und beide stehen auf demselben Fundament, nämlich auf dem gekreuzigten und auferstanden Christus mit seinem Auftrag an uns: Dient einander, wie ich euch gedient habe.

Da sind wir nun mittendrin in der Lehre von der Kirche. Paulus hat dazu immer wieder in seinen Briefen an die Römer, Korinther, Epheser u.a. geschrieben. Sie kennen bestimmt das Bild, wie Paulus die Gemeinde als Leib Christi beschreibt mit vielen einzelnen Teilen, die alle gleich wichtig sind, denn nur wenn alle das tun, wozu sie eben bestimmt sind, kann das Ganze vollkommen funktionieren. Das Haupt aber, das Gehirn, das Herz – das ist Christus. Ohne ihn, von ihm abgetrennt, wird es schwierig.

Und so wurde immer mehr darüber nachgedacht, wer was macht, damit eben ein gutes Ganzes herauskommt. Eine ausgeprägte Ämter-Lehre hat sich aber erst nach Paulus entwickelt. Und manches ging da leider auch schief. Denn so sehr in der Urgemeinde ja noch klar war: Das Amt ist immer der Gemeinde zugehörig und muss sich an der Botschaft des Evangeliums messen lassen, so sehr verselbständigte sich das Ganze später oft und wurde zu einer oft ganz eigenen oder gar unantastbaren Größe. Oder entwickelte sich doch in eine strenge Hierarchie hinein, wo die Grundfrage lautete: Wer hat das Sagen? Wer hat die rechte Lehre? Und nicht mehr: Wie schaffen wir es gemeinsam, dass die Geschichte Jesu zum Heil aller

Menschen wird.

Und dabei liegt es doch auf der Hand, dass Menschen immer Beides brauchen. Es wäre zynisch, einem Verhungernden nur von Jesus zu erzählen, aber ihm kein Brot zu geben. Und umgekehrt lebt der Mensch aber eben auch nicht nur vom Brot allein. Wir haben doch etwas zu sagen, zu erzählen: Die Menschen brauchen es doch genauso zu hören, dass sie einen Vater im Himmel haben, der sie liebt und einen Bruder in Christus, der bei ihnen ist und will, dass es ihnen gut geht. Beides gehört zusammen und alle Kirchen, ja, alle Religionen, machen sich schuldig, wenn sie das aus den Augen verlieren.

Noch mal zurück in den Predigttext: Wie gesagt, mir gefällt es so gut, dass keine Schuldzuweisungen gemacht werden, sondern, das Problem erkannt, benannt und dann mit dem Prinzip der Arbeitsteilung darauf reagiert wird.

Unser Problem heute ist, dass es gerade in sozialen Berufen inzwischen viel zu wenig Menschen gibt, die hier ihre Gaben einbringen wollen, zum einen, weil es immer noch oft zu schlecht bezahlte Berufe sind , zum anderen – und hier beißt sich die Katze in den Schwanz – weil immer mehr Arbeit auf immer weniger verteilt wird. Da können auch wir als Pfarrer mitreden: Unser Dienst ist längst nicht mehr auf geistliche Leitung beschränkt, schön wär’s. Und wir werden immer weniger, die Arbeit aber nicht.

Wo aber führt es hin, für uns als Gesellschaft, wenn wir keine Menschen mehr haben, die speziell für andere gerade auch in Notsituationen da sind? Wo führt es hin, wenn Menschen vielleicht mal gerade noch versorgt werden können, wenn überhaupt, aber keine Zeit mehr da ist, auch mal mit ihnen zu reden, ihnen zuzuhören oder ihnen die Hand zu halten, wenn sie sterben.

Passen wir ja auf, alle miteinander, gerade auch als Gemeinde, wo wir hin wollen. Und ob nicht wir es sein müssen, die unguten Entwicklungen auch gegensteuern, unser Veto einlegen, demonstrieren, Unterschriften sammeln. Und vor allem selbst so zu leben versuchen, dass wir noch in den Spiegel schauen können, den Christus uns immer wieder vorhält.

So, genug der auch bedrückenden Gedanken. Schließen möchte ich damit nicht. Sondern mit einem Zuspruch: Dass Jesus unser Fundament ist, auf dem wir stehen. Auf seine Kraft dürfen und müssen wir vertrauen. Er schenkt uns unsere Begabungen; keiner muss alles können und alles machen. Jesus möchte, dass jeder den Platz findet,wo er mit seinen Gaben dem Ganzen dienen kann. Und da muss ich nun auch noch

etwas selbstironisch werden: Am Ende unseres Predigttextes werden ja sogar die Pfarrer genannt, denn da heißt es doch: „Das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß. Es wurden (sogar) auch viele

Priester/Pfarrer dem Glauben gehorsam.“

Also, wenn Gott sogar diese kritische Menschenspezies überzeugen kann, dann besteht auf jeden Fall Hoffnung für die ganze Welt. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser menschliches Begreifen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Es grüßt Sie herzlich Ihre Pfarrerin Bettina Weber

12. Sonntag nach Trinitatis

 

1.Korinther 3, 9-17, 12. Sonntag nach Trinitatis, 30.08.20

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Paulus schreibt: Wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. Nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe ich den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen. Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden, er selbst wird aber gerettet werden, doch so, wie durch Feuer hindurch.Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig - der seid ihr.

 

Liebe Gemeinde,

als ich mich auf die Pfarrstelle Mangersreuth beworben habe, war ich blutige Anfängerin in Sachen Pfarramtsführung und habe deswegen intensiv gehofft, dass nicht so viele Bauangelegenheiten auf mich zukommen, da diese bei Pfarrern zu Recht gefürchtet werden. Meine Hoffnung ist mir bald um die Ohren geflogen: Meine Kinder und ich konnten erst ein Jahr nach Antritt der Stelle hier einziehen, weil das Pfarrhaus noch nicht fertig saniert war. Dann musste die Orgel restauriert werden. Dann das zweite Pfarrhaus. Dann die Leichenhalle. Dann brannte der Kindergarten und schließlich wurde, in Folge davon, auch noch das Gemeindehaus gebaut. Tief durchatmen – von wegen. Das Kirchendach ist marode und bitte beten Sie mit mir, dass die Herbststürme nicht so heftig werden.

Bauen ist ja durchaus etwas sehr Kreatives, bietet viele Möglichkeiten und wenn alles fertig ist, ist es echt toll. Aber Bauen heißt immer auch Ärger: Der  eine will’s so, der andere so, der nächste gar nicht. Der eine sagt „Das ist gut!“ Der nächste findet es völlig abwegig. Der Dritte hüllt sich in Schweigen und kritisiert umso vehementer, wenn alles fertig ist, wie man es hätte besser machen können. Welche Materialien nimmt man, würde man gern nehmen, geht aber nicht, da zu teuer oder aufwändig oder von der Landeskirche nicht erlaubt usw.

Das waren so meine ersten Gedanken, als ich diesen Bau-Predigttext das erste Mal gelesen habe.

Der zweite Gedanke war, dass ich natürlich ganz besonders zurückdenken musste an den Brand des Kindergartens. Das war ja auch vor allem für die Kinder ein Riesen Schock. Die Erzieherinnen haben da viel aufarbeiten müssen und haben die Kinder deswegen auch malen und erzählen lassen, wie sie denn einen neuen Kindergarten bauen würden. Da kam dieser Satz, der sich mir eingeprägt hat: Der neue

Kindergarten soll nicht mehr aus Holz sein, sondern aus Stein. Stein brennt nicht.  Das hat uns alle damals ziemlich berührt.

Und noch ein Gedanke: Kurz nach dem Spatenstich für das Gemeindehaus im August 2018 musste der Bau gleich mal wieder eingestellt werden, weil man feststellte, dass das Nachbargebäude kein ausreichendes Fundament unter der Außenwand hatte. So bestand die Gefahr, dass es einstürzen könnte, wenn die Baugrube für das GH ausgehoben wurde. Also musste unter einen Teil des Nachbargebäudes ein Fundament gebaut werden. Im Pilgerschrittverfahren – so hieß das, weil man es nicht am Stück machen konnte, sondern in Einzelabschnitten.

Ja, ich merke gerade, es ist doch ganz praktisch, viel zu bauen: Man kann dann locker eine Predigt damit gestalten.

Denn wenn wir jetzt einiges davon auf den Predigttext übertragen, wird er recht anschaulich. Paulus beschäftigt sich ja mit dem Gemeindeaufbau. Er überlegt, wie eine Gemeinde aufgebaut sein muss, damit etwas Schönes und Stabiles und Kreatives herauskommt. Paulus schreibt: Das Wichtigste ist das Fundament. Wenn es kein gescheites Fundament gibt, dann könnt ihr den Bau gleich wieder einstellen, denn der wird nichts. Er wäre immer davon bedroht, gleich wieder einzustürzen.

Wie wunderbar entlastend, dass es hier nun nicht heißt „Na, dann schaut mal, dass ihr ein stabiles Fundament herbekommt, im Pilgerschrittverfahren oder sonst wie!“ Sondern es heißt: „Um das Fundament müsst ihr euch nicht kümmern. Es ist schon gelegt, nämlich in Jesus Christus.“

In Jesus Christus. Alles, was wir von Jesus wissen: Das ist das Fundament. Dass er sich nicht zu gut war, ein Mensch zu werden wie wir. Dass er auf allen Besitz verzichtete, auch später, als er dann als Wanderprediger mit seinen Jüngern durch Israel zog. Dass er eine unglaubliche Art hatte, mit Menschen umzugehen und ihnen zu erzählen, dass sie alle Gottes Kinder sind, einen Vater im Himmel haben, der sie liebt. Dass er auch dann nicht abhaute, als es ums Ganze ging, sondern sogar ins Grab für uns ging – und wieder heraus. Dass er sich neu erfunden hat – im Heiligen Geist, der bei uns ist, bis heute, damit wir von diesem Fundament wissen können.

Jesus Christus – er ist einfach unglaublich: Welche Liebe, welche Solidarität, welche Versöhnung. Nirgendwo anders werden wir ein so festes Fundament für unser Leben bekommen.

Also: Fundament – ist gebongt. Nächster Schritt: „Ein jeder sehe aber zu, wie er darauf baut!“ Und dann wird es schon schwierig im Predigttext. Ich lese ihn, nach der Übersetzung der Guten Nachricht noch einmal vor: „Es wird nicht verborgen bleiben, was jemand darauf baut, ob Gold, Silber oder wertvolle Steine, ob Holz, Schilf oder Stroh. Am Tag des Gerichts wird sich erweisen, ob es Bestand hat. Dann wird die Feuerprobe gemacht: Das Werk eines jeden wird im Feuer auf seinen Wert geprüft. Wenn das, was ein Mensch gebaut hat, die Probe besteht, wird er belohnt. Wenn es verbrennt, wird er bestraft. Er selbst wird zwar gerettet, aber so wie jemand gerade noch aus dem Feuer gerissen wird.“

Erinnern Sie sich an den Satz der Kiga-Kinder: Der neue Kiga muss aus Stein sein, Holz verbrennt zu schnell. Das ist einleuchtend, aber man muss es ja nun irgendwie übertragen: Mit welchen Materialien muss eine Gemeinde gebaut werden und muss jeder auch selber sein Leben als Christ bauen, damit es Bestand hat, wenn es brennt, wenn die Feuerprobe gemacht wird, wie immer man sich die vorstellt?

Ich möchte es am Fundament festmachen: Auf ein Fundament muss das gebaut werden, was dazu passt. Unser Fundament ist Christus. Und dazu passt ausschließlich, dass wir jegliches Gemeindeleben und eben auch unser persönliches Leben christlich gestalten sollen. Jesus ist es, an dem wir uns immer und immer wieder orientieren sollen: Wie er gelebt, gehandelt, geliebt hat. Das ist weiß Gott,

kein leichtes Vorbild, aber das festeste und auch spannendste, das es gibt. Das Wort Gemeinde ist mit Gemeinschaft verwandt: Und in der Gemeinde soll gelebt werden, was Jesus vorgelebt hat.

Das wünsche ich mir für Mangersreuth: Dass wir, vielleicht auch gerade jetzt - verunsichert durch Corona - umso fester zusammenhalten und Wege suchen, die uns verbinden. Zusammenhalt pflegen, füreinander da sind, gerade dann, wenn es eben brennt, wenn alles zu vergehen

scheint.

Es wird uns nicht immer gelingen, weder in der Gemeinde, noch persönlich. Wir sind eben Menschen und werden deswegen auch immer schuldig. Aber da tröstet es mich, dass Gott uns zusagt: Ihr werdet nicht umkommen. Euer Werk, wenn es nicht passt, das kann sein, dass es verbrennt, aber ihr selbst: Ich werde euch herausreißen aus dem Feuer. Da möchte ich noch einmal an den Wochenspruch erinnern, in dem es

heißt, dass Gott den glimmenden Docht nicht auslöschen wird und das geknickteRohr nicht brechen wird.“

Gott will nicht unseren Tod, er will das Leben. Er korrigiert uns, aber vernichtet uns nicht. Und am Ende dürfen wir wirklich hoffen, zu ihm zu kommen, von ihm herausgerissen zu werden aus dem Feuer, aus dem Tod, um bei ihm dann zuhause zu sein.

Gott gibt uns das Fundament, in der Heiligen Schrift können wir uns immer wieder darüber informieren und vor allem davon begeistern lassen. Das hat uns Gott in die Handgelegt und er traut uns so viel zu: Ihr seid Gottes Mitarbeiter. Ihr baut mit

am Reich Gottes, sei es in der Gemeinde, sei es ganz persönlich mit dem eigenen Leben. Und auch wenn Bauen immer Ärger macht, am Ende wird’s gut: Das hat uns Gott versprochen. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es auch noch nicht das Ende. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser menschl. Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Chr. J. Amen.

 

Lied 324, 12-14: Ich singe dir mit Herz und Mund

9. Sonntag nach Trinitatis

9. August 2020

Jeremia 1,4-10 Jeremias Berufung

 

4 Des HERRN Wort geschah zu mir:

5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.

6 Ich aber sprach:

Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.

7 Der HERR sprach aber zu mir:

Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.

8 Fürchte dich nicht vor ihnen;

denn ich bin bei dir und will dich erretten,

spricht der HERR.

9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir:

Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.

10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

 

 

Liebe Gemeinde,

Sie kennen das Sprichwort: „Bescheidenheit ist eine Zier?“

Dieses Wort hat ja wohl auch seine Richtigkeit.

Man soll lieber nicht über Dinge große Worte verlieren, von denen man zu wenig versteht.

Aber solche Ratschläge haben auch eine andere, schlechte Seite:

Wer sich nichts zutraut, kann nicht zu neuen Ufern aufbrechen.

Wer immer um das schon Bekannte kreist, entwickelt sich nicht mehr weiter.

Wer nicht einmal anfängt, auf das Fahrrad zu steigen, der wird das Rad fahren niemals lernen.

 

„Bescheidenheit ist eine Zier…“, wenn das das Motto unserer Gemeinde wäre, dann müssten wir unsere prächtige Kirche verkaufen, dann hätten wir auch nicht unser Gemeindehaus in dieser Form bauen dürfen

 

Unsere Kirchen haben immer etwas Kühnes an sich.

Sie ragen über die anderen Gebäude hinaus.

Sie wollen Hinweisschilder sein auf etwas Größeres, auf etwas Himmlisches, auf Gott eben.

 

Gott beruft den jungen Jeremia zu einem Auftrag, dem er sich nicht gewachsen fühlt.

„Siehe, ich setzte dich über Völker und Königreiche.

Du sollst ausreißen und einreißen.

Du sollst zerstören und verderben…

Aber auch bauen und pflanzen.“

 

Es verwundert wohl niemanden, dass Jeremia sich vor diesem gewaltigen Auftrag drücken will.

Die Berufung Gottes setzt ihn in einen Widerspruch zum dem, was die Mehrheit der Menschen in Juda denkt, fühlt und glaubt.

Der Führungsschicht im kleinen Land Juda gelang es, mit einer geschickten Bündnispolitik einen Zwergstaat, der nicht größer war als Oberfranken, geschickt zwischen den Großmächten Ägypten, Assyrien und Babylon zu einer trügerischen Blüte zu führen.

Doch Jeremia musste den Finger in die offene Wunde legen.

Er musste den Herrschenden klar machen, dass Juda im Wettstreit der Großmächte sehr schnell zerquetscht werden kann wie ein Weizenkorn zwischen zwei Mühlsteinen.

 

Juda – der letzte Rest des einst so mächtigen Israel soll sich heraushalten aus der Machtpolitik – das war die Botschaft, die Gott dem jungen Jeremia auszurichten befohlen hat.

Wer hört das gern?

… Auf Macht verzichten?

… Sich nicht blenden lassen vom Zauber der Paläste der Großmächte?

… Sich damit bescheiden das zu sein, was man ist – Gottes kleines Völkchen unter lauter Riesenvölkern.

Aber immerhin:

… Gottes Volk, zu dem Gott steht, damals, heute und in Zukunft!!!

 

Merken Sie, wie aktuell die Botschaft Jeremias ist, gerade heute wieder?

Auch heute spielt Israel die Rolle einer Großmacht im Vorderen Orient.

Doch alle Nachbarn hassen Israel.

Wie lange kann ein solches Spiel gut gehen, vor allem dann, wenn mit den Amerikanern ein Friedensplan für Palästina ausgedacht wird ohne vorher mit den Palästinensern gesprochen zu haben?

 

Israel könnte doch ein Leuchtturm sein im chaotischen Vorderen Orient, in dem es so viel Misswirtschaft, Korruption und Machtmissbrauch gibt.

Nirgendwo in der Welt sind kreativere Köpfe am Werk als in den Großstädten Israels.

Die ganze Welt staunt über das, was diese Köpfe an technischen Meisterleistungen hervorbringen.

Damit könnte Israel punkten, damals wie heute.

Doch wer will solche Wahrheiten hören?

Damals so wenige wie heute.

 

Und so bleibt Jeremia ein Außenseiter, einer, der nicht ernst genommen wird, weil er zu jung ist und weil er sich nicht blenden lässt von den Versprechungen der mächtigen Bündnispartner des kleinen Landes.

Doch der Außenseiter Jeremia bleibt seinem Volk, das ihn so sehr anfeindet leidenschaftlich verbunden.

Er will nicht der „Besserwisser“ sein, sondern der Bote des Gottes, der sein Volk innig liebt, auch wenn es ihn immer wieder so schrecklich enttäuscht.

Jeremia hält durch.

Er bleibt bei seiner Wahrheit – der Wahrheit Gottes – mehr als 40 Jahre lang.

Immer wieder wird er angefeindet, öffentlich vorgeführt, an den Pranger gestellt und verspottet.

Doch er fürchtet sich nicht.

Denn Gott steht zu ihm und hinter ihm.

Gott legt ihm Worte in den Mund, die die Waffenstarrenden entwaffnen.

Und so schafft es Jeremia, den Glauben lebendig zu halten - …

… den Glauben an den Gott der Liebe,

… den Glauben an den Gott der Gerechtigkeit

… und den Glauben an den Gott des Friedens, der Israel zum Segen für die ganze Menschheit erwählt hat.

Jeremia – ein Fremder im eigenen Volk…

Ein Fremder, der doch nichts anderes tut als an das zu erinnern, was schon seit Jahrhunderten Israel trägt, erhält und immer wieder stark macht, nämlich der Glaube an den Gott, der zu den Schwachen steht und eben dieses schwache kleine Volk Israel zu seiner Braut erwählt hat.

Leidenschaftliche Propheten, die sich nicht blenden lassen vom Glanz der Macht und dem Größenwahn…

Zum Glück gibt es solche Propheten nicht nur im Volk Israel, sondern in überraschend großer Zahl auch hier bei uns in Deutschland und in den anderen Ländern Europas.

Menschen, die die europäische Idee hochhalten gegen alle Nationalisten, die mit der Vielfalt nicht zurechtkommen und andere Meinungen oder Lebensauffassungen diskriminieren wollen.

Was für ein Glück, dass unser heutiges Deutschland sich als ein Hort der Vielfalt präsentiert, das mit schon fast engelhafter Geduld dafür wirbt, dass unser Europa beieinander bleibt und trotzdem an seinen Prinzipien festhält!!!

Beten wir dafür, dass Europa in einer Welt der Machtbesessenen eine Heimat bleibt für alle, die Bauen und Pflanzen wollen.

Denn dazu beruft uns Gott, zum Bauen, zum Pflanzen und zur Gerechtigkeit.

 

Amen

Es grüßt Sie, Pfarrer Jürgen Rix


8. Sonntag nach Trinitatis

2. August 2020

Gedanken zum Urlaubsposter der Bayerischen Landeskirche

 

Besser eine Hand voll mit Ruhe

Als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind…      Prediger Salomo 4,6 

 

Ein befremdliches Bildwort lesen wir da auf unserem Urlaubsposter

Drei Begriffe werden da genannt, die wir in unseren Händen weder halten können, nach denen wir aber auch nicht greifen können.

Ruhe kann man nicht halten

Nach Wind und Mühe können wir nicht greifen und sie in den Fäusten festhalten.

Weisheitliche Worte erschließen sich oft erst, wenn wir ein wenig innehalten und durchschnaufen.

 

Öffnen Sie doch einmal ihre Hand und betrachten Sie sie ein wenig…

 

Was haben diese Hände schon alles erlebt…

Winzig klein waren sie bei der Geburt

Fest haben sie schon damals zugegriffen, wenn die Mutter mich gestillt hat.

Sie haben die körperliche Wärme genossen, die von der Mutter ausging und wollten sie festhalten.

Mit dem Körper sind auch die Hände gewachsen.

Ich habe gelernt, die Hände als ein geniales Werkzeug zu gebrauchen.

Sie können aufbauen und einreißen.

Sie können streicheln und zuschlagen.

Sie können schwere Lasten heben und einen leichten Stift führen.

Sie können festhalten und loslassen.

Die rechte Hand trägt am Finger einen Ring – ein Zeichen dafür, dass ein treuer Mensch seit vielen Jahren mit mir durchs Leben geht.

Die Hände haben meine Kinder getragen als sie klein waren.

Dieselben Hände haben ihnen aber auch einen Schubs gegeben als sie das Radfahren gelernt haben – ein Symbol dafür, dass die Kinder nicht festgehalten werden wollen, sondern sich die Welt auf ihre Weise und auf ihren Wegen erschließen müssen.

Sie schaffen so vieles – die Hände.

Ich schaffe es mit ihnen

 

Doch zuallererst haben sie empfangen…

Die liebevolle Umarmung der Eltern und Großeltern.

Die vielen Menschen, die mir gezeigt haben, wofür ich meine Hände gebrauchen kann.

Darum ist es gut, sie hin und wieder zu öffnen…

Sie zu betrachten und sich an die Spuren zu erinnern, die das Leben in sie eingegraben hat.

Wenn sie zur Ruhe kommt – die Hand, dann sie dankbar empfangen, was Gott ihr an Begabungen geschenkt hat.

Weil diese Hand gelernt hat, nicht nur festzuhalten, sondern auch zu geben…

Weil diese Hand gelernt hat, sich mit anderen Händen zu verbinden und Hand in Hand zu arbeiten…

Darum konnten sie einen Beitrag dazu leisten, dass wir in Frieden und Freiheit in einem Land leben, das es schafft viele Probleme erstaunlich gut zu lösen

Weil viele Hände in unserem Land und unserer Kirche Hand in Hand arbeiten, darum wirken sie wie das Salz, das jede herzhafte Speise schmackhaft macht.

Weil viele Hände die Hände Schwacher, Kleiner und Fremder an die Hand nehmen, darum bringen sie Licht in die Welt…

Das Licht des Glaubens…

Das Licht der Hoffnung…

und das Licht der Liebe

Schön zu sehen, was Hände alles leisten können, wenn sie sich leiten lassen von dem liebevollen Glauben, den Jesus in die Welt gebracht.

Noch schöner aber ist es, sich immer einmal wieder eine Pause zu gönnen und in dankbarer Ruhe sich darauf zu besinnen, welchen Schatz uns Gott mit dem Glauben in die Hand gelegt hat.

Und hoffentlich lassen andere dann dem seine Ruhe, der gerade in dankbarer Ruhe auf das Werk seiner Hände blickt.

 

Amen

Es grüßt Sie, Pfarrer Jürgen Rix


7. Sonntag nach Trinitatis

26. Juli 2020

Hebräerbrief 13, 1-3

 

1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.

2 Vergesst nicht die Gastfreundschaft;

denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene,

und an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt.

 

 

Liebe Gemeinde,

 

was heißt Glaube?

Wie leben Christen ihren Glauben?

Auf diese Frage gibt der Hebräerbrief drei Antworten:

1. Christen pflegen eine brüderliche Liebe im Umgang miteinander.

2. Christen pflegen die Gastfreundschaft.

3. Christen denken an die Menschen, die als Gefangene ihrer Freiheit beraubt werden, weil sie wegen ihrem Glauben oder wegen ihrer Meinung verfolgt werden.

Beginnen wir also mit der brüderlichen Liebe.

Brüder und Schwestern gehören zusammen.

Sie haben sich einander nicht selbst ausgesucht.

Sie können sehr unterschiedliche Lebensziele verfolgen und sehr unterschiedliche Lebensstile entfalten.

Viele Familien freuen sich, wenn sie zusammenkommen, sich begegnen, ihre Erfahrungen austauschen, miteinander essen und trinken.

Familien helfen sich oft gegenseitig:

Beim Hausbau, bei der Steuererklärung, bei der Pflege der Eltern, in Krankheiten, Unglücken und bei vielen anderen Gelegenheiten.

Es gibt eigentlich fast kein Problem der Welt, das eine Familie, die zusammenhält nicht gemeinsam lösen oder zumindest erträglich gestalten kann.

In meiner Familie hätten wir am Samstag vor einer Woche gerne ein großes Rixn-Treffen in Neustadt am Kulm geplant, dort wo unsere Familie ihre Wurzeln hat.

Viele wären da angereist aus allen Teilen des Landes, sogar aus der Schweiz.

Viele die gekommen wären, habe ich noch nie vorher gesehen.

Was uns zusammengeführt hätte als eine Gruppe von 80 Personen wäre nichts anderes gewesen als drei Buchstaben, nämlich der uns verbindende Name „Rix“.

Wegen der Corona-Pandemie mussten wir dieses Treffen absagen.

Dennoch aber haben wir uns wenigstens im engeren Familienkreis in der Herlas getroffen, meine Familie, meine Eltern und mein Bruder mit seiner Familie.

Schön war’s, sich wieder einmal zu sehen, an einem Tisch zu sitzen und zu erfahren, wie jeder so seine Wege geht.

Brüderliche Liebe…

Alles andere als selbstverständlich, weil es doch auch in viele Familien viel Streit und Neid gibt.

Und dennoch:

Auch zerstrittene Familien gehören zusammen.

Sie können ihre gemeinsame Herkunft und Prägung nicht so einfach abschütteln.

Als christliche Gemeinde gehören wir doch auch zusammen, weil wir einen gemeinsamen Vater im Glauben haben, Gott – Jahwe – dessen Namen ganz groß in der Mitte unserer Kirchendecke in goldenen Buchstaben und aus einer goldenen Sonne auf uns herableuchtet.

Daneben hat uns auch die gemeinsame Mutter geprägt – die evangelische Kirche – in der wir unsere Form des Glaubens gelernt haben.

Ja, als Schwestern und Brüder im Glauben gehören wir zusammen, auch wenn jeder von uns seinen Glauben auf seine ganz eigene Weise entfaltet.

Geschwisterliche Liebe verbindet uns – auch wenn wir diese Liebe momentan nicht so entfalten können, wie wir es gelernt haben.

Beim Abendmahl dürfen wir nicht aus dem gemeinsamen Kelch trinken – dem innigsten Symbol für Gemeinschaft und Verbundenheit.

Wir dürfen nicht einer neben dem anderen stehen und uns am Ende die Hände zum Friedensgruß reichen.

Wir dürfen auch nicht einfach nebeneinander sitzen, weil wir Abstände einzuhalten heben.

Und dennoch fühlen wir uns verbunden und tragen das Unsere dazu bei, dass das Leben in dieser Gemeinde weitergeht.

Endlich dürfen wir wieder Kinder taufen und junge Paare trauen.

Konfirmanden besuchen den Unterricht, obwohl jeder für sich an einem Tisch allein sitzen muss.

Viele Menschen spenden und zahlen treu ihr Kirchgeld.

Ja – das Gefühl vom himmlischen Vater in diese Kirche gerufen zu sein und bei der Mutter – der Gemeinde – bleiben zu wollen…

Dieses Gefühl hält und zusammen und verbindet uns.

 

Was wir im großen Kreis bei Konfirmationen und der Kirchweih momentan nicht ausleben können, das suchen und finden viele Menschen gerade in dieser Zeit in der Gastfreundschaft.

Viele laden sich gegenseitig ein in den Garten zum Grillen, zum Kaffeetrinken oder zu einer Brotzeit.

Viele entdecken gerade in dieser Zeit das Waafen mit dem Nachbarn über den Zaun hinweg ganz neu als eine Gelegenheit, bei der sie Geborgenheit und Halt finden.

Gastfreundschaft – die Bibel erzählt viele Geschichte von Menschen, einem Fremden die Tür geöffnet, ihn eingeladen und bewirtet haben, dabei ins Gespräch miteinander gekommen und sich gegenseitig näher gekommen sind.

Im Nachhinein merkten diese Gastgeber dann, dass sie nicht nur einen Fremden, sondern einen Engel beherbergt haben.

Ist es nicht so?

Fremde Menschen bringen neue Erfahrungen, neue Ideen und neue Einblicke ins Haus.

Jetzt am Beginn der Sommerferien verreisen viele und dürfen dort in der Fremde hoffentlich auch Gastfreundschaft erleben bei all den ungeplanten Begegnungen, die eine Reise so mit sich bringt.

„Wer eine Reise tut, der hat was zu erzählen“ – so heißt es in einem Sprichwort.

Und tatsächlich haben doch die meisten der interessanten Geschichten des Lebens etwas damit zu tun, dass wir selbst Gastfreundschaft gewährt oder Gastfreundschaft erlebt haben.

Freuen wir uns also auf all diese ungeplanten Begegnungen!

Und achten wir darauf, dass unsere Türen den Engeln den Weg zu öffnen.

 

Was heißt Glaube?

Mit dieser Frage habe ich den Weg eingeleitet, der uns dieses Bibelwort erschließen soll.

Glaube bedeutet neben der geschwisterlichen Liebe und der Gastfreundschaft auch, dass wir an die denken, die unter die Räder des Lebens in dieser Welt gekommen sind…

An die Gefangenen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden im Iran, in Pakistan, in Afghanistan und vielen anderen radikal muslimischen Ländern.

Es tut weh, wenn unsere Behörden Iraner, die sich hier bei uns taufen ließen und die sich in unsere Gesellschaft einbringen wollen, gnadenlos dorthin zurückweisen, wo ihnen der sichere Tod droht, es aber andererseits nicht schaffen, radikale Islamisten, Gewalttäter oder Drogendealer außer Landes zu schaffen.

Ich würde mir wünschen, dass wir als Christen viel lauter darauf dringen, dass es den Muslimen, die hier zum christlichen Glauben finden und die sich taufen lassen, auch abgenommen wird, dass sie es wirklich ernst meinen und ihnen hier der Weg in die Selbstständigkeit nicht so schwer gemacht wird.

Es tut weh, dass wir uns zwar als ein weltoffenes Land präsentieren, aber wegen der vermeintlichen Neutralität des Staates, getaufte Christen in Länder zurückschicken, die mit diesen Menschen kurzen Prozess machen.

 

Was heißt Glaube?

Auf diese Frage wollen wir eine dreifache Antwort geben:

Glauben heißt:

Liebevoll mit den Menschen umgehen, die uns Gott an die Seite gestellt hat.

Glauben heißt:

Die Türen offen halten für Gäste, weil Gott uns in den Gästen oft Engel begegnen lässt.

Und Glauben heißt:

Denken, beten und streiten für die, die gefangen sind wegen ihres Glaubens oder ihrer Freiheitsliebe, so als wären wir selber gefangen.

 

 

 

Amen

Es grüßt Sie, Pfarrer Jürgen Rix


5. Sonntag nach Trinitatis

12. Juli 2020

Lukas 5,1-11

 

1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu Jesus drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth

2 und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.

3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.

4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!

5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.

6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen.

7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.

8 Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.

9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten,

10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.

11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Liebe Gemeinde,

 

Wir sagen: Not lehrt beten.

Hier ist alles anders.

Hier ist es der schiere Überfluss, der Petrus in die Knie zwingt.

Hier ist es der überschwängliche Reichtum, der ihn das Beten lehrt.

Petrus macht dank Jesus einen Fischzug, so reich, wie es ihm noch nie gelungen ist.

Die Netze sind zum Zerreißen voll mit Fischen.

Zwei Boote quellen über mit üppigem Fang und drohen zu sinken.

Ein unglaublicher Überfluss an Gaben wird ihm geschenkt.

Und die Gaben, dieser Reichtum führen Petrus zum Geber:

Er fällt vor Jesus nieder.

 

Simon Petrus geht es an diesem Tag nicht schlecht.

Im Gegenteil. Es geht ihm so gut wie noch nie.

Er macht den Fang seines Lebens.

Und das führt bei Simon Petrus am See Genezareth zu etwas, was bei uns wohl eher selten passiert.

 

Petrus öffnet sein Herz aus reiner Dankbarkeit.

Der unermessliche Reichtum lässt ihn weich werden.

Die Gabe führt ihn zum Geber.

Der unglaubliche Überfluss führt ihn zu Jesus und zur Selbsterkenntnis.

 

„Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach:

Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“

Die überschwängliche Gabe führt ihn auch zur Selbsterkenntnis.

 

Simon Petrus, ein sündiger Mensch?

Petrus scheint doch Jesus von Anfang an zugetan zu sein.

Jesus hatte ihn wenige Tage zuvor in seinem Haus aufgesucht.

Er hatte die Schwiegermutter des Petrus, die hohes Fieber hatte, geheilt.

In Kapernaum war dies geschehen.

Und nun treffen die beiden sich wieder an der Arbeitsstelle des Petrus, am See Genezareth, dort, wo die Fischerboote des Petrus lagen.

Und obwohl Petrus eine anstrengende Nacht als Fischer auf dem See Genezareth hinter sich hat, kommt er der Bitte Jesu nach und stellt ihm sein Boot sozusagen als Kanzel zur Verfügung.

Er fährt Jesus etwas vom Ufer weg, damit seine Worte unbedrängt und frei am Ufer zu hören sind.

Denn viele Menschen waren zusammengekommen, um ihn zu hören.

Jesus und seine Worte scheinen dabei auch auf Petrus einen gewissen Eindruck gemacht zu haben.

Und Petrus beginnt Jesus zu vertrauen.

 

Eigentlich ist er ja müde und erschöpft und frustriert.

Vergeblich war die ganze nächtliche Plackerei beim Fischen.

Die Netze waren leer geblieben.

Es ist ein niederschmetterndes und entmutigendes Gefühl, wenn man sich einsetzt und abmüht...

Wenn man seine Arbeit tut, aber es stellt sich kein Erfolg ein.

Die ganze Nacht gearbeitet, den ganzen Tag geschuftet, und nichts, rein gar nichts ist dabei herausgekommen.

Kein einziger Fisch für den Markt.

Nur Ausgaben, keine Einnahmen.

Nur Arbeit, kein Erfolg.

 

Er hätte auch sagen können:

„Danke, für heute habe ich genug.

Ich kann nicht mehr, und ich will nicht mehr.

Ich muss erst mal darüber schlafen und die Niederlage verdauen.

Morgen ist auch noch ein Tag; hoffentlich ein besserer.“

 

Petrus vertraut Jesus.

„Auf dein Wort, Jesus, will ich die Netze auswerfen“, sagt er.

Und er tut etwas, was er als Fischer eigentlich nie tun würde.

Er fährt am helllichten Tag hinaus auf den See und fischt im tiefen Wasser.

So fischt man normalerweise nicht auf dem See Genezareth.

Man fischt nachts, wenn die Fische an die Oberfläche kommen, und man kann sie noch mit Fackeln zusätzlich anlocken.

Das verspricht Erfolg.

Aber an diesem Tag ist alles anders.

Und Petrus merkt, wie sich sein Leben durch Jesus zu ändern beginnt.

Was er noch nicht weiß, ist, dass es ein langer Weg voller Höhen und Tiefen, voller Freude und Zweifel, voller Eifer und Verzagtheit werden wird…

Und dennoch, ein Weg voller neuem Leben.

Hier am See Genezareth beginnt sein Weg ganz praktisch, indem er Jesus einfach auf den See hinausrudert.

Dort hörte er seine Worte und fasst Vertrauen.

 

„Ich habe einfach mal beim Gemeindefest mitgeholfen“, sagt ein Gemeindeglied heute.

„Und dann bin ich dabeigeblieben und bin hineingewachsen in die Gemeinde, auch in die Gottesdienste.

Es macht Freude, dabeizusein.

Ich habe so viel davon, auch für mich persönlich.“

 

So hat auch der Weg des Petrus begonnen.

Und doch wollte Petrus diesen Weg gleich wieder abbrechen;

… wollte sofort beenden, was ihm so gutgetan hatte.

Diese große Menge an Fischen, dieses übergroße Geschenk lässt ihn erschrecken.

Gott ist so unglaublich gut – wer bin dann ich?

Der Reichtum lässt sein Herz erweichen.

Ja, es gibt Menschen, die viel besitzen und viel geben; die wissen, dass alles im Leben eigentlich ein Geschenk ist, auch wenn man hart für seinen Besitz gearbeitet hat.

 

Wie bei Simon Petrus.

Der Reichtum öffnet ihm die Augen für eine andere Wahrnehmung des Lebens.

Nein, besser gesagt:

Der reiche Fang öffnet ihm die Augen für das, was wirklich ist und was wirklich gilt:

für Gott und seine Gnade.

Petrus erkennt:

Das Leben ist Gottes Geschenk.

Alles Leid gehört dazu, aber auch alles Glück, alle Erfahrungen von Frustration, aber auch alle Erfahrungen von Erfolg.

Gott bringen wir schnell mit dem Leiden in Verbindung.

? Aber auch mit unserem Glück?

Petrus erschrickt, als er sich selber erkennt.

Er erschrickt, weil Gottes Gnade vor ihm steht.

Petrus erkennt, wie groß Gott ist – und wie klein er selber und sein Glaube.

 

Er hat seinen Glaubensweg begonnen und Jesus vertraut.

Aber das, was er und seine Gefährten dort erlebt haben, ist schier zu gut, um wahr zu sein.

 

Menschen soll Petrus nun fangen.

Ein Menschenfischer soll er werden.

„Von nun an wirst du Menschen fangen.“

 

Der Begriff stört.

Er klingt nach „Bauernfängerei.“

Da sollen wohl Menschen einem ins Netz gehen.

Der Begriff ist schwierig.

Aber er ist bloß ein Wortspiel.

Leider hören wir es heute meist negativ.

Aber Petrus wird sofort verstanden haben, worum es geht.

Es geht darum, die Worte Jesu in die Welt hinauszuwerfen, damit Menschen sich daran festhalten können.

… Damit sie einen Halt bekommen im weltweiten Netz der Menschen, die Jesus Christus vertrauen.

… Damit sie einen Platz finden in dem Schiff, das sich Gemeinde nennt.

Es geht bei diesem Bild um den Menschen, der einen Platz braucht und Orientierung auf seinem Lebensweg.

Es geht darum, anderen die Hand zu reichen, damit sie mitkommen auf dem Weg des Glaubens.

 

„Fürchte dich nicht“, sagt Jesus dem an sich selber zweifelnden Petrus.

Das ist ein gutes Wort auf dem Lebensweg.

Fürchte dich nicht, wenn die Not dich beten lehrt.

Aber fürchte dich auch nicht, wenn du Glück erfährst und Gott dir neue Wege und Möglichkeiten zeigt.

 

Amen

Es grüßt Sie, Pfarrer Jürgen Rix


3. Sonntag nach Trinitatis

28. Juni 2020

Liebe Gemeinde,

 

In unserem heutigen Predigtwort spricht der Prophet Micha zu seinem Volk, das viel Unrecht auf sich geladen hat und nun vor dem Untergang steht.

Der prophezeite Untergang ist dann tatsächlich eingetreten.

Der Tempel wurde zerstört und Israel in die Verbannung geführt.

Die Schuld kann schreckliche Folgen haben, Folgen die oft erst die nächsten Generationen ausbaden müssen.

Hören wir die letzten beiden Verse aus dem Buch des Propheten Micha.

 

Micha 7, 18 – 20

18 Wo ist solch ein Gott, wie du bist,

der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die übrig geblieben sind von seinem Erbteil;

der an seinem Zorn nicht ewig festhält,

denn er ist barmherzig!

19 Er wird sich unser wieder erbarmen,

unsere Schuld unter die Füße treten

und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.

20 Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

 

Zu den Übriggebliebenen spricht der Prophet.

Ja, auch wir sind Übriggebliebene…

Wir sind die Kinder, Enkel und Urenkel derjenigen, die vor 81 Jahren einen schrecklichen Krieg angezettelt haben, der 60 Millionen Menschen das Leben gekostet hat.

Wir sind die Kinder, Enkel und Urenkel derjenigen, die sich für eine besondere Rasse hielten und sich das Recht herausgenommen haben, all die Menschen zu versklaven und zu beseitigen, die nicht in das Raster dieser angeblichen „arischen Rasse“ passten.

Wir sind die Kinder, Enkel und Urenkel derjenigen, die bestenfalls schweigend weggeschaut haben, als man ehrbare Menschen durch die Straßen trieb, sie ihrer Rechte und ihres Besitzes beraubte und sie dann in Güterwaggons in die Konzentrationslager verfrachtete.

Wir sind die Kinder, Enkel und Urenkel derjenigen, die Europa in Schutt und Asche gelegt haben.

Zorn hätten wir verdient, Rache haben viele erlebt, vor allem die, die flüchten mussten.

Nicht wenige Menschen aus den siegreichen Staaten haben gefordert, dass man Deutschland zu einem Agrarland verwandelt, dessen Ertrag bestenfalls zum Überleben reicht.

Doch wir durften Vergebung erfahren.

Die, die mit großen Opfern unsere sich zäh verteidigende Wehrmacht niedergerungen haben, die haben uns unsere Schuld vergeben.

Um es mit den Worten des Propheten Micha auszudrücken.

„Sie haben sich über uns erbarmt.

Sie haben unsere Schuld unter die Füße getreten.

Sie haben unsere Sünden in die Tiefen des Meeres geworfen.“

Und darum sind wir seither auch Kinder, Enkel und Urenkel der Vergebung.

Vergebung – das ist erlebte Gnade.

Vergebung – da handelt der Stärke, der im Recht ist, verständnisvoll und verzeihend an dem, der Unrecht getan hat.

Vergebung – die kann allein der gewähren, der bitter enttäuscht wurde von einem, der sich eben nicht so verhalten hat wie man es von ihm hätte erwarten können.

Ja, Kinder, Enkel und Urenkel der Vergebung sind wir Deutsche…

Was für ein Glück!!!

Und mit einiger „Zu - Friedenheit“ dürfen wir behaupten:

Wir haben uns der Vergebung als würdig erwiesen.

Wir haben uns Respekt erworben mit der Verfassung, die wir uns gegeben haben.

Wir haben uns Respekt erworben mit der Art und Weise, wie wir uns aus dümmlichen Untertanen zu aufrechten Demokraten entwickelt haben.

Wir haben uns Respekt erworben mit der Art und Weise, wie wir erdrückend scheinende Probleme konsequent abgearbeitet und gelöst haben.

 

Millionen von Flüchtlingen mussten eine neue Heimat finden.

Aus Schlesiern und Ostpreußen wurden Franken.

Problem gelöst!

 

Zerstörte Städte und Straßen mussten wiederaufgebaut werden.

München und Berlin ziehen Millionen von Touristen an.

Problem gelöst!

 

Die Gnade der Geschichte hat die innerdeutsche Grenze, an der so viele ihr Leben verloren haben friedlich in sich zusammensacken lassen.

Fünf neue Bundesländer in einem desolaten Zustand mit 16 Millionen Menschen kamen hinzu.

Heute erstrahlen Dresden, die Mecklenburger Seenplatte und die Seebäder auf Rügen in neuem Glanz.

Problem gelöst!

 

Kurz nach dem Mauerfall kamen mehr als zwei Millionen Rußlanddeutsche ins Land.

Innerhalb von zwei Jahren wuchs meine ehemalige Gemeinde in Altenkunstadt um 1/3 mit russlanddeutschen Gemeindegliedern.

Viele sind dort geblieben. Viele haben sich Häuser gebaut.

Etliche ihrer Kinder haben inzwischen Firmen gegründet.

Sie betrachten sich ganz selbstverständlich als „Aldenkuschder“ und reden auch so.

Problem gelöst!

 

Vor fünf Jahren kam wieder eine Million Flüchtlinge ins Land.

Diesmal aus arabischen Ländern.

Fremde Sprache, fremde Kultur, fremde Religion.

An diesem Problem arbeiten wir.

Doch wir sind auf einem guten Weg, besser als es viele gedacht haben.

Vor einem Jahr meinte Henry Schramm dazu: „Kein Kulmbacher muss wegen irgendeines Flüchtlings auf irgendetwas verzichten.

 

Aktuell beschäftigt uns das Corona Virus.

Auch an diesem Problem arbeiten wir.

Auch dieses Problem haben wir einigermaßen gut in den Griff bekommen, weil wir vorher gut gewirtschaftet haben und es uns nun erlauben können, zu klotzen und nicht zu kleckern.

Ja, wir greifen sogar so tief in die Tasche, dass sogar für andere europäische Länder viel übrig bleibt, vor allem für die, die von der Corona Krise noch stärker betroffen sind als wir.

 

Als Kinder, Enkel und Urenkel der Vergebung haben wir eben nicht vergessen, dass wir auch schon einmal Gnade erlebt haben.

Als Kinder der Vergebung erhalten wir aber auch die Erinnerung an unsere Schuld wach.

Wir konfrontieren auch die Urenkel noch mit dem Grauen, das wir angerichtet haben, wenn wir mit den Schülern von heute die KZ-Gedenkstätten besuchen und mit vielen Filmen an die Schrecken des Krieges und an die Entbehrungen der Nachkriegszeit erinnern.

Wohl deswegen schätzen so viele den Wert der Freiheit – gerade jetzt.

Wohl deswegen sinkt zum Glück auch wieder die Zustimmung zu den Radikalen, die große Töne spucken, aber nichts zustande bringen.

 

Der barmherzige Gott hat uns Barmherzigkeit erleben lassen – auch jetzt wieder in dieser Krise.

Darum ist es gut, dass wir diese Barmherzigkeit weitergeben und teilen mit denen, die es härter getroffen hat als uns.

Ja, Kinder der Vergebung dürfen wir uns nennen, auch ganz unabhängig von der Weltgeschichte und der Politik.

Denn Hand aufs Herz!

Hat nicht jeder von uns schon berechtigte Erwartungen enttäuscht?

Hat nicht jeder von uns schon erlebt, dass der, der Recht hatte, sich liebevoll oder verständnisvoll zu ihm gewandt hat und ihm vergeben hat?

Waren Sie immer ein braves und fleißiges Kind, an dem die Eltern immerzu eine Freude hatten?

Waren Sie in der Lehre oder im Studium immer aufmerksam und strebsam?

Oder haben auch Sie die Grenzen ausgetestet, manchmal mehr als erträglich?

Erziehung und Ausbildung…

Für die Eltern, Lehrer und die Ausbilder ist das allzu oft eine Aufgabe, die sie an den Rand der Belastungsgrenze bringt.

Wie viel Streit?

Wie viel Enttäuschung?

Und dann doch…

Es ist mein Kind!

Ich liebe es doch!

Es ist meine Klasse! Es sind meine Lehrlinge!

Ich will sie weiterbringen!

Barmherzigkeit ist ein langer Weg.

Und hoffentlich wirkt die Kraft der Barmherzigkeit in einem jeden von uns so lange wie das Herz in unserem Leib schlägt.

Denn die Barmherzigkeit macht das Leben lebenswert.

Die Barmherzigkeit öffnet Räume und Wege in die Zukunft, Räume und Wege, die wir jetzt in der Gegenwart noch nicht einmal erahnen.

Barmherzigkeit haben wir erlebt als Volk.

Barmherzigkeit dürfen wir jetzt erleben in unseren Familien, aber auch am Arbeitsplatz.

Barmherzigkeit drückt die Schuld nach unten.

Barmherzigkeit bewirkt, dass wir über der Schuld stehen.

Ein dankbarer Glaube hält die Erinnerung wach, dass es alles andere als selbstverständlich ist, Vergebung zu erleben.

Ein dankbarer Glaube macht uns bewusst, dass der feste Grund, auf dem wir stehen, die Vergebung ist.

Vergebung…!

Ein fester Grund für das Leben in der Familie.       

Vergebung…!

Ein fester Grund auch für die jüngere Geschichte unseres Landes.

Zum Glück dürfen wir beides reichlich erleben…

Vergebung und Barmherzigkeit.

 

Amen

Es grüßt Sie, Pfarrer Jürgen Rix



Pfingsten

Das Bibelwort zum Pfingstfest

 

19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen:

Friede sei mit euch!

20 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.

21 Da sprach Jesus abermals zu ihnen: 

Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

22 Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: 

Nehmt hin den Heiligen Geist!

 

23 Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

 

 

Johannes 20, 19-23         

 


Liebe Gemeinde,

 

Pfingsten feiern wir – das Fest des mutigen, unternehmungsfreudigen und fröhlichen Geistes.

Und die Jünger Jesu?

Sie fürchten sich und kauern sich hinter verschlossenen Türen zusammen.

Sie haben doch schon von den Frauen gehört, dass Jesus auferstanden ist.

Sollten Sie da nicht voller Freude sein, die Türen aufmachen und den auferstandenen HERRN suchen?

So kann man leicht reden, wenn man in einer liberalen Demokratie lebt, in der jeder frei seine Meinung sagen kann und glauben darf, was er will.

Doch die Jünger haben das leidvolle Sterben Jesu am Kreuz noch vor Augen.

Sie erinnern sich auch an ihr eigenes Versagen und schämen sich dafür.

Und jetzt fehlt ihnen der Glaube, sich von der frohen Botschaft der Frauen begeistern zu lassen.

Ja, so sind sie die Jünger…

Menschen, - wie wir halt auch!!!

 

Pfingsten feiern wir im Frühling des Jahres 2020 – das Fest des mutigen, unternehmungsfreudigen und fröhlichen Geistes.

Und wir, hinter unseren Masken, die wir „schön vorschriftsmäßig“ auf Abstand sitzen…?

Wir haben doch auch Angst…!!!

Keine Angst vor den Juden wie die Jünger, …

keine Angst vor den Russen, den Chinesen oder den uns neuerdings immer fremder werdenden Amerikanern.

Wir haben Angst vor einer unsichtbaren Gefahr…

… Angst vor einem Virus, der unsere Lungen befällt…

… Angst vor einem Virus, der uns die Kraft zum Atmen nimmt.

 

„Pneuma“, so heißt das griechische Wort für den Heiligen Geist.

„Pneuma“ bezeichnet aber zugleich das Atmen.

Wer einen Lungenarzt aufsucht, der findet auf dessen Praxisschild die Berufsbezeichnung „Pneumologe“.

 

An Pfingsten feiern wir das Fest des Heiligen Geistes, eines Geistes also, der nicht nur in unserem Gehirn wirkt und uns immer wieder kreative Ideen schenkt.

An Pfingsten feiern wir demnach auch das Fest einer Kraft, die uns frei und hoffnungsvoll aufatmen lässt.

Können wir das in dieser Stunde des Pfingstfestes?

– frei und hoffnungsvoll durchatmen hinter unseren Schutzmasken und mit unseren desinfizierten Händen, mit denen wir uns nicht mehr gegenseitig begrüßen dürfen?

Wie fühlen wir uns hinter unseren Masken, wenn wir vereinzelt im Sicherheitsabstand von 2 Metern voneinander sitzen?

Freilich drücken die Masken und die Desinfektionsmaßnahmen nicht gerade Unbeschwertheit und Fröhlichkeit aus.

Sie sind aber kein Zeichen von Angst.

Viel mehr möchte ich sie verstehen als Verhaltensformen der Vernunft, der Rücksichtnahme und der Bescheidenheit.

Mit diesen Verhaltensformen sind wir weit gekommen.

Weiter jedenfalls als die, die sich in falscher Sicherheit wiegen.

Unsere Infektionszahlen halten sich in Grenzen verglichen mit Italien, Amerika oder England.

Unser oft so geschmähtes Gesundheitssystem und die engagierten Menschen, die dahinter stehen, haben eine beeindruckende Leistung abgeliefert.

Wir haben die Bedrohung ernst genommen und mit Klugheit dagegengehalten.

Wir haben die großen Worte vermieden und nicht wie Trump oder Macron von einem „Krieg gegen das Virus“ gesprochen.

Wir haben uns ganz einfach voreinander geschützt.

So haben wir Zeit gewonnen, Zeit, die wir auch nutzen konnten zur Besinnung, zur Ruhe und zum Neuentdecken dessen, was der engste Kreis der Familie einander zu schenken vermag.

 

 

Freilich hat diese Zeit uns auch dazu gezwungen, auf Manches zu verzichten, was wichtig und notwendig gewesen wäre…

So manche Witwe durfte ihrem sterbenden Mann nicht die Hand halten, weil es ein Kontaktverbot für Pflegeheime und Krankenhäuser gab.

Ich selber habe meine Eltern drei Monate lang nicht mehr gesehen.

Sie wollten es so.

Sie haben sich zurückgezogen und diese Zeit bis jetzt gut überstanden.

Schmerzhafter Verzicht kann Leben retten – so ist das in diesen Tagen.

Die österliche Freudenzeit, die hinter uns liegt, entpuppte sich als eine verlängerte Fastenzeit.

-         Keine Osternacht

-         Keine Konfirmationen

-         Keine Konfirmandenfreizeit

-         Keine Frühlingsfeste

-         Keine Partys

 

Und???

 

Das Leben geht weiter.

In der Zeit dazwischen konnten wir Kräfte sammeln, uns neue Maßnahmen überlegen und jetzt können wir überlegt handeln.

An Pfingsten begabt der auferstandene Christus seine Jünger mit dem ausdauernden Atem, mit dem sein Geist für Leben und Frieden sorgt.

Den Geist dieses Christus atmen wir auch hinter unseren Masken.

Auch als eine vorsichtige und rücksichtsvolle Gemeinde atmen wir den Geist Christi.

Wir versammeln uns unter Umständen, die nicht feierlich sind.

Und dennoch stärken wir uns im Glauben und in der Hoffnung mit jedem Atemzug, weil wir darauf vertrauen, dass Christus uns nahe ist und uns sendet.

Er sendet uns in die Welt, damit wir in seinem Namen den Menschen ihre Sünden erlassen…

Wie kann das gehen, Sünden erlassen?

Das griechische Wort für Sünde bedeutet auch „Schuld“ oder „Schulden“.

Darum beten wir im Vaterunser:

„Und vergib uns unsere Schuld – wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

In diesen Tagen ist viel von Schulden die Rede, von Schulden, die Europa gemeinsam aufnimmt und gemeinsam tragen soll.

Keiner trägt gerne die Schulden anderer mit.

Keiner erlässt einem anderen gerne die Schuld und die Schulden.

Aber dennoch weist uns das der auferstandene Christus als Aufgabe zu.…

… Sünde, Schuld und Schulden vergeben…

Als Jesus der Ehebrecherin die Schuld vergeben hat, fügte er aber hinterher hinzu:

„Sündige hinfort nicht mehr!“

Sünde, Schuld und Schulden vergeben…

Ja, das ist unsere Aufgabe, damit der Kontinent Europa, der so viele Kriege erlebt hat in Frieden beieinander bleiben kann.

Freilich werden danach aber einige viel zu lernen haben, damit alte Fehler vermieden werden.

Und so holen wir denn hinter unseren Masken zu einem tiefen „Schnaufer“ aus und hoffen, dass Gott seinen Segen dreingibt beim Vergeben, damit’s nicht hinterher so weitergeht, wie’s vorher aufgehört hat.

Mit dem zweiten „Schnaufer“ bitten wir dann darum, dass alles, was nun vor uns liegt, dem Frieden dient.

Denn der Friede ist das Wichtigste im Leben von uns Menschen – wichtiger sogar als die eigene Gesundheit.

Und bei einem dritten „Schnaufer“ hinter unseren Masken bitten wir nicht um irgendeinen Frieden, sondern um den Frieden des auferstandenen Christus, der mit seinem vergebenden Geist in uns wirkt heute, gestern, morgen und in Ewigkeit!

Und der Friede Christi, der höher ist als alle unsere menschliche Vernunft bewahre uns und segne uns in Ewigkeit. Amen

 

Ein frohes Pfingstfest wünscht Ihnen, 

Pfarrer Jürgen Rix


Gebet

 

Gott im Himmel und auf Erden,

dein Licht erleuchtet uns,

dein Wort dringt uns ins Herz.

Dein Heiliger Geist lässt uns verstehen, dass du uns begleitest auf unseren Wegen –

Auch auf den Wegen, die wir uns nicht ausgesucht haben.

Stärke uns in dem Glauben, der deine Nähe, deine Kraft, deine Liebe spürt und weitergibt,

gestern, heute, morgen und in alle Ewigkeit.

 

 

Amen



Christi Himmelfahrt

Johannes 17, 20-26, Christi Himmelfahrt 2020

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Jesus hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, ich bitte nicht allein für die, die du mir gegeben hast, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.

Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf das sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.

Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir geben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war. Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.

 

 

Liebe Gemeinde,

wir sind mit diesen Worten in der Abschiedsrede von Jesus. Jeder, der schon einmal eine Abschiedsrede halten musste, weiß, wie schwer das ist. Da schwingen Wehmut und Trauer mit über etwas, das eben zurückgelassen werden muss, aber natürlich will man ja auch noch etwas Wichtiges sagen: Worte, die bleiben, die trösten und zuversichtlich stimmen. Es ist so sicher nicht zufällig, dass dieser Abschluss der Abschiedsrede Jesu ein Gebet ist. Jesus betet zu seinem Vater, dass etwas Wichtiges bleiben soll von all dem, was Jesus gesagt und getan hat.

Ich greife einmal den Vers heraus, der für mich das Zentrum dieses Bibelabschnitts ist. Jesus betet zu Gott: „Ich haben ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind.“

Zwei Gedanken dazu: Was heißt das eigentlich „Eins sein“? Eins sein, das bedeutet zusammenzugehören, wie zwei Seiten einer Münze zusammengehören oder wie der Deckel zum Topf gehört oder das Handy zum Jugendlichen oder natürlich zwei sich liebende Menschen zusammengehören. Zwei sind eins, wenn man sich den einen ohne den anderen nicht denken kann. Mir fallen da wirklich Paare dazu ein, die man nur zusammen kennt. Sie treten immer gemeinsam auf in einer stillen, selbstverständlichen, unaufdringlichen Vertrautheit – und es tut gut, sie zusammen zu sehen. Wenn mal einer fehlt, fragt man unwillkürlich: Wo ist denn der andere?

Übertragen auf Gott bedeutet es, dass ich Gott den Vater, nicht denken kann ohne an Jesus und an den Heiligen Geist zu denken. Oder an Jesus nicht denken kann, ohne an Gott, den Vater und den Geist zu denken. Oder eben an den Heiligen Geist nicht denken kann ohne an Jesus und den Vater zu denken. Mit diesen Gedanken sind wir dann mitten in der Dreieinigkeit angekommen – die drei Personen Gottes sind nur zusammen zu denken. Vollkommen eins.

Jesu Worte nun an uns: So sollt ihr auch eins sein.

O o, da sind wir dann aber weit davon entfernt. Evangelische und Katholische, Anglikaner, Baptisten, Orthodoxe, Methodisten, Armenische, koptische Kirche, um nur mal eine kleine Auswahl an Christen zu nennen – alle eins? Aber bevor wir daran verzweifeln, möchte ich gleich zum zweiten Gedanken kommen. Jesus spricht davon, dass er uns die Herrlichkeit gegeben hat, damit wir überhaupt eins sein können.

 

Das Wort Herrlichkeit heißt im Griechischen Doxa, im Hebräischen kabod. Und es gibt eine Geschichte im AT, die besonders anschaulich macht, was damit gemeint ist. Es ist die Geschichte aus dem 2.Buch Mose, in der Mose unbedingt die Herrlichkeit Gottes sehen möchte. Er ist auf dem Berg Sinai und empfängt dort die 10 Gebote – und dann möchte er Gott sehen, damit er dem Volk sagen kann, wer das ist, von wem er die Gebote hat. Er bringt Gott seine Bitte vor. Gott antwortet: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht!“ Aber dann kommt Gott dem sehnlichen Wunsch von Mose doch entgegen, indem er Mose in eine Felsnische stellt, schützend seine Hand darüber legt und Mose hinter Gott hersehen darf. Und schon allein dadurch, dass Mose dieses „Nachsehen“ hat, legt sich auf sein Gesicht ein Glanz, die Herrlichkeit Gottes. Mose strahlt. Und an diesem Glanz, dieser Herrlichkeit, erkennen die Israeliten, dass Mose tatsächlich eine ganz besondere Begegnung gehabt hat.

 

Schauen Sie einmal hoch: In unserer wunderschön angemalten Decke ist ja im goldenen glänzenden Strahlenkranz das Symbol für die Dreieinigkeit und der hebräische Gottesname Jahwe zu erkennen. Jahwe kann man verschieden übersetzen. Es kann heißen „Ich bin, der ich bin“ oder „Ich bin der Seiende“ oder eben auch „Ich bin der Mitgehende“.

Von dort oben glänzt es zu uns herunter, goldig. Die Worte, die das AT mit dem NT verbinden: Ich bin der mitgehende Gott. Ich bin der Gott, der weitergeht, der mit Jesus Christus zu uns gegangen ist, in vollkommener Einheit. Der Gott, der mit Jesus in den Heiligen Geist gegangen ist, in vollkommener Einheit.

Durch ihn haben wir all die Geschichten und Worte, die wir von Jesus wissen. Und wir haben sie, damit wir eins sein können. Das heißt nicht, dass keine Unterschiede im Glauben mehr sein dürfen, aber der Kern unseres Glaubens muss derselbe sein und das sind die Dreieinigkeit und die damit verbundene Liebe Gottes, die uns zum Strahlen bringen will.

 

Heute, an Himmelfahrt, denken wir an den Abschied Jesu, an den letzten Tag, den er als Mensch auf der Erde war, bevor er im Heiligen Geist alt und neu zu uns kam. Wir denken daran, was uns von Jesus geblieben ist, auch wenn er als sichtbarer Mensch weg ist: Es sind seine Worte und Taten der Liebe. Alles, was Christen ausmacht, muss an dieser Liebe gemessen werden. Wir werden es nie schaffen, in vollkommener Liebe eins zu sein, aber unsere Orientierung ist und bleibt die Liebe Gottes. Alles muss sich an dieser Liebe messen lassen: Wenn wir nicht wissen, wie wir denken, reden oder handeln sollen: Lasst es uns an der Liebe messen, dann wissen wir es.

Alles muss sich an der Liebe messen lassen – denn nur Liebe bringt Menschen zum Leuchten und Strahlen. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles menschliche Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Es grüßt Sie herzlich Ihre Pfarrerin Bettina Weber


Sonntag  Rogate

17. Mai 2020

Matthäus 6,5-15       Vom Beten. Das Vaterunser

 

Jesus lehrte die Menschen:

5 „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.

7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.

8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

9 Darum sollt ihr so beten:

 

Unser Vater im Himmel!

Dein Name werde geheiligt.

10 Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

11 Unser tägliches Brot gib uns heute.

12 Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

13 Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.

15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Rogate            5.5.2013          Matth. 6,5-15

 

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Liebe Gemeinde,

 

um das richtige Beten geht es am heutigen Sonntag Rogate.

Wo sollen wir beten, wie, wann und wie oft?

Diese Frage wird immer wieder gestellt.

Und in der Bergpredigt gibt Jesus darauf eine missverständliche Antwort, die gerne von denen ins Feld geführt wird, die am Sonntag nicht zum Gottesdienst kommen.

Jesus sagt ja selbst:

„Wenn ihr betet, dann sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die in den Synagogen und an den Straßenecken stehen, damit sie von den Leuten gesehen werden…

Wenn du betest, dann geh in dein Kämmerlein, schließ die Tür und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist, weil dein Vater auch ins Verborgene sieht.

 

Jesus redet da zu den Menschen seiner Zeit.

Damals gehörte es zum „guten Ton“ öffentlich sichtbar laut zu beten.

Doch die Zeiten haben sich verändert.

Es gehört längst nicht mehr zum guten Ton, sich zur Kirche und zum Glauben zu bekennen, ganz im Gegenteil.

Und so möchte ich behaupten:

Sie, die Sie heute zum Gottesdienst gekommen sind, Sie meinen es ernst mit dem Glauben.

Sie sind keine Heuchler.

Sie sind auch keine Scheinheiligen, sondern Sie sind die Leute, die sich von Gott noch etwas sagen lassen.

Wir, die Christen, die noch beten, hier im Gottesdienst, aber auch zu Hause in der Familie, wir wissen noch etwas davon, dass der Glaube keine Privatangelegenheit zwischen mir und Gott ist.

Der Glaube braucht die Gemeinschaft, die Kirchengemeinde und den Gottesdienst, damit wir uns gegenseitig bestärken und erfahren, wie gut es tut, mit anderen zu singen, zu beten, auf Gottes Wort zu hören und das Abendmahl zu feiern.

Wie armselig wäre unser Glaube, wenn da jeder nur für sich beten würde, wenn es keine Gottesdienste, keine Kirchentage und keine Konfirmationen gäbe.

Heute wäre eigentlich so ein großes Fest des gemeinsamen Betens und Feierns, die Konfirmation meines Sprengels.

 

Zwei Monate mussten wir im stillen Kämmerlein beten, weil wir uns nicht zum Gottesdienst versammeln durften.

Wie ist es Ihnen ergangen in dieser Zeit?

Haben Sie nicht auch das Bedürfnis verspürt, wieder hierher zu kommen, in die Kirche, um all die anderen wiederzusehen, um die Gemeinschaft zu erleben und um sich nachher ein wenig zu unterhalten?

 

Bei diesem Bedürfnis nach Gemeinschaft und zwischenmenschlicher Begegnung treffen wir eines der beiden Grundanliegen des Betens und des Vaterunsers…

Beim richtigen Beten geht es nämlich nicht in erster Linie um mich und um meine Bedürfnisse, sondern, um das „Wir“ – also um das, was wir alle brauchen, um das also, was uns allen weiterhilft.

 

Wie wir richtig beten, das können wir vom Vaterunser lernen:

Zunächst einmal beginnt ein Gebet mit einer Anrede an Gott, zu dem wir ja beten.

 

„Unser Vater im Himmel…“

so dürfen wir Gott anreden.

Gott ist wie ein Vater.

Wir dürfen ihm vertrauen.

Wir dürfen ihm etwas zutrauen.

Wie Kinder dürfen wir zu ihm kommen.

Wie Kinder sollten wir aber auch respektieren, dass Gott uns vieles voraus hat.

Gott ist im Himmel und wir sind auf Erden.

Es besteht ein großer Abstand zwischen uns und Gott.

Aber dennoch dürfen wir Gott „unseren Vater im Himmel“ nennen, weil er für uns da ist und mit seinen wahrhaft himmlischen Kräften immer wieder rettend und friedenstiftend in unser Leben eingreift.

 

Moderne Gebete gehen nach der Anrede oft gleich zu den Tagesthemen über, zu dem also, was die Menschen freut oder belastet.

„Lieber Gott im Himmel, bitte schaffe Frieden auf der Welt.

Gib, dass Mama und Papa sich wieder vertragen.

Lass meinen Bruder wieder gesund werden“!

Nicht nur Kinder beten so, sondern auch viele Erwachsene, sogar Pfarrer.

 

Jesus lässt sich da etwas mehr Zeit.

Er gibt zuerst einmal Gott den Raum, der Gott gebührt.

Dein Name werde geheiligt…, so beginnt er.

Und damit meint er:

Bevor wir vom himmlischen Vater etwas erbitten, sollen wir erst einmal daran denken, was er schon alles für uns getan hat.

Heiligen wir den Namen Gottes beim Beten, indem wir ihm die Zeit geben, die ihm zusteht am Sonntag beim Gottesdienst, aber auch sonst beim Beten!

Heiligen wir seinen Namen, indem wir dankbar und lobend von ihm reden und nicht so tun, als bekäme er nichts von dem mit, was auf unserer Erde geschieht!

„Dein Reich komme…

Dein Wille geschehe…“

Auch hier geht es wieder um das, was Gott tut und um das, was Gott will und nicht um unsere Wünsche.

Gottes Wille unterscheidet sich oft ganz und gar von unseren Plänen.

„Dein Wille geschieht, auch wenn ich ihn nicht verstehe…“

so hat eine junge Witwe in einer Todesanzeige für ihren Mann geschrieben, der mit 29 Jahren an Hautkrebs starb, wenige Wochen nach der Taufe des zweiten Kindes.

„Nicht mein, sondern dein Wille geschehe…“, so hat Jesus gebetet als er im Garten Gethsemane eine Vorahnung von seinem qualvollen Ende spürte.

Gottes Wille geschieht und sein Reich kommt, so wie Gott es lenkt und leitet.

Das sollte in keinem Gebet vergessen werden.

Denn Gott ist der Vater und wir seine Kinder.

Gott bestimmt und nicht wir.

Und wir tun gut daran, auch das von Gott anzunehmen, was uns nicht passt oder was uns ungerecht vorkommt.

 

Freilich dürfen Kinder ihren Vater auch um das bitten, was sie zum Leben brauchen…

„Unser tägliches Brot gib uns heute…

Vergib uns unsere Schuld…

Führe uns nicht in Versuchung…

Erlöse uns von dem Bösen…“

Merken Sie den Unterschied zu vielen unserer sonstigen Gebete?

Da wird nicht vom „Mir“ gesprochen, also von dem, was ich mir wünsche, sondern vom „Uns“ also von dem, was der Gemeinschaft, uns allen und der ganzen Welt gut tut.

Nicht nur ich will satt werden, sondern auch mein Mitmensch.

Nicht nur ich brauche Arbeit, sondern auch mein Nachbar.

Nicht nur ich brauche jemanden, der mir zuhört, sondern auch meine Frau und meine Kinder.

Ein gutes Gebet bringt nicht persönliche Wünsche vor Gott, sondern bittet darum, dass Gott uns allen gibt, was wir brauchen, damit wir in Frieden leben und arbeiten können.

 

Und noch etwas hat in einem guten Gebet nichts verloren…:

Nämlich ein beleidigtes Anklagen der Versäumnisse anderer.

„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern…“

Auf diese Bitte legt das Matthäusevangelium besonderen Wert, weil sie als einzige Bitte erläutert wird.

Wir sollen vergeben und nicht selbstgerecht warten, bis uns einer, von dem wir uns verletzt fühlen, um Verzeihung bittet.

Wir sollen unsere Schuld erkennen, statt die Fehler bei anderen suchen.

Ein gutes Gebet spricht von den eigenen Fehlern und nicht vom Versagen anderer.

Ein gutes Gebet benennt aber auch den, der uns fähig macht, dem anderen zu vergeben, nämlich Gott, unserem himmlischen Vater, der uns zuerst vergibt, weil er uns, seine Kinder, liebt.

Beten tut uns gut.

Denn das Beten befreit uns von unserer Selbstgerechtigkeit.

Und darum bittet ein gutes Gebet: Gott, … „dein Wille geschehe“.

Und ein gutes Gebet bittet für uns, … „unser tägliches Brot gib uns heute“.

Ein gutes Gebet meidet die Worte „ich, mein und mir“.

In einem guten Gebet mache ich mir nämlich bewusst, dass ich zur Gemeinschaft der Menschen gehöre, die ihr Gebet abschließen dürfen mit den vertrauensvollen Worten:

Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit!

 

Amen

 

Es grüßt Sie, Ihr Pfarrer, Jürgen Rix

 

 











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